Wenn wir die Schublade aufmachen – 14. Sonntag im Jahreskreis B

Aus dem Evangelium nach Markus, Kapitel 6
1 Jesus und kam in seine Heimatstadt; seine Jünger – und Jüngerinnen – begleiteten ihn.
2 Am Sabbat lehrte er in der Synagoge. Und die vielen Menschen, die ihm zuhörten, staunten und sagten: Woher hat er das alles? Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist! Und was sind das für Wunder, die durch ihn geschehen!
3 Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns? Und sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab.
4 Da sagte Jesus zu ihnen: Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie.
5 Und er konnte dort kein Wunder tun; nur einigen Kranken legte er die Hände auf und heilte sie.
6a Und er wunderte sich über ihren Unglauben.

Autorin:
Susanne WalterSusanne Walter, Gemeindereferentin in Filderstadt, verheiratet, vier Kinder

 
Die Predigt:
Wenn wir die Schublade aufmachen

Liebe Leserin, lieber Leser,
in unserer Gemeinde wird diesen Sonntag Familiengottesdienst gefeiert. Im Vorbereitungsteam haben wir uns Gedanken zum Evangelium gemacht. Diese Gedanken möchte ich Ihnen zukommen lassen:

– Wer hätte das gedacht, dass der einmal viel Geld verdient!
– Wer hätte das gedacht, dass die einmal einen so hübschen Mann abbekommt.
– Wer hätte das gedacht, dass der die Schule schafft und nicht sitzenbleibt.
– Ach der, der will jetzt bei uns Bürgermeister werden?
– Den kenn ich doch noch als kleinen Bub.
– Von dem lass ich mir doch nichts sagen.
– So wie die aussieht, bringt die bestimmt nichts auf die Reihe!

Kennen wir nicht alle solche Sätze und Hand aufs Herz: Geht es uns nicht auch manchmal so, dass wir über manche Menschen auch so denken?

Im heutigen Evangelium geht es Jesus ganz ähnlich. Seit seiner Taufe durch Johannes ist Jesus mit den Jüngern und Jüngerinnen unterwegs. In Synagogen hat er gepredigt. Viele Menschen hat er von ihren Leiden geheilt. Mit Zöllnern und Sündern hat er gegessen und den Menschen klar gemacht, dass er genau für die Menschen da ist, die alle anderen ablehnen und verurteilen. In zahlreichen Gleichnissen hat der den Menschen von Gottes Reich erzählt. Die Menschen wollen ihn hören und ihn berühren. Sie gehen ihm nach oder sind schon längst da, wo er hinkommt. So viele wünschen sich, von ihm geheilt zu werden oder einfach in seiner Nähe zu sein.

Nun also ist er wieder einmal in Nazareth. Es ist die Stadt, in der er aufgewachsen ist und in der seine Familie lebt. Auch hier geht er in die Synagoge und lehrt. Auch hier gibt es Menschen die geheilt werden wollen – aber es ist anders in Nazareth.

Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns? Das ist das Einzige, was den Bewohnern von Nazareth einfällt, als sie ihn predigen hören. Diesen Jesus kennen sie doch schon seit er ein kleiner Junge war. Wie kann er auf einmal so predigen? Mit welcher Berechtigung tut er das, als Sohn des Zimmermanns.

Sie haben ihn in eine Schublade gesteckt: Wo Zimmermann draufsteht, da kann kein Sohn Gottes drinstecken! So kann Jesus auch keine Wunder in Nazareth wirken. Er steckt förmlich in der Schublade ihres Denkens und ihres Herzens fest.

Gutes tun kann man nur denjenigen, die offen sind. Gutes tun kann man nur denjenigen, die sich dies auch wünschen

Jesus kann keine Wunder tun, er kann sich nur wundern – er kann sich nur wundern über den Unglauben in seiner Heimatstadt, weil kaum einer ihm glauben will. Tja, so ist das mit uns Menschen. Wir stecken andere gerne in Schubladen und da kommen sie dann nicht heraus.

Was könnten so Schubladen in unseren Köpfen sein? Uns sind ein paar eingefallen, die sie gerne ergänzen dürfen:

– Nicht überall wo Deutschland draufsteht –
steckt ein Weltmeister drin

– Nicht überall wo Fußball draufsteht –
steckt Fairplay drin

– Nicht überall wo Präsident draufsteht –
steckt ein verantwortungsvoller Präsident drin

– Nicht überall wo Christ draufsteht –
steckt ein barmherziger Mensch drin

oder:

– Wo Flüchtling draufsteht
kann kein Mensch drinstecken, der mein Leben bereichert

– Wo Krankheit und Armut draufsteht –
kann kein liebenswerter Mensch drin stecken

– Wo Muslim draufsteht –
kann kein toleranter Mensch drin sein

– Wo Hauptschüler draufsteht –
kann kein erfolgreicher Politiker drinstecken

Wir haben unsere Schubladen im Kopf, und unsere Bilder von Menschen. Wir schließen vom Äußeren auf das Innere und nehmen damit Menschen die Chance ihre wahren Talente zu entfalten. Wir sperren sie förmlich ein in unserer Schublade.

Damit nehmen wir nicht nur ihnen etwas, sondern auch uns. Wir versperren uns dem Blick, dass genau in dem Menschen Gott am Wirken ist und vielleicht auch mir etwas Gutes tun will.

Den Menschen von Nazareth fehlt nicht die menschliche Nähe zu Jesus. Es fehlt ihnen das Vertrauen, dass genau in ihm Gott am Wirken ist.

Und wir, wie sieht es bei uns aus?

Glauben wir, dass Gott durch den Menschen, der neben uns sitzt oder steht wirken kann? Was trauen wir ihm zu? Was trauen wir Gott zu?

Wenn wir die Schublade unvoreingenommen aufmachen und hineinschauen, dann entdecken wir vielleicht, dass in der Schublade „Nachbar“ ein Wunder Gottes drinsteckt! Leider können wir im Internet keine Schubladen aufmachen. Das können wir nur in der Realität.

Im Gottesdienst dürfen die Mitfeiernden im Anschluss an die Predigt, die wir zu zweit halten, nach vorne kommen und eine Schublade öffnen. In der steht: Du bist ein Kind Gottes!

Veröffentlicht unter Predigten | 3 Kommentare