Friede sei mit euch – Pfingsten / Hochfest der Heiligen Geistkraft

An diesem Pfingstfest feiert unser Predigtblog sein achtjähriges Bestehen. Aus diesem Anlass haben wir ein E-Book mit einer kleinen Predigtauswahl zusammengestellt, das Sie hier downloaden können:
https://c.web.de/@568512528770930065/TaYOXuxQQ-6SoxGlYvLe7Q

Aus dem Evangelium nach Johannes, Kapitel 20
Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache
19 Am Abend dieses ersten Tages nach dem Sabbat, als die Jüngerinnen und Jünger hinter geschlossenen Türen saßen aus Angst vor der jüdischen Obrigkeit, da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: »Friede sei mit euch!«
20 Als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und die Seite. Da freuten sich die Jüngerinnen und Jünger, dass sie Jesus den Lebendigen sahen.
21 Jesus sagte noch einmal zu ihnen: »Friede sei mit euch! Wie mich Gott gesandt hat, so sende ich euch.«
22 Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und sagte ihnen: »Nehmt die heilige Geistkraft auf.
23 Allen, denen ihr Unrecht vergebt, ist es vergeben. Allen, denen ihr dies verweigert, bleibt es.«

Taube
Autorin:
Sigrid Haas, Diplomtheologin, Mannheim

 
Die Predigt:
Friede sei mit euch

Liebe Leserin, lieber Leser,

Verschlossene Türen

die junge Gemeinde, wie sie uns im Evangelium heute begegnet, befindet sich im Un-Frieden – äußerlich wie innerlich. Die Gläubigen sind im Konflikt mit den jüdischen Gemeinden, zu denen sie bis vor kurzem noch selbst gehört hatten. Und nach der Tragödie von Jesu Kreuzigung kämpfen sie gegen Trauer, Verzweiflung und Angst. Denn Jesus hatte sich bis jetzt nur Maria von Magdala gezeigt und sie zur Verkündigung der Auferstehung beauftragt. Doch konnten sie ihr glauben? Sie ziehen sich zurück, verschließen die Türen und auch ihr Herz.

Dann kommt Jesus in ihre Mitte – der Platz, welcher leer zu sein scheint – und erinnert sie daran, dass der Friede seinen Ursprung in Gott hat. Als er sie mit dem gebräuchlichen jüdischen Gruß Friede sei mit euch anspricht, erkennen sie ihn jedoch noch nicht. Denn wer im Zustand der Angst ist, fixiert sich nur auf das Befürchtete, sieht keine Alternativen und hält Wunder für unmöglich. Die verschlossenen Türen weisen außerdem darauf hin, dass der Frieden im eigenen Inneren beginnt. Denn – wo Frieden herrscht, ist kein Platz für die Angst.

Erst als Jesus ihnen seine Hände und seine Seite zeigt, weicht die Angst, ihre Herzen öffnen sich wieder. Nun erkennen sie ihn und die Freude kehrt zurück. Viele in der Kirche verschließen auch heute noch ihre Türen und ihr Herz – aus Angst vor Menschen, die Freude, Freiheit, Geschwisterlichkeit und Gleichberechtigung leben wollen. Und verhindern so die notwendige Erneuerung, welche die Heilige Geistkraft bewirken will…

Jesus wiederholt den Friedensgruß noch einmal und gibt den Jüngerinnen und Jüngern den Sendungsauftrag. Dann überträgt er ihnen die Heilige Geistkraft – ihr Symbol ist die Taube, die zugleich auch für Frieden steht. Denn nur wenn wir von dieser Geistkraft erfüllt sind, können wir auch Frieden finden. Diese göttliche Lebensenergie ist Geschenk und Ver-Antwort-ung zugleich, ist sie doch verbunden mit der Bevollmächtigung zur Vergebung der Sünden. Es liegt nun in unserer Hand, ob wir die Erde zu einem Paradies oder zur Hölle machen – ausnahmslos jede und jeder hat diese Schöpfungsmacht.

