Ein Mantel schreibt Geschichte – Fest des heiligen Martin von Tours und 32. Sonntag im Jahreskreis B

Aus dem Evangelium nach Markus, Kapitel 12
41 Als Jesus einmal dem Opferkasten (im Vorhof des Tempels) gegenübersaß, sah er zu, wie die Leute Geld in den Kasten warfen. Viele Reiche kamen und gaben viel.
42 Da kam auch eine arme Witwe und warf zwei kleine Münzen hinein.
43 Er rief seine Jünger – und Jüngerinnen – zu sich und sagte: Amen, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Opferkasten hineingeworfen als alle andern.
44 Denn sie alle haben nur etwas von ihrem Überfluss hineingeworfen; diese Frau aber, die kaum das Nötigste zum Leben hat, sie hat alles hergegeben, was sie besaß, ihren ganzen Lebensunterhalt.

Autorin:
Elisabeth SchmitterElisabeth Schmitter, Pastoralreferentin im Bischöflichen Ordinariat Rottenburg, Hauptabteilung Pastorale Konzeption

 
Die Predigt:
Ein Mantel schreibt Geschichte

Liebe Brüder und Schwestern,
(in der Anrede halte ich mich gern an die Höflichkeitsregel und beginne mit den ‚Brüdern‘ – in der Hoffnung, dass die es auch so machen)
der heutige Sonntag fällt zusammen mit einem wichtigen Gedenktag: dem Tag des heiligen Martin von Tours, ‚Sankt Martin‘, wie er volkstümlich genannt wird. Er ist eine der bekanntesten und populärsten Gestalten der Kirchengeschichte.

Martin hat im vierten Jahrhundert gelebt, wir leben im 21. Dazwischen liegen 17 Jahrhunderte, von denen jedes einzelne voll war von Ereignissen und Entscheidungen, Glücksfällen und Tragödien, die den weiteren Lauf der Welt bestimmt haben. Man sollte meinen, dass die Geschichte eines einzelnen Menschen da nicht weiter ins Gewicht fällt. Und doch gibt es immer wieder Menschen, an die man sich auch nach Jahrtausenden noch erinnert, weil sie wie Leuchttürme herausragen aus dem Strom der Zeit. Einer von ihnen ist Martin von Tours. Trotz der langen Zeit, die uns von ihm trennt, verkörpert er manches von dem, was Menschen auch heute beschäftigt und prägt.

Auch damals war die Welt globalisiert. Beherrscht wurde sie aber nicht von internationalen Konzernen und Banken, sondern vom römischen Reich. Martin war durch seine Geburt römischer Bürger, und als Sohn eines Offiziers ist auch er dem Kriegsgott Mars geweiht, schon sein Name „Martinus“ verrät diese Bestimmung. Seine Kindheit verbringt Martin im heutigen Ungarn, dann wird der Vater nach Oberitalien versetzt. Dort kam Martin als Zehnjähriger mit dem Christentum in Kontakt. Mit 15 wurde er selbst Soldat, musste erst in Mailand, dann im heutigen Frankreich mit der Waffe Dienst tun. Als er sich immer stärker dem Christentum angenähert hat, kam er in Gewissenskonflikte und bat darum, aus der kaiserlichen Armee entlassen zu werden. Aber er wurde gezwungen zu bleiben, 25 Jahre lang.

Nach der Entlassung widmete er sich ganz seinem Glauben. Eine Zeit lang lebte er als Mönch in Italien, dann reiste er zu seiner Mutter nach Ungarn, auch sie fand durch ihn zum Glauben. In Gallien gründete er mehrere Klöster und wurde schließlich gegen seinen Willen zum Bischof von Tours gewählt. Auch diese Aufgabe hat er angenommen und sich mit allen seinen Kräften in den Dienst an Gott und den Menschen gestellt.

Eine Lebensgeschichte aus dem 4. Jahrhundert. Was daran spricht uns heutige Menschen an?

Martin lebte in vielen Ländern Europas, immer wieder musste er aufbrechen, und nirgendwo war er wirklich zu Hause – ein Lebensgefühl, das viele Menschen heute teilen.

