Gottes Mutterliebe – 7. Sonntag der Osterzeit B

Zweite Lesung aus dem ersten Johannesbrief, Kapitel 4
Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache
11 Geliebte, wenn Gott uns so geliebt hat, dann sind auch wir verpflichtet, einander zu lieben.
12 Keiner und keine hat Gott je gesehen. Wenn wir einander lieben, bleibt Gott in uns und Gottes Liebe ist in uns zum Ziel gekommen.
13 Daran erkennen wir, dass wir in Gott bleiben und Gott in uns: Wir haben von göttlicher Geistkraft bekommen.
14 Wir haben gesehen und bezeugen: Gott hat ihren Erwählten als Rettung der Welt gesandt.
15 Alle, die bekennen: Jesus ist der Erwählte Gottes, in denen bleibt Gott und sie bleiben in Gott.
16 Wir haben die Liebe erkannt und auf sie vertraut. Gott hält sie in uns fest. Gott ist Liebe und alle, die in der Liebe bleiben, bleiben in Gott und Gott bleibt in ihnen.

Autorin:
_MG_7932-webBirgit Droesser, Pastoralreferentin, war tätig in der Gemeindepastoral, in der Klinikseelsorge und im Theol. Mentorat Tübingen, jetzt Pfarrgemeinderätin in St. Bruno, Würzburg

 
Die Predigt:
Gottes Mutterliebe

Liebe Leserin, lieber Leser,
früher, im Religionsunterricht der Grundschule, haben wir die „Goldene Regel“ für ein gutes Zusammenleben auf Schmuckpapier geschrieben und in ein gebasteltes Schatzkästlein eingelegt: Alles, was ihr wollt, das euch die Leute tun, tut es ihnen ebenso. (Matthäusev.7,12) Und heute hören wir am Ende der zweiten Lesung einen Satz, der ebenso dazu taugt, ein Haupt- und Überschriftsatz für alle glaubenden Menschen zu sein: Gott ist Liebe und alle, die in der Liebe bleiben, bleiben in Gott und Gott bleibt in ihnen. Beide Sätze sollten wir auswendig können, by heart, wie es im Englischen heißt. Zwei zentrale Wörter der Johannestheologie kommen im Satz der heutigen Lesung vor: lieben und bleiben. Es geht um Liebe, aber nicht als ein enthusiastisches Strohfeuer, sondern um Nachhaltigkeit, darum, immer wieder die Glut neu entfachen.

So vieles steckt im Wort „Liebe“: ganz große Gefühle und Leidenschaft, Glückseligkeit und tiefste Verzweiflung, Glück und Trauer, Erfüllung und Enttäuschung, Hingabe bis zur Selbstaufopferung. Was aber ist mit „Liebe“ hier gemeint? Vielleicht kann man es am besten heute am Muttertag mit dem Wort „Mutterliebe“ fassen. Denn die Liebe Gottes, von der die Bibel spricht, hat die Eigenschaften, die wir vor allem mit der Liebe einer Mutter verbinden.

In unserer Welt und unserem Leben hat alles auch seine Grenzen und leidvollen Schattenseiten. Trotzdem haben doch die meisten von uns die Liebe ihrer Mutter erfahren und viele geben sie auch selber als Mutter weiter. Ganz genauso spricht der Prophet Hosea über Gott: Als Israel jung war, liebte ich es; aus Ägypten rief ich mein Kind heraus,… ich habe Efraim laufen gelehrt, nahm sie auf meine Arme. Doch sie haben nicht erkannt, dass ich sie heilte. Mit Menschenbanden zog ich sie, mit Stricken der Liebe. Und ich wurde für sie wie die, die einen Säugling an ihre Wange heben. Ich neigte mich zu ihm, gab ihm zu essen. (Hosea 11,1-4) Das sind doch ganz erstaunliche Worte, die wir nicht ernst genug nehmen können. Wie eine Mutter sorgt sich Gott um seine Menschenkinder, tröstet sie und schenkt ihnen Zärtlichkeit, lehrt sie, gibt ihnen zu essen und alles, was sie Tag für Tag brauchen, und führt sie auf den Weg in ein freies Leben. Wie eine Mutter lässt auch Gott seine Kinder los. Wie eine Mutter wird auch er oft von ihnen enttäuscht und leidet mit, wenn sie sich auf einem Irrweg verlaufen.

