Was könnten wir von Josef lernen? – 4. Adventssonntag A

Aus dem Evangelium nach Matthäus, Kapitel 1
18 Mit der Geburt Jesu Christi war es so: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt; noch bevor sie zusammengekommen waren, zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete – durch das Wirken des Heiligen Geistes.
19 Josef, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte, beschloss, sich in aller Stille von ihr zu trennen.
20 Während er noch darüber nachdachte, erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist.
21 Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen.
22 Dies alles ist geschehen, damit sich erfüllte, was der Herr durch den Propheten gesagt hat:
23 Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, /
einen Sohn wird sie gebären, /
und man wird ihm den Namen Immanuel geben, /
das heißt übersetzt: Gott ist mit uns.
24 Als Josef erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich.
25 Er erkannte sie aber nicht, bis sie ihren Sohn gebar. Und er gab ihm den Namen Jesus.

Autorin:
Greiner-Jopp Gabriele 2017 Gabriele Greiner-Jopp lebt in Wendlingen, war als Dekanatsreferentin, Gemeindereferentin und Beraterin tätig

 
Die Predigt:
Was könnten wir von Josef lernen?

Liebe Leserin, lieber Leser,
„Ach, da kommt ja unser/e Träumer/in“, oder: „ja, ja, träum weiter…“ oder „Na, ausgeträumt?“ wer so redet oder sich solche Bemerkungen anhören muss weiß, dass Träume und träumen nicht geachtet werden. Sie werden als realitätsfern abgetan oder gar lächerlich gemacht.

Ganz anders der Evangelist Matthäus. In seiner Erzählung über die Geburt und Kindheit Jesu in den ersten Kapiteln spielen Träume eine wichtige, ja lebensentscheidende Rolle, weil besonders Josef auf seine Träume hört und danach handelt.

Heute, am vierten Adventssonntag hören wir vom ersten seiner Träume, zwei weitere werden folgen. Die Situation, in der er träumt, ist verzwickt: Seine Verlobte Maria bekommt ein Kind, aber es kann nicht von ihm sein. In der damaligen Zeit bedeutet das Ehebruch, weil das Paar ab dem Zeitpunkt als verheiratet gilt, an dem der Ehevertrag geschlossen ist. Maria könnte bestraft und gesteinigt werden. Weil Josef ein gerechter Mann ist will er das nicht, schreibt Matthäus. Alle Achtung! Einen Mann, der Gesetz und Recht weniger wichtig nimmt als seine straffällig gewordene Verlobte, nennt der Evangelist gerecht. Er ist für ihn also recht so, wohl gar im Sinne Gottes, dem Gerechten schlechthin.

Das geht mir zu Herzen, denke ich doch an die vielen Frauen, die von ihren Männern wegen viel geringerer Fehler und Vergehen bestraft werden, im schlimmsten Fall getötet. Es fallen mir die vielen ledigen Mütter ein, die unsere Kirche unbarmherzig ausgrenzte, die in Heimen misshandelt wurden, denen man ihre Kinder weggenommen hat. War das recht so? Gerecht? Gemäß dem Evangelium?

Der Evangelist Matthäus belehrt uns eines Besseren. Da Josef gerecht ist, so schreibt Matthäus, überlegt er, wie er seiner Verlobten in dieser vertrackten Situation helfen kann. In dieses Nachdenken hinein „platzt“ ein Bote Gottes. Dieser verkündet Josef im Traum eine völlig unwahrscheinliche, absonderliche Geschichte, dass dieses Kind vom Heiligen Geist sei und dazu noch die Prophezeiung aus dem Jesaja Buch erfüllt: Gott wird mit uns sein. = Immanuel (Jesaja 7,23); das wird dieses Kind verwirklichen.

Wenn Menschen unwahrscheinliche Geschichten erzählen, sagen wir oft: „Das glaubst Du doch nicht mal im Traum“ – doch Josef tut genau das. Er vertraut auf den Boten Gottes, er vertraut der Weissagung des Propheten Jesaja, er hört auf seinen Traum. Maria nimmt er zu sich, sie wird und bleibt seine rechtmäßige Frau, dem Kind gibt er eine Familie und mit dem Namen „Jesus“ zugleich dessen späteres Lebensprogramm auf den Weg: Gott rettet.

Was lässt Menschen so handeln wie Josef, das frage ich mich, je mehr ich in diese Erzählung eintauche? Und was könnten wir heute lernen von diesem Josef?

Ein Hinweis kann der Name Josef selber sein. Dieser bedeutet: Gott fügt hinzu. Das heißt für mich, offen und bereit zu sein, dass Gott in unserem Leben tätig werden. Es bedeutet für mich, dem Göttlichen, Unwahrscheinlichen, Unerwarteten Raum und Zeit lassen und uns bewusst sein, dass Gott das Seine hinzufügt. Es bedeutet für mich, auf Träume und Boten hören, die Gott uns schickt.

Damit wir diese erkennen braucht es Demut und Mut. Demut, weil wir anerkennen müssen, dass es Größeres gibt als uns selbst; dass wir nicht alles, was geschieht, gleich in der vollen Bedeutung verstehen. Demut, weil die äußeren Fakten, die wir sehen, oft nicht unserer inneren Wahrheit bzw. der Wahrheit Gottes entsprechen. Das sollten wir uns und anderen eingestehen. Ebenso braucht es Mut der eigenen, inneren Stimme zu folgen, egal wie die Reaktionen der anderen ausfallen. Ein Martin Luther King hat so gelebt und eine große Rede gehalten über seinen Traum von der Gleichberechtigung schwarzer und weißer Menschen: „I have a Dream“, so hat diese Rede begonnen.

Menschen, die sich für eine gerechtere, friedlichere, menschenfreundlichere Welt einsetzen tun es bis heute überall, auf allen Kontinenten. Auch wenn sie oft einen hohen Preis dafür bezahlen.

Es ist zur Zeit viel von der Erneuerung der Kirche die Rede. Zu Recht. Auch dafür braucht es Demut und Mut. Demut anzuerkennen, dass Gottes Wirken größer ist als die Institution. Demut, dass vieles Mach- und Machtwerk ist und nicht von Gott kommt. Und Mut, dem Gottessohn Jesus zu vertrauen und zu handeln wie er gehandelt hat. Menschen mit ihrer Not und ihrer Sehnsucht in die Mitte zu stellen – vor Recht, Gesetz und Dogmatik- und zu vertrauen, dass dies göttlich ist. Dann würden wir, davon bin ich überzeugt, als Christen und Kirche wieder glaubwürdig.

1929, vor 90 Jahren, wurde Micheal Ende geboren. Er hat uns mit seinen Büchern „Momo“ und „Die unendliche Geschichte“ traumhaft wahre Geschichten geschenkt, die uns zeigen, was im Leben von Menschen zählt: zuhören können, Zeit haben für andere, respekt- und liebevoll miteinander umgehen, der Kraft der eigenen Seele vertrauen, Phantasie einsetzen, unabhängig bleiben gegenüber allem, was mächtig und laut daherkommt.

Wovon träumen Sie so kurz vor Weihnachten? Welcher Botschaft trauen Sie und handeln danach? Was will Gott Ihrem Leben hinzufügen? Das Evangelium des vierten Adventssonntag kann uns Mut machen darauf zu hören und auf unsere Träume von einem gerechten, liebevollen Umgang miteinander und unserer eigenen Person zu achten.

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