Die Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen – 10. Sonntag im Jahreskreis B

Erste Lesung aus dem Buch Genesis, Kapitel 3
Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache
9 Da rief Adonaj, also Gott, den männlichen Menschen herbei und sagte zu ihm: »Wo bist du bloß?«
10 Der sagte: »Ein Geräusch von dir habe ich im Garten gehört und mich gefürchtet, denn ich habe nichts an und da habe ich mich versteckt«.
11 Darauf: »Wer hat dir denn gesagt, dass du nichts anhast? Hast du etwa von dem Baum gegessen, von dem ich dir geboten habe, ja nicht zu essen?«
12 Da sagte der Mann-Mensch: »Die Frau, die du mir doch an die Seite gegeben hast, die hat mir von dem Baum gegeben. Und da habe ich gegessen.«
13 Da sagte Adonaj, also Gott, zur Frau: »Was hast du da getan?« Und die Frau sagte: »Die Schlange hat mich reingelegt, so dass ich gegessen habe.«
14 Da sprach Adonaj, also Gott, zur Schlange: »Weil du das getan hast, bist du verflucht – als Einziges von allem Vieh und von allen Tieren des Feldes. Auf deinem Bauch sollst du kriechen und Erde essen dein Leben lang
15 Feindschaft stifte ich zwischen dir und der Frau, zwischen deinem Nachwuchs und ihrem Nachwuchs. Der wird deinen Kopf angreifen, du wirst seine Ferse angreifen.«

Adams Apfel
Autorin:
Sigrid Haas, Diplomtheologin, Mannheim

 
Die Predigt:
Die Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen

Liebe Leserin, lieber Leser,

Im Opferland

Viele Menschen leben wie Adam und Eva im Opferland. Sie finden immer jemand oder etwas, der schuld ist – nur nicht sie selbst. Doch wir sind alle aus derselben Quelle und untrennbar miteinander verbunden. Was ich als Einzelne und Einzelner tue, sage, denke und fühle, wirkt immer auch auf das Ganze.

Wer sich nicht als Opfer sieht, kann aus jeder noch so schrecklichen Situation etwas lernen und gereift hervorgehen. Wer jedoch im Opferland lebt, bleibt immer im selben Teufelskreis gefangen. Sind wir uns dessen nicht bewusst, läuft bei jeder Bedrohung das seit Jahrmillionen in unserem Unterbewusstsein abgespeicherte Überlebensprogramm „Kampf, Flucht oder Tot-Stellen“ automatisch ab.

Als Gott Adam ruft, versteckt er sich aus Scham, vergeblich, so beschuldigt er Eva und sogar Gott: „Die Frau, die du mir beigesellt hast.“ Eva macht die Schlange verantwortlich. Adam ist total in der Projektion. Seine eigene Schwäche und Schuld will er auf keinen Fall zugeben, weder vor sich selbst, noch vor Eva oder vor Gott. Deshalb muss er mit Eva, an der er sich schuldig gemacht hat, das Paradies verlassen.

Der Sündenfall im Kontext der Schöpfungsgeschichte

Im geschichtlich jüngeren ersten Schöpfungsbericht sind die beiden namenlosen, zeitgleich erschaffenen Menschen Gottes Ebenbild. Gott segnet sie und fordert sie zur Vermehrung auf.

Es gibt kein Paradies und keine Verbote, sondern den Auftrag, sich von den Pflanzen zu ernähren und über die Tiere zu herrschen (Gen 1, 26-29). Mann und Frau in ihrer Gottesebenbildlichkeit leben in Harmonie miteinander, mit den Tieren, den Pflanzen und Gott.

Dagegen wird im zweiten Schöpfungsbericht zuerst nur e i n Mensch (hebr.: adam, im Gegensatz zu isch/Mann und ischa/Frau) vor den Tieren und Pflanzen erschaffen. Gott formt ihn aus Erde (hebr.: adamah), haucht ihm Lebenskraft ein und setzt ihn in den Garten Eden, den er bebauen und behüten soll. Vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darf er nicht essen, die Funktion vom Baum des Lebens bleibt unklar. Doch der Mensch fühlt sich einsam, deshalb schenkt Gott ihm Eva, eine Hilfe (hebr.: ezer, auch einer der Gottesnamen). Beide haben noch ihre Natürlichkeit und Lebensfreude, daher schämen sie sich ihrer Nacktheit nicht.

Die Erschaffung von Eva aus Adams Rippe kann als Andeutung von Minderwertigkeit und Unterordnung ausgelegt werden. Spätere Bibeltexte verstärken diese Sicht: Die Frau sei der Anfang der Sünde (Sir 25,24), Verführerin ihres Mannes und müsse sich unterordnen (1 Tim 2,12-14). Paulus und Augustinus konstruierten daraus die verhängnisvolle Erbsündenlehre mit grausamen Konsequenzen wie der Hexenverfolgung.

