Wäre Christus nicht begraben worden… – Karfreitag 2019

Aus dem Evangelium nach Matthäus, Kapitel 27
55 Auch viele Frauen waren dort und sahen von weitem zu; sie waren Jesus seit der Zeit in Galiläa nachgefolgt und hatten ihm gedient.
56 Zu ihnen gehörten Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus und des Josef, und die Mutter der Söhne des Zebedäus.
57 Gegen Abend kam ein reicher Mann aus Arimatäa namens Josef; auch er war ein Jünger Jesu.
58 Er ging zu Pilatus und bat um den Leichnam Jesu. Da befahl Pilatus, ihm den Leichnam zu überlassen.
59 Josef nahm ihn und hüllte ihn in ein reines Leinentuch.
60 Dann legte er ihn in ein neues Grab, das er für sich selbst in einen Felsen hatte hauen lassen. Er wälzte einen großen Stein vor den Eingang des Grabes und ging weg.
61 Auch Maria aus Magdala und die andere Maria waren dort; sie saßen dem Grab gegenüber.

Autorin:
Walburga_Rüttenauer-Rest2009Walburga Rüttenauer–Rest, Bensberg, verheiratet, drei Kinder, Grundschullehrerin, nach der Pensionierung Ausbildungskurs zum Diakonat der Frau, diakonische und liturgische Aufgaben in der Pfarreigemeinde

 
Die Predigt:
Wäre Christus nicht begraben worden …

Liebe Leserin, lieber Leser,
bis zum Abend hing Jesu Leichnam am Kreuz, bis ein Freund Jesu, Josef von Arimatäa, bei Pilatus den Leichnam erbat und in ein Felsengrab legte. Er wälzte einen Stein vor den Eingang des Grabes und ging weg. Keiner der Apostel, keiner seiner Jünger halfen ihm dabei, nur Nikodemus, der Jesus aus Angst vor den Juden einmal in der Nacht aufgesucht hatte. Josef aus Arimatäa und Nikodemus gingen sofort nach Hause, nachdem sie den Eingang des Grabes mit einem schweren Stein geschlossen hatten. Was sollten sie auch noch hier? Tot war der, den sie verehrt hatten, auf den sie alle Hoffnung gesetzt hatten. Den letzten Freundesdienst hatten sie ihm erwiesen, eine würdige Bestattung. Ihre Pflicht und Schuldigkeit hatten sie getan. So gingen sie schnell weg, denn der Sabbat stand vor der Tür.

Maria von Magdala und die andere Maria waren ihnen gefolgt. Sie setzten sich dem Grab gegenüber und verweilten dort eine Zeit lang. Das Grab barg nicht nur seinen Leichnam. Dort lag ihr Freund und Lebensbegleiter. Ihre Hoffnung, ihre Liebe, vielleicht auch ihr Glaube war hier mit begraben worden. Die beiden Frauen werden sich, unter dem Eindruck des Erlebten wahrscheinlich auch die Frage gestellt haben, die manch eine Zurückgelassene sich stellt: Warum musste dieser Mensch so früh sterben? Warum dieser schwere Tod? Wo war sein geliebter Vater? Paulus gibt uns die Antwort. Sein Leben war das eines Menschen; er wurde erniedrigt und wurde euch in allem gleich bis zum Tod, bis zum schrecklichsten Tod am Kreuz. (nach Philipper 2,9)

Weil er den Menschen gleich sein wollte, auch den Menschen, die auf unserer Erde zu Tode gefoltert werden, den Menschen, die verraten werden, verleumdet und gedemütigt werden, ihnen allen wollte er nahe sein. So gab es keine andere Wahl, als den Leidens-Weg bis hin zum Kreuzestod. Er, den wir als Gottes Sohn glauben, durchlitt den Tod auf grausamste Weise… Mit Jesus litt damals auch Gott und leidet und stirbt auch heute noch.

Jedes Jahr hören wir dieses Evangelium und doch trifft es uns jedes Mal neu in unserer augenblicklichen Lebenssituation. Auch wir stehen an den Gräbern unserer Lieben. Es werden immer mehr im Laufe des Lebens, die Gräber, in denen auch ein Stück unseres Lebens mit begraben wurde.

