Begegnung und Neuanfang – 4. Adventssonntag C

Aus dem Evangelium nach Lukas, Kapitel 1
Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache
39 In jenen Tagen stand Maria auf. Sie wanderte eilig durch das Gebirge in eine Stadt Judäas.
40 Sie ging in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabet.
41 Und als Elisabet den Gruß Marias hörte, da hüpfte das Kleine in ihrem Bauch. Elisabet wurde mit heiliger Geistkraft erfüllt,
42 und sie brach mit lauter Stimme in die Worte aus: »Willkommen bist du unter Frauen und willkommen ist die Frucht deines Bauches!
43 Woher weiß ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?
44 Siehe, als der Klang deines Grußes in mein Ohr drang, da hüpfte das Kleine in meinem Bauch voller Jubel.
45 Glücklich ist, die geglaubt hat, dass sich erfüllen werde, was die Lebendige zu ihr gesagt hatte.«

Autorin:
Passfoto A.R.Angela Repka, Offenbach, Literaturübersetzerin, verheiratet, zwei Söhne, vier Enkelkinder, Ausbildungskurs zum Diakonat der Frau, diakonische Tätigkeit in der Pfarrgemeinde

Die Predigt:
Begegnungen und Neuanfang

Liebe Leserin, lieber Leser,
die Zeit des Wartens und der Vorbereitung auf Weihnachten ist dieses Jahr schnell vergangen, denn schon einen Tag nach dem 4. Adventssonntag feiern wir Heilig Abend, die Geburt Jesu im Stall zu Bethlehem. Im Gedanken an das Kind in der Krippe erinnere ich mich daran, wie ich vor kurzem ein kleines Baby im Arm halten durfte. Es war das Kind einer Familie, die aus ihrer von Krieg und Gewalt bedrohten Heimat geflohen ist, um hier bei uns Schutz zu suchen und sich eine sichere Existenz aufzubauen. Keine leichte Aufgabe, keine einfache Situation. Angesichts des Menschleins in meinen Händen dachte ich: Welches Schicksal wird das Kleine erwarten? Wie wird es ihm ergehen? Wird es überhaupt hier bleiben dürfen?

Und doch ist dieses Kind trotz aller Ungewissheit und der Hilfsbedürftigkeit der Familie ein Versprechen von Zukunft, nicht nur für seine Eltern. Mit seinem Eintritt in die Welt verändert sich diese, was Anlass zu Hoffnung gibt. Für die Philosophin Hannah Arendt ist das Nachdenken über das menschliche Leben von der Geburtlichkeit (Natalität) geprägt: „Das besteht darin, dass überhaupt Menschen geboren werden, und mit ihnen der Neuanfang, den sie handelnd verwirklichen können kraft ihres Geborenseins… Dass man in der Welt Vertrauen haben und dass man für die Welt hoffen darf, ist vielleicht nirgends knapper und schöner ausgedrückt als in den Worten, mit denen die Weihnachtsoratorien die <frohe Botschaft> verkünden: <Uns ist ein Kind geboren.>“

Aber noch sind wir nicht soweit im Festkreis. An diesem vierten Advent erzählt uns das Evangelium erst einmal von der Begegnung zweier Frauen, die in der Geschichte der Menschheit tiefe Spuren hinterließen, ja eine Wende brachten. Es begann damit, dass beide unter besonderen Umständen schwanger wurden. Da ist zuerst Elisabet, die Frau des Hohenpriesters Zacharias, die als unfruchtbar galt und darüber alt geworden war. Nach der Verkündigung des Engels Gabriel empfängt sie ein Kind, womit sich ihr Lebenswunsch erfüllt. Ihr Gebet und das ihres Mannes wurde erhört, die Schande der Kinderlosigkeit von ihr genommen. Dafür lobt sie Gott mit lauter Stimme, während Zacharias wegen seines Unglaubens bis zur Geburt von Johannes, des späteren des Täufers und Wegbereiters Jesu, stumm bleiben muss.

Während die unerwartete Schwangerschaft einer gottesfürchtigen reifen Frau biblisch gesehen schon als solche ein prophetisches Zeichen darstellt, war die Lage Marias eine ganz andere. Sie war eine junge Frau und mit Josef verlobt – nicht verheiratet. Eine Schwangerschaft war somit undenkbar. Und doch zögert Maria nicht, als der Engel Gabriel ihr verkündet, dass sie nach Gottes Plan schwanger werden und das Gotteskind Jesus zur Welt bringen soll. Sie will nur wissen, wie das geschehen soll ohne Mann. Als sie hört, die Geistkraft Gottes werde sie erfüllen, spricht sie ihr großes, freies, heilsgeschichtlich entscheidendes Ja. Ohne Vermittlung wirkt diese junge Frau mit Gott zur Rettung der Welt zusammen. Das ist wahrhaftig etwas Neues, das vor allem Frauen in einer vom Patriarchat bestimmten Religion und Kultur Mut machen kann, damals wie heute. Deshalb ruft Elisabet Maria bei ihrer Begegnung wohl zu, dass sie gesegnet ist unter den Frauen. Es ist ein neues Beziehungsmodell zwischen Gott und Frau, zwischen Gott und Mensch, das sich mit und in Maria Bahn gebrochen hat und Raum schafft für das spätere Wirken Jesu, der seinen Vater im Himmel zärtlich Abba, Papa, nennt.

Elisabet und Maria, die alte und junge Frau, beide schwanger mit Kindern, die einander schon im Mutterleib erkennen, beide erfüllt von der heiligen Geistkraft, die sie zur prophetischen Rede befähigt. Elisabeth preist Maria, weil diese der göttlichen Verheißung geglaubt hat, und begrüßt sie als Mutter ihres Herrn, das heißt: Sie macht das Große offenbar, das in aller Stille im Kleinen begonnen hat. Und Maria wird später mit ihrem visionären Lied, dem Magnifikat, antworten, womit sie sich in die Reihe ihrer prophetischen Vorläuferinnen wie Mirijam und Hanna stellt.
All die stumm Gemachten und Erniedrigten bezieht Maria in ihren Gesang der Befreiung und Rettung ein. Die Mächtigen werden vom Thron gestürzt, die Reichen gehen leer aus. Die Gerechtigkeit Gottes wird sich durchsetzen. Es ist auch das Vermächtnis Marias an ihren Sohn.

An Weihnachten feiern wir also mit der Geburt Jesu einen grundlegenden Neuanfang, der uns mit Hoffnung erfüllen kann, weil wir als Geborene alle daran teilhaben. Die Dimension dieses Neuanfangs will sich uns immer tiefer erschließen, auch in den kommenden Tagen.

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