Hebräischer Urtext und jüdische Auslegungen

Wird der hebräische Urtext herangezogen, zeigen sich wichtige Feinheiten. Die hebräische Bibel kennt keine Überschriften – der christliche Titel „Der Sündenfall“ bewertet einseitig negativ. Im Zusammenhang mit dem Erkennen ihrer Nacktheit, derer sich Adam und Eva dann schämen, wird die Verteufelung der Sexualität grundgelegt. Jüdisches Denken sieht in der Gebotsübertretung keine Sünde (dieses Wort taucht erst in Gen 4,7 auf) und kennt auch keine Erbsünde. Die Schlange, Symbol für das männliche Geschlechtsorgan, ist im Hebräischen maskulin, ein Schlangerich ist also der Verführer.

Der Wortstamm vom Baum der Erkenntnis ist derselbe wie „erkennen“, was den Geschlechtsakt von Adam und Eva beschreibt (Gen 4,1). Durch die lustvolle Vereinigung von Mann und Frau kehrt der Mensch in die alte Verbundenheit mit Gott zurück, erkennen geschieht also nicht nur geistig, sondern auch körperlich-emotional. Die Liebenden erfahren das Paradies, es gibt keine Trennung mehr und neues Leben wird möglich.

Der „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ kann auch als „fördernd und schädlich“ übersetzt werden. Durch das Verbot gibt Gott den Menschen die Freiheit zu wählen und selbst zu erfahren, was lebensfördernd und was todbringend ist. Martin Buber nennt das Paradies einen Kindergarten, da es ohne Herausforderungen ist, für die Welt braucht es dagegen verantwortungsvolle Erwachsene. So sei das – von Gott gewünschte – Übertreten des Gebotes der Anfang der wahren Menschwerdung. Auch die Rabbinerin Eveline Goodman-Thau sieht diese Widersprüchlichkeit positiv, entspricht sie doch dem jüdischen Denken, das jede Begrenzung der menschlichen Freiheit ablehnt. Gott sieht alles voraus, lässt den Menschen aber die Wahl. Eva, die als Hilfe für Adam erschaffen wurde, nimmt die Herausforderung an und wird Adams Spiegel. So können sich beide in ihrer Einzigartigkeit erkennen, ihre Identität finden, sich frei und verantwortungsvoll entscheiden und so wahre Abbilder Gottes werden. Eva hätte die Welt erlösen können, wenn sie die Verantwortung für ihre Tat übernommen hätte, doch sie scheitert, genauso wie ihre Nachkommen.

Adam wird als Verantwortlicher für die Vertreibung aus dem Paradies betrachtet. Er wird von Gott auch zuerst gefragt, denn nur er hatte das göttliche Verbot bekommen, nicht vom Baum der Erkenntnis zu essen (Gen 2, 16-17). Eva sagt jedoch zum Schlangerich, Gott habe verboten, vom Baum der Erkenntnis zu essen und ihn auch nicht zu berühren (Gen 3,3) – letzteres hat Adam eigenmächtig hinzugefügt.

In der antiken außerkanonischen Sammlung „Avot de Rabbi Natan“, einem Kommentartraktat zur Mischna Avot, findet sich die Formulierung „einen Zaun um die Worte machen“, was so viel bedeutet wie „die Worte, die Tora schützen.“ Dies tut Moses, als er von Gott die Zehn Gebot erhält, ebenso die Propheten. Rabbi Natan überträgt das auf Adam, dieser habe das Berührungsverbot des Baumes ersonnen, um sowohl sich selbst als auch Eva von dem Baum fernzuhalten. Doch der schlaue Schlangerich nutzt diese Schwachstelle, sodass der beabsichtigte Schutz sich ins Gegenteil verkehrt und die Übertretung des Gebotes erst möglich macht.

Befreiung vom „Sündenfall“

Wir müssen nicht warten, bis kirchliche Lehren irgendwann revidiert werden, sondern können uns selbst von den 2000 Jahre alten Lasten befreien. Denn wir sind nicht verderbt und sündig, sondern jede und jeder Einzelne ist ein wunderbares, einzigartiges Abbild Gottes, das die Freiheit hat zu wählen. Wenn wir die volle Verantwortung übernehmen für unsere Taten, die uns selbst und anderen schaden, daraus lernen und uns dadurch weiterentwickeln, werden wir zu würdigen Ebenbilder Gottes. Amen.

