Hinhören und nachspüren: eine Einladung – Palmsonntag C

Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache
Erste Lesung aus dem Buch Jesaja, Kapitel 50
4 Die Macht über uns, GOTT hat mir eine Zunge gegeben wie den Lernenden, damit ich es verstehe, die Müden mit einem Wort zu stärken. Gott weckt mir jeden Morgen das Ohr, damit ich höre, wie die Lernenden.
5 Die Macht über uns, GOTT, hat mir das Ohr geöffnet, und ich sträubte mich nicht. Ich weiche nicht zurück.
6 Meinen Rücken gab ich denen, die schlagen, meine Wangen denen, die prügeln. Mein Gesicht habe ich nicht verborgen, vor Schmähworten und Speichel.
7 Aber GOTT, die Macht über uns, hilft mir; darum werde ich nicht beschämt, darum mache ich mein Gesicht hart wie einen Kieselstein und weiß, dass ich nicht zuschanden werde.

Zweite Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Philippi, Kapitel 2
5 Euer Verhältnis zueinander soll der Gemeinschaft mit Jesus Christus entsprechen.
6 Über göttliche Gestalt verfügend, hielt Christus die Gottgleichheit doch nicht wie ein glückliches Los fest,
7 sondern er entäußerte sich selbst aller Vorrechte und nahm die Gestalt eines versklavten Menschen an, und wurde den Menschen gleich und seine ganze Erscheinung zeigte: Er war ein Mensch wie du und ich.
8 Er erniedrigte sich selbst und war dem Auftrag Gottes gehorsam bis zum Tod, dem Sklaventod am Kreuz.
9 Darum hat Gott den Erniedrigten erhöht und ihm den Namen verliehen, der über jeden Namen erhaben ist,
10 damit im Namen Jesu sich alle Knie beugen sollen, im Himmel und auf Erden und unter der Erde,
11 und jede Zunge bekennen soll, dass Jesus Christus der Herr ist zur Ehre Gottes, unserer Mutter und unseres Vaters.

Es folgt die Leidensgeschichte unseres Herrn Jesus Christus nach Lukas, Kapitel 22,14-23,56 oder 23,1-49

Autorin:
Utta-Hahn-2-150x150Utta Hahn, Gemeindereferentin, Landpastoral Schönenberg in Ellwangen

 
Die Predigt:
Hinhören und Nachspüren: Eine Einladung

Liebe Leserin, lieber Leser,
die Liturgie an Palmsonntag steht ganz im Fokus der biblischen Erzählungen vom Einzug Jesu in Jerusalem und dann dem Hören des ganzen Leidensweges Jesu.
In vielen Gemeinden wird dann pragmatischer Weise nicht gepredigt.
… damit es nicht zu lange dauert…
… oder vielleicht auch, damit wir uns ganz einlassen können auf das, was wir hören, und hineinfinden in den Weg der Karwoche, auf Ostern zu.

Ich möchte ihnen eine Übung zum Hinhören, zum Zuhören mitgeben und habe deshalb die zwei Lesungen, die zwischen dem Evangelium (draußen, stehend, bevor wir in die Kirche einziehen) und der Leidensgeschichte, (drinnen, sitzend) gelesen werden herausgegriffen. Und ich habe die Übersetzung der Bibel in Gerechter Sprache gewählt, die manchmal uns entgegenkommt und manchmal sich sperrig zu unseren Hörgewohnheiten stellt.

Das fängt schon an, wie wir Gott nennen. Die neue Einheitsübersetzung, die wir jetzt, durch das neue Lektionar auch in der Liturgie hören, schreibt durchgehend HERR, wenn in den griechischen und hebräischen Schriften der Gottesname gebraucht wurde.
Die Bibel in gerechter Sprache versucht die lebendige Vielfalt widerzuspiegeln, denn Gott hat viele Namen, wir leben und glauben in vielen Gottesbildern – alten und neuen, männlichen und weiblichen, spezifischen und allumfassende. So haben die Übersetzerinnen und Übersetzer der Bibel in gerechter Sprache je verschiedene Bilder und Worte für den Gott und den Gottesnamen verwendet – auch ganz in der jüdischen Tradition, die den Namen Gottes aus Ehrfurcht nicht ausspricht, eine Chiffre schreibt und viele Umschreibungen verwendet. In der ersten Lesung steht in der Übersetzung nun: GOTT, die Macht über uns

Meine Einladung: Spüren Sie doch einmal nach, welches Gottesbild ihnen im Moment am Vertrautesten ist? Welches Gottesbild wünschen Sie dem Propheten Jesaja? Welches hilft ihnen, die Karwoche zu erleben und auf Ostern zuzugehen? Und dann lesen Sie den Jesajatext noch einmal – wobei sie ihr Gottes-Wort einsetzen.

