Sehend und heil werden – 4. Fastensonntag A

Aus dem Evangelium nach Johannes, Kapitel 9
In jener Zeit
1 sah Jesus unterwegs einen Mann, der seit seiner Geburt blind war.
6 Er spuckte er auf die Erde; dann machte er mit dem Speichel einen Teig, strich ihn dem Blinden auf die Augen
7 und sagte zu ihm: Geh und wasch dich in dem Teich Schiloach! Schiloach heißt übersetzt: Der Gesandte. Der Mann ging fort und wusch sich. Und als er zurückkam, konnte er sehen.
8 Die Nachbarn und andere, die ihn früher als Bettler gesehen hatten, sagten: Ist das nicht der Mann, der dasaß und bettelte?
9 Einige sagten: Er ist es. Andere meinten: Nein, er sieht ihm nur ähnlich. Er selbst aber sagte: Ich bin es.
13 Da brachten sie den Mann, der blind gewesen war, zu den Pharisäern.
14 Es war aber Sabbat an dem Tag, als Jesus den Teig gemacht und ihm die Augen geöffnet hatte.
15 Auch die Pharisäer fragten ihn, wie er sehend geworden sei. Er antwortete ihnen: Er legte mir einen Teig auf die Augen und ich wusch mich und jetzt sehe ich.
16 Einige der Pharisäer sagten: Dieser Mensch ist nicht von Gott, weil er den Sabbat nicht hält. Andere aber sagten: Wie kann ein sündiger Mensch solche Zeichen tun? So entstand eine Spaltung unter ihnen.
17 Da fragten sie den Blinden noch einmal: Was sagst du über ihn? Er hat doch deine Augen geöffnet. Der Mann sagte: Er ist ein Prophet
34 Sie entgegneten ihm: Du bist ganz und gar in Sünden geboren und du willst uns belehren? Und sie stießen ihn hinaus.
35 Jesus hörte, dass sie ihn hinausgestoßen hatten, und als er ihn traf, sagte er zu ihm: Glaubst du an den Menschensohn?
36 Da antwortete jener und sagte: Wer ist das, Herr, damit ich an ihn glaube?
37 Jesus sagte zu ihm: Du hast ihn bereits gesehen; er, der mit dir redet, ist es.
38 Er aber sagte: Ich glaube, Herr! Und er warf sich vor ihm nieder.

Autorin:
Greiner-Jopp Gabriele 2017Gabriele Greiner-Jopp lebt in Wendlingen, war als Dekanatsreferentin, Gemeindereferentin und Beraterin tätig

 
Die Predigt:
Sehend und heil werden

Liebe Leserin, lieber Leser,
Es war aber Sabbat, an dem Tag als Jesus den Teig gemacht und ihm die Augen geöffnet hatte. An diesem Satz des Evangeliums bin ich hängengeblieben, liebe Schwestern und Brüder.

Immer wieder heilt Jesus an einem Sabbat: Den Mann mit der verdorrten Hand, die gekrümmte Frau in der Synagoge, einen Wassersüchtigen und jetzt den Blinden am Teich Schiloach.Seine Jünger lässt er am Sabbat „arbeiten“: Ähren abreißen, um zu essen und nimmt sie in Schutz gegen Anfeindungen. Jesus provoziert. Er kehrt mit seinem Verhalten das hervor, was unterschwellig da ist: Gebote sind wichtiger als Menschen, die religiösen Autoritäten wissen besser als gewöhnliche Gläubige was Gott will, angepasstes Verhalten ist wichtiger als selbstständiges Denken.

Kommt Ihnen das bekannt vor? Richtig, solches, angeordnetes, Verhalten erleben wir heute noch in Kirchen, religiösen Gemeinschaften, autoritären Zirkeln. Wofür aber riskiert Jesus immer wieder, dass er angefeindet werden kann? Was will er mit seinem Verhalten bewirken?

