Frauen im Stammbaum Jesu – eine Betrachtung / Heilige Nacht

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern ein frohes Weihnachtsfest, unter welchen Umständen auch immer Sie es feiern, dass wir mit ganzem Herzen annehmen können: CHRIST, DER RETTER, IST DA!
Danke für Ihre Treue!

Aus dem Evangelium nach Matthäus, Kapitel 1
1 Stammbaum Jesu Christi des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams:
2 Abraham war der Vater von Isaak, Isaak von Jakob, Jakob von Juda und seinen Brüdern.
3 Juda war der Vater von Perez und Serach; ihre Mutter war Tamar. (Gen 38)
Perez war der Vater von Hezron, Hezron von Aram,
4 Aram von Amminadab, Amminadab von Nachschon, Nachschon von Salmon.
5 Salmon war der Vater von Boas; dessen Mutter war Rahab.(Jos 2)
Boas war der Vater von Obed; dessen Mutter war Rut (Buch Rut)
Obed war der Vater von Isai,
6 Isai war der Vater des Königs David. Dieser war der Vater von Salomo, dessen Mutter die Frau des Urias war.( 2 Sam 11,7-15)

    600Jahre später

16 Jakob war der Vater von Josef, dem Mann Marias; von ihr wurde Jesus geboren, der Christus (Messias) genannt wird.
17 Im ganzen sind es also von Abraham bis David vierzehn Generationen, von David bis zur Babylonischen Gefangenschaft vierzehn Generationen und von der Babylonischen Gefangenschaft bis Christus vierzehn Generationen. (gekürzt)

Autorin:
Walburga_2009Walburga Rüttenauer–Rest, Bensberg, verheiratet, drei Kinder, Grundschullehrerin, nach der Pensionierung Ausbildungskurs zum Diakonat der Frau, diakonische und liturgische Aufgaben in der Pfarreigemeinde

 
Die Predigt:
Frauen im Stammbaum Jesu – eine Betrachtung

Liebe Leserin, lieber Leser,
die Heilig Nacht hat begonnen und mit ihr tauchen viele Bilder auf aus unserer Kindheit, der Kunst, der Lieder, die wir auswendig singen können, verschiedenste Gerüche, Familienfeiern, die nicht immer friedlich endeten, viele Geschenke, welche die Entwicklung unserer Gesellschaft widerspiegelten. An diesem Fest werden noch verschiedenste alte Bräuche hervorgeholt, wenn Großmütter, Tanten und andere alte Verwandte zum Fest geladen sind.

Die Liturgie bietet viele Texte für die heiligen Tage an. Ich habe mich diesmal für den Text Mt 1,1-6;16-17 entschieden, weil es mich interessiert, was Matthäus dazu bewegt hat, einen Stammbaum als erste Botschaft seines Evangeliums seiner Gemeinde vorzustellen. Die Geburt eines Kindes ist im Leben einer Frau aber auch eines Mannes ein Wunder. So habe ich mich gefragt, warum beginnt Matthäus sein Evangelium mit einem Stammbaum und nicht mit der Geburt Jesu in einem Stall?

Matthäus beginnt mit einem Stammbaum in dem Könige genannt werden! Wollte er auf diese Weise Jesus zum König der Welt erklären? Bei Matthäus antwortete Jesus auf die Frage des Pilatus, ob er der König der Juden sei: Du sagst es. Diese Antwort ist nicht eindeutig. Es kann bedeuten: Du glaubst es! Was ich glaube, behalte ich bei mir. Oder: Du glaubst es?

Jesu Eltern waren nicht reich, doch Josef stammte nach Matthäus aus dem Geschlecht des Königs David und für diesen Stammbaum galt Jesus als Königsanwärter auch ohne Reichtum und Macht.

Es gibt zwei Möglichkeiten, einen Stammbaum aufzustellen: entweder man beginnt in der Vergangenheit, wie hier bei Abraham, bis zur Gegenwart des Schreibers Matthäus. Oder man beginnt in der Gegenwart und sucht in der Vergangenheit nach seiner Geschichte.

Matthäus beginnt mit der Vergangenheit bis zur Gegenwart der Geburt Jesus Christi, der Gegenwart der matthäischen Gemeinde. Er ordnet den Stammbaum nach Männern, die in der jüdischen Vergangenheit als besonders wichtig galten, und bekannt waren. Er stellt Jesus als Davids und als Abrahams Sohn vor. Er will damit aussagen, dass Jesus als Davids Sohn, der König schlechthin ist. Doch scheut er sich nicht, Frauen einzufügen, die nicht jüdisch waren, in ihrem Leben eine fragwürdige Situation überstanden und so Jesu Vorgeschichte eine besondere Note verliehen haben.