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3 Antworten auf Die Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen – 10. Sonntag im Jahreskreis B

  1. Walburga sagt:

    Liebe Frau Haas,
    habe ich etwas nicht richtig verstanden? Wenn wir zu unseren Fehlern und Taten stehen und versuchen uns weiter zu entwickeln, sind wir erlöst? Ist das nicht eine Utopie? Sind wir nicht eingebunden in das Menschgeschlecht und seine Fehler und schlechtenTaten? z.B. Zerstörung der Schöpfung ? Wenn ich mein schlechtes Verhalten in Hinblick auf die Schöpfung verändern will, gelingt das nicht, weil ich eingebunden bin in unsere Gesellschaft. Ich kann meine Ernährung verändern, aber fast alles was ich esse, stammt aus einer unfreien Sklavengesellschaft, wo der Mensch und das Tier gequält oder getötet wird. Wo bin ich frei? Wie kann ich leben ohne Fehler und schlechte Taten?

    • Sigrid Haas sagt:

      Liebe Walburga,

      bitte entschuldigen Sie die späte Antwort.

      Ja, wir sind eingebunden in die Menschheitsfamilie. Auch die Erfahrungen unserer Vorfahren wirken noch in uns (z.B. transgenerationale Traumata). Doch die Epigenetik zeigt, dass wir unsere Gene verändern können, auch Traumata können aufgelöst werden.

      Die ständige Fixierung auf das Negative, auf Sünde, Schuld, Scham, Sühne, Verzicht, Opfer, Kreuz und Leid hat über 2000 Jahre ein übermächtiges negatives Kollektivfeld erschaffen. Gefühle sind Energien. Angst, Schuld- und Schamgefühle wirken am stärksten negativ, sie rauben die Lebensfreude und Lebenskraft, zerstören die Gesundheit und fördern Gewalt.

      Ohne Fehler leben können wir sicher nicht. Aber so wie aus Adams guter Absicht etwas Schlechtes wurde, so kann das auch umgekehrt geschehen. Wenn z.B. eine Mutter, deren Kind ermordet wurde, dem Mörder verzeiht und ihn segnet, durchbricht sie den Kreislauf der Rache. Oder ein Mensch, der die Selbstliebe gleichberechtigt zur Nächstenliebe lebt, löst den Selbsthass auf. Jeder Mensch, der etwas in sich erlöst, trägt zur Auflösung des negativen Kollektivfeldes bei. Jede einzelne Handlung zählt.

      Zu Ihrem Beispiel Ernährung: Ich kann vegetarisch werden, möglichst regionale Bio-Produkte kaufen, selbst anbauen oder mich mit anderen zusammenschließen (z.B. solidarische Landwirtschaft, Food-Coop, Mietgärten). Je mehr das tun, desto schwächer werden die ausbeuterischen Konzerne.

      Glücklicherweise werden sich zunehmend mehr Menschen ihrer göttlichen Schöpfungskraft bewusst und richten ihre Aufmerksamkeit auf das Positive. In allen Lebensbereichen sind bereits große Veränderungen in Gange, immer mehr Gruppen und Gemeinschaften (außerhalb der Kirchen) bilden sich. Und sehr vieles, was verdängt wurde, kommt ans Licht. Würde sich die Kirche all ihren Problemen (Missbrauchsskandale, Homosexualität, Zölibat, Frauenunterdrückung etc.) in schonungsloser Offenheit stellen, könnte sehr viel Erlösung geschehen, einige wenige Mutige tun es auch.

      Wir haben wie nie zuvor in allen Lebensbereichen die Wahl zwischen vielen Möglichkeiten. Und die jüdischen Auslegungen zeigen uns einen mutigen und zugleich entspannten Umgang mit dem Leben. Wie hätte sich der christliche (und auch islamische) Kulturkreis entwickelt, wenn das essen vom Baum der Erkenntnis nicht als Sündenfall ausgelegt worden wäre…?

  2. Walburga sagt:

    Liebe Frau Haas,vielen Dank für die ausführliche Antwort. Sie trauen den menschlichen Worten viel zu, egal in welcher Religion sie gesprochen wurden. Das Beispiel von der Mutter, die dem Mörder ihres Kindes verzeiht und sogar segnet, (was ich mir nicht vorstellen kann) und dadurch den Kreis der Blutrache nach Ihrer Meinung unterbrechen kann, übersieht, dass die Blutrache in einem Clan gewachsen ist, d.h. dass die einzelne Mutter niemals die Rache erfolgreich unterbrechen kann.Denn wenn sie auch verzeiht, der Clan wird es nicht tun. Vielleicht denken Sie jetzt, mir fehle der Wille, positiv zu denken. Ganz so einfach ist das nicht. Aus der Leidensgeschichte Jesu entnehme ich Trost, weil hier das Sinnlose für mich einen Sinn hat . Er hat sich frei gemacht von menschlichen Fesseln und gleichzeitig sich verantwortlich gefühlt für diejenigen, die an ihn glaubten.

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