Gott ist gegenwärtig – 2. Sonntag nach Weihnachten

Aus dem Evangelium nach Johannes, Kapitel 1
1 Im Anfang war das Wort, /
und das Wort war bei Gott, /
und das Wort war Gott.
2 Dieses war im Anfang bei Gott.
3 Alles ist durch das Wort geworden /
und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.
4 In ihm war das Leben /
und das Leben war das Licht der Menschen.
5 Und das Licht leuchtet in der Finsternis /
und die Finsternis hat es nicht erfasst.
9 Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, /
kam in die Welt.
10 Er war in der Welt /
und die Welt ist durch ihn geworden, /
aber die Welt erkannte ihn nicht.
11 Er kam in sein Eigentum, /
aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.
12 Allen aber, die ihn aufnahmen, /
gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, /
allen, die an seinen Namen glauben,
13 die nicht aus dem Blut, /
nicht aus dem Willen des Fleisches, /
nicht aus dem Willen des Mannes, /
sondern aus Gott geboren sind.
14 Und das Wort ist Fleisch geworden /
und hat unter uns gewohnt /
und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, /
die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, /
voll Gnade und Wahrheit.

Autorin:
_MG_7932-web Birgit DroesserBirgit Droesser, Pastoralreferentin, war tätig in der Gemeindepastoral, in der Klinikseelsorge und im Theol. Mentorat Tübingen, jetzt Pfarrgemeinderätin in St. Bruno, Würzburg

 
Die Predigt:
Gott ist gegenwärtig

Liebe Leserin, lieber Leser,
das Thema mag Ihnen auf den ersten Blick abstrakt und etwas sperrig erscheinen. Ich hoffe, dass ich seine aktuelle Bedeutung für uns im Jahr 2020 ein wenig erschließen kann.

Zum zweiten Mal hören wir in dieser Weihnachtszeit den Prolog aus dem Johannesevangelium, der mit den Worten beginnt: Im Anfang war das Wort. Wir alle kennen auch den ersten Satz der Bibel im Buch Genesis, der lautet: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. I m Anfang, nicht a m Anfang; beide Sätze klingen zusammen und beide sagen: Gott ist jenseits, vor aller Zeit, Gott ist Ewigkeit. Gott spricht sein Wort beim Werden der Universums, es geht aus ihm vor Milliarden von Jahren hervor. Und so tritt Gott ein in die Zeit. Gott spricht erneut sein Wort und dieses Wort nimmt Gestalt an in einem Menschenkind: Jesus von Nazareth, ungefähr im Jahr 7 vor unserer Zeitrechnung.

Sowohl bei der Entstehung des Universums, wie auch bei der Menschwerdung in Jesus treffen Ewigkeit und Zeit aufeinander. Diese Spannung hat der Johannesprolog meisterlich ins Wort gefasst: Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.

Wir leben in der Zeit, eine ganz kurze Spanne Erdengeschichte, und oft scheint Gott uns so fern zu sein, dass wir an seiner Existenz zweifeln. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns am Beginn dieses Jahres bewusst machen: Gott ist da – er ist h i e r und j e t z t gegenwärtig. Alles kommt aus ihm und kehrt zu ihm zurück. Unser eigenes Leben, das Leben unserer Kirche, die Geschehnisse dieser Welt, nichts geschieht ohne ihn, sondern unter seinem Blick. Wir können ihn immer und zu jeder Zeit ansprechen und uns auf ihn einlassen.

Wer Gott ist und wie er zu den Menschen steht, erfahren wir durch die Geschichtserzählungen und die Propheten des ersten Testaments. Wir erfahren es durch die Beterinnen und Beter der Psalmen und wir erfahren es schließlich von Jesus und den Schriftstellern des neuen Testaments, die von Jesus, seinem Wirken und seiner Geschichte berichten und darüber nachdenken. Daher können und dürfen wir wissen: Gott ist Liebe. Wir leben nicht unter seinem strafenden, sondern unter seinem liebenden Blick.

Von Jesus wissen wir aber auch, dass dieser Blick durchaus kritisch ist, liebend und kritisch zugleich. Es ist nicht gleichgültig, wie wir handeln. Wir können und sollen nach seinem Willen hier und heute fragen. Was wir reden und tun, geschieht in seiner Gegenwart. Deshalb ruft uns Jesus immer wieder zur Umkehr auf. Jede und jeder von uns kann sich nur selber ändern nur an sich arbeiten.

Der Leitartikel unserer Lokalzeitung zum Silvestertag* war mit den Worten überschrieben: „Wir reden wie Heilige und handeln wie Vandalen“. Es ging dabei um den drohenden Klimakollaps, der vor allem in den Ländern Asiens, Indonesiens und Afrikas zur Katastrophe zu werden droht, aber auch in Australien mit extremer Hitze und Trockenheit. Wir alle müssten unseren Lebensstil ändern und auf gewohnten Luxus verzichten. Einfordern, anordnen kann das niemand in einem demokratischen Land. Es muss von jedem und jeder Einzelnen kommen. I c h muss lernen, neu und anders zu denken und bei allem, was ich tue, die Auswirkungen auf das Klima zu beachten.

Wenn ich mir dessen bewusst bin, dass wir in Gottes Gegenwart leben und einen Auftrag haben, die Welt möglichst menschenfreundlich zu gestalten, dann wird das zu einer starken Quelle der Motivation, wenn es darum geht, mein eigenes Verhalten zu überprüfen und auch anderen Meinungen standzuhalten.

Gott ist immer gegenwärtig und wirkt auch in unserer Kirche, die versucht, mit dem Synodalen Prozess wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen. Das heutige Evangelium spornt uns an, auf keinen Fall zu klein von Gott zu denken. Er ist nicht fern, bloß weil wir ihn von uns fernhalten. Er ist nicht machtlos, bloß weil er sich nicht über unsere Entscheidungen hinwegsetzt und eingreift. Wir dürfen und sollen uns ihm öffnen und auf sein Wirken vertrauen. Amen
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* Sabine Hufnagel, in: Die Mainpost, 31.12.2019

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