Berühren und die Seele anrühren – 23. Sonntag im Jahreskreis B

Aus dem Evangelium nach Markus, Kapitel 7
In jener Zeit
31 verließ Jesus das Gebiet von Tyrus wieder und kam über Sidon an den See von Galiläa, mitten in das Gebiet der Dekapolis.
32 Da brachte man einen Taubstummen zu Jesus und bat ihn, er möge ihn berühren.
33 Er nahm ihn beiseite, von der Menge weg, legte ihm die Finger in die Ohren und berührte dann die Zunge des Mannes mit Speichel;
34 danach blickte er zum Himmel auf, seufzte und sagte zu dem Taubstummen: Effata!, das heißt: Öffne dich!
35 Sogleich öffneten sich seine Ohren, seine Zunge wurde von ihrer Fessel befreit und er konnte richtig reden.
36 Jesus verbot ihnen, jemand davon zu erzählen. Doch je mehr er es ihnen verbot, desto mehr machten sie es bekannt.
37 Außer sich vor Staunen sagten sie: Er hat alles gut gemacht; er macht, dass die Tauben hören und die Stummen sprechen.

Autorin:
Rings-Kleer Marita Rings-Kleer, Gemeindereferentin in der Pfarreiengemeinschaft Altenkessel-Klarenthal, Diözese Trier

 
Die Predigt:
Berühren und die Seele anrühren

Liebe Leserin, lieber Leser,
heute leben in Deutschland ca. 8 Millionen schwerbehinderte Menschen. Und fast so zahlreich sind auch die Arten der Behinderung.

Früher gab es fast nur die „klassischen“ Behinderten: Blinde, Taube, Stumme und Gelähmte. Und nach Kriegen gab es die „Kriegsversehrten“, die ein Leben lang unter den Folgen von schweren Verwundungen zu leiden hatten. Früher war die Medizin noch nicht in der Lage, Menschen mit anderen Behinderungen am Leben zu halten und so starben viele Kinder schon als Säuglinge an den Folgen von vorgeburtlichen Krankheiten. Und auch ältere und alte Menschen konnten mit Behinderungen früher nicht angemessen versorgt werden, so dass sie früh an den Folgen ihrer Behinderung starben. Behinderte wurde außerdem häufig auch in den Familien versteckt, so dass sie keine Förderung oder andere Hilfen erfuhren.

Sichtbar blieben dann die Blinden, Stummen, Tauben und Gelähmten, denn sie waren noch in der Lage, z.B. durch Betteln, etwas zu ihrem Lebensunterhalt beizutragen. Wer in Ländern Afrikas oder Asiens unterwegs ist, der sieht es noch so, wie es zu Zeiten Jesu der Fall war: Sie sitzen an Knotenpunkten in den Städten und halten ihre schmutzigen Hände hin, um ein wenig Geld oder Lebensmittel zu erbetteln. Und oft genug sind die Behinderten nur dürftig bekleidet oder gar ganz nackt, weil das, was sie zugesteckt bekommen, gerade zum Überleben reicht.

Hier in Deutschland muss niemand, der behindert ist, hungern oder betteln. Wir haben ein gutes System an Hilfseinrichtungen. Und das Stichwort „Inklusion“ bedeutet, dass alle ein Anrecht auf Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, an Bildung und Kultur haben. Aber die Behinderung wird dadurch nicht weggenommen. Und eine Behinderung ist ja nicht nur eine Einschränkung von körperlichen Vollzügen wie sehen, sprechen, hören oder sich bewegen. Eine Behinderung greift tief in das persönliche Erleben ein und wirkt sich auch auf die psychische Gesundheit eines Menschen aus.

Experten sagen nun, dass die schlimmste Behinderung die Gehörlosigkeit sei bzw. das Taubstumm-Sein. Auch wenn viele Menschen meinen, dass das Blind-Sein am schwierigsten sei, so ist tatsächlich das Nicht-Hören-Können für einen Menschen das größere Handicap. Denn wir Menschen sind zu unserer Persönlichkeitsentwicklung und Persönlichkeitsentfaltung auf andere Menschen angewiesen. Dazu gibt es eine Geschichte, die Friedrich dem Großen zugeschrieben wird:
König Friedrich wollte herausfinden, welches die Ur-Sprache der Welt sei. Dazu ließ er Neugeborene Kinder direkt nach ihrer Geburt in ein gesondertes Kinderhaus bringen und wies die Kinderfrauen an, kein Wort mit den Kindern zu wechseln. Sie sollten die Kinder füttern, waschen und windeln, aber nicht mit ihnen sprechen oder sich ihnen zuwenden. Wenige Wochen später waren alle Kinder tot.

Ein sehr grausames Experiment, dass der König dort durchführen ließ, aber der Wissensdurst des 18.Jahrhunderts war so groß, dass er auch Menschenleben forderte. König Friedrich erfuhr nie, ob es eine Ur-Sprache gibt und auch nicht, warum die Kinder starben, aber wir Heutigen sind schlauer. Wir wissen heute, dass die Kinder starben, weil niemand mit ihnen kommunizierte: nicht mit ihnen redete, sie sie nicht streichelte oder liebevoll mit ihnen umging. Kommunikation war und ist der Schlüssel zur positiven Entwicklung eines Menschenkindes. Kinder, die kein gutes Wort zu hören bekommen, die nicht wertgeschätzt werden oder schlimmer noch, misshandelt, vernachlässigt oder gar missbraucht werden, können sich nicht positiv entwickeln und weisen schon früh psychische Störungen auf.

