Sanft und leicht – 14. Sonntag im Jahreskreis A

Aus dem Evangelium nach Matthäus, Kapitel 11
Übersetzung: Martin Luther
25 Zu der Zeit fing Jesus an uns sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart.
26 Ja, Vater, denn so hat es dir wohl gefallen.
27 Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.
28 Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
29 Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.
30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Autorin:
Maria Sinz Maria Sinz, Gemeindereferentin, Aalen, derzeit politische Sekretärin
bei der Katholischen Arbeitnehmerbewegung, KAB

 
Die Predigt:
Sanft und leicht

Liebe Leserin, lieber Leser,
im KAB Treffpunkt Arbeitnehmerinnen in der Pflege hörten wir vergangene Woche die Geschichte von den „Bremer Stadtmusikanten, die auszogen, um für ein besseres Leben im Alter zu kämpfen.“ Frei nach den Gebrüdern Grimm. Geschrieben anlässlich der Konferenz der Gesundheitsminister im Juni, in Bremen. Den Anfang will ich hier erzählen und danach drei Erfahrungen schildern, mit denen ich uns dem Heilandruf nahe sehe: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. …

„Es arbeitete in einem Pflegeheim ein Esel als Altenpfleger, der schon lange Jahre beliebt bei allen Bewohnerinnen und Bewohnern war, dessen Kräfte aber nun zu Ende gingen, so dass ihm die Arbeit als Altenpfleger immer schwerer fiel. Da dachte die Heimleitung, ihn raus zu werfen, aber der Esel merkte, dass kein guter Wind im Heim wehte, lief fort und machte sich auf den Weg nach Bremen: dort, meinte er, könnte er ja Stadtmusikant werden.

Als er ein Weilchen fortgegangen war, fand er einen Jagdhund auf dem Wege liegen, der japste wie einer, der sich müde gelaufen hat. „Nun, was japst du so, Kollege?“, fragte der Esel. „Ach“, sagte der Hund, „ich arbeite in der ambulanten Pflege, weil ich aber alt bin und jeden Tag schwächer werde, schaffe ich die Touren im Pflegedienst immer schlechter. Meine Chefin wollte mich schon in Altersteilzeit schicken, da hab ich Reißaus genommen: denn Altersteilzeit reicht mir nicht zum Brot kaufen!“ „Weißt du was“, sprach der Esel, „ich gehe nach Bremen und werde dort Stadtmusikant, geh mit und lass dich auch bei der Musik annehmen. Ich spiele die Laute, und du schlägst die Pauken“. Der Hund war’s zufrieden, und sie gingen weiter….“ (Norbert Proske, ver.di Bundesfachkommission Altenpflege).

Am Ende der Geschichte werden Beschlüsse der Gesundheitsminister umgeschrieben, so dass im ganzen Land mehr Personalstellen in der Altenpflege beschlossen waren, Pläne für wunderschöne Alten-WGs gemacht und Bündnisse geschmiedet, die Rabbatz dafür machen.

Aufatmen
Die Geschichte sorgte für gelöste Heiterkeit unter den Treffpunkt Teilnehmern. Aufatmen mitten im Strudel von Überstunden und Dienstplänen, die aufgrund Personalmangels schon beim Aushängen überholt sind. Aufatmen unter der Last des Alltags. Das ist eine von drei Dimensionen, die in unseren Treffpunkten wichtig sind. Gehör finden und verstanden werden, das lässt aufatmen. Teilnehmer bestätigen immer wieder, wie wichtig es ist, in den anderen ein Gegenüber zu haben, die wissen wovon man redet. Die ähnlichen Alltagserfahrungen bilden einen tragenden Grund. Und immer wieder ein Staunen über erfahrene Wertschätzung. „Aufatmen“ (lassen) so heißt es im griechischen Original, was Luther mit „erquicken“ übersetzt. Andere übersetzen mit: „Ruhe verschaffen.“

