Was die göttliche Liebe im Menschen bewirkt – Pfingstmontag

Pfingssequenz um 1200
1 Komm herab, o Heil’ge Geistkraft
die die finstre Nacht zerreißt
strahle Licht, in diese Welt.

2 Komm, die alle Armen liebt,
komm, die gute Gaben gibt
komm, die jedes Herz erhellt.

3 Höchste Tröst´rin in der Zeit
Gast, der Herz und Sinn erfreut
köstlich Labsal in der Not.

4 In der Unrast schenkst du Ruh,
hauchst in Hitze Kühlung zu,
spendest Trost in Leid und Tod.

5 Komm, o du glückselig Licht,
fülle Herz und Angesicht,
dring bis auf der Seele Grund.

6 Ohne dein lebendig Wehn
kann im Menschen nichts bestehn,
kann nichts heil sein noch gesund.

7 Was befleckt ist, wasche rein,
Dürrem gieße Leben ein
heile du, wo Krankheit quält.

8 Wärme du, was kalt und hart,
löse, was in sich erstarrt,
lenke, was den Weg verfehlt.

9 Gib dem Volk, das dir vertraut,
das auf deine Hilfe baut,
deine Gaben zum Geleit.

10 Lass es in der Zeit bestehn,
deines Heils Vollendung sehn
und der Freuden Ewigkeit. Amen.
Halleluja.

Autorin:
Walburga_2009 Walburga Rüttenauer–Rest, Bensberg, verheiratet, drei Kinder, Grundschullehrerin, nach der Pensionierung Ausbildungskurs zum Diakonat der Frau, diakonische und liturgische Aufgaben in der Pfarreigemeinde

 
Die Predigt:
Was die göttliche Liebe im Menschen bewirkt

Lieber Leser, liebe Leserin,
als ich mich für eine Pfingstpredigt entschieden hatte, war die Wahl eines liturgischen Textes nicht einfach. Die Lesungen und das Evangelium, alle drei Texte stellen die Heilige Geistkraft von jeweils anderer Sichtweise dar. Ich konnte mich nicht entscheiden. Da stellte ich mit Erstaunen fest, dass die Heilige Geistkraft im apostolischen Glaubensbekenntnis nur in einem halben Satz erwähnt wird:Ich glaube an den Heiligen Geist.

Wer ist diese Geistkraft, wer ist die Ruach? Bernhard von Clairvaux schrieb diesen anrührenden Satz: „Was ist der Heilige Geist anderes als der Kuss, den der Vater und der Sohn einander geben!“, also der Ausdruck gegenseitiger Liebe, der Liebe in seinen verschiedensten Ausübungen. Was aber bedeutet diese göttliche Liebe zueinander für uns?

Motiviert von dieser Aussage des heiligen Bernhard, fiel mir die Pfingstsequenz ein, die ich als Kind und Jugendliche so gerne mitsang in lateinischer Sprache. Um 1200 wurde dieser Text in Paris gedichtet, von wem, ist nicht sicher. Dem Dichter ist es gelungen, in der Sequenz die Wirkung der Liebe zwischen Gott, Vater und seinem Sohn auf uns Menschen auszudehnen. Was sie bei uns bewirkt, erfahren wir auf verschiedenste Weise in diesem Gedicht. Die verschiedenen Übersetzungen aus dem Lateinischen spiegeln die auf uns ausstrahlende Fülle der Heiligen Geistkraft wider.

