Am Scheideweg – 29. Sonntag im Jahreskreis B

Aus dem Evangelium nach Markus, Kapitel 10
32 Während sie auf dem Weg hinauf nach Jerusalem waren, ging Jesus voraus. Die Leute wunderten sich über ihn, die Jünger – und Jüngerinnen – aber hatten Angst. Da versammelte er die Zwölf wieder um sich und kündigte ihnen an, was ihm bevorstand.
33 Er sagte: Wir gehen jetzt nach Jerusalem hinauf; dort wird der Menschensohn den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten ausgeliefert; sie werden ihn zum Tod verurteilen und den Heiden übergeben;
34 sie werden ihn verspotten, anspucken, geißeln und töten. Aber nach drei Tagen wird er auferstehen.
35 Da traten Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, zu ihm und sagten: Meister, wir möchten, dass du uns eine Bitte erfüllst.
36 Er antwortete: Was soll ich für euch tun?
37 Sie sagten zu ihm: Lass in deinem Reich einen von uns rechts und den andern links neben dir sitzen.
38 Jesus erwiderte: Ihr wisst nicht, um was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde?
39 Sie antworteten: Wir können es. Da sagte Jesus zu ihnen: Ihr werdet den Kelch trinken, den ich trinke, und die Taufe empfangen, mit der ich getauft werde.
40 Doch den Platz zu meiner Rechten und zu meiner Linken habe nicht ich zu vergeben; dort werden die sitzen, für die diese Plätze bestimmt sind.
41 Als die zehn anderen Jünger das hörten, wurden sie sehr ärgerlich über Jakobus und Johannes.
42 Da rief Jesus sie zu sich und sagte: Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen.
43 Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein,
44 und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein.
45 Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.

Autorin:
_MG_7932-webBirgit Droesser, Pastoralreferentin, war tätig in der Gemeindepastoral, in der Klinikseelsorge und im Theol. Mentorat Tübingen, jetzt Pfarrgemeinderätin in St. Bruno, Würzburg

 
Die Predigt:
Am Scheideweg

Liebe Leserin, lieber Leser,
dieses Evangelium trifft ins Schwarze. Der vergangene Wahlsonntag hat ein Parteienbeben ausgelöst: welche Konsequenzen ziehen die bisher großen Parteien CSU/CDU und SPD aus ihrem sehr schlechten Abschneiden bei der Bayernwahl. Was ist mit dem Führungspersonal, was ist mit den „Mächtigen“? Wer ist der oder die Größte? Wer bleibt? Wer muss gehen? Auch in der katholischen Kirche hat ein Beben stattgefunden, als die Missbrauch-Verbrechen offen zutage getreten sind. Wie viele Wochen ist es her: zwei? drei? Man meint nur noch ein Nachbeben zu spüren. Doch das ist nur die Oberflächenwahrnehmung. In Wirklichkeit ist bei vielen das Vertrauen in die Kirche endgültig zusammengebrochen. 5 Prozent der Kleriker wurden als Täter identifiziert und 95 Prozent stehen unter Generalverdacht. In dieser Situation ist das heutige Wort Jesu wirklich ein scharfes Schwert, wenn wir hören: Ihr wisst, dass die Mächtigen ihre Macht über Menschen missbrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein! Wie lange noch kann unsere Kirche sich da herauswinden, um sich diesem Wort Jesu nicht mit aller Schonungslosigkeit stellen zu müssen?

Ich meine: Keinen Augenblick mehr, denn wie schon so oft in ihrer Geschichte steht die katholische Kirche heute wieder am Scheideweg. Was die Machtfrage in unserer Kirche angeht ist es längst fünf nach Zwölf. Die Zeit ist abgelaufen. Man kann weiterhin so tun, als hätten Papst, Bischöfe und Priester die Macht über das kirchliche Leben. Die Christinnen und Christen stimmen jedoch lautlos ab, indem sie die Kirche verlassen. Dem können wir nicht tatenlos zusehen. Denn die Kirche hat einen Auftrag, nämlich das Evangelium in Wort und Tat zu verkünden, die frohe Botschaft vom Heil für jede und jeden Einzelnen, eine Perspektive zu vermitteln die Halt gibt, die mit Schuld umgehen hilft und eine Hoffnungsbotschaft ist über den Tod hinaus.