Es geht ihm um das Seelen–Heil des betroffenen Menschen. Ganz konkret: Verdorrtes wird wieder lebendig, Gekrümmtes und Verkümmertes kann sich aufrichten, beschwertes und kurzatmiges Leben wird leichter und freier. Und im heutigen Evangelium werden einem Blinden die Augen geöffnet. Wir alle kennen die Redewendung: „Da gingen mir die Augen auf“. Die meisten von uns kennen solche Erfahrungen: Plötzlich erkennen wir Zusammenhänge, die wir vorher nicht gesehen haben; wir nehmen Verhaltensweisen wahr, die vorher verborgen waren; wir verstehen Situationen, die wir zuvor nicht einordnen konnten.

Allerdings können uns die Augen nur dann aufgehen, wenn wir erkennen und einsehen, dass es blinde Flecken bei uns gab; dass wir für manches blind waren. So war unsere Gesellschaft lange Zeit auf dem rechten Augen blind; sie war blind für die Gefahr, die von Rassismus und Hass ausgeht. Viele in unserer Kirche waren blind für den Missbrauch an Schutzbefohlenen, für die veränderte Religiosität und Lebenswirklichkeit der Menschen, blind für ihre größere Mündigkeit. Sie fühlten und fühlen sich zum Teil immer noch im Recht.

Die Menschen, die Jesus angreifen, weil er am Sabbat heilt, fühlen sich ebenfalls im Recht. Sie fühlen sich heil und gesund. N. Cybinski hat dafür einen schönen Aphorismus gefunden. “Das aber ist der Irrglaube der Frommen: Sie treten auf Gottes Seite und wähnen er sei auf ihrer.“ Jesus, in dem Gott lebendig da ist, sieht anders und tiefer. Er sieht die blinden Flecken bei dem Mann, er weiß, dass gerade bei den Kranken die Sabbatfreude getrübt sein muss, weil sie nicht heil sind. Es fehlen soziale Kontakte, ein umfassenden Ja zum Leben und eine klare Sicht, in diesem Fall des Blinden.

Das will Jesus heilen. Deshalb geht er auf den Blinden zu, der ihn ja nicht sehen kann. Er geht sogar sehr nah an ihn heran, berührt ihn körperlich, nachdem er Erde mit seinem Speichel vermischt hat. Ganz Elementares kommt hier zusammen. Wir sind aus Erde gemacht und brauchen, um zu leben Nähe und Zuwendung eines Menschen. Nur so können wir geheilt werden von unseren blinden Flecken, den Krankheiten, die Lebendigkeit verhindern. Der Blinde muss anschließend an diese göttliche Zuwendung eigene Schritte gehen und sich am Teich waschen.

Einsicht, dass mir überhaupt etwas fehlt, sowie in das, was mir fehlt, dann Nähe und Hilfe zulassen, Göttliches an mich heranlassen, eigene Schritte tun – all das braucht es um heil und – in diesem Fall – sehend, zu werden. Wer dazu nicht bereit ist, bleibt blind, hart, selbstgerecht und erkennt nicht, dass Jesus von Gott gesandt ist.

Jesus mit seinen Provokationen, die bedingungslos das Heil der Menschen wollen, dieser Jesus spaltet. Damals und auch heute noch. Sind z. Bsp. unsere Kirchengesetze für die Menschen da oder die Menschen für das Gesetz? Vertrauen wir auf neue Erfahrungen/Entwicklungen/Erkenntnisse oder halten wir stur und uneinsichtig am Alten fest? Letztlich: Vertrauen wir darauf, dass Gott das Heil jedes Menschen will, oder vertrauen wir auf uns selbst, unser Amt, unsere Titel, unsere Ausbildung, unser Recht?

Ihnen, mir, unserer Kirche und unserer Gesellschaft wünsche ich in dieser Zeit der Ungewissheit und des Umbruchs, dass wir die Kraft haben unsere blinden Flecken zu erkennen; dass wir uns von der frohen Botschaft Jesu herausfordern lassen und sehend werden. Und dann selbstständig und unabhängig tun was nötig ist, damit unser Welt ein Stück heiler wird und die Sabbatfreude größer.

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