Wie der Anfang eines guten Buches – Neujahr / Hochfest der Gottesmutter Maria

Erste Lesung aus dem Buch Numeri, Kapitel 6
22 Der HERR sprach zu Mose:
23 Sag zu Aaron und seinen Söhnen: So sollt ihr die Israeliten segnen; sprecht zu ihnen:
24 Der Herr segne dich und behüte dich.
25 Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig.
26 Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Heil.
27 So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen und ich werde sie segnen.

Aus dem Evangelium nach Lukas, Kapitel 2
In jener Zeit eilten die Hirten nach Betlehem
16 und fanden Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe lag.
17 Als sie es sahen, erzählten sie von dem Wort, das ihnen über dieses Kind gesagt worden war.
19 Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach.
20 Die Hirten kehrten zurück, rühmten Gott und priesen ihn für alles, was sie gehört und gesehen hatten, so wie es ihnen gesagt worden war.
21 Als acht Tage vorüber waren und das Kind beschnitten werden sollte, gab man ihm den Namen Jesus, den der Engel genannt hatte, bevor das Kind im Mutterleib empfangen war.

Autorin:
Susanne WalterSusanne Walter, Gemeindereferentin in Filderstadt, verheiratet, vier Kinder

 
Die Predigt:
Wie der Anfang eines guten Buches

Liebe Leserin, lieber Leser,
was haben der Satz: „Ilsebill salzte nach.“ und Neujahr gemeinsam?

Beide markieren einen Anfang.
„Ilsebill salzte nach.“ ist der erste Satz des Romans „Der Butt“ von Günter Grass und Neujahr ist der erste Tag des neuen Jahres. Sie denken sich jetzt vielleicht, „na und?“, was soll das in einer Predigt?
Bleiben wir noch ein wenig bei diesem Satz, dann entdecken wir so einige interessante Aspekte.

Wenn Sie in eine Buchhandlung gehen und nach einem neuen Buch suchen. Wie gehen Sie vor, wenn Sie nicht schon wissen, welches Buch sie kaufen wollen? Lassen Sie sich vom Cover inspirieren, vom Platz auf irgendwelchen Hitlisten, von der Dicke des Buches, oder vielleicht der Schriftgröße, dem Klappentext? Das eine oder andere mag vielleicht eine Rolle spielen. Ausschlaggebend jedoch ist für die meisten Menschen der erste Satz eines Buches.

Mit einem guten ersten Satz sind wir mittendrin in der Handlung. Er macht neugierig auf die nächsten Seiten, wir wollen das Buch lesen! Gut, dass wir keine Autoren sind, die Bücher schreiben und gute Buchanfänge überlegen müssen!

Die Initiative Deutsche Sprache und die Stiftung Lesen haben 2007 einen internationalen Wettbewerb ausgeschrieben. Gesucht wurde der schönste erste Satz eines deutschsprachigen belletristischen Werkes. Mehr als 17.000 Menschen aller Altersgruppen aus 60 Ländern schickten ihre Favoriten ein und begründeten ihre Wahl. Folgende drei Aspekte waren entscheidend:
1. Welche Erwartungen weckt der erste Satz?
2. Welche Stimmung löst er aus?
3. Hält das Buch, was der erste Satz verspricht?

Auf den ersten Platz wurde – sie ahnen es – folgender Satz gewählt: „Ilsebill salzte nach.“ Nur drei Worte und doch sind wir sofort in der Geschichte drin. Wenn Ilsebill nachsalzt, dann muss die Suppe wohl schon gesalzen sein. Steht Ilsebill am Herd oder sitzt sie bereits beim Essen? Wir sind neugierig darauf, wie die Geschichte weitergeht, wer mit ihr zusammen ist, was noch so alles passiert. Und vor allem, wer die Frau ist, die diesen merkwürdigen Namen trägt, den wir vermutlich nur aus dem Märchen vom Fischer und seiner Frau kennen. Ich habe das Buch noch nicht gelesen, weiß also wirklich nicht, wie es weitergeht. Kann mich jedoch in die Handlung hineindenken, sitze vielleicht selbst an diesem Tisch oder schau durch das Fenster zu.

