Alle Geschöpfe sind unsere Geschwister – Zum Gedenktag des heiligen Franz von Assisi am 4. Oktober

Aus dem Evangelium nach Matthäus, Kapitel 10
5 Die Zwölf sandte Jesus aus und gebot ihnen: Geht nicht zu den Heiden und betretet keine Stadt der Samariter,
6 sondern geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.
7 Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe.
8 Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus! Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben.
9 Steckt nicht Gold, Silber und Kupfermünzen in euren Gürtel.
10 Nehmt keine Vorratstasche mit auf den Weg, kein zweites Hemd, keine Schuhe, keinen Wanderstab; denn wer arbeitet, hat ein Recht auf seinen Unterhalt.
11 Wenn ihr in eine Stadt oder in ein Dorf kommt, erkundigt euch, wer es wert ist, euch aufzunehmen; bei ihm bleibt, bis ihr den Ort wieder verlasst.
12 Wenn ihr in ein Haus kommt, dann wünscht ihm Frieden.
13 Wenn das Haus es wert ist, soll der Friede, den ihr ihm wünscht, bei ihm einkehren. Ist das Haus es aber nicht wert, dann soll der Friede zu euch zurückkehren.
14 Wenn man euch aber in einem Haus oder in einer Stadt nicht aufnimmt und eure Worte nicht hören will, dann geht weg und schüttelt den Staub von euren Füßen.
15 Amen, das sage ich euch: Dem Gebiet von Sodom und Gomorra wird es am Tag des Gerichts nicht so schlimm ergehen wie dieser Stadt.

San Francesco
Autorin:
Sigrid Haas, Diplomtheologin, Mannheim

 
Die Predigt:
Alle Geschöpfe sind unsere Geschwister

Liebe Leserin, lieber Leser,
Vom Lebemann und Ritter zum Sinnsucher

Der reiche Kaufmannssohn Giovanni Battista Bernardone, genannt Francesco, wurde 1181 oder 1182 in eine unruhige Zeit hinein geboren: Machtkämpfe, Kriege, Armut und kirchliche Missstände auf der einen Seite, Reformbewegungen auf der anderen. Sein ausschweifendes Leben und die Suche nach Anerkennung als Ritter beendete 1205 eine schwere Erkrankung infolge seiner Kerkerhaft. Danach bevorzugte er die Einsamkeit, pilgerte nach Rom, öffnete sein Herz für die Armen und besuchte regelmäßig die Leprakranken.

Eines Tages beim Gebet vor dem Kreuzbild in der verfallenen Kapelle San Damiano hörte er in seinem Inneren eine Stimme: „Geh und baue mein Haus wieder auf“, das tat er dann. Doch nahm er immer wieder Geld und Waren aus seines Vaters Geschäft, um sie den Armen zu geben. Schließlich kam es zu einem spektakulären öffentlichen Prozess. Er zog sich nackt aus, übergab seinem Vater die Kleidung und verzichtete auf sein Erbe. Dann hörte er in der Messe, dass die Jünger das Evangelium verkünden und nichts mitnehmen sollen (Mt 10, 5-15). Nun zog er, der schon als Bettler lebte, in ein grobes Bauerngewand gekleidet und barfuß, als Bußprediger umher.

Die franziskanisch-klarianische Familie entsteht, wächst – und spaltet sich

Schon bald kamen Söhne wohlhabender Familien zu ihm und Franziskus erbat vom Papst die Erlaubnis für ein Leben in Armut, Nächstenliebe und Predigt. 1212 schloss sich die erste Frau an: Klara von Assisi, seine Seelengefährtin, zu der eine tiefe, vertrauensvolle, gleichberechtigte Beziehung entstand. Sie waren eines Geistes, teilten Probleme und Ängste und ergänzten einander wie die zwei Seiten einer Medaille – Franziskus die männlich-verkündende, Klara die weiblich-kontemplative. Bei ihr fand Franziskus Ruhe und schöpfte neue Kraft. Im Kampf mit der Kirche stand er ihr bei, beschützte und sorgte, zusammen mit seinen Brüdern, für sie und ihre Schwestern. Sie beriet, tröstete und stützte ihn, war bisweilen sogar Gottes Sprachrohr, als er Gottes Willen nicht erkennen konnte. Beide liebten die Stille und die Versenkung in die Menschwerdung Jesu, seinen Leidensweg und das Geheimnis der Eucharistie. Beide verstanden Ämter als Dienst, betrachteten alle Menschen, ja alle Geschöpfe als ihre Geschwister, denen sie dienen und Frieden bringen wollten. Die Gemeinschaft sowohl der Brüder als auch der Schwestern wuchs rasant und überrollte Franziskus und Klara, obwohl sie nur in kleinen Gemeinschaften nach dem Evangelium leben wollten. Ohne die große gegenseitige Unterstützung wären beide an der unerwarteten Herausforderung gescheitert.( Mehr über Klara von Assisi: www.kath-frauenpredigten.de/?p=6688.)

Durch Missionierung in Europa und Nordafrika gab es bereits 1217 mehrere Ordensprovinzen. Doch nachdem in Franziskus‘ Abwesenheit einige Brüder die Aufweichung der strengen Lebensweise geschürt hatten, gab er verbittert die Leitung ab. 1223 wurde eine neue Regel verfasst, aber die wachsende Mitgliederzahl führte zu immer mehr Machtkämpfen. Franziskus stürzte in eine tiefe Krise und zweifelte, ob er Gottes Willen richtig verstanden hatte. Deshalb zog er sich in die Einsamkeit von La Verna zurück. Bereits gezeichnet von seiner fortscheitenden Erblindung, vertiefte er sich in das Leiden Jesu und empfing als Folge davon die Wundmale. Schwerkrank kehrte er schließlich zu Klara nach San Damiano zurück, wo er gepflegt wurde und den Sonnengesang schrieb. Am 3. Oktober 1226 starb er und wurde bereits 1228 heiliggesprochen.

