Im Ranking der Liebe – 22. Sonntag im Jahreskreis C

Aus dem Evangelium nach Lukas, Kapitel 14
1 Jesus kam an einem Sabbat in das Haus eines führenden Pharisäers zum Essen. Da beobachtete man ihn genau.
7 Als er bemerkte, wie sich die Gäste die Ehrenplätze aussuchten, erzählte er ihnen ein Gleichnis. Er sagte zu ihnen:
8 Wenn du von jemandem zu einer Hochzeit eingeladen bist, nimm nicht den Ehrenplatz ein! Denn es könnte ein anderer von ihm eingeladen sein, der vornehmer ist als du,
9 und dann würde der Gastgeber, der dich und ihn eingeladen hat, kommen und zu dir sagen: Mach diesem hier Platz! Du aber wärst beschämt und müsstest den untersten Platz einnehmen.
10 Vielmehr, wenn du eingeladen bist, geh hin und nimm den untersten Platz ein, damit dein Gastgeber zu dir kommt und sagt: Mein Freund, rück weiter hinauf! Das wird für dich eine Ehre sein vor allen anderen Gästen.
11 Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.
12 Dann sagte er zu dem Gastgeber: Wenn du mittags oder abends ein Essen gibst, lade nicht deine Freunde oder deine Brüder, deine Verwandten oder reiche Nachbarn ein; sonst laden auch sie dich wieder ein und dir ist es vergolten.
13 Nein, wenn du ein Essen gibst, dann lade Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein.
14 Du wirst selig sein, denn sie haben nichts, um es dir zu vergelten; es wird dir vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten.

Autorin:
Rings-Kleer
Marita Rings-Kleer, Gemeindereferentin in der Pfarreiengemeinschaft Altenkessel-Klarenthal, Diözese Trier

 
Die Predigt:
Im Ranking der Liebe

Liebe Leserin, lieber Leser,
in Zeiten von Lady Gaga, Madonna, Donald Trump, Boris Johnson und anderen mutet der heutige Evangelien-Text doch sehr altbacken an. Wer will denn heutzutage schon nach hinten rücken, aus der ersten Reihe weichen oder gar zu den Letzten gehören?

Menschen, die sich, teils auch mit unlauteren Mitteln, in den Mittelpunkt drängen, werden von der Psychologie Narzissten genannt. Diese Bezeichnung geht auf die griechische Mythologie zurück, auf den schönen Sohn eines Flussgottes. Er war so sehr in seine Schönheit verliebt, dass er alle Verehrerinnen und auch Verehrer schroff zurückwies, weil keine und keiner gut genug für ihn war. So erging es auch der Bergnymphe Echo, die aber in ihrer Zurückweisung nicht blieb, sondern die Hilfe der Götter anrief, um die Schmähung zu rächen. Und tatsächlich wurde Narziss mit einem Fluch belegt: er musste fortan mit einer unstillbaren Selbstverliebtheit leben.

Diese unstillbare Selbstverliebtheit, der Narzissmus, scheint wie eine Epidemie der Moderne um sich zu greifen. Wer kennt sie nicht die Menschen, die immer nur die schönsten, die besten, die klügsten, die schnellsten und vieles andere mehr sein wollen und die dann tödlich gekränkt sind, wenn ihnen ihre Umgebung die absolute Verehrung und Anerkennung verweigert. Dann leiden sie, aber schon im nächsten Schritt wollen sie es noch besser machen – eine Spirale, die nie endet, so wie der Fluch, der Narziss getroffen hat.

Unsere griechischen Altvorderen, die in ihren Mythen ja so ganz typische Menschencharaktere beschrieben haben, waren schon sehr gute Beobachter. Wie in anderen Geschichten gibt es nur ein Zaubermittel, das den Fluch brechen kann, damals wie heute, und dieser Zauber ist die Liebe.

Jesus, der immer wieder zur Liebe auffordert und der von sich und seinem Vater sagt, dass sie in Liebe miteinander verbunden sind, dass sie die Liebe sind und diese Liebe in die Welt hineintragen, sie können den Fluch der selbstverliebten Menschen brechen. Aber ihre Liebe ist kein abgeschirmtes Geschehen, ihre Liebe geht nach außen, sie trifft die Menschen und bewirkt bei ihnen Wunder.

Wer liebt, der sieht nicht mehr sich selbst, sondern immer den anderen. Wer liebt, will nicht selbst im Mittelpunkt stehen, sondern stellt immer den anderen in die Mitte seines Lebens, seines Denkens, Handelns und Fühlens. Wer liebt, achtet nicht mehr auf den Platz für sich selbst, nicht mehr auf Ehre und Auszeichnung, dieser Mensch will alles das für andere und freut sich daran.

Doch Jesus geht noch einen Schritt weiter. Seine Liebe ist nicht Verliebtheit, die Menschen dazu bringt, all das Genannte zu tun. Seine Liebe ist wirkliche Liebe, die sich auch da äußert, wo Menschen nicht mit Schmetterlingen im Bauch aufeinander treffen. Seine Liebe soll auch meine Liebe werden und die bewährt sich im Alltag bei den Menschen, die mir begegnen, ob sie mir nun sympathisch sind oder nicht. Und vielleicht braucht ja gerade der Mensch, der in der Gemeinschaft eher am Rand steht, umso mehr Liebe. Und das ist dann eine Herausforderung an ein Menschenherz und an ein Christenherz.

Jesus geht auch an dieser Stelle noch weiter, er will, dass wir sogar unsere Feinde lieben.
Wer sich auf diesen Weg Jesu einlässt, der bewegt sich ganz schnell und ganz weit von der Selbstliebe eines Narziss weg.

Im Ranking der Selbstliebe bewegt sich solch ein Mensch von den ersten Plätzen weg, in die eher hinteren Reihen. Im Ranking der Liebe aber, werden aus den Letzten die Ersten. Denn Gott geht es um die wahre Liebe zum Nächsten, es geht ihm aber auch um die gesunde Liebe zu mir selbst. Und es geht ihm um die Liebe der Menschen zu Gott, zu jenem Gott, der uns zusagt „Ich bin da“.

Und das Schöne an dieser Art der Liebe ist, dass sie gestillt werden kann: Mit Anerkennung, Wertschätzung, Zärtlichkeit, Freundlichkeit und anderen Gesten der Zuneigung. Nicht der Jubel der Fans oder die Blitzlichter der Öffentlichkeit können wirklich glücklich machen, auch das sehen wir an den modernen Narzissten, deshalb drängen sie sich immer wieder nach vorne in die ersten Reihen. Aber dort hinten, da wo niemand hinsieht, keine Kamera und kein Applaus, da können Liebe und liebevoller Umgang Menschen glücklich machen.

Narziss konnte übrigens nur so lange leben, wie er sein schönes Gesicht in keinem Spiegel sah. Eines Tags sah er in einem kleinen See zum ersten Mal sein Spiegelbild und war entzückt. Doch just in diesem Augenblick fiel ein kleines Blatt ins Wasser und verzerrte das hübsche Gesicht. Mit dem Gedanken an ein altes und hässliches Gesicht konnte Narziss nicht leben und er brachte sich um.

Selbstverliebtheit ist also nicht der Weg zum Leben. Liebe, wie von Jesus vorgelebt, aber ist der Weg zum Leben.

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