Christsein und Freiheit gehören zusammen – 13. Sonntag im Jahreskreis C

Zweite Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinden in Galatien, Kapitel 5
1 Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Bleibt daher fest und lasst euch nicht von neuem das Joch der Knechtschaft auflegen!
13 Ihr seid zur Freiheit berufen, Schwestern und Brüder. Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch, sondern dient einander in Liebe!
14 Denn das ganze Gesetz ist in dem einen Wort zusammengefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!
15 Wenn ihr einander beißt und verschlingt, dann gebt Acht, dass ihr euch nicht gegenseitig umbringt.
16 Darum sage ich: Lasst euch vom Geist leiten, dann werdet ihr das Begehren des Fleisches nicht erfüllen.
17 Denn das Begehren des Fleisches richtet sich gegen den Geist, das Begehren des Geistes aber gegen das Fleisch; beide stehen sich als Feinde gegenüber, sodass ihr nicht imstande seid, das zu tun, was ihr wollt.
18 Wenn ihr euch aber vom Geist führen lasst, dann steht ihr nicht unter dem Gesetz.

Aus dem Evangelium nach Lukas, Kapitel 9
51 Als die Zeit herankam, in der er in den Himmel aufgenommen werden sollte, entschloss sich Jesus, nach Jerusalem zu gehen.
52 Und er schickte Boten vor sich her. Diese kamen in ein samaritisches Dorf und wollten eine Unterkunft für ihn besorgen.
53 Aber man nahm ihn nicht auf, weil er auf dem Weg nach Jerusalem war.
54 Als die Jünger Jakobus und Johannes das sahen, sagten sie: Herr, sollen wir befehlen, dass Feuer vom Himmel fällt und sie vernichtet?
55 Da wandte er sich um und wies sie zurecht.
56 Und sie gingen zusammen in ein anderes Dorf.
57 Als sie auf ihrem Weg weiterzogen, redete ein Mann Jesus an und sagte: Ich will dir folgen, wohin du auch gehst.
58 Jesus antwortete ihm: Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann.
59 Zu einem anderen sagte er: Folge mir nach! Der erwiderte: Lass mich zuerst heimgehen und meinen Vater begraben.
60 Jesus sagte zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh und verkünde das Reich Gottes!
61 Wieder ein anderer sagte: Ich will dir nachfolgen, Herr. Zuvor aber lass mich von meiner Familie Abschied nehmen.
62 Jesus erwiderte ihm: Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes.

Autorin:
Utta Hahn (2)Utta Hahn, Gemeindereferentin, Landpastoral Schönenberg in Ellwangen

 
Die Predigt:
Christsein und Freiheit gehören zusammen

Liebe Leserin, lieber Leser,
alle vier Jahre gibt es in den Gemeinden unserer Diözese einen außerordentlichen Missionssonntag. Aus diesem Anlass entstanden nachfolgende Gedanken.

Früher dachten viele, es seien die besonders Frommen, die „in die Mission“ gehen, Missionar und Missionarin werden. Es waren die, die Worte wie die des heutigen Evangeliums errnst nahmen und „richtig“ danach lebten. Früher war es von Theologie und Kirche gewollt, dass Missionare viele Menschen taufen und dadurch „retten“.

Mission hatte viel mit einem Denken in Kontrasten zu tun.
Hier sind wir, dort die Anderen.
Wir haben den Glauben, die Anderen haben nichts (was sie haben zählt nicht).
Wir haben Kultur, die Anderen sind unwissend (was sie wissen, interessiert nicht).
Wir wissen, was gut ist, die Anderen wissen das nicht.
Wir bringen etwas, die Anderen müssen dankbar sein.

Das hat sich glücklicherweise geändert. Vor allem das Zweite Vatikaniscbe Konzil hat ein Umdenken befördert und gefordert. Das Grundanliegen von Papst Johannes XXIII. war ja, den Glauben ins HEUTE zu bringen, die Zeit, in der wir leben, ernst zu nehmen und gemeinsam zu suchen, wie wir heute Christ sein können, wie wir in der Welt unseren Beitrag leisten können, damit Krieg, Gewalt und Ungerechtigkeit beendet werden.