Klara unterstützte bis zu ihrem Tod 1253 maßgeblich die Ordensleitung. Ihr gelang eine Verschmelzung von rechtlicher und spiritueller Vision. Während die Brüder ortsungebunden blieben, verfasste sie eine Regel für größere Klöster, welche die physischen, psychologischen und spirituellen Bedürfnisse der Schwestern achtete, ohne die essentielle Hingabe an die Armut, Geschwisterlichkeit und Kontemplation aufzugeben. Hinzu kam ihre charismatische Ausstrahlung; schon zu Lebzeiten galt sie, die fast 30 Jahre krank war, als Heilige. Doch in den nachfolgenden Generationen spalteten sich sowohl Brüder- als auch Schwesternzweig. Der Männerorden wurde sesshaft und hierarchisch durch die zunehmende Theologenzahl. Deshalb entstand 1221 der Dritte Orden für Laien, die Franziskanische Gemeinschaft, der ebenfalls schnell anwuchs. Die Mitglieder legten ein Versprechen ab, beteten gemeinsam, kümmerten sich um Arme und Kranke und verweigerten den Kriegsdienst. Die Kirche förderte die friedliebende, missionarisch-karitative Bewegung. Außerdem bildeten sich, besonders aus dem Dritten Orden, im 19. Jahrhundert zahlreiche weitere v.a. karitative Frauenorden, später auch in den anglikanischen und evangelischen Kirchen.

Eine ebenbürtige, weitgehend unbekannte Seelenschwester von Franziskus und Klara war in der Neuzeit die Franziskanerin Valeria Pignetti (Sorella Maria di Campello). Sie verließ ihr Kloster, um in radikaler Armut, Gastfreundschaft, Friedfertigkeit und Geschwisterlichkeit mit allen Menschen und der Schöpfung zu leben. In Campello/Umbrien gründete sie in einer verlassenen Einsiedelei ohne fließendes Wasser, Heizung und Strom 1926 die erste ökumenische Gemeinschaft der Kirchengeschichte. Sie pflegte nicht nur konfessionsübergreifende Kontakte und Verbundenheit im Gebet, sondern auch interreligiöse, wie z.B. mit Mahatma Gandhi. Die Kirche verweigerte ihr jahrzehntelang die Anerkennung, weil sie keinem bestehenden Orden beitreten wollte; zeitweise wurde sie sogar exkommuniziert. Heute leben dort noch vier katholische Schwestern ein zurückgezogenes, einfaches Leben. Die Erinnerung an Sorella Maria und ihr spirituelles Erbe wird in der ökumenischen Comunità di Bose bewahrt, die auch ihre Schriften herausgegeben hat.

Die Bewegung heute

Die größte, inzwischen ökumenische, Ordensfamilie in der Kirche ist wie keine andere seit mehr als 800 Jahren eine Quelle der Inspiration über das Christentum hinaus. Viele der Gemeinschaften haben sich in der Interfranziskanischen Arbeitsgemeinschaft (Infag) zusammengeschlossen, um neue Wege zu gehen.

Mehr denn je sehnen sich viele Menschen nach Gemeinschaft, Frieden, Gleichberechtigung, Geschwisterlichkeit, verantwortungsvollem Umgang mit der Schöpfung und nach Menschen, die sie respektieren, vorurteilslos zuhören, trösten, ermutigen und authentisch leben. Wie antworten die Kirche und die Orden auf diese Sehnsüchte und gesellschaftlichen Veränderungen? Außerhalb der Kirchen bilden sich viele Gemeinschaften, auch mit christlichen Werten, aber jede und jeder kann die Gottesbeziehung frei von irgendwelchen Regeln leben. Und Ökodörfer könnten als ein Ausdruck zur Bewahrung der Schöpfung betrachtet werden.

Im Mittelalter gab es, besonders in Irland, im Umfeld der Klöster auch Menschen ohne oder mit modifizierten Gelübden, die zur Klostergemeinschaft gehörten. Heute könnten leerstehende Klöster und Pfarrhäuser zu geistlichen Zentren in Stadtteilen und Dörfern werden. Eine Lebensgemeinschaft aus Ordensleuten und Laien könnte beispielsweise gemeinsame Gebete mit anschließendem Essen, Gespräche und „Kloster auf Zeit“ anbieten, wie einige dies bereits tun. Außergewöhnliches probiert das Franziskanerkloster Fulda – eine Wohngemeinschaft mit Behinderten, die im Tagungshaus und Klostercafé mitarbeiten.

Der franziskanisch-klarianische Geist wird in vielfältiger Form weiterleben – die Kirche und die Orden nur, wenn sie der Heiligen Geistkraft folgen, Hierarchie, erstarrte Strukturen, Vorschriften und Rituale aufbrechen und neue Wege gehen als Antwort auf die Sehnsüchte der heutigen Menschen. Amen
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Weiterführende Links:
– Infag (Interfranziskanische Arbeitsgemeinschaft): Dort finden sich Links zu den verschiedenen Orden, Gemeinschaften und Projekten
– Artikel über Sorella Maria di Campello
https://www.dropbox.com/s/w3reesqwgfc1idt/Sorella%20Maria%20di%20Campello.doc?dl=0

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