Auf der Suche bleiben – 12. Sonntag im Jahreskreis C

Aus dem Evangelium nach Lukas, Kapitel 9
In jener Zeit
8 betete Jesus für sich allein und die Jünger – und Jüngerinnen – waren bei ihm. Da fragte er sie: Für wen halten mich die Leute?
19 Sie antworteten: Einige für Johannes den Täufer, andere für Elija; wieder andere sagen: Einer der alten Propheten ist auferstanden.
20 Da sagte er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Petrus antwortete: Für den Christus Gottes.
21 Doch er befahl ihnen und wies sie an, es niemandem zu sagen.
22 Und er sagte: Der Menschensohn muss vieles erleiden und von den Ältesten, den Hohepriestern und den Schriftgelehrten verworfen werden; er muss getötet und am dritten Tag auferweckt werden.
23 Zu allen sagte er: Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.
24 Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es retten.

Autorin:
PassbildSabine Mader, Pastoralreferentin am Robert Bosch Krankenhaus in Stuttgart

 
Die Predigt:
Auf der Suche bleiben

Liebe Leserin, lieber Leser,
für wen halten mich die Leute? Das ist eine Frage, die uns heute sehr vertraut ist. Über jeden Politiker und jede Politikerin werden ständig Antworten darüber veröffentlicht, wie sie gerade in der Gunst des Volkes stehen. Und bei manchen Politikern wie Trump oder Erdogan hat man den Eindruck, dass sie es mit ihren Äußerungen und Handlungen darauf abzielen, vom Volk in ihrem eigenen Ego gestärkt zu werden. Es geht dann bei dieser Frage nicht um das Wohlergehen des Volkes sondern um den eigenen Machterhalt.

Wenn Jesus die Frage stellt, dann klingt sie eher selbstkritisch. Er möchte hören, ob seine Botschaft auch wirklich angekommen ist. Ob das Volk von dem, was er vorlebt, von dem, was er von seinem Vater erzählt, profitiert, ob die Menschen mit ihrem Leben besser zurecht kommen.

Die Antworten sind sehr menschlich geprägt. Die Jünger erzählen, dass sie in der Einschätzung von Jesus bei gewohnten Erfahrungen bleiben. In der Predigt von Umkehr ähnelt er Johannes, die Botschaft vom Nahen des Reiches Gottes wird vom Propheten Elija überliefert. Vermutlich vergleichen ihn manche mit den Propheten, deren Botschaft sie am meisten angesprochen hat. Eigentlich ja eine sehr verständliche Reaktion: Menschen versuchen das, was ihnen widerfährt, in bekannte Kategorien einzuordnen. Viele Reden über Gott auch in der heutigen Zeit ähneln diesem Muster: der Mensch will Gott verstehen und erklären.

Die Antwort der Jünger verweist dann auf eine in dieser Zeit sehr typische Hoffnung: der erwartete Erlöser und Befreier hat darin eine sehr politische Dimension. Er kommt und befreit sein Volk aus der politischen Unterdrückung. Sie wünschen sich den Messias als Machthaber, der ihr Volk wieder groß macht und die Unterdrücker klein aussehen lässt. Auch diese Hoffnung auf ein friedliches, gutes Zusammenleben unter dem Schutz eines mächtigen Herrschers ist so alt wie die Menschheit selbst. Vieles ist in der Geschichte schief gelaufen, weil Menschen vom starken Mann träumen, der hart durchgreift. Auch da lässt sich die tagespolitische Aktualität nicht so ohne weiteres abschütteln.

In kurzen prägnanten Sätzen zerstört Jesus die menschlichen Gottesbilder, die ihm da erklärt werden. Er ist niemand, der menschliche Macht ausübt sondern selbst Opfer wird. Er erhöht sich nicht über Menschen sondern steigt solidarisch tief hinab und erleidet das gleiche Schicksal wie all jene Menschen, die die Werte der Mächtigen kritisieren und damit vom Thron stürzen. Seine Macht liegt nicht in der Versprechung eines sorglosen Lebens sondern darin, dass er jedem Leid, jeder Herausforderung Sinn gibt. Gutes Leben erfährt nicht der, der es sich leicht machen will und sich mit einer schnellen Antwort zufrieden gibt. Gutes Leben findet der Mensch, der auf der Suche bleibt und weiter forscht und daran glaubt, dass er irgendwann ankommen und Heil erfahren darf.

Wer mein Jünger – und meine Jüngerin – sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach heißt für mich übersetzt: wer etwas von Gott erfahren möchte, der schaue mit wachem Blick auf sein Leben und findet darin immer wieder Zeichen des liebenden Gottes – einmal ist er im Schmerz, einmal in der Freude, einmal ist seine Gegenwart spürbar und dann wieder ist er gefühlt weit weg. Mal sind Menschen hilfreich für den eigenen Glauben und ein anderes Mal muss man sich schützen, weil sie zerstörerisch wirken. Damit bleibt das Bild des Gottes Jesus genauso bunt und vielfältig und herausfordernd wie das Leben selbst. Aber er lässt sich nie ganz einordnen und begreifen. Vielleicht ist das auch ein Problem der Kirchen der heutigen Zeit. Sie geben sich viel zu sehr als die Experten, die den Menschen Gott erklären wollen, die stehen bleiben in ihren Belehrungen, wie man richtig zu leben hat und Menschen, die nicht nach ihren Regeln leben, verurteilen. Viel zu wenig wird offenbar, dass Kirche eine Gemeinschaft Suchender ist.

Wenn Jesus uns heute fragen würde, für wen wir ihn halten, dann kann wahrscheinlich jede und jeder von uns ganz viele Antworten finden. Als Kind hatten Sie eine andere Antwort als jetzt Erwachsener, wenn es Ihnen gut geht eine andere Antwort als im Schmerz und in der Ohnmacht. In Gemeinschaft lässt sich Jesus ganz anders erfahren als in Einsamkeit. Wichtig bleibt allein, nie müde zu werden, die heutige Antwort auf Jesu Frage zu finden im Bewusstsein, dass uns irgendwann die letzte Antwort geschenkt wird. Amen.

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