„An-Stiftung“ zu Bildung und Weisheit – 20. Sonntag im Jahreskreis B

Erste Lesung aus dem Buch der Sprichwörter, Kapitel 9
1 Die Weisheit hat ihr Haus gebaut, /
ihre sieben Säulen behauen.
2 Sie hat ihr Vieh geschlachtet, ihren Wein gemischt /
und schon ihren Tisch gedeckt.
3 Sie hat ihre Mägde ausgesandt /
und lädt ein auf der Höhe der Stadtburg:
4 Wer unerfahren ist, kehre hier ein. /
Zu den Unwissenden sagt sie:
5 Kommt, esst von meinem Mahl /
und trinkt vom Wein, den ich mischte.
6 Lasst ab von der Torheit, dann bleibt ihr am Leben, /
und geht auf dem Weg der Einsicht!

Autorin:
C-Bettin-komprimiert-200x300Christina Bettin, Gemeindereferentin in der Gemeinschaft der Gemeinden Mönchengladbach – Süd im Bistum Aachen

 
Die Predigt:
„An-Stiftung“ zu Bildung und Weisheit

Liebe Leserin, lieber Leser,
noch sind in NRW, in meinem Bundesland, Schulsommerferien und die Schülerinnen und Schüler genießen ihre sechswöchige Auszeit. Schon bald allerdings starten vielerorts voller Aufregung, Neugierde und Vorfreude aufs Lernen die sogenannten „I-Dötzchen“ zu ihrem ersten Schultag. Auf dem Hintergrund der alttestamentlichen Lesung möchte ich das zum Anlass nehmen über, Bildung, Lernen, Weisheit nachzudenken.

Längere Zeit schon geben sich Politiker und Politikerinnen,Pädagogen und Pädagoginnen Mühe, uns das Anliegen der „Inklusion“ nahe zu bringen. Es soll kein Kind in Deutschland verloren gehen. Alle sollen die gleichen Zugangschancen zu Bildung erhalten. Einschränkung, Behinderung oder Armut sollen nicht länger negative Einflussfaktoren sein. Vielmehr geht es um Wertschätzung und Anerkennung der Unterschiedlichkeit. In der UN-Behindertenrechtskonvention, die schon im Mai 2008 in Kraft gesetzt wurde, haben sich neben Deutschland 170 weitere Länder dazu bekannt, dass dieses Prinzip der Inklusion alle gesellschaftlichen Bereiche erfassen möge.

Noch arbeiten die einzelnen Bundesländer mit viel Aufwand und Anstrengung an der Verwirklichung dieses Zieles im schulischen Bildungsbereich. Es geht ua. um barrierefreie angemessene Räume, veränderte Leherausbildung, angepasste Lehrpläne und entsprechende Lehrmaterialien. Es ist eine wirklich große Herausforderung. Und es scheint, selbst in so einem wohlhabenden Land wie unserem, noch ein langer Weg bis zur angemessenen Umsetzung zu sein. Wirklicher Zugang zu Bildung, gerechte Bildungschancen, Ermöglichung für alle, keine Ausgrenzung, keine Elitenbildung, gemeinsames Lernen von und miteinander, das können dazu einige Stichworte sein.

Die Bibel hält hier noch einen weiteren Aspekt für uns bereit, der uns zum Nachdenken anregen kann. Es geht nicht nur um kognitives Lernen, um Wissenszugewinn und solche Art der Bildung, es geht hier um Weisheit.
Was bedeutet „Weisheit“?
Weisheit wird in ganz verschiedenen Disziplinen thematisiert: in der Philosophie, der Theologie, in den einzelnen Religionen und der Ethnologie, in der Soziologie und Persönlichkeitspsychologie, im Märchen- und in der Mythologie, sowie in der Literatur, der Musik und der Kunst. Folglich gibt es verschiedene Definitionen und Konzepte von Weisheit. Sie loten jeweils das Spannungsfeld zwischen Glauben und Wissen, Intuition und Rationalität, Instinkt und Erfahrung aus. Weisheit zeugt von geistiger Beweglichkeit und Unabhängigkeit. Sie ermöglicht systematisch
zu denken („eine weise Erkenntnis“, „ein weiser Entschluss“, „ein weises Urteil“),
zu artikulieren („ein weises Wort“, „ein weiser Rat“) oder
zu handeln („ein weises Verhalten“)
Weisheit bezeichnet vorrangig ein tiefgehendes Verständnis von Zusammenhängen in Natur, Leben und Gesellschaft sowie die Fähigkeit, bei Problemen und Herausforderungen die jeweils schlüssigste und sinnvollste Handlungsweise zu identifizieren.

In der Bibel stellt die Weisheitsliteratur eine eigene Gattung innerhalb des Kanons dar. Der Abschnitt der heutigen alttestamentlichen Lesung aus dem Buch der Sprichwörter, findet sich am Ende der einleitenden neun Kapitel dieses Buches. Der Textabschnitt enthüllt drei Sprechsituationen: Zunächst wird von der Frau Weisheit und ihrem Handeln in der dritten Person – „sie“ – gesprochen. Dann wendet sich die Frau Weisheit an ihre Zuhörer :„Kommt“. Und schließlich richtet sich der Lehrer mit der Aufforderung an seine Schülerinnen und Schüler: „Lasst ab“, den der Weisheit zuwiderlaufenden und entgegengesetzten Weg der Torheit zu meiden.

