Von wunderbaren Erfahrungen – 4. Sonntag im Jahreskreis C

Aus dem Evangelium nach Lukas, Kapitel 4
In jener Zeit
21 begann Jesus in der Synagoge von Nazaret darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.
22 Alle stimmten ihm zu; sie staunten über die Worte der Gnade, die aus seinem Mund hervorgingen, und sagten: Ist das nicht der Sohn Josefs?
23 Da entgegnete er ihnen: Sicher werdet ihr mir das Sprichwort vorhalten: Arzt, heile dich selbst! Wenn du in Kafarnaum so große Dinge getan hast, wie wir gehört haben, dann tu sie auch hier in deiner Heimat!
24 Und er setzte hinzu: Amen, ich sage euch: Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt.
25 Wahrhaftig, das sage ich euch: In Israel gab es viele Witwen in den Tagen des Elija, als der Himmel für drei Jahre und sechs Monate verschlossen war und eine große Hungersnot über das ganze Land kam.
26 Aber zu keiner von ihnen wurde Elija gesandt, nur zu einer Witwe in Sarepta bei Sidon.
27 Und viele Aussätzige gab es in Israel zur Zeit des Propheten Elischa. Aber keiner von ihnen wurde geheilt, nur der Syrer Naaman.
28 Als die Leute in der Synagoge das hörten, gerieten sie alle in Wut.
29 Sie sprangen auf und trieben Jesus zur Stadt hinaus; sie brachten ihn an den Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt erbaut war, und wollten ihn hinabstürzen.
30 Er aber schritt mitten durch die Menge hindurch und ging weg.

Autorin:
_MG_7932-webBirgit Droesser, Pastoralreferentin, war tätig in der Gemeindepastoral, in der Klinikseelsorge und im Theol. Mentorat Tübingen, jetzt Pfarrgemeinderätin in St. Bruno, Würzburg

 
Die Predigt:
Von wunderbaren Erfahrungen

Liebe Leserin, lieber Leser,
glauben Sie an Wunder? Eine Fügung in meinem Leben, die ich nur mit größter Dankbarkeit als Wunder verstehen kann, habe ich schon oft erlebt. Abgesehen von mir selber möchte ich Ihnen kurz ein Erlebnis aus meinem Bekanntenkreis erzählen. Da ist eine Dame, die sich als Realistin bezeichnet und sich auch durch eine völlig nüchterne Art auszeichnet. Ein Herr, fast 80 Jahre alt, auch völlig unverdächtig, was Glauben angeht, hat vor wenigen Wochen einen schwersten Verkehrsunfall mit einer kleinen Hautabschürfung überstanden. Auf dem vierspurigen Stadtring geriet ein Lkw auf seine Seite, so dass es zu einem Frontalzusammenstoß kam mit weiteren Auffahrunfällen und mehreren Verletzten. Er selber stieg aus dem völlig demolierten Wagen, in dem sich die Airbags ausgelöst hatten, fast unverletzt aus. Die Rettungskräfte sprachen von einem Wunder. Er erzählte es so; wie er selber es sieht, weiß ich nicht. Die genannte Dame würde sagen: Glück gehabt.

Um Wunder und unvorhersehbare Ereignisse geht es auch im Evangelium, das uns als Hörerin oder Leser zunächst etwas ratlos zurücklässt, denn Lukas hat seinen theologischen Entwurf in dieser Schilderung verpackt. Wir schauen uns deshalb den Text genauer an; hoffentlich sehen wir dann klarer.

Nach jüdischer Gepflogenheit geht Jesus am Sabbat in die Synagoge. Jeder erwachsene Mann darf aus der heiligen Schrift vorlesen. So tut es auch Jesus – wir haben es am letzten Sonntag gehört. Wie auch in der Predigt vor einer Woche zu lesen war, schlägt er den Propheten Jesaja auf und eine Schriftstelle findet ihn: Der Geist des Herrn ruht auf mir, er hat mich gesandt,
– den Armen die Frohe Botschaft zu verkünden
– den Gefangenen die Freiheit
– den Blinden das Augenlicht
– die Zerschlagenen in Freiheit zu setzen
– und ein Gnadenjahr des Herrn auszurufen.

Und Jesus fügt die Worte an: H e u t e hat sich das Schriftwort erfüllt. H e u t e geschieht das Wunderbare.

Hier setzt unser Evangelium ein. Es erzählt zuerst vom großen Staunen der Zuhörer über die Worte der Gnade und sie stimmen ihm zu. Hier könnte der Text doch eigentlich aufhören: Ende gut – alles gut. Doch wir sind nicht im Märchen, sondern im wirklichen Leben.