Vor allem das Bild der Kirche als Volk Gottes, das gemeinsam unterwegs ist, und wir Christen als Geschwister aller Menschen, die in ihrem Leben unterwegs sind, wurde wegweisend und wichtig. Das hat auch dem Verständnis von Mission neue Wege geöffnet und viele Missionarinnen und Missionare, aber auch ganze Ordensgemeinschaften, haben diesen neuen Weg beschritten, sich verändert und weiterentwickelt.

Missionsverständnis heute ist geprägt von einer Rückbesinnung auf das Evangelium. Missionare und Missionarinnen stehen heute oft an der Seite von gesellschaftlich getragener personeller Entwicklungszusammenarbeit. Mission heute orientiert sich an der Würde des Menschen, an der Gastfreundschaft, an der Einladung zum Glauben.

Wie viele Menschen leiden unter Gewalt, Unterdrückung, Ausbeutung und Ungerechtigkeiten. Ihre Würde wird missachtet. Wie viele Menschen und ganze Volksgruppen wurden gewaltsam ihrer eigenen Geschichte und Kultur beraubt und sind abgeschnitten von ihren Traditionen! Das alles sind Orte, an denen wir Christen unsere Mission – unseren Auftrag, unseren Einsatz für das Reich Gottes einbringen können und auch gefordert sind, nicht tatenlos dabei zu stehen.

Warum? Weil wir in seine Nachfolge gerufen sind und als Getaufte und Gefirmte uns jeden Tag aufs Neue fragen können, was Nachfolge für uns bedeutet. Jesus sagt denen, die ihm im heutigen Evangelium von Lukas begeistert zuhören, direkt auf was es ankommt in seiner Nachfolge, im Leben, im Umsetzen dieser Frohen Botschaft:

– Sei frei, sozusagen heimatloser als ein umherstreunender Fuchs. Vertrau darauf, dass du Heimat finden wirst und Heimat bereiten kannst für die, die es brauchen.
– Wahle das Leben – GANZ. Nicht mehr die Gesetze und Normen der Gesellschaft sollen deinen Alltag bestimmen, sondern die Liebe zu jedem Menschen und die Leidenschaft, Gott in jedem Menschen zu finden und zu ehren. Vertrau darauf, dass du einen guten Platz in der Gemeinschaft haben wirst. Jesus will uns nicht der eigenen Familie entfremdem – welche schlimmen Folgen so eine wörtliche und radikale, verachtende Einstellung mit sich bringt, haben viele Sekten gezeigt, die die Menschen seelisch in den Abgrund führeh „im Namen“ eines bestimmten engen Glaubensverständnisses.
– Steh zu deine Entscheidung; sei nicht halb hier und halb da. Dein ganzes leben kannst du ausrichten an der Frohen Botschaft – nicht nur sonntags, nicht nur manchmal – stell alles auf den Prüfstand: deinen Lebensstil, was du kaufst, was du isst, was du arbeitest, was du betest… Zeugt es vom Reich Gottes – einer Welt, in der Frieden und Gerechtigkeit, Liebe und Hoffnung alles durchdringen? Vertrau darauf, dass du von allem, was du brauchst, genug haben wirst.

Paulus wird als großer Missionar, als ein radikaler Nachfolger Jesu bezeichnet. Er war Jesus nie persönlich begegnet, war immer schon ein Eiferer, ein leidenschaftlicher Mensch des Glaubens gewesen. Als Jude hatte er die Bibel studiert und versuchte zu leben, was er verstanden hatte. Paulus war ein Gott-Sucher. In seinem Verständnis drohte dem jüdischen Glauben, der Tradition, durch diese Anhänger des Jesus Gefahr. Offensichtlich war der Glaube nicht mehr eindeutig. Das Gesetz wurde immer wieder missachtet. Deshalb kämpfte Paulus gegen diese neue Gruppe, vehement und leidenschftlich, bis ihm in einer besonderen Begegnung klar wurde, dass es auch anders sein kann. Und in der Begebenheit auf seiner Reise nach Damaskus, da ist ihm wohl klar geworden – er sah ein Licht -, dass es anders war als er bisher gedacht hatte.