Andere Satzanfänge wecken Erinnerungen, Bilder und Erfahrungen an ein Buch und die Zeit, in der wir es gelesen haben und es wird in unserer Vorstellung wieder lebendig.

Schauen Sie doch mal, was in ihren Kopf bei folgenden Satzanfängen passiert. – Die Autoren und Titel finden Sie am Ende der Predigt:

Barrabas kam auf dem Seeweg in die Familie, trug die kleine Clara in ihrer zarten Schönschrift ein. (1)
Es war ein strahlend-kalter Apriltag, und die Uhren schlugen dreizehn. (2)
Er war ein alter Mann und er fischte allein in einem Boot im Golfstrom, und seit vierundachtzig Tagen hatte er keinen Fisch gefangen. (3)
Mr. und Mrs. Dursley im Ligusterweg Nr. 4 waren stolz darauf ganz und gar normal zu sein, sehr stolz sogar. (4)
Lieber Leser, weißt du, was das Wort Greenhorn bedeutet? (5)
Am Rande der kleinen, kleinen Stadt lag ein alter, verwahrloster Garten. (6)
Als Herr Bilbo Beutlin von Beutelsend ankündigte, dass er demnächst zur Feier seines einundelfzigsten Geburtstages ein besonders prächtiges Fest geben wolle, war des Geredes und der Aufregung in Hobbingen kein Ende. (7)

Mit Neujahr ist es wie mit einem Buchanfang. Das Jahr 2019 hat mit diesem heutigen Tag begonnen, aber wir sind mitten in der Geschichte drin. Das Leben hat nicht neu begonnen. Lediglich die Zeitrechnung beginnt mit einer neuen Jahreszahl. Wir sind keine neuen Menschen, es hat sich auch nichts verändert seit gestern, außer dass wir vielleicht nicht genug geschlafen haben, vielleicht auch zu viel gegessen und getrunken. Aber selbst das ist nichts Neues, das kehrt jedes Jahr wieder. Trotzdem übt dieser Jahreswechsel, das neue Jahr immer wieder eine Faszination aus.

Viele Menschen fassen sich Vorsätze für das neue Jahr, wollen einen Teil ihres Lebens umkrempeln, besser machen. Wie viele setzen wir wirklich in die Tat um? Zwei Drittel aller Vorsätze überleben laut einer Untersuchung nicht einmal den Monat Januar. Also was ist nun mit diesem Neuanfang? Gelten die drei Aspekte für einen ersten Satz in einem Roman auch für ein neues Jahr?:
1. Welche Erwartungen weckt das neue Jahr?
2. Welche Stimmung löst es aus?
3. Hält das Jahr, was der Neuanfang verspricht?

Die beiden Texte der Bibel können uns helfen, einen guten Anfang für das neue Jahr zu machen.

Im Evangelium hörten wir, dass Maria all das, was über ihr Kind erzählt wurde in ihrem Herzen bewahrte und darüber nachdachte. Das ist, wie ich meine auch keine schlechte Alternative für einen Jahresanfang. Wir können unseren Blick auf das lenken, was uns Gutes und Staunenswertes – im Kleinen wie im Großen geschenkt wurde und diese Gedanken in das neue Jahr mitnehmen. Wir können sie wie Maria immer wieder bedenken und in unserem Herzen bewahren.

Mit den Worten der Lesung wird der Segen Gottes auf uns gelegt und es ist uns versprochen, dass Gott sein Gesicht über uns leuchten lässt und sich uns zuwendet. Wenn das kein Anfang ist, der uns neugierig sein lässt, was das Jahr mit sich bringt?

Anfangen – immer wieder anfangen
nicht neu beginnen, aber neu machen
wie ein gutes Buch das neue Jahr immer wieder neu lesen,
auch wenn wir so manche Kapitel bereits kennen.
Das wünsche ich Ihnen von Herzen für das Jahr 2019!
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Haben Sie alle Bücher erkannt?

(1) I. Allende, Das Geisterhaus
(2) G. Orwell, 1984
(3) E. Hemingway: Der alte Mann und das Meer
(4) J. K. Rowling: Harry Potter und der Stein der Weisen
(5) Karl May: Winnetou I
(6) Astrid Lindgren: Pippi Langstrumpf
(7) J. R. R. Tolkien: Der Herr der Ringe

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