Hinschauen – hinhören – hin spüren / 2. Adventssonntag A

Aus dem Evangelium nach Matthäus, Kapitel 11
2 Johannes hörte im Gefängnis von den Taten des Christus. Da schickte er seine Jünger zu ihm
3 und ließ ihn fragen: Bist du der, der kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?
4 Jesus antwortete ihnen: Geht und berichtet Johannes, was ihr hört und seht:
5 Blinde sehen wieder und Lahme gehen; Aussätzige werden rein und Taube hören; Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium verkündet.
6 Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt.
7 Als sie gegangen waren, begann Jesus zu der Menge über Johannes zu reden: Was habt ihr denn sehen wollen, als ihr in die Wüste hinausgegangen seid? Ein Schilfrohr, das im Wind schwankt?
8 Oder was habt ihr sehen wollen, als ihr hinausgegangen seid? Einen Mann in feiner Kleidung? Siehe, die fein gekleidet sind, findet man in den Palästen der Könige.
9 Oder wozu seid ihr hinausgegangen? Um einen Propheten zu sehen? Ja, ich sage euch: sogar mehr als einen Propheten.
10 Dieser ist es, von dem geschrieben steht: Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg vor dir bahnen wird.
11 Amen, ich sage euch: Unter den von einer Frau Geborenen ist kein Größerer aufgetreten als Johannes der Täufer; doch der Kleinste im Himmelreich ist größer als er.

Autorin:
Maria LerkeMaria Lerke, Pastoralreferentin in der Seelsorgeeinheit Winnenden – Schwaikheim – Leutenbach

 
Die Predigt:
Hinschauen – hinhören – hin spüren

Liebe Leserin, lieber Leser
was wünschst du dir zu Weihnachten? – Wie gehen eigentlich Sie mit dieser alljährlich wiederkehrenden Frage um? Je nachdem wer fragt, fällt die Antwort dann mal leichter, mal schwerer. Es soll ja nicht zu teuer sein, dann soll es ja auch ohne großen Aufwand zu besorgen sein, es soll sowohl der Schenkerin als auch dem Beschenkten Freude machen, …. und je nachdem, wie hoch die Erwartungen sind, fällt dann auch der Zufriedenheitsfaktor aus.

Auch im heutigen Evangelium geht es um Wünsche und Erwartungen. Erst muss Jesus den Jüngern des Johannes Rede und Antwort stehen. Johannes, der Rufer in der Wüste, hatte ja kein Blatt vor den Mund genommen, als er die Menschen so schonungslos zur Umkehr aufforderte. Weil er sogar dem König die Leviten gelesen hatte, musste er ins Gefängnis. Sicher hat er da über seinen Auftrag nachgedacht: hatte er ihn auch richtig verstanden? – Er wollte für den Größeren den Weg bereiten, und zwar nicht nur mit Worten. Er hat ernst gemacht, ist hinausgezogen in die Wüste, heraus aus allen Bequemlichkeiten und hat sich ganz in den Dienst seines Gottes – unter Gottes Schutz und Willen gestellt.

Nun sitzt er im Gefängnis und hört von seinen Jüngern, dass Jesus irgendwie anders unterwegs ist, viel lockerer als er selbst; er schart Jünger um sich und geht so unendlich menschenfreundlich mit allen um, die ihm über den Weg laufen. Nicht Umkehr steht bei Jesus an erster Stelle – Nein – vielmehr kehrt er das Leben um – er stellt die Welt regelrecht auf den Kopf: Da können Blinde wieder sehen, Lahme wieder gehen, sogar Tote stehen auf und den Armen wird keine Bußpredigt sondern eine unglaublich frohmachende Botschaft verkündet.

Der Evangelist Matthäus erzählt nicht, wie Johannes reagiert hat, als seine Jünger ihm diese Antwort von Jesus gebracht haben. Aber er kennt natürlich die Heilsverkündigung seines Vorgängers Jesaja, der genau das vorausgesagt hatte, was Jesus jetzt zum Heil der Menschen tut. (Jesaja 35,5-6). Jesus lobt Johannes ausdrücklich dafür, dass er ihm den Weg vorbereitet hat, denn unter den von einer Frau Geborenen ist kein Größerer aufgetreten, als Johannes der Täufer. (Mt 11,11) Nachdem die Jünger des Johannes von Jesus wieder weggegangen waren, stellte Jesus dann eine Frage, die sicher auch uns angeht. Was habt ihr denn sehen wollen, als ihr in die Wüste hinausgegangen seid? (Mt 11,7)

Was erwarten denn wir von Weihnachten, wo doch alles HEIL und FROH sein soll? Auch uns begegnen ja täglich sogenannte „Propheten“: Politiker, Wirtschaftsbosse, Menschen, die Heil versprechen! Schilfrohre die im Wind schwanken – Menschen, die ihr Fähnchen mal in den und mal in den anderen „Wind“ hängen, die gibt es doch auch bei uns – wer nimmt daran schon Anstoß, wenn am Ende der Erfolg steht? Oder – wie schnell lassen auch wir uns von feingekleideten Menschen blenden, die es ja immerhin bis in Paläste und in höchste Ebenen geschafft haben? „Seines eigenen Glückes Schmied sein“ – das ist „in“! Vielleicht haben diese „Heilsverkünder“ gerade deshalb so viel Erfolg, weil unsere Erwartungen eben genau in diese Richtung gehen. Wer will denn schon einen Politiker oder Wissenschaftler hören, der uns auffordert, unser Leben umzustellen, unser Konsumverhalten zu ändern und selbst was für ein besseres Klima in der Welt zu tun? Wer will denn schon einen Propheten hören, der im Kamelhaarmantel rumläuft , sich von Heuschrecken, von wildem Honig ernährt und die Verlogenheit der Menschen anprangert?

