Ganz aus dem Häuschen – Pfingsten / Hochfest der Heiligen Geistkraft

Erste Lesung aus der Apostelgeschichte – Über die Zeit der Apostelinnen und Apostel, Kapitel 2
Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache
1 Als der 50. Tag, der Tag des Wochenfestes, gekommen war, waren sie alle beisammen – die Apostel zusammen mit den Frauen, der Mutter Jesu und seinen Geschwistern (s. Kap. 1).
2 Da kam plötzlich vom Himmel her ein Tosen wie von einem Wind, der heftig daher fährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie sich aufhielten.
3 Es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich zerteilten, und auf jede und jeden von ihnen ließ sich eine nieder.
4 Da wurden sie alle von heiliger Geistkraft erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden; wie die Geistkraft es ihnen eingab, redeten sie frei heraus.
5 Unter den Jüdinnen und Juden, die in Jerusalem wohnten, gab es fromme Menschen aus jedem Volk unter dem Himmel.
6 Als nun dieses Geräusch aufkam, lief die Bevölkerung zusammen und geriet in Verwirrung, denn sie alle hörten sie in der je eigenen Landessprache reden.
7 Sie konnten es nicht fassen und wunderten sich: »Seht euch das an! Sind nicht alle, die da reden, aus Galiläa?
8 Wieso hören wir sie dann in unserer je eigenen Landessprache, die wir von Kindheit an sprechen?
9 Die aus Persien, Medien und Elam kommen, die in Mesopotamien wohnen, in Judäa und Kappadozien, in Pontus und in der Provinz Asien,
10 in Phrygien und Pamphylien, in Ägypten und in den zyrenischen Gebieten Libyens, auch die aus Rom Zurückgekehrten,
11 von Haus aus jüdisch oder konvertiert, die aus Kreta und Arabien kommen: Wir hören sie in unseren Sprachen von den großen Taten Gottes reden.«

Autorin:
Rings-KleerMarita Rings-Kleer, Gemeindereferentin in der Pfarreiengemeinschaft Altenkessel-Klarenthal, Diözese Trier

 
Die Predigt:
Ganz aus dem Häuschen

Liebe Leserin, lieber Leser,
unsere Sprache kennt so viele herrliche Doppeldeutungen. Eine davon lautet: „Aus dem Häuschen sein“. Wer kennt das nicht, so richtig aus dem Häuschen zu sein, etwas total Verrücktes zu tun oder einfach vor Begeisterung regelrecht auszuflippen. Egal ob nun Jugendliche bei einem Konzert ihrer Lieblingsband kreischen oder Menschen etwas so Schönes erleben, dass sie gar nicht genug davon erzählen können oder eben etwas erfahren, was sie so in den Bann zieht, dass sie vor Begeisterung regelrecht sprühen und keine Grenzen mehr kennen. Alle diese Menschen sind „aus dem Häuschen“. Und beim genauen Hinsehen entdecken wir, dass unsere Sprache tatsächlich doppelt deutet.

Ein Häuschen ist ein kleines Haus und oft viel zu klein für ein gutes und erfülltes Leben. Ein Häuschen ist eng und lässt kaum Raum für Entfaltung. Wer also lebendig sein will, muss aus dem Häuschen raus, muss sein Leben weiten und Begrenzungen hinter sich lassen. Aus dem Häuschen gehen bedeutet, dass ich raus muss, will ich etwas verändern. In der Enge und dem Gewohnten verändert sich nichts, ich muss das Alte verlassen, will ich Neues erfahren, Anderem begegnen, mich öffnen. Die Richtung meines Weges ist weg vom Immobilen, hin zur Bewegung, zum Mobilen. Aus dem Häuschen gehen heißt dann, dass ich mich bewegen muss, will ich nicht stehenbleiben oder gar erstarren. Das ist nicht leicht und es ist viel zu oft so schön bequem im engen Häuschen. Vielleicht spielt auch ein wenig Ängstlichkeit mit, wenn ich mein Schutzhäuschen verlassen soll.

Damit es dennoch gelingt, braucht es eine Zündung. Es braucht einen Funken, der überspringt, der den Motor neu anwirft. Sei es ein Mensch, eine Idee, Musik, ein Hobby oder eine technische Neuerung oder vieles andere mehr: Der Funke muss überspringen und dann wird Begeisterung ausgelöst. Nur dann kann ich „Feuer und Flamme“ werden. Dann kann ich alles Bisherige verlassen, mich auf einen anderen Platz in dieser Welt verrücken und einen neuen Weg, eine neue Richtung einschlagen. Und nur dann bin ich mutig und kraftvoll genug, das Neue auch zu tun, egal, wie verrückt es ist.

Den Jüngerinnen und Jüngern damals in Jerusalem ging es so: Sie waren ängstlich, sie schämten sich vielleicht und versteckten sich im Haus. Sie sperrten die Türen zu, auf gar keinen Fall wollten sie jetzt raus unter die Leute, einfach nur abwarten, stillhalten.

Und dann springt der Funke über, Feuerfunken heißt es in der Apostelgeschichte, und sie sind auf einmal ganz aus dem Häuschen: Das Haus, das noch kurz zuvor Schutz bot und sie vor der Welt da draußen bewahrte, es war auf einmal viel zu eng. Sie reißen die Türen auf und laufen auf die Straße. Das, was ihnen Angst gemacht hat, ist weg, plötzlich sprühen sie vor Begeisterung, sie reden und reden und können gar nicht mehr aufhören. Sie waren nicht betrunken, wie manche meinten, so waren nur grenzenlos begeistert und diese Begeisterung machte sich Luft, brach sich Bahn, war nicht mehr aufzuhalten, so wenig wie kreischende Jugendliche in einem Konzert ihrer Lieblingsband aufzuhalten sind.

So wie Verliebte verrückt sind und Dinge tun, die ihnen vorher gar nicht in den Sinn gekommen wären, und über die sie in späteren Jahren leicht verzückt lachen können. Die Jüngerinnen und Jünger Jesu sind auf einmal ganz neu ausgerichtet, sie lassen die Enge des Hauses, aber auch ihres Dorfes oder die Begrenzung durch ihre Familie hinter sich und nehmen die Welt dort außerhalb ihres kleinen Galiläa und Judäa unter die Füße. Sie sind eben ganz aus dem Häuschen.

Und genau das war es, was Jesus gemeint hatte, als er sagte: Wenn der Beistand kommt, dieser Beistand, den Johannes in seinem Oster-Evangelium den die Heilige Geistkraft nennt, und die er den Jüngerinnen und Jüngern ins Gesicht zusagt: Empfangt die Heilige Geistkraft, dieser Geist ist der Funke, der alles auslöst, die Initialzündung sozusagen, die alles anders werden lässt.

Aber vielleicht ist es ja auch so, dass wir Glaubenden erst einmal ins Haus müssen, uns fürchten und verstecken müssen, uns immer weiter zurückziehen und auch ein Stück weit vor Angst erstarren müssen, bevor der Funke das Feuer entzündet. Ganz aktuell hat man ja den Eindruck, dass wir Christen in Deutschland uns in unsere Kirchen zurückziehen und die Türen fest zu machen. Das, was wir haben, wollen wir bewahren und uns selbst sicher sein. Aber wenn der Funke des göttlichen Geistkraft, hoffentlich bald, überspringt, dann laufen auch wir wieder auf die Straßen und reden und reden und schwärmen und können gar nicht mehr aufhören. Das jedenfalls wünsche ich mir und uns, ich wünsche mir, dass wir als Christen bald wieder ganz aus dem Häuschen sind.

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