Es folgten seine Taufe, dann drei Jahre des Rückzugs in der Wüste, bis er anschließend zu der Jerusalmer Gemeinde dazukam und sich im Namen der Jesusjünger auf Reisen machte, um eben dieser Sendung Jesu – dieser Mission – nachzukommen. Er war immer noch ein Gott-Sucher, ein leidenschaftlicher Mensch des Glaubens, aber er hatte eine neue Richtung eingeschlagen. Er setzte sich FÜR die Liebe, die Hoffnung und den Glauben ein. Er unternahm in den nächsten 30 Jahren große Reisen. Auf der zweiten kam er zusammen mit Barnabas in das Gebiet von Galatien, im Süden der heutigen Türkei. Überall suchten die Freunde die jüdischen Gemeinden auf. Von diesen gab es viele und fast überall. Das römische Reich war in gewisser Hinsicht auch schon „multikulti“.

Gastfreundschaft war wichtig und wurde gewährt. Paulus und Barnabas nahmen teil am jüdischen Leben der jeweiligen Gemeinde. Und dann begannen sie auch immer von Jesus, seiner Botschaft und seiner Anhängerschar zu erzählen und sehr oft wurde das nicht geduldet. Sie wurden weggeschickt, gar verjagt oder verfolgt. In manchen Gemeinden bildeten sich aber auch Gruppen, die diese Frohe Botschaft als solche verstanden und begannen, nach ihr zu leben. Es bildeten sich kleine Gemeinden. Sie lebten von dem, was Paulus und andere ihnen erzählten und erklärten. Sie hatten noch keine „christlichen“ Schriften, nur das gemeinsame Ringen um den richtigen Weg.

Paulus hielt mit vielen Gemeinden per Brief Kontakt und so entstand wohl zwischen 55 und 60 n.Chr. der Brief an die Gemeinden in Galatien, in dem er nochmal so deutlich wie selten sonst sagt, was wirklich Sache mit dem Glauben ist.
Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Bleibt daher fest und lasst euch nicht von neuem das Joch der Knechtschaft auflegen! Ihr seid zur Freiheit berufen, Schwestern und Brüder. Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch, sondern dient einander in Liebe! Denn das ganze Gesetz ist in dem einen Wort zusammengefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!
Und nicht ohne Humor:
Wenn ihr einander beißt und verschlingt, dann gebt Acht, dass ihr euch nicht gegenseitig umbringt. Darum sage ich: Lasst euch vom Geist leiten. Wenn ihr euch aber vom Geist führen lasst, dann steht ihr nicht unter dem Gesetz.

Paulus stellt klar heraus: Christsein und Freiheit gehören zusammen. Und doch ist Freiheit nicht Beliebigkeit. Freiheit in Christus macht frei VON Gesetzen, aber nochmehr macht sie frei ZUM Dienst an der Gemeinschaft, zum Dienst am Nächsten. Quelle der Freiheit ist der Geist der Liebe, der Geist der Weisheit, der führt und zeigt, wo es noch Unfreiheit und Lieblosigkeit gibt. Freiheit und Liebe, die in die Gelassenheit und das Vertrauen führt, Vertrauen, dass Gott es gut mit mir meint, dass wir keine Angst zu haben brauchen, nicht vor dem Leben, nicht vor dem Gesetz, nicht vor Gott, nicht vor dem Tod… Freiheit, die uns auch die Möglichkeit gibt, miteinander zu streiten, ohne uns die Würde und das Menschsein abzusprechen.

Wie sehr wünsche ich diese Erkenntnis all jenen, die zur Zeit Angst haben um etwas oder vor etwas, die den Respekt vor dem Menschen mit anderer Meinung verlieren und gar über Leichen gehen.

Ein Gesang aus Taizé hat den Text: Dieu ne peut que donner son amour, notre Dieu est tenderesse! Dieu qui pardonne! Gott kann nichts als Liebe schenken. Unser Gott ist Zärtlichkeit. Gott, der vergibt.
(nachzuhören unter: https://www.youtube.com/watch?v=8NcLFcvG19Y)

Wir sind zur Freiheit berufen, einer Freiheit voll Liebe und voll Geist. Möge diese Freiheit Sie alle ergreifen und begleiten. Amen

Veröffentlicht unter Predigten | 1 Kommentar