Wüstenerfahrungen – 24. Sonntag im Jahreskreis C

Erste Lesung aus dem Buch Exodus, Kapitel 32
In jenen Tagen
7 sprach der HERR zu Mose: Geh, steig hinunter, denn dein Volk, das du aus Ägypten heraufgeführt hast, läuft ins Verderben.
8 Schnell sind sie von dem Weg abgewichen, den ich ihnen vorgeschrieben habe. Sie haben sich ein gegossenes Kalb gemacht, sich vor ihm niedergeworfen und ihm Opfer geschlachtet, wobei sie sagten: Das sind deine Götter, Israel, die dich aus dem Land Ägypten heraufgeführt haben.
9 Weiter sprach der HERR zu Mose: Ich habe dieses Volk gesehen und siehe, es ist ein hartnäckiges Volk.
10 Jetzt lass mich, damit mein Zorn gegen sie entbrennt und sie verzehrt. Dich aber will ich zu einem großen Volk machen.
11 Mose aber besänftigte den HERRN, seinen Gott, indem er sagte: Wozu, HERR, soll dein Zorn gegen dein Volk entbrennen, das du mit großer Macht und starker Hand aus dem Land Ägypten herausgeführt hast.
13 Denk an deine Knechte, an Abraham, Isaak und Israel, denen du selbst geschworen und gesagt hast: Ich will eure Nachkommen zahlreich machen wie die Sterne am Himmel, und: Dieses ganze Land, von dem ich gesprochen habe, will ich euren Nachkommen geben und sie sollen es für immer besitzen.
14 Da ließ sich der HERR das Unheil reuen, das er seinem Volk angedroht hatte.

Wüste
Autorin:
Sigrid Haas, Diplomtheologin, Mannheim

 
Die Predigt:
Wüstenerfahrungen

Liebe Leserin, lieber Leser,
der „Tanz um das goldene Kalb“ ist auch im außerkirchlichen Raum ein Begriff, vor allem als Vergötterung des Geldes. Betrachten wir den heutigen Lesungstext isoliert, so lässt er sich zusammenfassen als: Das Volk sündigt, Gott will es vernichten, Mose kann ihn umstimmen. Doch ziehen wir den Textzusammenhang und die Entstehungsgeschichte hinzu, wird das Ganze vielschichtiger.

In der Wüste
Waren Sie schon einmal in der Wüste? Auch wenn Sie nicht die Gelegenheit hatten, in diese faszinierenden Regionen der Erde zu reisen, so haben Sie sicher schon „Wüstenerfahrungen“ gemacht. Positiv etwa als „Wüstentag“, um in der Stille zu sich zu finden. Oder negativ als Gefühle von Einsamkeit, Unsicherheit, Orientierungslosigkeit, Angst, Schuld, Scham, Verzweiflung und Verlassenheit. Vielleicht sind Sie sogar auf Ihrem Lebensweg schon einmal in eine Sackgasse oder auf einen völlig falschen Weg geraten. Und Sie haben gehofft und gewartet auf jemanden, der Ihnen da raus hilft oder auf ein Wunder, dass Gott endlich eingreift und die Situation zum Besseren wendet. Ist jedoch nichts geschehen, mussten Sie selber irgendetwas tun, damit Sie nicht verrückt werden in dieser Situation.

So ging es dem Volk Israel. Schon lange ist es auf dem Weg mit diesem Gott Jahwe, der gesagt hat „Ich bin der Ich-bin-da“ (Ex 3,14). Er hatte einen Bund mit Israel geschlossen, Mose zum Führer berufen, ihm die Zehn Gebote offenbart (Ex 19-20) und wollte sie in das verheißene Land führen. Doch nach der wundersamen Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten (Ex 12-18) sitzen die Menschen seit Wochen ausgelaugt und frustriert in der Wüste fest. Ihr Führer Mose ist noch immer auf dem Berg Horeb. Sie wissen nicht, ob er noch mal zurückkommt und fühlen sich von Mose und von Gott verlassen. Diese Gefühle kennen Sie sicher auch gut – ein nahe stehender Mensch hat Sie im Stich gelassen oder Ihre flehenden Gebete zu Gott bleiben ungehört.

Vermeintliche Sicherheit
Exodus 32 beginnt mit der Erschaffung des goldenen Kalbes (V1-6). Das Volk ist sich einig: ein Ersatz-Gott muss her, ein Gott, der da ist, sichtbar und zum Anfassen. Sie fordern Aaron, Mose Stellvertreter, auf „Mach uns Götter, die vor uns herziehen.“ (Ex 32,1) Für die vermeintliche Sicherheit opfern sie das Kostbarste, was sie noch haben: ihren Goldschmuck. So wie Menschen, um Liebe und Anerkennung zu bekommen, beispielsweise ihre Gesundheit und ihre Beziehungen opfern, und Tag und Nacht nur noch arbeiten oder sich gefährlichen Schönheitsoperationen unterziehen. Oder ihre Verantwortung abgeben und einem Sektenführer folgen. Aaron macht aus dem Schmuck ein goldenes Kalb. Die Menschen fühlen sich wieder sicher, beten die Götterstatue an und tanzen davor. Alles scheint wieder in Ordnung.

