Strahlend und unvergänglich ist die Weisheit – 32. Sonntag im Jahreskreis A

Erste Lesung aus dem Buch der Weisheit, Kapitel 6
12 Strahlend und unvergänglich ist die Weisheit; /
wer sie liebt, erblickt sie schnell, /
und wer sie sucht, findet sie.
13 Denen, die nach ihr verlangen, /
gibt sie sich sogleich zu erkennen.
14 Wer sie am frühen Morgen sucht, braucht keine Mühe, /
er findet sie vor seiner Türe sitzen.
15 Über sie nachzusinnen ist vollkommene Klugheit; /
wer ihretwegen wacht, wird schnell von Sorge frei.
16 Sie geht selbst umher, um die zu suchen, die ihrer würdig sind; /
freundlich erscheint sie ihnen auf allen Wegen /
und kommt jenen entgegen, die an sie denken.

Autorin:
C-Bettin komprimiertChristina Bettin, Gemeindereferentin in der Gemeinschaft der Gemeinden Mönchengladbach – Süd im Bistum Aachen

 
Die Predigt:
Strahlend und unvergänglich ist die Weisheit

Liebe Leserin, lieber Leser,
Strahlend und unvergänglich ist die Weisheit heißt es im heutigen Abschnitt der ersten Lesung. Im Zusammenhang mit den Sprachbildern der Weisheitsliteratur möchte ich Ihren Blick auf eine herausragende Mystikerin lenken, auf Gertrud von Helfta, deren Gedenktag wir am 17.November begehen.

Gertrud von Helfta wurde als bedeutende Mystikerin ihrer Zeit (1256-1302/3) gewürdigt; sie trägt den Beinamen „die Große“. Ihre Biographien berichten, dass die in Eisleben geborene Gertrud schon mit fünf Jahren in das Zisterzienserkloster Helfta kam, das damals als Krone der Frauenklöster galt. Mechthild von Hackeborn war hier ihre bedeutende Lehrerin in Lebensführung und Bildung. Neben einer umfangreichen theologischen sowie humanwissenschaftlichen Ausbildung ist sie auch mit der Spiritualität der Frauenbewegung des 13. Jahrhunderts in Kontakt gekommen. In ihrem Streben nach der wahren Weisheit übte sie sich in geistlichen Betrachtungen und Studien. Sie hatte mystische Erlebnisse und Schauen. Das alles entrückte sie aber nicht dem Leben, sondern machte sie vielmehr zu einer gefragten Ratgeberin und Seelsorgerin.

Und genau dieser Aspekt fasziniert mich an der Frau, der Zusammenhang von geistlichem Leben mit einer Sensibilität für´s Göttlich-Himmlische und gleichzeitig die Fähigkeit mit beiden Beinen fest am Boden zu stehen. Als Mystikerin ist sie nicht dieser Welt entrückt. Sie hat sich stets bemüht ihre Schauen in allgemeinverständliche Bilder und Allegorien zu übersetzen. So ist „Leben“ ein ganz zentraler Begriff in ihren Schriften. Gertrud hatte eine ausgesprochene Liebe zur Natur, sie konnte sich erbauen an Naturschauspielen, kleineren und größeren Wundern sowie dem intensiven Naturerleben. Sie bezieht es auf alles Leben und schließt ausdrücklich alles Menschliche, auch die Körperlichkeit mit ein. Entgegen mancher Strömungen ihrer Zeit schätzt sie gerade diesen Aspekt am Menschen hoch ein. So ist in ihrer mystischen Ausrichtung nicht nur von der Leiblichkeit der Einwohnung Gottes die Rede, sondern auch von der „Einwohnung in Gott“. Leben zeigt sich hier als ein neues Leben, ganz nach dem Willen Gottes.

Sympathisch ist mir bei Gertruds Ausführungen, dass ihre zentrale Botschaft wirklich die „Liebe“ Gottes ist. Diese Liebe muss nicht erst durch gute Werke erworben oder durch Ablass erkauft werden, sie geht uns allen vielmehr voran. Folglich beschreibt sie den Grund der Menschwerdung Jesu auch als die Wiederherstellung des Liebesbundes zwischen Gott und den Menschen. Die Würde eines jeden Menschen lässt sich hiervon ableiten. Besonders ihre weiblich gewählten Bilder und Metaphern weisen sie als frauenbewegte Mystikerin aus. So passt der heutige Lesungstext sehr trefflich zu diesem Gedankengut.

Der Text schildert die Weisheit wie eine strahlende junge Frau. Wenn ich sie mir so vorstelle, ist sie ansteckend und animiert mich mit einer Leichtigkeit auch schwierige Themen anzusprechen, zu hinterfragen. Diese Weisheit löst eine neugierige Fragehaltung in mir aus. Ich entdecke eine vielleicht verschüttete kindliche Seite in mir, die sich in einer positiven Lebens- und Weltbejahung zeigt. So gibt es anscheinend nicht nur eine allseits bekannte Altersweisheit, sondern ebenfalls eine nicht zu unterschätzende Weisheit der Jugend.

Mit Gertrud von Helfta möchte ich nachsinnen über die Weisheit, wie es hier heißt. Dabei geht es nicht um eine grüblerische Schwere, sondern vielmehr um eine heitere Leichtigkeit mit der verheißungsvollen Zusage eines gelingenden Lebens. So wünsche ich mir eine heutige Mystik: zum einen die Oberflächlichkeit abzulegen und mir Zeit und Ruhe zum Nachsinnen zu gönnen und zum anderen, erfüllt von solcherlei Gedanken, mich mit Leichtigkeit in dieser Welt zu bewegen. Sogar für Situation der Not oder des Unglücks erscheint mir das als brauchbare Kraftquelle.

Das biblische Buch der Weisheit stammt aus der jüdischen Diaspora, wahrscheinlich aus Alexandria, dem berühmten Zentrum hellenistischer Wissenschaft. Der Verfasser ist stolz auf seine jüdische Religion, aber auch hellenistisch gebildet. Philosophische Gedankengänge sind ihm hilfreich für die Darstellung der Offenbarung des ersten Testamentes. So wendet er sich tröstend und mahnend an seine Glaubensgenossen sowie einladend und werbend an seine heidnische Umwelt. Diese multikulturelle Umgebung ist in Teilen also durchaus vergleichbar mit unserer heutigen Situation. Wir können hier einen mutig, kreativen Umgang verschiedener Religionen und Kulturen lernen. Es ist möglich, sowohl der eigenen Identität treu zu bleiben, und Gemeinsamkeiten mit anderen Kulturen herauszufinden.

Allen religiös suchenden Menschen gemeinsam sind in meinen Augen sicherlich die Fragen nach der Transzendenz und die der spirituellen Lebendigkeit. Es muss im Leben mehr als Alltagshektik, Termindruck und Berufsstress geben; solcherlei darf mich eben nicht bis ins Letzte ausfüllen. So oder ähnlich spüren Sie es vielleicht auch.

Ich möchte mir einen innerlichen Raum frei halten von alledem. Ich möchte etwas von „Herrlichkeit“ spüren und ausstrahlen. Was genau jede und jeder einzelne dabei für sich entdeckt, darf ganz persönlich herausgefunden werden. Spuren von Gottes Weisheit in dieser Welt und auch meine ureigene Bestimmung darin zu entdecken, bzw. mich von ihr finden zu lassen, das sind für mich wichtige Impulse zum Weiterdenken.

Die Weisheit geht selbst umher…; freundlich erscheint sie …auf allen Wegen und kommt jenen entgegen, die an sie denken.
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Informationen entnommen aus dem ökumenischen Heiligenlexikon

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