Wollt auch ihr weggehen? – 21. Sonntag im Jahreskreis B

Aus dem Evangelium nach Johannes, Kapitel 6
In jener Zeit
60 sagten viele seiner Jünger – und Jüngerinnen, die ihm zuhörten : Was er sagt, ist unerträglich. Wer kann das anhören?
61 Jesus erkannte, dass seine Jünger – und Jüngerinnen – darüber murrten, und fragte sie: Daran nehmt ihr Anstoß?
62 Was werdet ihr sagen, wenn ihr den Menschensohn hinaufsteigen seht, dorthin, wo er vorher war?
63 Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts. Die Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind Geist und sind Leben.
64 Aber es gibt unter euch einige, die nicht glauben. Jesus wusste nämlich von Anfang an, welche es waren, die nicht glaubten, und wer ihn verraten würde.
65 Und er sagte: Deshalb habe ich zu euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, wenn es ihm nicht vom Vater gegeben ist.
66 Daraufhin zogen sich viele Jünger – uns Jüngerinnen – zurück und wanderten nicht mehr mit ihm umher.
67 Da fragte Jesus die Zwölf: Wollt auch ihr weggehen?
68 Simon Petrus antwortete ihm: Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.
69 Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes.

Wegkreuzung
Autorin:
Sigrid Haas, Diplomtheologin, Mannheim

 
Die Predigt:
Wollt auch ihr weggehen?

Liebe Leserin, lieber Leser,
ich möchte aus dem Text zwei Aussagen herausgreifen und näher betrachten.

Daran nehmt ihr Anstoß?

Die Wundertaten Jesu ließen die Menschen staunen. Doch wie er über Gott redete, sich selbst gar als Gottes Sohn bezeichnete und sie schließlich aufforderte, sein Fleisch zu essen und sein Blut zu trinken – das hatte es noch nie gegeben. Nachvollziehbar, dass die Menschen darauf mit Unverständnis, Abwehr und Wut reagierten. Denn was der dorfbekannte Zimmermannssohn da sagte, stellte ihren tradierten Glauben vollkommen auf den Kopf: Gott ist treu und ihnen nahe, hatte sogar einen Bund mit ihnen geschlossen, aber er war auch Richter und hatte Gesetze gegeben, die sie einhalten mussten. Was Jesus da predigte – einen menschgewordenen Gott, den sie verspeisen sollen – das konnte nur ein Ketzer, ein Verrückter sein.

Ja, Jesus war ein Ver-rückter – er rückte das verschobene Gottesbild zurecht, lebte die ewige Essenz Gottes: Gott ist Liebe und Barmherzigkeit und bietet den Menschen dauerhaft einen Dialog der Liebe an. In menschlichen Beziehungen gibt es häufig Verletzungen, Konflikte, Verrat und Trennungen. Doch in einer wahren Liebesbeziehung bleibt die Liebe trotzdem. Jesus provozierte bewusst, wollte falsche Systeme, Traditionen, Lehren und Glaubenssätze erschüttern. Denn nur so kann die dahinter stehende Not gewendet und die Einheit zwischen Gott und Mensch wieder hergestellt werden.

Das Kapitel 6 im Johannesevangelium beginnt mit der Brotvermehrung. Die Leute, bereits durch die anderen Wunder neugierig geworden, folgten ihm. Zuerst stillte er ihren körperlichen Hunger. Dann sprach er über das Himmelsbrot, offenbarte sich selbst als Brot des Lebens und konkretisierte es als sein Fleisch und sein Blut, das er hingeben würde für die Welt und uns zur Speise. Im griechischen Text steht „Fleisch kauen“. Wir sollen uns Zeit nehmen für Jesus, ihn „zum Fressen gern haben“, ihn schmecken, das Nährende aufnehmen, er soll uns „in Fleisch und Blut übergehen“, wir sollen uns Jesus, den menschgewordenen Gott, ganz einverleiben, damit eine Vereinigung stattfinden kann, eine totale Einheit, die nicht mehr zu trennen ist.