Zunächst wollte ich eine eigene Übersetzung vorstellen, doch dann stieß ich auf mehrere Übersetzungen, die alle verschiedenste Schwerpunkte setzten, um auf diese Weise das vielseitige sichtbare und unsichtbare Wehen der Geistkraft darzustellen. Ich entschied mich dann für die liturgische Übersetzung aus dem Messbuch, nicht weil ich die Übersetzung als die beste ansehe, sondern, weil ich entdeckte, dass sie etwas aus dem lateinischen Text mit in die Übersetzung genommen hat, etwas, das in vielen Sprachen nachahmbar ist. Der Dichter dieser Sequenz hat mit Hilfe von Zahlen, Wiederholungen einzelner Worte und durch das Spielen mit Antwortstrophen das Wehen der Heiligen Geistkraft hörbar, spürbar und denkbar gemacht. Nicht immer konnte ich die Übersetzung einsetzen, weil sie den Klang mancher wichtiger lateinischer Worte nicht gerecht wurde. Auch fand ich das Springen zwischen den beiden Sprachen als ein Bild für das Sprachenwunder in der Apostelgeschichte.

Die Sequenz hat 10 Strophen; jeweils zwei Strophen gehören zueinander. Ich beginne mit den Strophen 1.und 2.

1. Komm herab, Heil’ge Geistkraft
die die finstre Nacht zerreißt,
strahle Licht, in diese Welt.
2. Komm, die alle Armen liebt,
komm, die gute Gaben gibt
komm, die jedes Herz erhellt

Verbunden werden die beiden Strophen mit dem Wort „Komm“ (Veni). Die Geistkraft wird vom Beter herbeigerufen. Sie soll Gaben, Geschenke, vom Himmel in unsere Herzen bringen. Um welche Gaben gebeten wird, erfahren wir in den Strophen 9 und 10, den Abschluss der Sequenz:

9. Da tuis fidelibus,
In te confidentibus,
sacrum septenarium.
10. Da virtutis meritum
da salutis exitum
da perenne gaudium.

Die Verbindung zwischen den ersten beiden Strophen und den letzten verstehen wir leichter in den lateinischen Strophen. Dem Wort Veni (Komm!) in den ersten zwei Strophen, antwortet das Wort Da (Gib!) in den beiden letzten Strophen. Welche Gaben erwartet der Beter und die Beterin? Das erfahren wir nur in der lateinischen Strophe, geheimnisvoll wird von sieben (septenarium) Gaben gesprochen. Die damaligen Christen wussten sofort, dass es sich um die Gaben handelt, die bei dem Propheten Jesaja genannt werden (Jes 11,2): Weisheit, Einsicht, Rat, Stärke, Erkenntnis, Gottesfurcht. Wenn wir aber zählen, stellen wir fest, dass bei Jesaja nur sechs Gaben genannt werden. Die Frömmigkeit wurde später dazu gefügt.

Das Spielen mit der Zahl 7, die als heilige Zahl geehrt wird, erstreckt sich über alle Strophen. Jede Zeile der 10 Strophen besteht aus 7 Silben. Diese Silbenzahl verbindet alle Strophen miteinander. So lässt sich die ganze Sequenz leicht singen und tanzen.

3. Höchste Tröst´rin in der Zeit
Gast, der Herz und Sinn erfreut,
köstlich Labsal in der Not.
4. In der Unrast schenkst du Ruh,
hauchst in Hitze Kühlung zu,
spendest Trost in Leid und Tod.

Die Worte „Trösterin“ und „Trost“ verbinden die beiden nächsten Strophen. Jesus hat die Jünger und Jüngerinnen mit der Heiligen Geistkraft getröstet, die bei ihnen sein wird, wenn er zu seinem Vater geht. Die Heilige Geistkraft wird uns stärken, wenn wir Angst haben, keinen Ausweg mehr zu finden. Wenn Leid und Todesnot uns quälen, wird sie uns durch ihre Anwesenheit Ruhe schenken.

Wie wir nur sechs statt sieben Gaben zählen, finden wir bei den zugehörigen Strophen 7. und 8. nur sechs Namen für die Heilige Geistkraft: Trösterin, Gast, Labsal, Ruhe, Mäßigung, Trost. In der 7. und 8. Strophe erfahren wir als Antwort auf die 3.und 4. Strophe, wie die Heilige Geistkraft vorgeht mit: waschen, gießen, heilen, wärmen, lösen, lenken. So wird ihr Wirken beschrieben. Die Geistkraft dringt in uns, wo ihre Kraft nicht nur in unser Inneres ausstrahlt sondern auch im alltäglichen Leben spürbar wird, vorausgesetzt, wir sind empfänglich.