Tauben aber und taubstummen Menschen ist aufgrund ihrer Behinderung eben diese Kommunikation nicht möglich. Was Blinde und Gelähmte noch können, nämlich hören, können Taube und Taubstumme nicht. Ihre Welt ist und bleibt stumm. Kein Laut dringt durch ihr Ohr und an ihr Herz, kein Wunder also, dass ihre Behinderung als die schlimmste wahrgenommen wird.

Und wer einen gehörlosen und taubstummen Menschen nun heilt, der öffnet ihm die Tür zu den Menschen und zum Leben. Heute können viele Gehörlose sich mit Gebärdensprache verständigen und so an den alltäglichen Abläufen des Lebens teilhaben, zumindest in unserer westlichen Welt. Aber den liebevollen Klang einer Stimme, die von Zuneigung oder gar Liebe spricht, hört ein tauber Mensch eben doch nicht. Oder auch Musik und Vogelgezwitscher, die uns Menschen die Stimmung heben können, bleiben gehörlosen Menschen verwehrt.

„Gesundheit ist das höchste Gut“, wird von uns oft leicht daher gesagt, aber Gesundheit war zu Zeiten, in denen nur ein gesunder Mensch auch ein Mensch mit einer Lebensperspektive war, tatsächlich des wichtigste Gut überhaupt. Wer nicht gesund war, starb früh und wer behindert war, konnte nur bettelnd sein Leben fristen. Deshalb finden wir beim Propheten Jesaja als Synonym für das Leben überhaupt den Satz: Blinde sehen, Lahme gehen, Taube hören und Stumme können sprechen (Erste Lesung aus Jesaja 35). Gott selbst wird kommen und auf diese Weise retten. Gott schenkt Heil und Leben, indem er zuerst die Behinderten am Leben teilhaben lässt. Eine Verheißung, die ein ganz starkes Zeichen in sich trägt.

Eine Verheißung, die mit Jesus zur Realität wird. Jesus, er heilt die Blinden, Gelähmten, aber vor allem die Tauben und Stummen. Und damit sie heil werden, soll Jesus sie berühren. Und Jesus berührt sie! Er berührt die Ohren des Tauben und er berührt die Zunge des Stummen und sie können wieder hören und sprechen.

Hätte König Friedrich der Große doch besser die Bibel gelesen und hätte er die Kinder von ihren Pflegerinnen berühren lassen, dann hätten sie überlebt. Und genau das ist es, um was es geht: um Überleben und um gutes Leben. Damit dies gelingt, ist Kommunikation wichtig, bei denen, die gehörlos sind, und auch bei all denen, die heute zwar physisch hören können, aber mental und psychisch nicht mehr.

Und es ist Berührung notwendig, jemanden ganz real berühren, in den Arm nehmen oder streicheln und auch die Seele anrühren. Einem Menschen in Wort und Tat nahe sein, einen Menschen ermutigen, aufbauen, trösten: das heilt.

Das wusste Jesus und er hat es einfach getan. Wir heute können das von ihm lernen und auch heute noch Wunder geschehen lassen. Es gibt viele Behinderungen, die Millionen Menschen einschränken, es gibt aber genauso viele Möglichkeiten, Berührungen und damit Heilungs-Wunder geschehen zu lassen. Öffnen wir unsere Ohren, Augen und das Herz für die vielen „Behinderungen“ anderer, damit diese Wunder auch in unserer Zeit, heute, möglich sind.

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2 Antworten auf Berühren und die Seele anrühren – 23. Sonntag im Jahreskreis B

  1. clara a sancta abraham sagt:

    Ich kenne beide Bereiche.
    Den der Kranken als Krankenschwester. Schwerpunkt häusliche Pflege.
    Am Ende meiner Tätigkeit in diesem Bereich benötigte ich oft mehr Zeit für das Gespräch als für die eigentliche pflegerische Handlung. Das machte die Menschen froh.
    Meine Berührung mit Worten, mein Mitgehen, heilte besser als manch komplexer Verband.

    Jetzt bin ich Religionslehrerin und helfe in der Krankenpastoral mit.
    Religionslehrerin, um die SchülerInnen mit einem „Grundvertrauen“ an den heilenden Gott auszustatten, in aller Demut versuche ich das.
    In der Krankenpastoral stelle ich mich in den Dienst um durch mein Da Sein und Aushalten die Berührung mit der heilenden Nähe Gottes zu ermöglichen.

    Viele von uns sind an manchen Tagen und Situationen taub und stumm für diese Nähe. Dann ist es an uns einander diesen Liebesdienst zu erweisen.

    Jetzt freue ich mich auf den Gottesdienst in meiner Gemeinde

    Schönen Sonntag!!

    • walter sagt:

      behinderte Kirche…
      könnte es sein, dass der -deutsche- milliardenschwere „Sozialkonzern Kirche“ seine Mitglieder zu Behinderten macht- blind,taub,stumm:
      reiche ,kranke Kirche !

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