41 männliche Namen werden in diesem Stammbaum genannt. Abraham zeugte Isaak, der wiederum zeugte Jakob und so weiter. Es scheint eine reine Männergeschichte zu sein. Doch schon bald wird eine Frau genannt, Tamar, die dem Juda Zwillinge auf die Welt brachte. Dass Frauen eine ganz wichtige Rolle spielen, scheint Matthäus wichtig zu sein. Aber warum nennt er nicht Sara, Rebekka, Lea und Rahel? Statt dieser bedeutenden Frauen nennt Matthäus Tamar, Rahab, Ruth und die Frau des Uria, deren Namen Matthäus nicht nennt. Zum Schluss, 600 Jahre später, spricht er von Josef, den er als Mariens Mann und Vater Jesu darstellt.

Sieger Köder, Stammbaum Jesu, um die Frauen erweitert von W.R.

Sieger Köder, Stammbaum Jesu, um die Frauen erweitert von W.R.

Fünf Frauen aus dem einfachen Volk werden also aus der hebräischen Bibel hier genannt. Es lohnt sich, die Spuren der heidnischen Frauen aufzusuchen und ihrem Schicksal nachzugehen. Vielleicht gelingt es uns, etwas von dem Geheimnis zu ergründen, das mit der Ankunft des Messias verbunden ist. Die vier Frauen, die Matthäus uns nennt, sind Heidinnen aus den Nachbarvölkern. Auf ungewöhnliche Weise treten sie in die Geschichte Israels ein, und haben für deren Fortgang große Bedeutung.

1.Juda war der Vater von Perez und Serach; ihre Mutter war Tamar.
Tamar war Judas Schwiegertochter. Zweimal starben die Ehemänner, ohne dass sie ein Kind hatte. Ihren alten Schwiegervater musste sie verführen, nicht weil sie ihn liebte, sondern aus reiner Not. Eine Witwe ohne Kinder hat in Israel keine Rechte. So setzte sie ihre ganze Hoffnung auf Gott. Sie verkleidete sich, begab sich ins „Rotlichtmilieu“ und verführte Juda… Da er kein Geld bei sich hatte, gab er ihr seinen Siegelring und Gürtel zum Pfand. Mit Freude stellte sie bald fest, dass sie schwanger geworden war. Das war gefährlich. Ohne Mann ein Kind zu gebären, bedeutete für die Frau: Tod durch Verbrennen. Doch es gelang ihr, den Siegelring und den Gürtel ihrem Schwiegervater zu schicken. Juda stand zu seiner Tat und rechtfertigte sie in aller Öffentlichkeit. Sie gebar Juda zwei Söhne, die in die Erbfolge aufgenommen wurden.
Tamara zeigt sich mutig, durchschaut die Menschen und zeigt sich phantasievoll in schwierigen Situationen.

2. Salmon war der Vater von Boas; dessen Mutter war Rahab
Rahab führte damals in Jericho eine Kneipe, ein kleines Bordell an der Stadtmauer. Zwei jüdische Kundschafter, fühlten sich wohl bei ihr. Sie gab ihnen mehr als zu essen und zu trinken. Eines Tages hieß es, zwei jüdische Spione seien in der Stadt. Alle Häuser sollten durchsucht werden, denn das Israelitische Heer war im Anzug und man fürchtete einen Angriff. Rahab hatte vom Gott dieses Volkes gehört und sagte zu den beiden Spionen: „Euer Gott ist der wahre Gott im Himmel und auf Erden. Ich werde euch retten, wenn meine Familie bei der Eroberung verschont wird“. Heimlich ließ sie die Männer mit einem Seil über die Stadtmauer herab. Als Jericho erobert wurde, wurde sie und ihre Familie als einzige verschont. Sie war also eine Verräterin am eigenen Volk. Ein Vorgehen, das zu allen Zeiten schwer geahndet wurde. Doch mit Rahabs Hilfe gelang es dem Volk Israel endlich nach 40 Jahren Wüstenwanderung in das gelobte Land zu kommen.
Rahab besitzt wie Tamar eine große Menschenkenntnis. Auch sie durchschaut ihre schwierige Situation und findet einen Ausweg.

3.Boas war der Vater von Obed; dessen Mutter war Rut
Rut bedeutet Wonne, Liebreiz. Sie war eine Moabiterin, also auch eine Ausländerin, keine Jüdin. Doch Gott hatte an ihr Gefallen. Noemi, ihre Schwiegermutter, hatte ihren Glauben an den einzigen Gott vorgelebt , so dass es für Rut selbstverständlich war mit Noemi nach Bethlehem in deren Heimat zu folgen. Noemis Glaube, ihr Gottvertrauen und ihre Menschenfreundlichkeit hatten Rut so stark beeindruckt, dass sie ihrer Schwiegermutter versicherte: Wo du hingehst, da will auch ich hingehen. Dein Volk ist mein Volk, dein Gott ist mein Gott Sie liebte Noemi mehr als ihre eigene Mutter und half ihr wo sie konnte. Mit Hilfe Neomis Ratschlägen gewann Rut in Bethlehem die Liebe eines Mannes, der mit Noemi verwandt war. Bei ihm fanden sie beide ein neues Zuhause. Voll Dankbarkeit zu Gott legte Rut ihr erstes Kind in Noemis Arme.
Rut zeigte sich liebevoll, fürsorglich, hatte ein großes Gottvertrauen und wagte, ihre Religion zu wechseln.