Beleben
Erquicken trifft gut auf eine weitere Erfahrung im Kontext des Treffpunktes Arbeitnehmerinnen in der Pflege. Am internationalen Tag der Pflegenden treffen sich 50 Arbeitnehmer im Rathaus und zeigen mit Qi Gong Übungen, worum es ihnen geht: um Entschleunigung, oder wie sie es nannten, um ein Tempolimit für die Pflege. Maßstab ist dabei nicht in erster Linie was beschlossen wird, sondern was in der Praxis im Kerngeschäft zwischen Pflegerin und Patient oder Bewohnerin ankommt. Gemeinsam und öffentlich, gewissermaßen in einem symbolischen Ausdruck aktiv zu werden, war erfrischend. Was lange nachklang und uns untereinander verbunden hat, war der fröhliche Geist, in dem wir miteinander aktiv waren. „Das war gut“, sagt einer, mit einem versonnen Lächeln.

Stärken
Eine dritte Erfahrung ist die der persönlichen Stärkung. Im Work Shop „Ein klares Nein ermöglicht viele Ja – sich stärken durch Rollenklarheit und Willensstärke“ bekamen die Teilnehmerinnen einen Methodenkoffer für den Alltag mit. Wie viel da gelacht wurde angesichts ganz praktischer Vorschläge, wie der Arbeitsalltag leichter genommen werden kann! Es waren eben keine billigen Selbstoptimierungsempfehlungen. Begonnen wurde mit einer ehrlichen Analyse und der Unterscheidung, woran Beschäftigte direkt etwas ändern können, und der Struktur, die vorgegeben ist. Ohne diese Unterscheidung zu treffen, würden wir den Leuten zu ihrer Last noch eine Schippe drauf legen. Es muss benannt sein, dass der Stress wohl kalkuliert in Kauf genommen wird, weil strategisch darauf gesetzt wird, dass ein Team besser funktioniert, wenn Ressourcen verknappt werden. Das zu erkennen ist hart. Gemeinsam lässt es sich eher tragen. Und vor allem lassen sich letztendlich Strukturen auch nur gemeinsam verändern.

Sanft und leicht
Diesem Jesuswort vertrauen ist wie an ein Versprechen glauben. Es ist möglich, von Lasten nicht niedergedrückt zu werden, sondern mit Hilfe eines guten Trägerjochs, aufrecht zu bleiben. Mit Hilfe eines guten Trägerjochs und dem umfassenden Blick des Auferstandenen, der sieht, was ist. Er sieht auch das Nichtgesagte, wenn uns Worte fehlen. Ein gutes Trägerjoch, der umfassende Blick des Auferstandenen und die Gemeinschaft von Leidensgenossen. Dieses Jesuswort ist an ein Kollektiv gerichtet. Manche werden auf dem Weg mit Jesus zu Freunden. Angesichts der vielen Tausenden, die unter struktureller Ungerechtigkeit leiden, sei die Frage erlaubt: Wir strengen uns an, wir mühen uns ab, wir setzen uns für mehr Gerechtigkeit ein und wann sind wir am Ziel?
Der Gekreuzigte wartet mit ausgestreckten Armen bis ans Ende aller Zeiten, um die Mühseligen und Beladenen bei sich zu bergen. Dies als existentielle Wahrheit zu verstehen, das entlastet mich.

Miteinander unterwegs bleiben
Im KAB Treffpunkt feiern wir auch Gottesdienste, legen jedoch Wert darauf, dass der Geist Gottes im Handeln selbst erfahrbar wird. In einem Handeln das im Alltag stattfindet. Keineswegs alle der jeweils Teilnehmenden würden direkt sagen, ihr Handeln sei Ausdruck ihres Glaubens. Die Teilnehmer der Kerngruppe tun dies sehr wohl. Hier beschreiben wir Alltag, wissen umeinander, suchen Antworten, reflektieren Aktionen. Unser Ziel ist, Arbeitsbedingungen zu verbessern. Genauso wichtig sind uns die Treffen an sich, selbst wenn sie vergänglich sind und vielleicht wieder zerstreut werden. Sie sind Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit, die – ganz schwach nur – auf das weist, was im Geiste Gottes möglich ist.

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