Innerer und äußerer Frieden

Um diese unsere schöpferische Macht in lebensfördernder Weise auszuüben, braucht es den Frieden in uns selbst, steht er doch im Zusammenhang zum äußeren Frieden. Denn wie kommt es zu all den Kriegen, wer beginnt sie? Ein Mensch bzw. eine Gruppe stiftet Un-Frieden oder wendet Gewalt an, die Gegenseite reagiert ebenfalls mit Gewalt und schon ist ein Krieg in Gange.

Auch wenn Kriege heute nicht nur militärisch geführt werden, sondern etwa als Wirtschafts-, Cyber- und Stellvertreterkriege, in Form von Umweltzerstörung, Terroranschlägen und Fake-News. Wären diese Menschen von innerem Frieden erfüllt, würden sie nicht so handeln. Ihr innerer Zustand ist auch äußerlich sichtbar: Augen, Gesicht, Körperhaltung, Gang, Stimme, Sprechweise, Wortwahl, Ausstrahlung etc. zeigen es. Jedes Gefühl hat eine bestimmte Schwingungsfrequenz, deshalb können wir intuitiv wahrnehmen, ob jemand im Frieden oder Unfrieden ist.

Frieden beginnt im Kopf. Schon der erste biblische Mord fängt mit einem Gedanken an (Gen 4, 3-7), der entsprechende Gefühle auslöst. Kain glaubt sich von Gott nicht gesehen, abgelehnt, zurückgewiesen, getrennt, weil Gott nur auf das Opfer seines Bruders Abel schaut. Dieser hat ihm nichts Böses getan. Doch er sieht ihn als Konkurrenten und tötet ihn aus Wut, verletztem Stolz und Neid, statt sich seinen Gefühlen und seinem Schmerz, seinen Bedürfnissen, Wünschen und Sehnsüchten zu stellen. So trägt er seinen inneren Unfrieden nach außen und zerstört die Familie.

Wie oft sind wir innerlich zerrissen, weil unsere Gedanken, Gefühle, Worte und Handlungen nicht in Harmonie miteinander sind, wir mit unserem Schicksal hadern, uns selbst nicht lieben können und glauben, andere wollten uns Böses. Jeder Mensch hat von Gott besondere Gaben bekommen, ist deshalb einzigartig und wird von Gott geliebt. So viele Menschen sehnen sich nach Frieden, beten und kämpfen dafür. Nur äußerlich das Gute tun, genügt allerdings nicht. Da wir alle miteinander verbunden sind, ist der erste Schritt zum Weltfrieden, dass jeder Mann, jede Frau, jedes Kind in sich selbst Frieden findet. Was jede und jeder Einzelne denkt, fühlt, sagt und tut hat immer – positive oder negative – Auswirkungen auf andere, auch wenn das nicht immer sichtbar ist.

„Shalom“ – viel mehr als nur Frieden

Das hebräischen Wort שָׁלוֹם/Shalom und die verwandten altorientalischen Sprachen gleichen sich im breiten Bedeutungsrahmen. Dieser reicht von ungefährdetem Wohlergehen, Wohlbefinden, Gesundheit, Freude, Zufriedenheit, Fülle, Glück, Sicherheit, Ruhe, Vervollständigung bis zu heil und gesund sein bzw. werden. In Ägypten hatte der Pharao als Stellvertreter Gottes dafür zu sorgen, dass diese göttliche Ordnung des „Shalom“, das kollektive Wohlbefinden, in seinem Reich hergestellt wurde und erhalten blieb. „Shalom“ wurde außerdem als Gruß verwendet und ist bis heute die übliche jüdische Formel zur Begrüßung und zum Abschied, ähnlich auch das wortverwandte arabische „Salam“.

Im Alten Testament wird „Shalom“ überwiegend als Segen verstanden, der sowohl Gruß als auch Wunsch ist (z.B. Ps 29,11, Num 6,24-26). Ebenfalls wird dadurch das Verhältnis der Menschen zueinander und zu Gott bezeichnet, der einen „ewigen Bund des Friedens“ mit seinem Volk geschlossen hat (Jes 54,10).

