Dialogfähigkeit als Gebot der Stunde – 20. Sonntag im Jahreskreis C

Aus dem Evangelium nach Lukas, Kapitel 12
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern – und Jüngerinnen:
49 Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!
50 Ich muss mit einer Taufe getauft werden und wie bin ich bedrängt, bis sie vollzogen ist.
51 Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, sondern Spaltung.
52 Denn von nun an werden fünf Menschen im gleichen Haus in Zwietracht leben: Drei werden gegen zwei stehen und zwei gegen drei;
53 der Vater wird gegen den Sohn stehen und der Sohn gegen den Vater, die Mutter gegen die Tochter und die Tochter gegen die Mutter, die Schwiegermutter gegen ihre Schwiegertochter und die Schwiegertochter gegen die Schwiegermutter.

Autorin:
PassbildSabine Mader, Pastoralreferentin am Robert Bosch Krankenhaus in Stuttgart

 
Die Predigt:
Dialogfähigkeit als Gebot der Stunde

Liebe Leserin, lieber Leser,
„Evangelium unseres Herrn Jesu Christi“ – so wird die Bibellesung in der katholischen Liturgie überschrieben. Aus dem Griechischen kommend heißt Evangelium: Gute/Frohe Botschaft. In unserem heutigen Text lässt sich auf den ersten Blick aber wenig Frohes finden. Plötzlich hören wir ungewohnt harsche Worte: Jesus sagt, er sei nicht gekommen, um Frieden zu bringen sondern Spaltung; von Hass und Zwietracht in den Familien ist die Rede!

An den Krankenbetten höre ich sehr oft Ähnliches, wenn Menschen über die schlechten Zeiten heutzutage sprechen. „Die Menschen haben immer weniger Werte, denken nur mehr an sich“, höre ich zum Beispiel. Und auch die Medien überbieten sich gegenseitig in Untergangsszenarien der gewohnten Welt. Heute wie damals scheint sich also die Lage zuzuspitzen, eine Entscheidung in der Luft zu liegen.

Jesus wählt in dieser Situation klare Worte, die uns wachrütteln sollen. Es geht darum, für unsere Werte zu kämpfen und einzustehen. Nicht tatenlos zuzusehen, wie z.B. das soziale Klima um uns herum immer kälter wird und es immer mehr Verlierer gibt. Manchmal muss man etwas wagen und sich auch mit seinem engsten Umfeld auseinandersetzen, meine ich die Botschaft zu hören. Nicht schweigen um des Friedens willen sondern mutig in jede Auseinandersetzung gehen. Und vielleicht haben Sie auch die Erfahrung gemacht, dass in manchem Streit auch wirklich Segen liegen kann.

Aber gleichzeitig habe ich unendlich Bauchweh, wenn ich solche Parolen aus manchen Mündern höre. Es gibt so viele heillos zerstrittene Familien, in denen nicht mehr gut zu leben ist. Wenn um alles im Leben gestritten werden muss, dann setzen sich die kräftigen, skrupellosen Menschen durch und die schwachen werden zu Verlierern. Manchmal schäme ich mich für gläubige Menschen, die meinen zu wissen, was Wahrheit ist, und dadurch gnadenlos Menschen verurteilen und herabwürdigen, die anders denken und leben.

Hat also Jesus uns mit diesen Worten aufgefordert, Spaltung zu bringen und Streit gut zu heißen? Möchte er wirklich, dass wir uns, wenn wir glauben, Recht zu haben, immer durchsetzen?

Beim erneuten Lesen der heutigen Stelle im Evangelium fällt mir auf, dass er nur von sich spricht: er ist gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen und nicht Frieden sondern Spaltung zu bringen. Er spricht keine Aufforderung an uns aus, Spaltung in die Welt zu bringen sondern beschreibt vielmehr, was seine Botschaft bewirken wird. Ich glaube, auf dem Weg nach Jerusalem wird ihm bewusst, welches Erbe er uns mit gibt. Es wird für uns nicht einfach sein, ihm nachzufolgen, wir werden anecken, verlacht werden, manchmal alleine dastehen, wenn wir eigentlich Gutes wollen. Und manche Situation erfordert es, aufzustehen und einzustehen für unsere Botschaft von der Würde aller Menschen. Jesus möchte die Jünger und Jüngerinnen, also auch uns, mit seinen Worten wachrütteln, dass es in ihrem Leben um etwas geht. Dass es wichtig ist, wach zu sein und sein Leben zu gestalten im Blick auf seine heilbringende Botschaft.

Aber ich denke, wir werden mehr daran gemessen, wie oft wir einen Konflikt durch einen liebevollen Dialog auf Augenhöhe verhindern statt ihn anzuheizen. Es ist wichtig, in schwierigen Situationen klug und besonnen zu bleiben und weniger auf seine eigene Meinung zu pochen als das Wohl aller Beteiligten im Blick zu haben. Viel zu viele Menschen denken heutzutage, die Wahrheit zu kennen und schlagen sie einander um die Ohren. Es ist wichtig, in jeder noch so guten Auseinandersetzung immer wieder inne zu halten und zu überprüfen, ob man noch auf der richtigen Spur ist oder sich schon vergaloppiert hat. Es ist wichtig, einmal Klartext zu reden, aber kurz darauf genauso offen zu sein, sich die Worte der anderen sagen zu lassen. Mal steht man auf der einen Seite, mal auf der anderen Seite und das gelingt nur, wenn man das richtige Bezugssystem hat – einen Gott, der möchte, dass wir Menschen auf Erden ein Leben in Fülle haben, jede und jeder einzelne.

Jesus kennt die Menschen gut, er weiß, dass er mit seinem radikalen Weg auch Spannungen in die Welt bringt, aber gleichzeitig schenkt er uns auch die Lösung: die Liebe zu den Menschen steht über allem. Dialogfähigkeit scheint mir das Zauberwort in manchen Krisen zu sein und steht besonders uns ChristInnen gut an.

Dieser Beitrag wurde unter Predigten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

50 − = 43

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.