Zwei Welten – 25. Sonntag im Jahreskreis B

Aus dem Evangelium nach Markus, Kapitel 9
Neue Einheitsübersetzung
In jener Zeit
30 zogen Jesus und seine Jünger – und Jüngerinnen – durch Galiläa. Er wollte aber nicht, dass jemand davon erfuhr;
31 denn er belehrte seine Jünger – und Jüngerinnen – und sagte zu ihnen: Der Menschensohn wird in die Hände von Menschen ausgeliefert und sie werden ihn töten; doch drei Tage nach seinem Tod wird er auferstehen.
32 Aber sie verstanden das Wort nicht, fürchteten sich jedoch, ihn zu fragen.
33 Sie kamen nach Kafarnaum. Als er dann im Haus war, fragte er sie: Worüber habt ihr auf dem Weg gesprochen?
34 Sie schwiegen, denn sie hatten auf dem Weg miteinander darüber gesprochen, wer der Größte sei.
35 Da setzte er sich, rief die Zwölf und sagte zu ihnen: Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein.
36 Und er stellte ein Kind in ihre Mitte, nahm es in seine Arme und sagte zu ihnen:
37 Wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat.

Autorin:
PassbildSabine Mader, Pastoralreferentin, Klinikseelsorgerin im Robert-Bosch-Krankenhaus Stuttgart

 
Die Predigt:
Zwei Welten

Liebe Leserin, lieber Leser,
liest man das heutige Evangelium, so hat man das Gefühl, es prallen in der Kommunikation von Jesus mit seinen Jüngern Welten aufeinander und beide haben es schwer, einander zu verstehen. Erst die Ankündigung Jesu, dass er getötet und auferweckt werden soll. Der Sinn dieser Worte ist für die Jünger so weit weg von ihrer Erfahrungswelt, dass sie nicht mal nachfragen, obwohl man sie ja aus anderen Situationen durchaus kritisch kennt. Und das Gleiche umgekehrt: dieser Jesus, der sich selbst immer wieder erniedrigt, der von einem Reich erzählt, in dem es nicht um menschliche Faktoren geht wie Ansehen und Macht, kann nicht verstehen, wie die Jünger sich mit so unwichtigen Dingen beschäftigen, wo er doch von ganz anderen Werten erzählt. In seinem Reich sind die Verhältnisse umgekehrt, dort sind die Kleinen groß und wichtig alleine ist, dass Menschen aufeinander schauen und gemeinsam auf dem Weg zu Gott sind.

Wie oft erlebe ich auch in meinem Alltag als Klinikseelsorgerin den Zusammenprall dieser zwei Welten. Wie oft höre ich z.B.: ich habe ein gutes Leben geführt, nicht gestohlen, nicht gelogen, war für andere da und nun mutet mir Gott diese Krankheit zu. Indirekt wird ja damit die Erwartung formuliert: wenn ich nach Gottes Regeln lebe, dann habe ich Anspruch darauf, dass es mir gut geht. Sicher weiß ich, dass Patienten damit ihre Überforderung und ihre Ohnmacht ausdrücken und nach dem Sinn ihres Leidens suchen, aber ich frage mich immer öfters, was Jesus da geantwortet hätte. „Wer wie ich Leiden auf sich nimmt, folgt mir nach“? „Nur wer sich selbstlos für andere aufopfert ohne einen Lohn zu fordern, hat die unendliche Liebe Gottes verstanden“?

Je mehr ich darüber nachdenke, desto unvereinbarer scheinen mir diese zwei Welten: das Reich Gottes, das ich mir so wünsche, scheint immer weiter weg zu sein von meinem Erfahrungsalltag. Die unselige politische Diskussion über Flüchtlinge oder Ausländer kann ich immer weniger fassen. Hier werden Menschen in Not pauschal verurteilt, es gibt eine Neiddebatte, für die ich mich wirklich schäme. Wie kann ein Christ wirklich der Ansicht sein, dass Flüchtlinge besser im Meer ertrinken als hier in Deutschland aufgenommen zu werden? „Wer einen Menschen in Not aufnimmt, der nimmt mich auf.“ Welcher Christ darf sich als wertvoller oder wichtiger ansehen als andere Menschen, die das Pech hatten, nicht in einem reichen Land geboren zu werden?

Aber auch wenn man auf sich selbst sieht, ist das Reich Gottes manchmal gefühlt sehr weit weg. Es tut nunmal gut zu merken, dass man in seinem Umkreis anerkannt ist. Und es fällt schwer, das aufs Spiel zu setzen, indem man z.B. unbequeme Wahrheiten ausspricht. Ich merke, je mehr ich versuche, diese Beispiele in den heutigen Bibelkontext zu stellen, desto mehr wird mehr klar, wie anstößig dann die Botschaft wird. Die christliche Botschaft erschüttert, wenn sie ernst genommen wird, das gewohnte Denken. Spricht man klar Jesu Worte nach, lässt es sich nicht vermeiden, unbequem zu werden, anzuecken.

Zwei Welten prallen aufeinander und wecken besondere Gefühle in mir. Verständnis dafür, dass nicht jeder Mensch als Held geboren ist. Oder dafür, dass wir uns nach einem ruhigen, zufriedenen Leben ohne große Not sehnen. Und gleichzeitig weckt Jesu Versprechen, in jedem Menschen, den wir aufnehmen, Gott selbst aufzunehmen, die Sehnsucht in mir, es doch zu versuchen, Gottes Reich lebendig werden zu lassen. Denn die Erfahrung, wenn im Alltag etwas von dieser Vollkommenheit Gottes aufblitzt, macht unbedingt Sehnsucht nach mehr.

Und gleichzeitig wird mir klar, dass das unser Los als Christinnen und Christen ist, zwischen diesen beiden Welten hin- und hergerissen zu sein. Eigentlich haben wir die Lösung auf viele Probleme geschenkt bekommen, theoretisch wissen wir, wie es aussehen müsste, viele Beispiele mutiger Menschen zeugen davon. Und doch „menschelt“ es immer wieder und wir bleiben weit hinter dem zurück, was Jesus ein Leben in Fülle nennt.

Aber wissen Sie, was für mich wirklich der Anfang vom Ende ist? Wenn wir die Hoffnung aufgeben, wenn wir uns zu sehr in unserer menschlichen Welt einrichten, resignieren, nicht mehr den Mund aufmachen. Wenn wir nicht einmal mehr Sehnsucht empfinden können, dann kann selbst Gott nicht mehr unsere Herzen erreichen.

Christsein bedeutet, Wanderer zwischen zwei Welten zu sein. Mal versinkt man ganz in der einen und dann blitzt etwas vom Reich Gottes auf und die Sehnsucht nach mehr lässt uns wieder aufbrechen. Ich wünsche Ihnen viele solche Erfahrungen!

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