Verschiedenheit und Versöhnung in Gott – Dreifaltigkeitssonntag B

Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache
Zweite Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom, Kapitel 8
14 Alle, die sich von der göttlichen Geistkraft leiten lassen, sind Töchter und Söhne Gottes.
15 Denn ihr habt ja nicht eine Geistkraft erhalten, die euch versklavt hält, so dass ihr weiterhin in Angst leben müsstet. Ihr habt eine Geistkraft empfangen, die euch zu Töchtern und Söhnen Gottes macht. Durch sie können wir zu Gott schreien: „Abba, mein Ursprung“.
16 Die Geistkraft selbst bezeugt es zusammen mit unserer Geistkraft, dass wir Kinder Gottes sind.
17 Wenn wir aber Kinder Gottes sind, dann bekommen wir auch einen Anteil von dem was ihr gehört. Wenn wir einen Anteil vom Reichtum Gottes erhalten, verbindet uns das mit dem Messias, so gewiss wir sein Schicksal teilen, auf dass auch wir zusammen mit ihm von Gottes Glanz erfüllt werden.

Aus dem Evangelium nach Matthäus, Kapitel 28
16 Die elf Jünger wanderten nach Galiläa auf den Berg, auf den Jesus sie hingewiesen hatte.
17 Und als sie ihn sahen, huldigten sie ihm, einige aber zweifelten.
18 Jesus trat heran und sprach zu ihnen: »Gott hat mir alle Macht im Himmel und auf der Erde gegeben.
19 Macht euch auf den Weg und lasst alle Völker mitlernen. Taucht sie ein in den Namen Gottes, Vater und Mutter für alle, des Sohnes und der heiligen Geistkraft.
20 Und lehrt sie, alles, was ich euch aufgetragen habe, zu tun. Und seht: Ich bin alle Tage bei euch, bis Zeit und Welt vollendet sind.«

Autorin:
def9d78cf6Gabriele Greiner-Jopp, verheiratet, lebt in Wendlingen, z.Zt. als Dekanatsreferentin, Gemeindereferentin und Beraterin tätig

 
Die Predigt:
Verschiedenheit und Versöhnung in Gott

Liebe Leserin, lieber Leser,
„Nur Versöhnung kann uns retten“, so ein heißt Buch*, in dem vom Einsatz Erzbischofs Simon Ntamwanas in Burundi für den Frieden in seinem Land berichtet wird. Zwischen 1972 und 2005 wurde das kleine Land im Herzen Afrikas, immer wieder von Bürgerkrieg, Völkermord und Putschen heimgesucht. Familien, Freunde und Nachbarn wurden zu Feinden und Mördern. Das Fazit von Erzbischof Simon überrascht: Damit ein Weiterleben, ein Leben, das diesen Namen verdient, überhaupt möglich ist, müssen die Opfer bereit sein, sich mit den Tätern zu versöhnen. Der Erzbischof selber verlor seinen Vater, seinen kleinen Bruder und 54 weitere Familienangehörige im ersten großen Genozid 1972 – 74. Er kannte die Täter. Und lernte, weil es keine Gräber gab und trauern verboten war, die Toten in sich weiterleben zu lassen; lernte das Unrecht beim Namen zu nennen und, wie sein Vater, zwischen Täter und Tat zu unterscheiden. „Sich zu versöhnen bedeutet, sich anders zu erinnern, sich so zu erinnern, dass alle eine Zukunft haben“, das hatte ihm sein Vater mitgegeben. Und so lebt Bischof Simon. Sich zu versöhnen ist manchmal ein langer Weg, das Unrecht muss ausgesprochen werden, aber nur wer sich dann versöhnt, dessen Leben kann wieder ganz und heil werden. „Wer Vergebung verweigert, lässt sein Herz verwildern“ ist eine Erkenntnis von Bischof Simon.