Diese verschiedenen Aspekte gingen durch Übersetzungen allerdings teilweise verloren. Im Neuen Testament durchzieht der Friedensbegriff sämtliche Bücher. Das griechische Wort „εἰρήνη/eirēnē“ wird als Geschenk Gottes verstanden (Joh 14,27), das die Menschen annehmen oder ablehnen können. Frieden ist ein Zustand, in dem der Mensch in Harmonie ist mit sich selbst, mit der Welt und mit Gott, und alles, was das Leben lebenswert macht. Frieden erwächst aus Erkenntnis, Weisheit, gelebtem Glauben, Vertrauen,Vergebung und Geborgenheit, welche der Mensch in Gott findet. Und er hat auch eine soziale Komponente (Jak 2,16). Die Verwendung als Grußformel blieb in den Briefen erhalten (z.B. Röm 1,7), liturgisch im Friedensgruß und als Abschlussformel „Gehet hin in Frieden“. Das lateinische „pax“ ist eine Reduzierung auf den Gegenbegriff zu „Krieg“. Genauso wie das deutsche Wort „Friede(n)“, obwohl das althochdeutsche „fridu“ auch den Aspekt der Freundschaft einschloss.

Der ursprüngliche hebräische „Shalom“-Gruß blieb besonders in der franziskanischen Ordensfamilie erhalten. Der Friedensgruß wird bis heute als Begrüßung und Grußformel in Briefen verwendet. Der heilige Franz von Assisi hatte die Weisung Jesu an die Jünger aufgegriffen, beim betreten des Hauses Frieden zu wünschen (Mt 10,12). Später setzte sich die Formel „Pax et bonum“ durch, oft mit „Friede und Heil“ übersetzt, richtig wäre aber „Friede und Gutes“. Das Gute umfasst auch die Erfüllung der Grundbedürfnisse, Freude, Gesundheit, glückliche Beziehungen etc., also auch irdisches, sinnlich erfahrbares Wohlergehen als Bestandteil des „Shalom“.

Taizé ist ebenfalls ein besonderes Beispiel für den Geist des „Shalom“. Frère Roger begann 1940, Flüchtlinge aufzunehmen. Seit den 70er Jahren strömen jährlich Zehntausende vor allem junge Menschen aus aller Welt dorthin, um gemeinsam „Pilgerwege des Vertrauens und der Versöhnung“ zu gehen. Das Taizé-Kreuz in Form einer Friedenstaube ist das äußerliche Erkennungszeichen. Als Frère Roger 2005 während des Gebets von einer psychisch kranken Frau ermordet wurde, bewahrten die versammelten Menschen trotzdem den Frieden und beteten für die Mörderin. Taizé ist ein Ort des Friedens geblieben.

Sich immer wieder auf Frieden ausrichten

Da Frieden schnell wieder verloren gehen kann, manchmal genügt schon ein einziges Wort, müssen wir uns immer wieder neu darauf ausrichten. In der Bergpredigt hat Jesus uns aufgetragen: Tut Gutes denen, die euch hassen, segnet sie, betet für sie (LK 6, 27-28). Dadurch schauen wir auf das Gute in jedem Menschen und geben ihm so die Chance, sich dafür zu entscheiden. Wenn wir den Friedensgruß aussprechen oder schreiben, übertragen und aktivieren wir „Shalom“ gewissermaßen in anderen. Frieden lebt durch Beziehungen – zu uns selbst, zu anderen, zur ganzen Schöpfung, zu Gott. Je mehr wir mit den Augen der Liebe schauen und achtsam in Beziehung gehen, desto mehr kann die Welt von Frieden durchdrungen werden. So kann, begonnen durch einen einzigen Menschen, der Frieden im Sinne des „Shalom“ lebt, wie etwa Frère Roger oder die heiligen Franziskus und Klara es taten, auch in der äußeren Welt ein weltweites Netz aus Oasen des Friedens entstehen, die sich immer mehr ausbreiten und verwüstetes Land zurückerobern.

Probieren Sie doch einmal, statt der üblichen Begrüßungsfloskeln, ein „Friede sei mit dir/Ihnen“ zu sagen und lassen sich überraschen, wie Ihr Gegenüber reagiert…
Amen

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