Für unsere Kirche wird das Frauenthema zur „Gretchenfrage“ aus Goethes „Faust“: Wie hältst du es mit der Verkündigung des Glaubens? Welche Hemmnisse legst du dem Wachstum des Reiches Gottes in den Weg? Die Frauenfrage ist eines der großen Hindernisse. Dazu ein Spotlight zwischen zwei Verkäuferinnen – kürzlich erlebt: “Gehst du in die Kirche?“ „Ne, da schlafe ich am Sonntag lieber aus.“ Ich schalte mich ein: „Das sollten Sie aber tun. Ihnen entgeht viel.“ Die Antwort: „Solange die Frauen in der Kirche so behandelt werden, gehe ich nicht hin.“ Auch wenn es eine Ausrede ist, so heißt das doch: Der Ausschluss der Frauen von jedem Amt ist mindestens in den westlichen Gesellschaften nicht mehr vermittelbar. Das wird als zutiefst ungerecht und anachronistisch, d.h. aus der Zeit gefallen, empfunden. Einfach nicht mehr hinnehmbar. Und der in so vielen Ländern aufgedeckte Missbrauch Minderjähriger durch Kleriker hat auch damit zu tun, dass sich in dieser männerbündischen Gemeinschaft homophil-pädophile Männer besonders angezogen und gedeckt fühlen. Der größte Teil der geschundenen Kinder sind Jungen.

Bekannt sind die Gegenargumente:
– Das Amt hat angeblich nichts mit Macht zu tun. In jeder Weiheliturgie hören wir, dass es sich bei den Ämtern um Dienstämter handele, das Amt also als Dienst. Aber: Ein Amt innezuhaben bedeutet, wie man im Studium des Kirchenrechts lernt, eine Verbindung von Pflichten und Vollmachten auf Dauer. Amtsträger haben neben der sogenannten „Weihevollmacht“, die sich auf die Feier der Sakramente und das Recht zur Predigt bezieht, die Entscheidungskompetenz in so gut wie allen Fragen des Gemeindelebens. Sie sind Dienstvorgesetzte. Gegen ihr Votum läuft auch im Pfarrgemeinderat letztlich nichts. Den Laien mit ihren vielen Ehrenämtern, darunter überwiegend Frauen, ohne die Pfarreien überhaupt nicht mehr existieren könnten, bleiben die Pflichten, die Arbeit, der wirkliche Dienst.

– Jesus habe nur Männer in den Zwölferkreis berufen. Aber: Wie auch anders, möchte man rufen. Auch im heutigen Evangelium klingt durch, dass Jesus und seine Jünger die Wiederherstellung des Reiches Israel mit seinen 12 Stämmen erwartet haben. In der damaligen Zeit waren nur Männer als Stammesführer denkbar. Keines der kirchlichen Ämter, wie wir sie heute kennen, lässt sich direkt auf Jesus zurück beziehen. Alle sind im Laufe der Kirchengeschichte entstanden und haben sich entwickelt. Weshalb sollten und müssten sie sich eigentlich nicht weiterentwickeln? Wie kein anderer Rabbi hatte Jesus nachweislich Frauen in seiner Jüngerschar und stand in einem besonderen Verhältnis zu Maria von Magdala, die zur ersten Zeugin der Auferstehung wurde, anerkannt von der frühen Kirche. Es gab Gemeindeleiterinnen wie Lydia und Apostelinnen wie Junia. Es gab Diakoninnen wie Phoebe für den Dienst an den Frauen. Mit der Entwicklung zur Staatskirche im vierten Jahrhundert wurde diese revolutionäre Bewegung nach und nach beendet. Fortan waren alle Amtsträger männlich.