Wie hätte Paulus den Jesaja gelesen? Wir wissen es nicht – der Gemeinde in Philippi versucht er jedenfalls einen Schlüssel zu geben, wie sie Gott und Jesus verstehen können.
Wie sollen wir verstehen, wer Jesus war und was er getan hat oder hat geschehen lassen?
Paulus` Worte bleiben uns heute doch auch irgendwie fremd: Was die Gemeinde damals vielleicht verstehen konnte, stellt uns heute vor weitere Fragen.
Was ist das: „sich entäußern“?
Was heißt Gestalt eines versklavten Menschen?
Was bedeutet gehorsam bis zum Tod
Was ist der Auftrag Gottes?
Gibt es für uns heute noch Namen, die über alle Namen erhaben sind?

Wenn wir versuchen wollen, das in unsere heutige Sprache, in unser Leben, in unseren Alltag zu übersetzen, dann merken wir, dass Sprache nicht eindeutig ist und unser Glaube mehr Fragen hat als Antworten. Aber auch die immerwährende Einladung, das alles zu ergründen, zu suchen, zu teilen, zu leben.

Palmsonntag setzt den Beginn der Karwoche. Antwort gibt uns heute nur das Evangelium, das Hineingehen und Mitgehen des Leidensweges Jesu, der das Leid so vieler Menschen und Völker auch heute noch mitgeht.

So lade ich sie ein, auf die Lesungen und auf das Evangelium genau hinzuhören und vielleicht gibt es das eine oder andere Wort, das in ihnen etwas zum Klingen bringt, das sie ergreift, das sie berührt.

Wenn die Texte aus dem neuen Lektionar gelesen werden, dann gibt es auch dort an manchen Stellen Veränderungen, die uns neu aufhorchen lassen möchten, die genauer wiedergeben möchten, was die Schreibenden vor langer Zeit ihren Zuhörerinnen und Zuhörern mitteilen wollten. Hier nun ein paar Sätze, die anders klingen als bisher:

Die Könige herrschen über ihre Völker und die Vollmacht über sie haben, lassen sich Wohltäter nennen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern der Größte unter euch soll werden wie der Jüngste.

Von nun an wird der Menschensohn zur Rechten der Macht Gottes sitzen.

Da sagte Pilatus zu den Hohepriestern und zur Volksmenge: Ich finde keine Schuld an diesem Menschen.

Jesus aber lieferte er ihrem Willen aus

Und Jesus rief mit lauter Stimme: Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.

Wirklich, dieser Mensch war ein Gerechter. Und alle, die zu diesem Schauspiel herbeigeströmt waren und sahen, was sich ereignet hatte, schlugen sich an die Brust und gingen weg.

Die Frauen in seiner Nachfolge, die mit Jesus aus Galiläa gekommen waren, sahen das Grab und wie der Leichnam bestattet wurde.

… und vielleicht entdecken Sie noch mehr.
Amen.

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2 Antworten auf Hinhören und nachspüren: eine Einladung – Palmsonntag C

  1. Birgit Droesser sagt:

    Liebe Utta, Walburga lässt dir ausrichten, dass sie deine Anregungen richtig gut findet. Es gab ein Problem mit der neuen Kommentarfunktion.
    Herzlichen Gruß
    Birgit

  2. Utta sagt:

    Liebe Birgit, liebe Walburga
    danke für die Info und Rückmeldung.
    Übersetzungen – besonders die neue Einheitsübersetzungen fordern uns heraus. Im Gespräch mit Lektorinnen und Lektoren wird deutlich, dass Veränderungen bei jedem Menschen unterschiedliche Reaktionen hervorrufen. Zustimmung oder Ablehnung, Kritik oder Begeisterung. Vielleicht lernen wir damit auch wieder besser zuzuhören und uns mit dem Text und noch mehr mit dem Inhalt auseinanderzusetzen. LG Utta

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