Unsere Gräber, Zeichen und Symbole des Lebens – Allerheiligen und Allerseelen

Zweite Lesung aus dem ersten Johannesbrief, Kapitel 3
1 Schwestern und Brüder!
Seht, welche Liebe uns der Vater geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes und wir sind es. Deshalb erkennt die Welt uns nicht, weil sie ihn nicht erkannt hat.
2 Geliebte, jetzt sind wir Kinder Gottes. Doch ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.
3 Jeder, der diese Hoffnung auf ihn setzt, heiligt sich, so wie Er heilig ist.

Autorin:
Walburga_Rüttenauer-Rest2009Walburga Rüttenauer–Rest, Bensberg, verheiratet, drei Kinder, Grundschullehrerin, nach der Pensionierung Ausbildungskurs zum Diakonat der Frau, diakonische und liturgische Aufgaben in der Pfarreigemeinde

 
Die Predigt:
Unsere Gräber, Zeichen und Symbole des Lebens

Liebe Leserin, lieber Leser,
1. November: Allerheiligen und 2. November: Allerseelen bilden eine Einheit.
Diese beiden Tage erinnern uns daran, dass Christus begraben wurde und dass sein Grab später leer war. An Sterben und Auferstehen Jesu zu glauben, ist unsere Aufgabe.

Der November ist der Monat der Toten, der Gräber. Gräber gibt es erst, seit es Menschen auf der Erde gibt. Tiere kennen keine Grabstätten. Der Mensch ist sich seiner Endlichkeit bewusst. Doch seit alters her lebt in ihm der Glaube, dass nicht alles vom Menschen der Verwesung anheim fällt. Auch in unserer Sprache wird das deutlich, wenn es in den Nachrichten z.B. heißt: „Fünf Menschen verloren bei diesem Unfall ihr Leben“. Wer sein Leben verloren hat, ist noch wer, auch wenn er das scheinbar Wichtigste verloren hat.

So hat der Mensch in fast allen Kulturen seine Toten begraben und in vielfältiger Weise die Gräber mit Zeichen und Symbolen des Lebens versehen. Die Frauen hatten bei den Bestattungsriten entscheidende Aufgaben. Den Menschen, den die Frauen mit soviel Schmerzen und Anstrengungen auf die Welt bringen, vertrauen Frauen mit besonderer Liebe und Sorgfalt der Erde an. Davon erzählt eine Geschichte aus dem ersten Testament im 2. Buch Samuel.

Die Geschichte von Rizpa
Lesung aus dem 2. Buch Samuel (21,8-14)
Der König nahm Armoni und Mefi-Boschet, die beiden Söhne, die Rizpa, die Tochter Ajas, dem Saul geboren hatte, und die fünf Söhne, die Michal, die Tochter Sauls, dem Adriël, dem Sohn Barsillais aus Mehola, geboren hatte.
Er lieferte sie den Gibeonitern aus, die sie auf dem Berg vor dem Angesicht des Herrn hinrichteten; so kamen alle sieben auf einmal um. Sie wurden in den ersten Tagen der Ernte getötet, zu Beginn der Gerstenernte. Sie wurden in den ersten Tagen der Ernte getötet. Rizpa, die Tochter Ajas, aber nahm Sackleinen und legte es für sie auf den Felsen, und blieb bei den Toten vom Beginn der Ernte, bis sich Wasser vom Himmel über die Toten ergoss. Sie ließ nicht zu, dass bei Tag die Vögel des Himmels und bei Nacht die Tiere des Feldes an sie herankamen. Als dem David erzählt wurde, was Rizpa, die Nebenfrau des Sauls getan hatte, ließ er die Gebeine Sauls und die Gebeine seines Sohnes Jonathan heraufbringen. Dann sammelte man die Gebeine der Hingerichteten ein und begrub sie zusammen mit den Gebeinen Sauls und seines Sohnes Jonathan.

Um diese Lesung besser zu verstehen, habe ich mich in Rizpa hinein gedacht:

    „Ich heiße Rizpa, das bedeutet Glühkohle. Ich war eine Nebenfrau des Königs Sauls. Meine Pflicht war es, dem König zu gefallen und ihm immer zur Verfügung zu stehen. Als Nebenfrau hatte ich keine Recht, erst als ich dem König zwei Söhne geboren hatte, stieg ich in seinem Ansehen.

    König Saul war ein schwieriger Mann, oft jähzornig und später schwermütig. Er nahm mich kaum noch wahr, umso wichtiger wurden mir meine beiden Söhne. Als sie herangewachsen waren, sah ich sie nur noch selten, denn mit den übrigen Söhnen Sauls gehörten sie nun zum Heeresstab des Königs, der allzu viele Kriege führte. Ständig musste ich um ihr Leben bangen. Dann kam es zu der entscheidenden Schlacht gegen David. Saul, mein Mann, fiel zusammen mit seinem Lieblingssohn Jonathan.

    Ob ich traurig über den Tod meines Mannes war? Ich weiß es nicht mehr, für mich allein zählte, dass meine Söhne den Krieg heil überstanden hatten. Als Witwe, auch als Witwe eines Königs war ich nun schutzlos und ohne finanzielle Sicherheit. Schutz und Sicherheit boten mir nur meine beiden Söhne.