4. Obed war der Vater von Isai, Isai war der Vater des Königs David. David war der Vater von Salomo, dessen Mutter die Frau des Hetiters Uria war.
David hatte sich in die Frau des Uria, eines treuen Soldat, verliebt. Während Uria um die Eroberung der Stadt Rabera kämpfte, amüsierte sich David zu Hause mit dessen Frau . Als sie schwanger wurde, befahl David, Uria an die Front dort zu stellen, wo fast alle Soldaten ihr Leben verloren. Wie erwartet fiel Uria im Kampf. Das Kind starb, was David sehr schmerzte. Das zweite Kind war Salomo, der Nachfolger Davids auf dem Königsthron. Die Frau des Uria, ihr Name ist Batseba, zeigt sich nach dem Tod ihres ersten Mannes zunächst sehr verletzt. David ist nicht bereit, sie zu heiraten, doch sie kann sich durchsetzen. Anziehend, reizvoll und klug, diese besonderen Eigenschaften konnte sie erst zeigen, als David seine Schuld einsah und vor Gott um Vergebung bat. Erst dann war sie bereit David zu verzeihen, was er ihr mit dem Tod ihres ersten Mannes angetan hatte. Sie hatte später großen Einfluss auf David.
Batseba, eine Frau aus dem einfachen Volk, zeigte viele Gaben, die sie als Lieblingsfrau eines Königs würdig machte.

5. Jakob war der Vater von Josef, dem Mann Marias; von ihr wurde Jesus geboren, der Christus, Messias, genannt wird.
Maria wird durch Josef in den Stammbaum Jesu eingeführt. Marias Begabungen möchte ich nicht vorstellen. Jede von uns hat ein eigenes Verhältnis zur Mutter Jesu.

Die Fähigkeiten der fünf Frauen, die Matthäus ausgesucht hat, können im Erbgut des Sohnes Marias wieder auftauchen. Vor allem aber stammen sie aus dem einfachen Volk, mit dem Jesus sich besonders befasste.

Doch damit möchte ich nicht aufhören.

Vor 80 Jahren hatten die Stammbäume in Deutschland große Bedeutung, aber in umgekehrter Weise. Hier begann man mit der Gegenwart und endete in einer nebeligen Vergangenheit. Jeder Deutsche musste mit seinem Stammbaum beweisen, dass er kein Jude war. Ein Jude im Stammbaum konnte lebensgefährlich werden für die ganze Familie. Allein, wenn ein jüdischer Vorname wie Judit oder Joschuar auftauchte, wurde er aus dem Familienstammbaum gestrichen und man hörte mit der Suche weiterer Vorfahren auf, mit der Ausrede keinen Vorfahren mehr gefunden zu haben.

Mit der Vernichtung der Juden in unserem Land wurde Deutschland heidnisch. All die Christen, die damals dort wohnten, hätten sich für Jesus Christus, Gottes Sohn, einem Juden, mit ihrem Leben einsetzen müssen. Nur einige Menschen gaben ihr Leben für ihren Glauben hin oder halfen, Juden unter Lebensgefahr zu verstecken. Nach dem 2. Weltkrieg und der Bildung eines neuen deutschen Staates gaben die Menschen sich große Mühe, die Vergangenheit zu verstehen und die große Schuld an den Juden auf sich zu nehmen. Viele leugneten, dass sie Mitläufer gewesen waren. Nach und nach kehrten Juden, denen es gelungen war, dem Gräuel zu entgehen, in ihre frühere Heimat zurück.

Für die Juden wie auch für die Deutschen war und wird es noch immer nicht leicht, miteinander zu leben. Die Juden litten und leiden noch sehr an der Vergangenheit. Viele Deutsche litten und leiden noch jetzt an ihrem Schuldbewusstsein. Heute noch schäme ich mich wie manche aus der ersten Nachkriegsgeneration, dass es uns nicht gelingt, den neuen Stammbaum umzudrehen.

Hier beginnt unser Stammbaum mit uns selbst. Wir versuchen, rückwärts zu schauen und entsprechend zu denken und zu handeln. Mit dem Kind in der Krippe sollten wir unsere Verantwortung auf uns nehmen und uns bemühen, Juden kennen zu lernen und mit ihnen gute Gespräche zu führen. Dann wird vielleicht der Anfang des Matthäusevangeliums und das Weihnachtsfest einen neuen Sinn gewinnen. Auch unsere Amtskirche und ihre Anhänger sollten sich nicht mehr rückwärts wenden, sondern nach vorne, in die Zukunft schauen und Frauen mit ihren speziellen Begabungen einbinden.

Wir Christen sollten mit der Vergangenheit anfangen. Wir sollten mit dem Kind in der Krippe unsere Verantwortung auf uns zu nehmen. Wir sollten uns bemühen, mit Juden Kontakt aufzunehmen, vor allem aber uns einmischen, wenn über die Juden gelästert wird.

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