Manchmal zerreißt der Schleier – Fronleichnam / Hochfest des Leibes und Blutes Christi

Aus dem Evangelium nach Lukas, Kapitel 9
In jener Zeit
11b redete Jesus zum Volk vom Reich Gottes und machte gesund, die der Heilung bedurften.
12 Als der Tag zur Neige ging, kamen die Zwölf und sagten zu ihm: Schick die Leute weg, damit sie in die umliegenden Dörfer und Gehöfte gehen, dort Unterkunft finden und etwas zu essen bekommen; denn wir sind hier an einem abgelegenen Ort.
13 Er antwortete ihnen: Gebt ihr ihnen zu essen! Sie sagten: Wir haben nicht mehr als fünf Brote und zwei Fische; wir müssten erst weggehen und für dieses ganze Volk etwas zu essen kaufen.
14 Es waren nämlich etwa fünftausend Männer. Er aber sagte zu seinen Jüngern: Lasst sie sich in Gruppen zu ungefähr fünfzig lagern.
15 Die Jünger taten so und veranlassten, dass sich alle lagerten.
16 Jesus aber nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis und brach sie; dann gab er sie den Jüngern, damit sie diese an die Leute austeilten.
17 Und alle aßen und wurden satt. Als man die übrig gebliebenen Brotstücke einsammelte, waren es zwölf Körbe voll.

Autorin:
Margret Schäfer-KrebsMargret Schäfer – Krebs, Pastoralreferentin, Referentin im Bischöflichen Ordinariat Rottenburg für Liturgie und Ökumene

 
Die Predigt:
Manchmal zerreißt der Schleier

Liebe Leserin, lieber Leser,
manchmal komme ich ins Nachdenken und Träumen, mitten in der Arbeit, beim Abstauben des Wohnzimmers zum Beispiel:
Da ist das Bild von der Hochzeit der Cousine. Was war das für ein schönes Fest. Onkel Hans war da – wie die Zeit vergeht – seit fünf Jahren besuchen wir ihn auf dem Friedhof. – In der Vitrine die tolle Vase von einem Griechenlandurlaub. Zum ersten mal bin ich in ein Flugzeug gestiegen. Tage voller Sonne, tolles Essen, die Begegnung mit der Antike – für einen Moment meine ich die Mittelmeersonne wieder zu spüren. Andenken sind etwas Lebendiges. – Auf der Kommode der getrocknete Blumenstrauß vom letzten Geburtstag, ein richtiger Staubfänger, aber ich kann mich von ihm noch nicht trennen; der Abend mit Christiane, die den Strauß mitbrachte war einfach zu schön, was haben wir gelacht. – Mein Gott, was mach ich eigentlich? – In der rechten Hand den Staublappen, in der linken eine kleine Figur, Mitbringsel vom Jahrgangsausflug in die Berge letztes Jahr. Auch so ein kleiner Schatz, der zu mir – mitten in der Arbeit – spricht.

Das Staubtuch in der Hand – ein Hauch von Glückseligkeit umgibt mich. Manchmal zerreißt der Schleier; beim Ent-stauben beginnen die Dinge mit mir zu sprechen, Erinnerungen werden lebendig, ich bin nicht allein; mitten im Alltagsgeschäft, im Grau des Staubes werde ich an das Lebendige und Bunte in meinem Leben erinnert.

Brot ist auch so etwas. Das Brot, das ich gestern gebacken habe, hat diesen wunderbaren Duft, den nur Brot haben kann. Es macht Lust auf ein tolles Vesper, weckt die Lebensgeister – und Erinnerungen: ans Backhäusle von früher, an die Wärme und den Brotduft, an die Begegnungen und Gespräche dort, an das Anknabbern des Brotes auf dem Heimweg.

Brotlos sein heißt notvoll sein
Brot: Erde, Wasser, Luft, Feuer – Wärme und Hitze und Menschenhände haben daran mitgearbeitet – über ein Jahr lang. Ich lebe nicht allein, sagt mir das Brot. Und schmecken tut’s sowieso besser, wenn man es teilt, wenn man es nicht alleine essen muss.

Brot erwerben, Brot haben und Brot teilen hat etwas mit Frieden, Menschenwürde, Geborgenheit und Freiheit zu tun. Brot weckt Erinnerungen, es schmeckt nach Heimat und Familie und bisweilen auch nach Gemütlichkeit. Und wiederum werden Geschichten wach, Brot und meine Lebens-Geschichte gehören zusammen. Dem Brot gegenüber habe ich deshalb Achtung gelernt – und es zu segnen, bevor ich es anschneide. Wo Brot fehlt, geht es an die Existenz. Brot-los sein heißt not-voll sein. Brot und Leben gehören zusammen. Brot ist ein Zeichen, ein Symbol für unser Leben.

An Jesu Tisch haben alle Platz
Eine Brotgeschichte steht auch im Evangelium von heute. An Jesu Tisch haben alle Platz und alle werden satt: die ausgepowerten Jünger, die von ihrem ersten Einsatz zurückkehren und die Vielen, die Jesus aus ganz unterschiedlichen Gründen aufgesucht hatten. Mit dem Wenigen, das da war – fünf Brote und zwei Fische – mit dem Wenigen, das für so viel Hunger beigesteuert werden konnte und auch beigesteuert werden musste, macht es Jesus so, dass es reicht, dass alle satt werden. Bei Jesus lässt es sich leben. Bei ihm gibt es nicht nur leere Worte. Er ist wie Brot.

Eine weitere, ganz zentrale Brotgeschichte kommt am heutigen Festtag in Erinnerung: Jesu letztes Abendmahl. Am Abend vor seinem Tod teilte Jesus nochmals Brot aus; Brot – Symbol für Leben schlechthin – wird Symbol für sein Leben und all das, was dazugehört hat: danken, teilen, Liebe weitergeben und verschenken, konfrontieren, Hunger stillen, trösten, heilen, Kraft zum Leben geben. Mit diesem Brot gibt er seinen Jüngern mehr als ein Abendessen. Er gibt ihnen ein Lebens-Zeichen. Brot-Teilen wird zu seinem bleibenden Kenn-Zeichen.

Jesus ist uns Cum-pane
Manchmal zerreißt der Schleier – wie den Jüngern von Emmaus können auch uns die Augen aufgehen. Sie erkannten ihn und wir erkennen ihn beim Brotbrechen. Brot im Gedenken an Jesus Christus miteinander geteilt ist mehr als ein Lebens-mittel, es ist auch für uns Jesu Lebens- und Kennzeichen. Jesus ist uns „cum-pane – mit Brot“. „Mit Brot“ ist und bleibt er bei uns, „mit Brot“ ist er Leib Christi für uns.

„Für uns“ bedeutet, nicht für mich allein. „Eigen-bröt-elei“ geht als cum-pane und cum-panin Jesu nicht. Eucharistie feiern und verehren geht nicht ohne teilen. An der Eucharistie teil-haben geht nicht ohne teil-geben. Teilgeben von dem was wir an Lebens-Mitteln und Geld haben und Teilgeben von dem was wir heute feiern: Jesus Christus soll unter die Leute kommen, auch außerhalb der Kirchenmauern. Der Leib Christi wird deshalb durch Straßen, Gassen und auf Plätze getragen. Seit 1264 wird das in immer wieder neuer Ausgestaltung getan.

Manchmal hebt sich der Schleier: In diesem Brot ist Jesus da und seine Verheißung ist wahr: Ich bin bei euch alle Tage, bis zum Ende der Welt (Mt 28, 20b).

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