    Mit Davids Sieg schien Frieden in unser Land einzukehren. Aber dann brach eine Hungernot aus, die drei Jahre währte. Das Volk begann zu murren. Ein Sündenbock musste her. Was lag König David näher, als die Nachkommen Sauls dafür heranzuziehen. Sie waren ihm wahrscheinlich schon lange ein Dorn im Auge. Vielleicht fürchtete er auch einen Aufstand von ihrer Seite. Mit der Hungernot hatte er eine triftige Entschuldigung für sein Vorgehen. Er erklärte, es sei Gottes Wille. Keiner erhob Einspruch. So nahm er meine beiden Söhne zusammen mit fünf Enkeln Sauls und ließ sie hinrichten.

    Frauen waren bei der Hinrichtung nicht zugelassen, doch nur zu bald erfuhr ich vom Tod meiner Söhne. Ich war wie gelähmt. In meiner ohnmächtigen Trauer konnte ich nicht einmal mehr weinen. Doch plötzlich erfüllte mich eine innere Kraft. Ohne auf Nachbarn und Freunde zu hören, verließ ich die Stadt und ging zum Hinrichtungsplatz. Ich wollte zu meine Kindern, ich wollte sie sehen, sie in die Arme nehmen, bei ihnen ausharren.

    Als Verbrecher hatte man sie hingerichtet und so stand ihnen k e i n B e g r ä b n i s zu. Ja es war verboten, Hingerichtete zu beerdigen. Ich kann nicht beschreiben, was ich dort sah und was der Anblick der zugerichteten Leichen mit mir machten. Geier kreisten über dem Platz und wilde Tiere hatten sich bereits über die Knochen hergemacht. Sie stoben auseinander, als sie mich sahen.

    Da lagen meine beiden Söhne. Mit tränenlosen Augen blickte ich über die Hinrichtungsstätte. Es war Erntezeit und die Menschen waren alle auf den Feldern, um wenigsten noch etwas zu ernten. Ich war vollkommen allein hier. Ich hatte Sackleinen mitgebracht. Das legte ich über meine beiden Kinder, fast wie damals, wenn ich abends nach ihnen schaute, ob sie eingeschlafen waren und sie sorgsam zudeckte, damit sie in der Nacht nicht frören. Ich setzte mich neben sie. Als es dunkelte, wollte ich aufstehen und nach Hause gehen, doch da hörte ich schon das Fauchen der wilden Tiere, die es auf die Leichen abgesehen hatten. Nein, ich musste hier bleiben. Ich nahm meinen Gehstock als Waffe zur Hand und horchte in die Dunkelheit hinein. Ich fühlte mich meinen Kindern ganz nahe. Wie ein endloser Film zog ihr Leben vor meinen inneren Augen vorüber.

    Manchmal fiel ich in einen kurzen Schlaf, doch das leiseste Geräusch weckte mich und ich griff wieder nach meinem Stock. Wenn meinen Kindern kein Grab zustand, sollten wenigstens die Tiere sich nicht über sie hermachen. Tage vergingen, Wochen, Monate. Treue Nachbarinnen brachten mir heimlich, im Schutz der Dunkelheit etwas zu essen und zu trinken. Nach fünf Monaten, als sich mein ohnmächtiger aber beharrlicher Protest im Lande herumgesprochen hatte, ließ David sich herab, den Hingerichteten ein Begräbnis zu gestatten. Ob ich während meiner langen Totenwache an Gott gedacht habe? Und ob, war e r nicht der Grund für den Tod meiner Jungen! So jedenfalls hatte es David verkündet und als dann die Hungerszeit aufhörte, glaubten alle seinen Worten. Ich konnte es nicht glauben. Was sollte das für ein Gott sein? Waren meine Kinder nicht auch Israeliten? Und überhaupt, was können Kinder für ihre Herkunft? War sich David seiner Aussage wirklich so sicher oder missbrauchte er Gottes Namen für politische Zwecke?

    Ihr Frauen von heute – kommt euch das nicht bekannt vor? Werden in eurer Welt nicht fast täglich Menschen im Namen Gottes getötet? Demonstrieren nicht in Israel, in Argentinien, in Chile und in vielen anderen Ländern Mütter von verschwundenen oder hingerichteten Söhnen mit stummen Protest, um an ihre Toten zu erinnern und ihnen so ihre Menschenwürde wenigstens im Tod wieder zu geben?

    Mit welchen Gedanken geht ihr über eure Friedhöfe? Einen geliebten Menschen durch den Tod zu verlieren ist sehr schwer zu ertragen. Aber wenn du zu keinem Grab gehen kannst, wenn du nicht weiß, was mit seinen sterblichen Überresten geschah, glaubt mir, das lässt eure Trauer zu Gram werden, der nicht zur Ruhe kommt.

    Ich kann nicht so gut begreifen, dass immer mehr Christen sich anonym beerdigen lassen. Eine normale Beerdigung und anschließende Pflege des Grabes kostet heute viel Geld. Deshalb halten sich heute bei Euch immer mehr Menschen davon ab, in einem normalen Grab beerdigt zu werden. Ich aber habe m e i n L e b e n für das Begräbnis meiner Kinder eingesetzt.“

Was hat Rizpa mit ihrer Hingabe für ein Begräbnis ihrer hingerichteten Söhne mit dem Fest Allerheiligen/Allerseelen gemeinsam? Die Heiligen haben ihr Leben Gott hingegeben, indem sie Jesus nachfolgten und bereit waren, ihr Leben für andere einzusetzen. Rizpa hat ihr Leben hingehalten, damit ihre Söhne begraben werden würden. Denn nicht beerdigt zu sein, bedeutete damals, ausgeschlossen zu werden aus der Familie der Menschen.

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