Die Weisheit wird als eine Frau vorgestellt, die zu einem Mahl lädt. Sie bietet etwas an, das diejenigen, die an diesen Tisch treten, aufnehmen, ins Leben integrieren und damit ihr Leben bewältigen.

Die Weisheit ist zwar von Gott geschenkt – so bekam beispielsweise der weise Salomo seine sprichwörtliche Weisheit als Antwort auf ein Gebet (1. Könige 3,5-14) , aber eben auch profan. Der verstorbene evangelische Alttestamentler und Pfarrer Claus Westermann formuliert: „Es wird dem Menschen zugetraut, dass er fortschreitend in seiner Welt selber seine Erfahrungen macht, bewahrt und verarbeitet, dass er aus Misserfolg lernt und durch falsche Schritte reifer wird. lm Gewinnen und Bewahren von Erfahrung, Erkenntnis und Wissen hat der Schöpfer sein Geschöpf sich selbst überlassen, er will dass es darin selbständig ist.“ Weisheit oder Klugheit werden im Christentum zu den Kardinaltugenden gerechnet, in die wir uns einüben können.

Durch die Personifizierung der Weisheit im heutigen Lesungsabschnitt fühle ich mich persönlich mit hineingenommen in das Geschehen. Ohne Ansehen der Person spricht die Frau ihre universale Einladung zum stärkenden Mahl aus. Ich merke, wie es mich hinzieht zu diesem Tisch. In dem Bewusstsein, dass Bildung und Lernen sich ein Leben lang fortsetzen, bin ich neugierig, was ich an diesem besonderen Tisch an tiefergehendem Verständnis erfahren werde. Jenseits von Schulnoten, Numerus Clausus und bestmöglichen Abschlüssen, geht es hier um Herzensbildung. Zu diesem Blick fühle ich mich angeregt, wenn ich mich am Tisch der Frau Weisheit umschaue. Wer sitzt da links und rechts von mir?

Trotz oder gerade wegen dieser universalen biblischen Einladung zur Teilhabe beim Mahl der Weisheit, stößt mir auf, dass Menschen in anderen Ländern der Erde viel weniger Zugang zu schulischer Bildung haben. Da können Hilfsinitiativen unterstützen. Die Stifte-aktion vom diesjährigen Weltgebetstag ist meiner Meinung nach dafür eine tolle Sache: Durch das Recycling von leeren Stiften unterstützt der Weltgebetstag ein Team aus Lehrerinnen und Lehrern, Psychologinnen und Psychologen, wodurch 200 syrischen Mädchen in einem Flüchtlingscamp im Libanon der Schulunterricht ermöglicht wird. Gesammelt werden: Kugelschreiber, Gelroller, Marker, Filzstifte, Druckbleistifte, Korrekturmittel, auch Tippex-Fläschchen, Füllfederhalter und Patronen, auch Metallstifte. (Nicht erlaubt sind: Klebestifte, Radiergummis, Lineale, Bleistifte, Buntstifte, Druckerpatronen und Scheren.) Das ist eine ganz konkrete, niederschwellig schlichte Sache, die ich leicht umsetzen kann. Gerne möchte ich auf diesem Wege noch einmal darauf aufmerksam machen und einladen, sich nach den je eigenen Möglichkeiten zu beteiligen oder auch andere dafür zu begeistern. Neugierig geworden? Mehr dazu finden Sie unter www.weltgebetstag.de „Stifte-Aktion“. (Die Aktion läuft bis Ende 2018.)

Es scheint mir zu kurz gegriffen, ausschließlich eine gesellschaftlich kontroverse Diskussion um das „schillernde“ Wort „Inklusion“ zu führen. Meiner Meinung nach ist es viel wirkungsvoller und nachhaltiger, wenn sie einhergeht mit ganz praktischen Schritten, um persönlich eine neue Einstellung und innere Haltung einzuüben. So sind wir mit der Einladung der Frau Weisheit sicherlich auch eingeladen, „An-Stifterinnen und An-Stifter“ zu werden.

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Eine Antwort auf „An-Stiftung“ zu Bildung und Weisheit – 20. Sonntag im Jahreskreis B

  1. walter sagt:

    fundamentaler Gegensatz:

    Weisheit- in “ Freiheit “ (z.B.: Versuch und Irrtum ) erworben ?
    – oder
    übernatürlich (z.B.metaphysisch ) von Gott geschenkt ?

    So erscheint die theologische Dogmatik um Freiheit und Unfehlbarkeit in der Evolution der Gotteserkenntnis nicht als der Weisheit letzter Schluss…

    (s.auch Joh.9:“ ich bin gekommen die Sehenden blind und die Blinden sehend zu machen „).
    Vielleicht ist es der -religiösen-Kreatur aufgegeben mit der existenziellen Unsicherheit leben zu lernen.
    Und vielleicht muss sie lernen die Weisheit vollends dem Einen und Einzigen zu überlassen.

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