Natürlich kommen den Zuhörern gleichzeitig mit dem Staunen die Zweifel. Sie verstecken sich hinter den Worten: wie kann der so reden, ist er nicht ein einfacher Arbeiter wie wir alle: Ist er nicht Josefs Sohn? Und er benimmt sich, als wäre er der Messias. Diese Szene können wir uns leicht vorstellen. Bei manchen überwiegt die Faszination über die geistvollen Worte von Jesus, bei den anderen, beim Rabbi vielleicht, die Bedenken. Kann so jemand der Messias sein? Und kommt der nicht aller Verheißung nach erst am Ende der Zeiten?

Und darauf geht Jesus ein mit einer Provokation. Er fordert seine früheren Mitbewohner heraus. Klar, ihr wollt Wunder sehen, Heilungen und Ähnliches. Aber in seiner Heimat kann ein Prophet keine Zeichen tun, weil ihm keiner vertraut. Dazu führt er Beispiele aus der Heiligen Schrift an: Die Geschichte von Elija im 1. Buch der Könige. In Israel vertraute ihm niemand während der großen Hungersnot, nur in Sarepta am Meer, damals in Syrophynizien – heute im Libanon, tat eine Witwe, was er ihr auftrug. Aus ihrem letzten Mehl und ihrem letzten Öl buk sie ein Brot für den Propheten und das Wunder geschah – Mehltopf und Ölkrug wurden nicht mehr leer. Sie waren gerettet. Und das zweite Beispiel: zu Elischa, dem Nachfolger des großen Elija, schickt der König der Aramäer in Syrien einen hohen Beamten, der am Aussatz erkrankt ist. Der ärgert sich zuerst über Elischa, weil er nur an den Jordan gehen soll, um siebenmal unterzutauchen. Aber seine Diener beknieen ihn und schließlich tut er es doch, widerwillig. Und das Wunder geschieht. Seine Haut ist plötzlich rein und zart wie die eines Säuglings. Er kehrt in seine Heimat zurück mit dem festen Willen, nur noch den Gott Israels anzubeten.

In beiden Geschichten zeigen eine Frau und ein Mann, die nicht zum Volk Israel gehören, einen Ansatz von Zutrauen in die Gottesmänner, so viel, dass sie tun, was ihnen aufgetragen wird. Und das genügt anscheinend. – Aber das eigene Volk kann das Besondere in seinen Propheten nicht erkennen. Das Erste Testament ist voller Geschichten mit solchen enttäuschenden Erfahrungen. Und jetzt trifft es auch Jesus. Es kommt zum Bruch mit den Mitbewohnern, sie fühlen sich beleidigt, zum Bruch auch mit seiner Familie. Hatte nicht schon Simeon im Tempel angekündigt, ein Schwert werde die Seele seiner Mutter Maria durchdringen?

Jesus hat die Kühnheit, in den Augen der Leute von Nazaret ist es eine Frechheit, sich in eine Linie mit Elija stellen, ja sich mit seinem H e u t e als Messias zu präsentieren. Der lästert ja Gott und auf Gotteslästerung steht die Todesstrafe durch Steinigung. Jesus soll einen Abhang hinuntergeworfen werden und Felsbrocken hinterher, wenn er dann noch nicht tot wäre. Doch Jesus geht ohne ein Wort zu sagen einfach weg und niemand fasst ihn an.

So schildert Lukas die Szene beim Abschied Jesu aus Nazaret und für seine Hörerinnen und Hörer wie auch für uns klingt schon die weitere Geschichte Jesu an. Wo Jesus Vertrauen findet, kann er Zeichen der angebrochenen Gottesherrschaft setzen und es geschehen Wunder. Aber die Ablehnung und die Zweifel des eigenen Volkes bleiben und steigern sich immer mehr bis hin zur Anklage, zum Prozess, Martyrium, Tod und Auferweckung.

Ein wunderbares Ereignis allein führt niemanden zum Glauben, weder damals noch heute. Vielleicht war es ja einfach „nur“ Glück. Doch wer sich traut, die Worte Jesu ernst zu nehmen und, so gut man kann, danach zu handeln und zu leben, wird vielleicht ein Wunder, bestimmt aber Wunderbares erfahren. Denn wer etwas von sich herschenkt, wie Jesus es getan hat, bekommt bestimmt viel zurück. Wer sich auf Jesus einlässt, wird spüren, wie begleitet und beschützt wir Menschen sind. Nicht auf den vollen Glauben, sondern auf dieses Sich-Trauen kommt es an. Hören wir doch einfach auf das, was Jesus auch uns sagen will. Amen

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