Wer sich von diesem Gott bedingungslos geliebt weiß und eins mit ihm ist, der hat ein verlässliches Fundament und ein Leben in Fülle wird möglich. Doch viele nehmen sich heute keine Zeit mehr, weder für sich selbst noch für Gott, sondern konsumieren körperlich, geistig und seelisch nur noch Fast Food. So sind sie auf allen Ebenen mangelernährt, konsumieren immer mehr und werden trotzdem nicht satt. Denn sie sind weder mit sich selbst, mit anderen noch mit Gott und der ganzen Schöpfung verbunden.

Wollt auch ihr weggehen?

Mussten Sie sich schon einmal für oder gegen einen Menschen entscheiden oder haben jemand vor die Wahl gestellt? Haben Sie schon einmal jemanden im Stich gelassen, als es wirklich ernst wurde oder mussten selbst diese Erfahrung machen? Was haben Sie getan, wie haben Sie sich gefühlt? Solche Situationen fordern uns zum Nachzudenken auf, was uns jemand wirklich bedeutet. Jede tragfähige Beziehung, ob zwischen Gott und Mensch oder zwischen zwei Menschen, erfordert eine klare Entscheidung füreinander, die mit ganzem Herzen getroffen und konsequent gelebt werden will. Wir brauchen einen tiefen Glauben, um auf Gott vertrauen zu können, den wir nicht sehen. Deshalb schickt Gott uns in Krisensituationen Menschen, um durch sie bei uns zu sein. Und wenn uns jemand bittet, dann spricht Jesus durch ihn, denn: Was ihr für eine meiner geringsten Schwestern oder einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. (Mt 25,40).

Die Leute, welche Jesus folgten, verstanden nicht alle, um was es wirklich ging. Deshalb verließen ihn viele und kehrten zurück in ihr altes Leben, um weiterzumachen wie bisher. Auch seine engsten Vertrauten – die Zahl Zwölf symbolisiert die zwölf Stämme Israel – fragte er: Wollt auch ihr gehen? Sie waren frei, ihn zu verlassen oder auf seinem bevorstehenden Leidensweg bei ihm zu bleiben, mit allen damit verbundenen Konsequenzen. Jesus forderte seine Freunde und Freundinnen zur klaren Entscheidung heraus, denn er wollte keine wankelmütigen, halbherzigen Jünger und Jüngerinnen um sich haben, sondern mutige, konsequente Menschen. Petrus antwortete stellvertretend: Zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. Sie hatten zwar Jesus als den Heiligen Gottes erkannt. Doch das Evangelium in seiner Radikalität konsequent wie Jesus zu leben, erfordert großen Mut. Wir alle kennen wahre Jüngerinnen und Jünger, aber auch das Gegenteil – wenn es Amtsträger sind, die zwar predigen, aber nicht danach handeln, wiegt es um so schwerer, denken wir nur an die unzähligen Missbrauchsfälle.

Jesus wusste: Obwohl seine Vertrauten sich jetzt für ihn entschieden hatten, würden ihn die meisten auf seinem Leidensweg später trotzdem im Stich lassen: Judas Iskariot würde ihn verraten, Petrus ihn dreimal verleugnen – nur die Frauen würden weiter an seiner Seite bleiben. Wie hätte die Kirche sich entwickelt, wenn nicht der feige Petrus das Oberhaupt geworden wäre, sondern die mutige Maria von Magdala…?

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Eine Antwort auf Wollt auch ihr weggehen? – 21. Sonntag im Jahreskreis B

  1. Walburga sagt:

    Vielen Dank für diese Predigt,vor allem wegen des letzten Abschnittes. Zur Zeit fällt es schwer, in dieser Kirche auszuharren und nicht zu gehen.“Doch zu wem sollte ich gehen?“

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