Sein Beruf führte Martin quer durch Europa, ohne dass er darauf Einfluss hatte. Er war gezwungen, für ein System zu arbeiten, das er im Innersten nicht gutheißen konnte und das ihn in innere Konflikte führte. Auch das müssen heute viele Menschen erleben.

Und schließlich: Sein Glaubensweg war lang und kompliziert. Schon als Kind kam er in Kontakt mit dem christlichen Glauben und ließ sich davon faszinieren, doch erst nach 26 Jahren entschied er sich endgültig für die Taufe.

Manches in dieser Lebensgeschichte wirkt auf uns geradezu modern. Aber das ist nicht das, was uns an Martin bis heute begeistert. Es ist nicht seine reiche Lebensgeschichte und auch nicht seine Leistung als herausragender Bischof, die ihn für alle Zeiten bekannt gemacht hat. Es ist vielmehr eine einmalige Begebenheit, die sich der Legende nach am Stadttor der nordfranzösischen Stadt Amiens abgespielt hat. Wir nennen sie nur „die Mantelteilung“, und jedes Kind weiß, was damit gemeint ist: Der römische Offizier Martin pfeift auf seine Standesehre und teilt den Mantel seiner Uniform mit einem frierenden Bettler. Eine spontane Aktion, eine einzelne Episode, von der wir keine Vorgeschichte kennen und auch nicht, wie sie weiterging. Eine Tat aus dem Augenblick heraus, keine organisierte Hilfsaktion, die auf Nachhaltigkeit geachtet hätte.

Und doch hat kaum eine Heiligenlegende so nachhaltig gewirkt. Nicht bei dem Bettler – jedenfalls wissen wir nichts darüber – , sondern bei Martin selbst. Denn in der Nacht danach erschien ihm Christus im Traum und gab sich zu erkennen: In dem unbekannten Bettler ist Martin dem Herrn selbst begegnet und hat ihm ohne groß nachzudenken gegeben, was er in dieser Situation am dringendsten gebraucht hat.

„Lebe das, was du vom Evangelium verstanden hast, und sei es auch noch so wenig, aber lebe es!“ Das hat Roger Schutz gesagt, der erste Prior von Taizé. Ich muss nicht die Bibel von A bis Z kennen, ich muss auch nicht alle Glaubenssätze der Kirche erklären und unterschreiben können. Ich kann Christ oder Christin sein, auch wenn ich nur einen wichtigen Satz des Evangeliums verstanden habe und in meinem Leben zu verwirklichen suche. Für Martin hieß dieser Satz vielleicht: Selig sind die Barmherzigen oder: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. Oder auch das Beispiel der armen Witwe, die gegeben hat, was sie eigentlich selbst gebraucht hätte; wir haben die Geschichte im Tagesevangelium dieses Sonntags gehört.

Vielleicht hat jede und jeder von uns ja so ein inneres Motto, das uns immer wieder einfällt und unser Leben wie ein Refrain begleitet. Glauben wir nicht, es sei zu wenig, wenn es nicht das Ganze des Glaubens ist! Es ist vielleicht die Art, in der Christus gerade mir begegnen will, so wie der Blickkontakt mit dem fremdem Bettler für Martin zur Begegnung mit dem Herrn geworden ist.

Auch wenn unser Glaube nicht besonders groß und gefestigt ist, wir dürfen ihm trotzdem viel zutrauen! Und wir dürfen Christus, unserem auferstandenen Herrn, zutrauen, dass er sich auch heute in den Menschen zeigt. In den Menschen diesseits und jenseits der Grenzen und Stadttore, in den Menschen auf unseren Straßen und in unseren Häusern, in den Menschen, deren Nöte wir kennen oder erst entdecken sollen. In den Menschen, mit denen wir unsere Welt teilen, unsere Armut und unseren Reichtum.

Die Begegnung am Stadttor von Amiens hatte für Martin nachhaltige Folgen: Er entschied sich endgültig für den Glauben und ließ sich taufen. Erst nach dieser denkwürdigen Begegnung vollzog er den Schritt und bekannte sich auch öffentlich zu dem, was er innerlich schon längst gefunden hatte. Wohin mögen uns unsere Wege und Begegnungen wohl noch führen? Wir dürfen gespannt sein! Amen.

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