Was treibt Gottes Geist mir Dir? – 11. Sonntag im Jahreskreis B

Aus dem Evangelium nach Markus, Kapitel 4
In jener Zeit sprach Jesus zu der Menge.
26 Er sagte: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät;
27 dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst und der Mann weiß nicht, wie.
28 Die Erde bringt von selbst ihre Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre, dann das volle Korn in der Ähre.
29 Sobald aber die Frucht reif ist, legt er die Sichel an; denn die Zeit der Ernte ist da.
Er sagte: Womit sollen wir das Reich Gottes vergleichen, mit welchem Gleichnis sollen wir es beschreiben?
31 Es gleicht einem Senfkorn. Dieses ist das kleinste von allen Samenkörnern, die man in die Erde sät.
32 Ist es aber gesät, dann geht es auf und wird größer als alle anderen Gewächse und treibt große Zweige, sodass in seinem Schatten die Vögel des Himmels nisten können.
Durch viele solche Gleichnisse verkündete er ihnen das Wort, so wie sie es aufnehmen konnten.
34 Er redete nur in Gleichnissen zu ihnen; seinen Jüngern – und Jüngerinnen – aber erklärte er alles, wenn er mit ihnen allein war.

Autorin:
Margret Schäfer-KrebsMargret Schäfer – Krebs, Pastoralreferentin, Referentin im Bischöflichen Ordinariat Rottenburg für Liturgie und Ökumene

 
Die Predigt:
Was treibt Gottes Geist mir Dir?

Liebe Leserin, lieber Leser,
Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät, dann schläft er… Das ist doch echt chillig. Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf, so sagt schon der Psalmist (Ps 127,2). Das Reich Gottes wächst von alleine, und der Sämann weiß nicht einmal wie. Er tritt erst wieder in Aktion wenn die Ernte reif ist. Und bis dahin, so scheint es, kann er es sich gemütlich machen.

Dein Reich komme, so hat Jesus in der Version des Evangelisten Matthäus die vielen Menschen, Frauen und Männer, mit dem Vaterunser beten gelehrt, die seine Bergpredigt hörten (Mt 6,10). Das Reich Gottes ist etwas, das kommt, es ist kein Menschenmachwerk, aber erbeten und erhofft will es werden. In einem beliebten Pfingstlied heißt es „Der Geist des Herrn durchweht die Welt gewaltig und unbändig; wohin sein Feueratem fällt, wird Gottes Reich lebendig (GL 347,4). Nicht durch unser Machen und Tun wird Gottes Reich lebendig, sondern dann, wenn ein anderer Geist herrscht und wenn ein anderer Wind weht. Wenn Gottes Geist nicht gezähmt oder angebunden, sondern unbändig weht wo er will, dann gibt es was zu staunen. Gottes Reich wie es leibt und lebt. Und das ist weit größer und mehr, als das, was uns so durch den Kopf geistert. Es reicht weiter als unser Planen und unsere Arme.

Und weil das so unfassbar und unberechenbar ist, hat selbst Jesus Mühe, es der Menge zu erklären. Womit sollen wir das Reich Gottes vergleichen? So scheint er selbst nach einer Erklärung zu suchen. Es geht nur im Vergleich mit etwas, das die Menschen aus ihrem Alltag kennen. Für einen Bauern von damals war es klar: Ich kann nur auf ein möglichst fruchtbares Stück Ackerboden meine Saat ausstreuen und dann muss ich zuwarten. Die Pflanze wächst nicht besser oder schneller, wenn ich dauernd daran herumzupfe. Ich kann allenfalls dafür sorgen, dass nicht zu viel Unkraut die Saat erstickt oder ich kann etwas aufpassen, dass nicht irgendwelche Viecher meinen Acker leer fressen. Wachsen aber, das muss und kann die Saat alleine.

