Mit der Bibel beten – Palmsonntag

Die biblischen Texte, Lesungen und Antwortpsalm, sind heute Teil der Predigt.

Autorin:
Walburga_Rüttenauer-Rest2009Walburga Rüttenauer–Rest, Bensberg, verheiratet, drei Kinder, Grundschullehrerin, nach der Pensionierung Ausbildungskurs zum Diakonat der Frau, diakonische und liturgische Aufgaben in der Pfarreigemeinde

 
Die Predigt:
Mit der Bibel beten

Die Liturgie von Palmsonntag hat mehrere Schwerpunkte, die sich alle auf die Passion beziehen.

Warum ich am Palmsonntag mich auf den Antwortpsalm konzentriere, hat einen persönlichen Ursprung. Geboren im 2. Weltkrieg, hat meine Mutter in einem Flüchtlingshaus damit begonnen uns Kindern als Abendgebet Psalmen vorzusprechen. Wir Kinder, drei und fünf Jahre alt, liebten diese Texte, obwohl wir sie nicht verstanden. Bald sprachen wir einfach mit. Mein kleiner Bruder versuchte die Worte, die ihm vertraut waren, in Mimik umzusetzen. Meine Mutter war keine Jüdin, warum hatte sie sich auf die Psalmen festgelegt? Die Antwort auf diese Frage erhielt ich nie, weil ich mich scheute, sie zu stellen. War es vielleicht der zaghafte Versuch, bei uns Kindern eine Vorliebe zu dem Volk Grund zu legen, an dem unser Volk grausame Verbrechen verübt hatte? Den Psalm 22 habe ich besonders geliebt, obwohl ich mit fünf Jahren nur wenig davon verstanden habe. Der Antwortpsalm hier, in der Liturgie, ist leider stark gekürzt.

Erste Lesung, Antwortpsalm und die zweite Lesung beziehen sich auf die Passion, die in diesem Jahr aus der Sicht des Evangelisten Matthäus dargestellt wird. Die vier Texte des Wortgottesdienstes stammen aus verschiedenen Zeiten. Die erste Lesung von Jesaja entstand zwischen 700-750 v. Chr., der Psalm 22 ist wohl einer der ältesten Psalmen, etwa aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. und die zweite Lesung entstand etwa um das Jahr 49 n. Chr. aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Philippi (Phil 2,8-9).

Diese Auflistung zeigt uns, dass die Menschen in tiefster Not sich an Gott wenden.

Erste Lesung aus dem Buch Jesaja
Das dritte Lied vom Gottesknecht: 50,4-9

    GOTT, der Herr, gab mir die Zunge von Schülern
    damit ich verstehe,
    die Müden zu stärken durch ein aufmunterndes Wort.
    Jeden Morgen weckt er mein Ohr, /
    damit ich höre wie Schüler hören.
    GOTT, der Herr, hat mir das Ohr geöffnet. /
    Ich aber wehrte mich nicht /
    und wich nicht zurück.
    Ich hielt meinen Rücken denen hin, / die mich schlugen,
    und meine Wange denen, die mir den Bart ausrissen, /
    Mein Gesicht verbarg ich nicht /
    vor Schmähungen und Speichel.
    Doch GOTT, der Herr, wird mir helfen; /
    darum werde ich nicht in Schande enden.
    Deshalb mache ich mein Gesicht hart wie einen Kiesel; /
    ich weiß, dass ich nicht in Schande gerate.

Diese Lesung ist ein Teil aus dem dritten Gottes-Knecht-Lied. Wer dieser Knecht sein sollte, ist bis heute nicht klärend erforscht worden. Der Text aber wurde für die Judenchristen in der Urgemeinde eine große Hilfe für ihren Glauben. Wie schwer musste es für die Jüngerinnen und Jünger gewesen sein, die Schmähungen vor und während der Hinrichtung Jesu als den Willen Gottes anzunehmen. Wenn aber in den heiligen Schriften von einem Propheten berichtet wird, der Ähnliches erlebt hat, konnten sie Jesu Passion eher als Vorbild für ihr Leben annehmen.