– Nur ein Mann kann Jesus in der Feier der Eucharistie repräsentieren. Aber: Dieses Argument ist eigentlich – mit Verlaub gesagt – absurd. Denn dann müsste die ihm gegenüberstehende Kirche auch nur aus Frauen gebildet werden, wenn diese Symbolik etwas mit dem natürlichen Geschlecht zu tun hätte.

– Den aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen, die Frauen als gleichberechtigte Amtsträgerinnen haben, geht es nicht besser. Im Gegenteil: Die Austrittszahlen sind noch größer. Aber: Evangelische Christen haben ein anderes Kirchenbild mit viel geringerer Bindung an die Institution. Und entgegen der Statistik ist die Zufriedenheit in evangelischen Gemeinden meiner Wahrnehmung nach deutlich größer. Dort geht es wirklich um Sachfragen, während wir uns täglich mit den strukturellen Problemen herumschlagen.

Bei euch aber soll es nicht so sein… Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen. Dieses Wort ist ein eindeutiger und hoher Anspruch an jede und jeden Einzelnen, als Christ und als Christin, aber auch als Kirche im Ganzen, nämlich ein Gegenmodell zu leben zum Egoismus unserer Gesellschaft. Es ist ein langer und schwieriger Erziehungs- und Entwicklungsweg, dem sich jeder Mensch stellen muss, sich unterordnen, den und die Andere höher zu schätzen als sich selbst. Für unsere Kirche geht es nicht ohne radikale Strukturreform. Die Zeit dazu ist jetzt. Amen

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3 Antworten auf Am Scheideweg – 29. Sonntag im Jahreskreis B

  1. Annemarie Gindele sagt:

    Liebe Frau Droesser, herzlichen Dank für Ihre mutigen Worte. Ja, es ist nicht mehr hinnehmbar, dass nur Männer in unserer katholischen Kirche das Sagen haben. Die Aufwertung, die Maria Magdalena 2016 durch Papst Franziskus erfahren hat, ist noch längst nicht in allen Köpfen (auch „Klerikerköpfen“) angekommen. Das erlebe ich fast täglich bei Führungen durch unsere Gotische Basilika St. Maria Magdalena in Tiefenbronn, wo Maria Magdalena seit dem frühen Mittelalter verehrt wird und 17-mal dargestellt ist. Selbst die neue Präfation, die seit 2016 für die ganze Weltkirche für die Liturgie am Fest der Hl. Maria Magdalena (22. Juli) festgelegt wurde, ist teilweise nur in lateinischer Fassung in den Gemeinden vorhanden (also noch nicht für die Verkündigung in der Gemeinde geeignet). Dieses Jahr fiel das Fest der Hl. Maria Magdalena auf einen Sonntag. Prompt wurde es nicht gefeiert. Ich frage mich, wie lange das noch gut geht, dass wir Frauen zwar treue Dienerinnen in unserer Kirche sind und oft genug das Gemeindeleben in immer größeren Seelsorgeeinheiten einigermaßen aufrecht erhalten, aber letztendlich eine männlich geprägte Kirche über uns bestimmt (auch ob wir predigen dürfen oder nicht). Die Weihe zur Diakonin ist schon längst überfällig. Es gibt absolut keinen Grund, Frauen nicht zuzulassen. Die Not in den Gemeinden wird immer größer. Es wird nur noch der „Mangel verwaltet“.

  2. Maria sagt:

    Klare Worte. Danke. Auf dieser Webseite haben wir ja schon ein Mosaiksteinchen der „Frauenkirche“. Heute im Gottesdienst am Heimatort hieß es in den Fürbitten:
    für alle die die Kirche leiten, Papst, Bischöfe und Priester,….
    vermisst habe ich Diözesanrat, Dekanatsrat, Kirchengemeinderat…

    Meine Frage ist: wer wird wie für die notwendige Strukturreform kämpfen?

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