Die Stimme des Hirten kennenlernen – 4. Sonntag der Osterzeit C

Aus dem Evangelium nach Johannes, Kapitel 10
In jener Zeit sprach Jesus:
27 Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie und sie folgen mir.
28 Ich gebe ihnen ewiges Leben. Sie werden niemals zugrunde gehen und niemand wird sie meiner Hand entreißen.
29 Mein Vater, der sie mir gab, ist größer als alle und niemand kann sie der Hand meines Vaters entreißen.
30 Ich und der Vater sind eins.

Autorin:
Utta-Hahn-2-150x150Utta Hahn, Gemeindereferentin, Landpastoral Schönenberg in Ellwangen

 
Die Predigt:
Die Stimme des Hirten kennenlernen

Liebe Leserin, lieber Leser,

… mitten im Mai – traditionell dem Marienmonat –
… am Muttertag –
… am 56. Weltgebetstag um geistliche Berufungen –
… am 4. Sonntag in der Osterzeit
… zu Beginn der Aktionswoche: maria 2.0

… dieses Evangelium aus einem Streitgespräch Jesu mit den Schriftgelehrten im Tempel von Jerusalem beim Tempelweihefest.

Jesus spricht im Bild vom Hirten und den Schafen, ohne den Hirten zu benennen, aber die Stimme, die von den Schafen erkannt und als Zeichen der Zugehörigkeit verstanden wird.

Schafe sind Herdentiere – sie haben sich sozusagen verständigt, dass sie dem Leittier oder eben dem Menschen, der sie führt, vertrauen. Vertrauen, dass sie genug zu essen finden und vertrauen, dass sie in Frieden leben können. Sie erkennen ihre Jungen an der Stimme und sie erkennen die Hirtin oder den Hirten an der Stimme.

Im Gegensatz zu den Schafen, die in eine Herde hineingeboren werden und dort im besten Fall ihr Leben lang bleiben, sind wir Menschen nicht automatisch Christen sondern, um in den Worten des Johannes zu bleiben, wurden von Gott an Christus gegeben.

Das heißt, dass wir im Laufe des Lebens entdecken können und dürfen wie Jesus der Christus, der Hirte unseres Leben werden kann. Wir können lernen, die Stimme Jesu – die Stimme Gottes – Ich und der Vater sind eins – zu erkennen und uns dann entscheiden, ihr zu folgen.

Das ist anspruchsvoll, viel mehr als wir gängiger Weise mit dem Bild eines Schafes verbinden. Wir treten heraus aus der passiven in eine aktive Rolle für unser Leben. Damit sind wir nah an dem, was Jesus in vielen anderen Erzählungen in den Evangelien lebt: Jede und jeder kann die Gotteskindschaft – die Gottebenbildlichkeit in sich entdecken, frei und geliebt die eigenen Talente entwickeln und die Stimme Gottes im eigenen Leben als Orientierungspunkt annehmen.

Diese Stimme Gottes kennenzulernen ist eine Entwicklung – ja eine geistliche Entwicklung, die uns nicht aufgezwungen wird. Sie folgt keinem Katechismus und keinem Frage-Antwort-Katalog, sie ist nicht zu erlernen wie das Einmaleins und vielleicht am wichtigsten, sie unterscheidet nicht nach Geschlecht und Herkunft… :Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus. (Brief an die Gemeinde in Galatien, Gal 3,27-28)

In unserer Kirche sollte es keine Strukturen geben, die hinter diesen Anspruch zurückgehen.

Dieser Predigtblog, genau wie viele Aktionen von Frauengruppen, wie auch nun die dieses Wochenende startende Aktion: maria 2.0, wollen friedfertig, dialogbereit und geisterfüllt immer wieder von Neuem auf die ungerechten Strukturen in unserer Kirche hinweisen und leben aus der Hoffnung, dass der Funke überspringt auf all jene, die verändern können.

Wir haben Gottes Stimme kennengelernt – in der Stimme von Frauen aus vergangenen Jahrhunderten – Hildegard von Bingen, Katharina von Siena, Theresa von Avila…
Wir haben Gottes Stimme wiedererkannt im Dienst von Frauen und Männern für mehr Gerechtigkeit, Frieden und Menschenwürde in den Armenvierteln und Diktaturen auf allen Kontinenten unserer heutigen Welt.
Und wir haben sie auch erkannt in der Zusage, die Maria Gott gibt, indem sie Mutter Jesu wurde; eine Zusage, ein Kind, ein Leben anzunehmen und zu begleiten. Das galt ein Leben lang.

Und Jesus macht im Johannesevangelium diese Zusage… nichts kann sie meiner Hand entreißen […] und nichts kann sie der Hand meines Vaters entreißen

Der Weg, die Stimme des Hirten kennenzulernen, ist nicht eindeutig – er muss gefunden werden:

Im Stimmengewirr unserer heutigen Welt
im Stimmengewirr unserer kirchlichen Tradition
im Stimmengewirr unseres eigenen Lebens
Im Stimmengewirr unserer Träume

Daher möchte ich Ihnen dieses wunderbare Gedicht nicht vorenthalten, das einen Traum beschreibt, aber einen, der glücklich macht, und mehr von Gottes Licht und Jesu Froher Botschaft in unserer Welt sichtbar machen möchte.

Maria 2.0
In unserer Kirche, im Morgen,
wird das Wort Jesu nicht nur verkündet sondern auch gelebt.

Wird der Mensch,
jeder so, wie er ist,
geliebt.

Wird getanzt und gelacht und gefeiert.
Wird das Brot geteilt und das Leid.
Wird der Wein geteilt und die Freude.

In dieser Kirche, im Morgen,
siegen Mut und Liebe, Barmherzigkeit und Mitgefühl
über Angst und Machtgier, Ausgrenzung und Selbstmitleid.

In dieser Kirche, im Morgen,
sind
Frau und Mann
Kind und Greis
Homo und Hetero
arm und reich
gebunden und ungebunden
zusammen und allein

willkommen an jedem Ort und willkommen in jeder Berufung.
Willkommen als lebendiger Widerschein von Gottes liebendem Blick.
Andrea Voß-Frick

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Mehr dazu: http://www.mariazweipunktnull.de

Und der Offene Brief an Papst Franziskus findet sich hier:
https://weact.campact.de/petitions/offener-brief-an-papst-franziskus-aus-anlass-des-sondergipfels-uber-missbrauch-in-der-kirche

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