Eine Mutter würde alles für ihre Kinder tun, damit sie gesund bleiben und ein glückliches und erfülltes Leben führen können. Nichts wünscht sie sich sehnlicher, aber es steht nicht in ihrer Macht. So ist es auch mit Gott. Auch er kann nicht verhindern, dass sich seine Menschenkinder in ihr Unglück verrennen. Alles hat er für uns getan, buchstäblich alles, indem er in Jesus selbst das Leben eines Menschen auf sich genommen hat, mit allen Höhen und Tiefen, bis hinein in den qualvollsten Tod.

Würden die Menschen an Gottes Weisung festhalten, dann könnte das gelten: Wenn wir einander lieben, bleibt Gott in uns und seine Liebe kommt in uns ans Ziel. Denn dieser Liebe geht es nicht um den eigenen Vorteil; vielmehr erträgt sie alles, erduldet alles und hofft alles, wie es Paulus so unübertrefflich formuliert hat. (Paulus an die Gemeinde in Korinth: 1 Kor 13, 1-7) Ein anderes seiner Worte lautet: Tragt einander eure Lasten und erfüllt so das Gesetz des Messias (Paulus an die Gemeinde in Galatien 6,2) Und noch ein weiteres: Nehmt einander an, so wie der Messias euch angenommen hat. Damit ehrt ihr Gott. (Paulus an die Gemeinde in Rom 15,7)

Die Liebe, mit der Gott uns liebt und in der wir bleiben dürfen und sollen, ist also eine echte Herausforderung und zugleich auch die Chance, miteinander und aneinander zu wachsen. Man kann sich ja fragen, was den Verfasser des ersten Johannesbriefes zu diesen Worten veranlasst hat. Vermutlich eben genau das Gegenteil: Streit und Auseinandersetzung innerhalb der Gemeinde um den richtigen Weg. So ermahnt er damit auch uns in unserem privaten Leben, aber auch innerhalb der Gemeinde, bei Schwierigkeiten nicht gleich auseinander zu laufen, nicht mit schlechter Nachrede und Gehässigkeit zu reagieren, sondern immer an die mütterliche Liebe zu denken, die Gott jeder und jedem von uns schenkt. Und die bedeutet: einander annehmen und einander ertragen, um so das Leben miteinander zu gestalten und zu bewältigen.

Freilich gibt es auch Grenzen, z.B. wenn ein Suchtproblem in der Familie besteht und wenn man selber Gefahr läuft unterzugehen. Dann wäre, alles zu ertragen, der falsche Weg. Das will Gott nicht von uns. Manchmal sind Schnitte unvermeidlich. Aber auch dann kommt es eben darauf an, in welchem Geist sie vollzogen werden. Wir alle, so wie wir sind, dürfen in der Liebe Gottes bleiben, uns jeden Tag aufs Neue von Gott geliebt wissen, der jede und jeden von uns trägt und erträgt. Aber nehmen wir auch ernst, wenn er uns sagt: Auch ihr seid verpflichtet, einander lieben.

In diesem Sinne gilt unser Dank heute ganz besonders unseren Müttern. Mögen sie sich immer wieder getröstet und beschützt fühlen von der mütterlichen Liebe Gottes. Mit seiner Kraft stehe er ihnen jeden Tag bei. Amen

————————————————————————————————————————————-
Postscriptum: Papst Franziskus hat im Monat Mai dazu aufgerufen, täglich den Rosenkranz für den Frieden in Syrien zu beten, um Sinn und Herz der Beteiligten zu bewegen. Höchste Alarmstufe!

Dieser Beitrag wurde unter Predigten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>