Sie saßen dem Grab gegenüber damals vor 2000 Jahren. Frauen waren es, die dort ausharrten. Mit dem Tod ihres Freundes und Meisters war auch ihr Lebenstraum zerronnen. Ihr eigenes Leben hatten sie mit dem seinen verknüpft. Wie sollte es jetzt weitergehen?

Seit Menschen Gedenken ist es Aufgabe der Frauen, dem Leben zu dienen. Ihr Dienst umspannt das Leben von seinem Anfang bis zum Ende. Dem Leben zu dienen verlangt Hingabe, – bei den Toten auszuharren verlangt Treue und den Glauben, nicht die Gewissheit, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Früher und in vielen armen Ländern dieser Welt noch heute, bedeutet jede Geburt für die Frau einen Durchgang durch den Tod. Allein die Hoffnung, dass aus diesem qualvollen Hinabsteigen neues Leben erwächst, gibt ihnen die Kraft, alles durchzustehen. Darum ist ihnen das Leben so unendlich kostbar. Darum darf der Tod nicht das letzte Wort haben.

In unserer schnelllebigen Zeit ist dieses Ausharren, dieses Verweilen fast unbekannt geworden, besonders wenn es in den Augen dieser Welt nichts bringt. Die Toten bleiben tot, der Leichnam zerfällt, wozu noch die Grabpflege? Immer wieder erzählen mir ältere Menschen, warum sie sich für eine anonyme Beerdigung entschieden haben. Eine übliche Beerdigung kostet viel Geld. Wenn sie nicht so viel haben, werden die Nachkommen dafür verpflichtet. Sie wollen den Nachkommen nicht zu Last fallen. Hinzu kommt oft, dass die Kinder und Enkelkinder oft weiter weg wohnen und keine Zeit für eine Grabpflege haben.

Aber das Grab birgt unsere Erinnerung an die Toten, unsere Sehnsucht nach ihnen. Wir brauchen einen Ort, wo wir mit allen unseren Sinnen bei unseren Toten sein können. So haben die Gräber eine sehr wichtige Aufgabe. Selbst wenn wir nur selten zu den Gräbern kommen, hilft uns allein der Gedanken an diesen Ort, eine lebendige Erinnerung an unsere Toten zu finden. Wir brauchen einen Ort, wo wir mit allen unseren Sinnen bei unseren Toten sein können.

Das Sterben Jesu und seinen Tod in allen Phasen begleitet und mit gelitten zu haben, machte die Frauen, Maria Magdalena und die andere Maria (Mt 28,61; Mk 16,47; Lk 23,55) für die Auferstehung Jesu so besonders empfänglich. Die Frauen wurden Zeuginnen von der geschichtlichen Einmaligkeit des dort begrabenen Menschen. Wäre Christus nicht begraben worden, wie es bei Hingerichteten damals in Israel üblich war, hätten die Frauen keinen Ort gehabt, wo sie sich getroffen hätten, um des Toten zu gedenken. Sie hätten die Botschaft von der Auferstehung nicht greifbar erfahren können.

Das Trauern am Grabe eines geliebten Menschen oder an einem Ort, wo uns die Erinnerung an ihn besonders trifft, lässt in uns langsam etwas reifen. Auch wenn uns in solchen Zeiten der Trauer immer schmerzhafter bewusst wird, dass es nie mehr so sein wird, wie vor diesem Tod, so reift in uns doch eine Liebe zu diesem Menschen, wie wir sie vorher nicht gekannt haben. Dazu brauchen wir ein Innehalten, ein Gespräch mit uns selbst, viele tiefe Erinnerungen an den Fortgegangenen.

Wenn unsere Treue zu diesem Toten nicht schwindet, reift in uns eine Liebe zu diesem Menschen, wie wir sie vorher nicht gekannt haben. Wenn es uns dann gelingt, Gott diese unsere Liebe anzuvertrauen, mit der Bitte, sie unseren Toten zu schenken, ist das nicht der Anfang eines neuen Lebens für ihn, aber auch für mich? Beginnt da vielleicht schon Auferstehung?

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