7.Was befleckt ist, wasche rein,
Dürrem gieße Leben ein
heile du, wo Krankheit quält.
8.Wärme du, was kalt und hart
löse, was in sich erstarrt,
lenke, was den Weg verfehlt.

Waschen: Was soll die Geistkraft in meinem Herzen reinigen? Schlechte Erinnerungen, die mich bedrücken und so verhindern, einen Neuanfang zu wagen?
Gießen: Was vertrocknet in mir ist, weil es nicht begossen wurde? Vielleicht mein Selbstbewusstsein?
Heilen: Welche Verletzungen, welche Wunden sind es in mir, die nicht heilen wollen, weil ich nicht verzeihen kann?
Wärme: Was ist in mir erstarrt und lässt sich nicht auftauen?
Lösen: Was ist es in mir, dass mich gefangen hält? Wie könnte ich meine Fesseln lockern?
Lenken: Wo finde ich den rechten Wegweiser? Kenne ich mein Ziel? Wer leuchtet mir in der Dunkelheit?

Das Zentrum der Sequenz liegt in der 5. Strophe, eingeleitet mit dem Ruf „O“ und der 6.Strophe:

5 O lux beatissima / Komm, o du glückselig Licht,
reple cordis intima / Fülle Herz und Angesicht, /
tuorum fidelium. / dring bis auf der Seele Grund.
6 Sine tuo numine, / Ohne dein lebendig Wehn
nihil est in homine / kann im Menschen nichts bestehn, /
nihil est innoxium. / kann nichts heil sein, noch gesund.

Der Ruf „O“ ist ein Ausdruck für das, was wir nicht in Worte fassen können. Das Schalten und Walten der Heiligen Geistkraft in uns ist nur mit Bildern, oder Melodien zu umschreiben. Das Licht der Geistkraft in uns, wie können wir es uns vorstellen? Wie wurde es in uns entzündet? Wie spüren wir es? Die Antworten auf diese Fragen finden wir vielleicht in der Sequenz. Warum hat sich der Dichter die Mühe gemacht, verschiedenste heilige Zahlen in den Text einzubauen, sodass die Beterin es kaum wahrnehmen wird? Warum hat er im Text nicht den normalen Ablauf der Strophen, sondern sinnvolle Zuordnungen hinein gewoben, die nicht aufeinander folgen?

Wir haben keine konkrete Vorstellung von der Heiligen Geistkraft und doch erfahren wir sie oft in Augenblicken, wo wir sie nicht erwartet haben. Wollte der Dichter uns auf diese Weise vorbereiten wie?, wo?, wann? die Geistkraft in uns wirksam wird? Ihr Wehen kann im leisen Hauch oder im brüllenden Sturm von uns entdeckt werden, wenn wir auf die Geistkraft Gottes warten.

Wenn Sie sich die Zeit und die Mühe nehmen, die Sequenz aufzuschlüsseln, kann die Geistkraft vielleicht auch als Gast bei uns erkannt werden. Als kleines Hilfsmittel zur Erkennung der Sequenzstruktur habe ich die Zuordnung der Strophen auf einer Schale sichtbar gemacht. Wobei ich im Zentrum in der roten Mitte das Wehen und Stürmen versucht habe, einzufangen.

Pfingstsequenz

————————————————————————————————————————————-
Anregungen habe ich in einem Artikel zur Pfingstsequenz von Gunda Brüske gefunden. Sie ist Liturgiewissenschaftlerin im Liturgischen Institut der deutschsprachigen Schweiz

Dieser Beitrag wurde unter Predigten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>