Interessant, damals wie heute, ist vielleicht auch noch, dass Jesus diesen Sämann zwei Mal in Aktion erwähnt: Er sät und er erntet. Das heißt, es geht nicht um etwas wild oder zufällig Wachsendes. Die Samen des Reiches Gottes wollen ausgesät werden, ihre weitere Entwicklung aber liegt im Potential, das ihnen innewohnt.

Wie Gottes Reich erlebbar ist und wie es sich anfühlt, das konnten die Menschen in der Begegnung mit Jesus erfahren. Seine Worte, seine Gleichnisse wären wohl rätselhaft geblieben, wenn Jesus nicht Zeichen dafür gesetzt hätte, indem er Menschen herausgeholt hat aus unsäglichen Verstrickungen von Krankheit und Schuld, Hartherzigkeit und Blindheit, aus bedrückenden Traditionen, Vorurteilen und Machenschaften. Im Reich Gottes erfahren Menschen wieder Würde und Ansehen, sie können aufatmen und aufleben. Sie erleben so etwas wie Auferstehung.

Kirchenleute sind immer wieder in Gefahr, Gottes Reich und Kirche gleichzusetzen. Auch davor kann dieses Gleichnis bewahren oder helfen, diese Ansicht zu korrigieren. Kirche hat die Sendung und Aufgabe, Gottes Wort auszusäen und sich in ihrem Tun an Jesu Worten und Taten zu orientieren – und das großzügig. Und was dann wachsen kann und was wächst, ist nicht die Kirche, sondern Reich Gottes und das ist größer als Kirche. Wir, auch wir Kirchenfrauen und -männer sind für die Verkündigung in Wort und Tat zuständig, nicht für das Wachsen. Da sollen und dürfen wir uns überraschen lassen.

Ich werde an dieser Stelle auch das Gefühl nicht los, dass Kirche oft mehr damit beschäftigt ist, Wachstum zu kontrollieren, Früchte, die nicht in den Korb passen auszusondern, manche Keimlinge zu überdüngen und andere wiederum auszutrocknen, anstatt angstfrei zu säen, Gott machen zu lassen und seine überraschenden und großzügigen Gaben zu genießen.
Kein Wunder, dass es da vielen zu langweilig ist oder sie versuchen, sich außerhalb zu entfalten.

Gott ist treu und der Geist macht lebendig, wir sollten dies nicht unterschätzen. Öffnung für den Heiligen Geist, anstatt Wachstumskontrolle, und das in großer Gelassenheit und Freiheit. Wer weiß, welche Vögel dann zu uns finden würden, ihr Nest bei uns bauen, Schatten finden und womöglich mit andern Vögeln einen herrlichen Gesang zur Ehre Gottes anstimmen.

Vielerorts herrscht in der Kirche eine Untergangsstimmung. Und weil man nicht tatenlos untergehen möchte wird vieles versucht. Viel Interessantes ist dabei und auch Initiativen, die der Mühe wert sind. Programme und Projekte, Events und Angebote, Zahlen und Bilanzen, TODO-Listen und Mitmachaktionen machen aber nicht die Zukunft, sie sind wiederum und lediglich Gelegenheiten, Gottes gute Botschaft wie Samen auszustreuen.

Wachstum und Zukunft liegen nicht in unserer Hand und sind auch nicht handgemacht.
Unter dem Blickwinkel der heutigen Gleichnisse finde ich es nun auch interessanter, bei Gesprächen und Begegnungen mit Glaubensgeschwistern einmal zu fragen, was den anderen bewegt und umtreibt. Oder vielleicht noch konkreter: Was treibt Gottes Geist mir Dir? Was wächst da heran?– anstatt nur die meist rhetorische Frage stellen: Was machst du und was treibst du so? Vielleicht würden wir so mehr vom Reich Gottes hören und sehen.

Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät, dann schläft er… der Samen keimt und wächst… die Erde bringt von selbst ihre Frucht. Für Leben empfänglich zu sein und Leben wachsen zu lassen, da sind wir Frauen übrigens Expertinnen und die Kirche könnte für diese Expertise noch empfänglicher werden.

Dieser Beitrag wurde unter Predigten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>