Der nun folgende Antwortpsalm ist ein wesentliches Element des Wortgottesdienstes und von großer liturgischer Bedeutung. Er schlägt eine Brücke von der alttestamentlichen Lesung aus dem Buch Jesaja, zu der neutestamentlichen Lesung von Paulus, die wie ein Lied klingt, ein Hymnus, der an den Antwortpsalm erinnert.

Antwortpsalm (Ps 22, 8-9, 17-18-20.23-24)

    2a Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?(KV Kehrvers) )

    8 Alle, die mich sehen, verlachen mich,
    verziehen die Lippen, schütteln den Kopf:
    „Wälze die Last auf den HERRN! /
    9 Er soll ihn befreien,
    er reiße ihn heraus, wenn er an ihm Gefallen hat.“ –
    KV Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

    17 Denn Hunde haben mich umlagert, /
    eine Rotte von Bösen hat mich umkreist.
    Sie haben mir Hände und Füße durchbohrt
    18 Ich kann all meine Knochen zählen;
    sie gaffen und starren mich an. –
    KV Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

    19 Sie verteilen unter sich meine Kleider
    und werfen das Los um mein Gewand.
    20 Du aber, HERR, halte dich nicht fern!
    Du, meine Stärke, eile mir zur Hilfe! –
    KV Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

    23 Ich will deinen Namen, Herr, meinen Brüdern verkünden,
    inmitten der Versammlung dich loben.
    24 Die ihr den Herrn fürchtet, lobt ihn; /
    all ihr Nachkommen Jakobs, rühmt ihn;
    erschauert vor ihm, all ihr Nachkommen Israels!
    KV Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

An den Zahlen der Verse sehen Sie, dass der Antwortpsalm aus Teilen des langen Psalms 22 mit 34 Versen zusammengefügt wurde. Er beginnt mit dem 2. Vers, der zum Kehrvers wurde und sehr bekannt ist. Die Evangelisten Markus und Matthäus legen diesen Vers Jesus in den Mund als seine letzten Worte vor dem Tod.

Die Verse 8-9 geben den Spott der Umstehenden weiter als Antwort auf den verzweifelten Ruf. In den vier Versen 17-20 beschreibt der Beter seine Qualen durch die umstehenden Gaffer.

Den Vers 17 und 19 habe ich in diesem Bild versucht darzustellen. So werden viele Menschen an ihrer Arbeits-Stelle gequält. Die Gesichter zeigen auf keine Weise Mitleid, kein Gefühl, stattdessen: Grinsen, Gleichgültigkeit, Medien Aufmerksamkeit, Sachlichkeit.

Das Gesicht des Gequälten ist nicht sichtbar.

Walburga Palmsonntag

Doch dann ruft er zu Gott, von dem er Hilfe erwartet. In den Versen 23-24.spricht er mit Gott und wendet sich dann an seine Freunde und alle die zu seiner Gemeinschaft.gehören. Er fordert sie sogar auf, Gott zu loben. Die Qualen scheinen vergessen zu sein.

So entstand ein kleiner Psalm. Aus der Forschung erfahren wir, dass der ganze Psalm 22 ebenfalls zusammengefügt wurde und verschiedene Verfasser aus verschiedenen Zeiten hatte. Auch er endet mit Lob und Dankbarkeit. Die Verse des Antwortpsalms gehören zu den älteren Versen.

Warum stelle ich Ihnen das alles so genau vor?
Wir erleben hier, wie lebendig Beten sein kann. Bei mir habe ich beobachtet, dass mein freies Gebet oft sehr banal sich immer mit gleichen Worten wiederholt. Meistens sind es Bittgebete, seltener ein Dankgebet (Guter Gott hilf mir, dass… oder Lieber Gott, ich danke für…). Beiden Gebeten fehlt die Wahrnehmung der Göttlichen Nähe.

Die Psalmen haben mir geholfen, mein Gebet zu vertiefen, ja sogar in einfache Bilder zu fassen, mit denen ich meine Gefühle zu Gott ausdrücken kann. In den Psalmen ist das Verhältnis der Beterin zu Gott zunächst hochachtungsvoll, aber gleichzeitig wie ein Kind, dass bei der Mutter Hilfe und Schutz sucht.