Aber viele wollten Johannes sehen, ihn hören und sie nahmen dafür sogar den beschwerlichen Weg in die Wüste auf sich. Wonach suchten diese Menschen, welche Erwartungen hatten sie? Sicher hatten auch sie genug von den ewigen Versprechen und wollten endlich Taten sehen? Johannes hat Ernst gemacht, nicht nur Wasser gepredigt, und selber Wein getrunken – er hat die Umkehr mit Leib und Seele vollzogen. Er hat vorgemacht, wie es geht. Als er dann von dem heilsvollen Wirken, von den Taten Jesu gehört hatte, war das für ihn die Bestätigung. Er erkannte: Jesus ist der Messias – endlich ist die versprochene Zeit des Heils angebrochen.

Woran können wir erkennen, dass Gott auch heute sein Heil zu den Menschen bringen will? Sein Reich der Liebe und Barmherzigkeit ist in Jesus ja schon angebrochen; dass dieses Reich sich ausbreiten und groß sein wird, das hat Jesus in seinen Gleichnissen immer wieder versprochen. Erkennen wir diese Heils-Zeichen auch heute, in einer Welt, die scheinbar so rettungslos auf den Untergang zusteuert?

Jetzt im Advent sind wir ja eingeladen, wieder genauer hinzuschauen, aufmerksamer hin zu hören, ja wachsamer hin zu spüren, wo Gott mir entgegenkommt, wo er mir begegnen will. Mir fällt da eine Indianische Weisheits-Geschichte ein, die ich mal in einem Schulbuch gelesen habe:

    Ein Indianer, der in einem Reservat weit von der nächsten Stadt entfernt wohnte, besuchte das erste Mal seinen weißen Bruder in der Großstadt.
    Er war sehr verwirrt vom vielen Lärm, von der Hektik und vom Gestank in den Straßenschluchten. Als sie nun durch die Einkaufsstraße mit den großen Schaufenstern spazierten, blieb der Indianer plötzlich stehen und horchte auf.
    „Was hast du“, fragte ihn sein Freund. „Ich höre irgendwo eine Grille zirpen“, antwortete der Indianer. „Das ist unmöglich“, lachte der Weiße. „Erstens gibt es hier in der Stadt keine Grillen und zweitens würde ihr Geräusch in diesem Lärm untergehen.“
    Der Indianer ließ sich jedoch nicht beirren und folgte dem Zirpen. Sie kamen zu einem älteren Haus dessen Wand ganz mit Efeu überwachsen war. Der Indianer teilte die Blätter und tatsächlich: Da saß eine große Grille.
    „Ihr Indianer habt eben einfach ein viel besseres Gehör“, sagte der Weiße im weitergehen. „Unsinn“, erwiderte sein Freund vom Land. „Ich werde Dir das Gegenteil beweisen“. Er nahm eine kleine Münze aus seiner Tasche und warf sie auf den Boden. Ein leises „Pling“ ließ sich vernehmen. Selbst einige Passanten, die mehr als zehn Meter entfernt standen, drehten sich augenblicklich um und schauten in die Richtung, aus der sie das Geräusch gehört hatten.
    „Siehst Du mein Freund, es liegt nicht am Gehör. Was wir wahrnehmen können oder nicht, liegt ausschließlich an der Richtung unserer Aufmerksamkeit. Was Du hörst, sagt mehr darüber aus wie Du denkst, als was Dich umgibt. (Indianische Weisheit, gefunden bei Jürgen Götz)

Wohin geht die Richtung unserer Aufmerksamkeit? Was erwarten wir? Aus welcher Erwartung heraus handeln wir? Jetzt im Advent sind wir eingeladen unsere Sinne, unsere Antennen wieder neu auf die Ankunft unseres Herrn auszurichten. Doch er kommt auch heute eher anders, als wir das erwarten. Vielleicht können aber auch wir entdecken, wo Blinden die Augen aufgehen, wo erstarrte Menschen oder auch Institutionen wieder aufbrechen, wo „endlich was geht“ – und wo den vielen Hungernden Nahrung nicht nur versprochen, sondern auch gegeben wird.

Wenn wir als Christen in diesem Sinne nicht nur reden, sondern auch handeln, dann sind auch wir Wegbereiter für Jesus! Unsere Familien, unsere Kirche und unsere Welt brauchen dringend Menschen, die wieder mutig Zeugnis geben – von der frohen Botschaft unseres Herrn Jesus Christus, dem Heiland und Retter! Das alles und nicht weniger dürfen wir von Weihnachten erwarten!

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