Der zornige Gott
Doch Jahwe reagiert menschlich. Er fühlt sich verraten und beschwert sich bei Mose über die störrischen Menschen, die er jetzt als Moses Volk bezeichnet (V7). Er hatte dem Volk den rechten Weg gezeigt, doch es geht eigene Wege und betet einen Götzen an, deshalb will er es vernichten und mit Mose ein neues Volk erschaffen. Der will aber nicht, sondern ermahnt Jahwe: Gott habe sein Volk doch aus Ägypten gerettet und den Vätern geschworen, sie zu einem großen Volk zu machen und ins gelobte Land zu führen. Mose ist geschickt: Er will sich und Gott vor den Ägypten nicht blamieren und erinnert Jahwe daran, dass er ein treuer Gott sein wollte. Sein Plan geht auf, Gott erinnert sich seiner Göttlichkeit, bereut seinen Racheplan und ist versöhnungsbereit.

Kontext und Entstehungsgeschichte
Betrachten wir den Abschnitt in seiner Entwicklung und im Zusammenhang, ergeben sich noch andere Aspekte, wie das jüdische Volk mit weiteren Wüstenerfahrungen umgegangen ist und was sich daraus entwickelt hat.

Exodus 32 ist überschrieben mit „Der Bruch des Bundes: das Goldene Kalb.“ Der „Sündenfall“ des Volkes ist die Fortführung des „Sündenfalls“ von Adam und Eva (Gen 3,1-24). Ihr Verhalten wurde als Sünde gebrandmarkt und zur Erbsünde weiterentwickelt, die von Generation zu Generation weitergegeben wird, wenngleich auch eine ganz andere Interpretation möglich ist (siehe http://www.kath-frauenpredigten.de/?p=6618). Die Erzählung vom Goldenen Kalb ist ein weiteres Beispiel, wie eine ursprünglich nicht-sündhafte Tat nachträglich als Sünde ausgelegt wurde.

Mehrere Widersprüche in Kapitel 32 legen einen mehrschichtigen, bearbeiteten Text nahe. Vermutlich erzählte die Urfassung der Geschichte (V1-6), dass der Priester Aaron aus Bet-El ein Stierbild als Symbol für den mächtigen Gott Jahwe machte und es ein Einweihungsfest gab. Dies wurde nicht als Verstoß gegen das Bilderverbot betrachtet.

Das hebräische Wort עֵגֶל ‘egæl wird mit Kalb übersetzt, es bedeutet aber auch Jungstier. Der Stier war damals Kraft- und Fruchtbarkeitssymbol. In den Staats-Heiligtümern Bet-El und Dan gab es Stierbilder als Symbol für Jahwe (1Kön12,28-30). Ein goldenes Stierbild am Sinai, dem Ort der Gottesbegegnung, konnte als Ausdruck der Manifestation und Heiligkeit Jahwes verstanden werden. Die Figur vereinte irdische und himmlische Wirklichkeit und drückte Gottes Anwesenheit, Schutz und Segen für das Volk und den Staat aus.

Die V7-14 sind jüngere Ergänzungen. Sie verurteilen die Erschaffung des Götterbildes und die damit verbundenen Rituale als Bundesbruch. Denn nachdem 722 v. Chr. Israel erobert und 587 v. Chr. Jerusalem zerstört wurde, wandelte sich das Stierbild zum Symbol der Zerstörung des Staates. Einst Zeichen für den Rettergott Jahwe, war es jetzt Ausdruck des untreuen Volkes, das den Bund mit Jahwe gebrochen hatte, indem es ein Götzenbild anbetete und die Gebote missachtete. Dieser Glaubensabfall wurde als Grund für den Untergang Israels betrachtet.

Widersprüche im Text
In V8 (ebenso V4) müsste es bei einem einzigen Stierbild (wie in 1Kön12,28) heißen „Dies ist dein Gott“, doch es steht die abwertende Formulierung „Götter.“ Außerdem wurden die regionalen Stierbilder von Bet-El und Dan auf ganz Israel ausgeweitet. Auch dass der sonst positiv dargestellte Aaron der Erschaffer eines Götzenbildes sein soll, passt nicht.

Gott erwähnt in V9 bereits das Stierbild, doch in V19 reagiert Mose völlig entsetzt, als er es sieht, zerstört er es und die Tafeln mit den Zehn Geboten ebenfalls. Weitere Widersprüche: Mose tritt für sein Volk ein. In V11-14 kann er Gottes Zorn abwenden, bittet jedoch erneut in V31-32, obwohl Mose selbst 3000 Abtrünnige bereits hat ermorden lassen (V26-28). Diesmal lässt Gott sich nicht umstimmen, sondern bestraft das Volk (V35).

Was dem Leben dient
Wir werden wohl häufig erst am Ende unseres Leben erkennen können, für was unsere Wüstenerfahrungen gut waren. Denn Gott ist zwar der nahe und treue Gott – war, ist und bleibt jedoch immer auch geheimnisvoll und unberechenbar. Es gibt keine Sicherheit, statt dessen ist unerschütterliches Vertrauen nötig. Diesen Widerspruch der zeitweise vermeintlichen Gottverlassenheit gilt es auszuhalten. Auch die Frage, warum Gott manchmal nicht hilft, bleibt unbeantwortet.

Wahrscheinlich müssen wir erst ganz tief in die Gefühle von Sünde, Schuld und Scham, Verlassenheit und Verzweiflung hinabtauchen und uns getrennt von Gott fühlen, um zu erkennen, dass die Angst und Enge, die uns dann befallen und die goldenen Kälber, die wir dann erschaffen nicht dem Leben dienen. Denn wo Angst ist, kann keine Liebe und damit kein Leben sein. Wir sind nicht sündig, sondern einzigartige Abbilder Gottes mit der Freiheit, lebensfördernde oder lebensfeindliche Erfahrungen zu wählen und die volle Verantwortung für unsere Taten zu übernehmen. Es ist deshalb immer unsere Entscheidung, ob aus den Wüstenerfahrungen neues Leben erwachsen kann oder ob das Leben stirbt. Amen.

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