Walburga Palmsonntag 2

Nackt und ganz allein hängt der Mensch am Kreuz. In seiner Not wendet er sich an Gott. (Vers 20) Du aber, Herr, halte dich nicht fern! Du, meine Stärke, eile mir zur Hilfe.
Gott allein ist der letzte Retter, ihm vertraut er sich ganz und gar an. Diese Gewissheit erhellt sein Gesicht und erfüllt seinen ganzen Körper mit warmem Licht, das die Finsternis durchdringt.

Durch die Fortschritte in den zahlreichen Wissenschaften hat sich unser Gottesbild und unser Verhältnis zu ihm sehr verändert. Gestern noch glaubte die Menschheit alles im Griff zu haben und heute verfügt ein winziges Lebewesen über unser Leben und unseren Tod.

Nach dem Antwortpsalm folgt die neutestamentliche Lesung:

    Zweite Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Philippi (Phil 2,6-8)
    Christus Jesus
    war Gott gleich, /
    hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein,
    sondern er entäußerte sich /
    und wurde wie ein Sklave /
    und den Menschen gleich. /
    Sein Leben war das eines Menschen;
    er erniedrigte sich /
    und war gehorsam bis zum Tod, /
    bis zum Tod am Kreuz.
    Darum hat ihn Gott über alle erhöht
    und ihm den Namen verliehen,
    der größer ist als alle Namen,
    damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde
    ihr Knie beugen vor dem Namen Jesu
    und jeder Mund bekennt,
    „Jesus Christus ist der Herr“ –
    zur Ehre Gottes, des Vaters.

Die 2. Lesung klingt wie ein Hymnus, der auch oft gesungen wird. Aber inhaltlich ist er ein theologischer Vortrag für die neuen Christen. Das waren vor allem Judenchristen. Sie waren durch den Text von Jesaja und den Antwortpsalm auf die Passionsgeschichte vorbereitet.

Kurzes Nachwort
Sind wir Christen heute vorbereitet, die Karwoche in dieser Zeit ohne Liturgie in der Pfarrkirche verfolgen zu können, ohne die Passion aus dem Radio oder Fernsehen hören und sehen zu wollen?

Vermissen wir nur die Erinnerungen an die große Liturgie am Karfreitag und der Osternacht mit Osterfeuer, Osterkerze, dem Lumen Christi in der dunklen Kirche, dem Exsultet, dem Lied auf die Kerze …? Werden sich die Gefühle und die Wärme einstellen, die uns früher durch die Nacht begleitet haben?

Der erste Antwortpsalm, Psalm 104, ein Lobgesang auf Gottes Schöpfung in dieser Nacht, wird uns vielleicht ein wenig trösten können, dass wir die Feier der Osternacht nur passiv verfolgen können.
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    Psalm 104
    Kehrvers: Sende aus deinen Geist und das Angesicht der Erde wird neu.
    Preise den Herrn, meine Seele! /
    HERR, mein Gott, wie überaus groß bist du! /
    Du bist mit Hoheit und Pracht bekleidet.
    2 Du hüllst dich in Licht wie in einen Mantel, /
    du spannst den Himmel aus gleich einem Zelt. – Kehrvers

    5 Du hast die Erde auf Pfeiler gegründet, /
    in alle Ewigkeit wird sie nicht wanken.
    6 Einst hat die Urflut sie bedeckt wie ein Kleid, /
    die Wasser standen über den Bergen. – Kehrvers

    10 Du lässt Quellen sprudeln in Bäche, /
    sie eilen zwischen den Bergen dahin.
    12 Darüber wohnen die Vögel des Himmels, /
    aus den Zweigen erklingt ihr Gesang. – Kehrvers
    13 Du tränkst die Berge aus deinen Kammern, /
    von der Frucht deiner Werke wird die Erde satt.
    14 Du lässt Gras wachsen für das Vieh, /
    und Pflanzen für den Ackerbau des Menschen. – Kehrvers

    24 Wie zahlreich sind deine Werke, HERR, /
    sie alle hast du mit Weisheit gemacht, /
    die Erde ist voll von deinen Geschöpfen.

    Preise den HERRN, meine Seele! /
    HERR, mein Gott, überaus groß bist du! – Kehrvers

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