Und was hat das alles mit dem Dreifaltigkeitsfest zu tun, werden Sie vermutlich verwundert fragen? Das Schlüsselwort ist Ver-Söhn-ung. Im Mittelteil steckt das Wort „Sohn“. Sich versöhnen hat etwas damit zu tun, Sohn bzw. Tochter zu sein. „Dazwischen“ zu sein und Gegensätzliches zu vermitteln. In der Mitte zu stehen zwischen Eltern, in Familien, in Gemeinschaften, in Nationen, in Religionen. Die Aufgabe eines Sohnes, einer Tochter kann sein zu vermitteln, auch zwischen Vergangenheit und Zukunft. Ihre Aufgabe ist es zu kommunizieren und in Kontakt zu sein; mit unterschiedlichen Mitgliedern und verschiedenen Ansichten. Töchter und Söhne, und auch alle Ver-Mittler müssen Spannungen aushalten, sicher. Doch so dienen sie der Einheit in der Vielfalt. Sie können machtvoll wirken. Das sehen wir am Sohn Gottes, der die Feindesliebe praktiziert hat und das alte Gesetz neu ausgelegt.

Die Jüngerinnen und Jünger Jesu lernen es im Nachgang zur Karfreitags-, Oster- und Pfingsterfahrung. Als Schwestern und Brüder Jesu sind wir bis heute gefordert in aller Welt zu wirken und die frohe Botschaft zu ver-mitt-eln. Macht euch auf den Weg und lasst alle Völker mitlernen, heißt es im heutigen Evangelium. Welch ein Zutrauen! Und was könnten wir alles „machen“, wenn wir darauf vertrauen, dass Gott mit uns ist, wenn wir, wie Erzbischof Simon z.B. unseren Feinden und Gegner Versöhnung anbieten? Jeden Tag, bis ans Ende der Welt verspricht Jesus ist er dann bei uns.

Was würde geschehen, wenn sich in diesem Glauben Menschen taufen lassen und damit eintauchen in das Geheimnis Gottes: Einheit in der Vielfalt, eintauchen in das Wesen Gottes: Vater – Sohn – Heilige Geistkraft. Alle wesentlichen Elemente des Lebens sind in Gott enthalten und wirk- mächtig. Das wollte Jesus uns lehren: In Gott fallen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammen; Werden, Vergehen und Auferstehen sind eines; Leiden, Tod, neues Leben; Männliches, Weibliches, Kindhaftes, sind lediglich verschiedene Facetten des Lebens und nichts als das Leben selber ist endgültig. Wir brauchen diese Elemente, wenn wir eingetaucht werden in das Leben mit Gott und wenn wir eines ausgrenzen, grenzen wir alle anderen auch aus.

Das Dreifaltigkeitsfest ist ein geheimnisvolles Fest. Mehr als mit dem Verstand, können wir es mit dem Herzen erfassen, mit der Erfahrung und der Hoffnung, dass in Gott selbst Vielfalt und Spannung ausgehalten werden, dass im Göttlichen selber Kommunikation geschieht. In unserer Zeit, in der Ausgrenzung, Konkurrenz, Freund-Feind-Denken, Verweigerung von Gesprächen und Abbruch von Beziehungen eine so große Rolle spielen, erinnert es uns daran, dass in Gott, Verschiedenheit und Versöhnung geschieht. Es erinnert uns daran, dass die göttliche Dreifaltigkeit uns er-lösen kann aus Einseitigkeit und Einfalt.

Das könnten wir Christen dieser Welt geben: Als Töchter und Söhne Gottes haben wir Anteil an Gottes Glanz schreibt der Apostel Paulus. Wir brauchen keine Angst zu haben vor allem keine Angst vor Unterschieden und Vielfalt. Wir können auf Feinde zugehen und Unrecht benennen. Wir können Gespräche anbieten und so Communio, Gemeinschaft, herstellen. Wir können Spannungen aushalten Wir können die Vielfalt zulassen, weil diese in Gott bereits gegenwärtig ist und geist-voll lebt. Diese Kraft des Geistes Gottes kann uns mit uns selbst und anderen Menschen versöhnen. Dann handeln wir wie Gottes Sohn. Dann haben alle eine Zukunft. Machen wir uns also auf den Weg und lassen wir die Völker mitlernen.
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*Buch: Angelika Krumpen: Nur Versöhnung kann uns retten; der furchtlose Einsatz von Erzbischof Simon Ntamwana für Frieden in Burundi. Adeo-Verlag

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