Interview mit Caterina – 5. Sonntag der Osterzeit B und Tag der Diakonin

Aus dem Evangelium nach Johannes, Kapitel 15
Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern und Jüngerinnen:
1 Ich bin der wahre Weinstock und Gott ist meine Gärtnerin.
2 Jeden Zweig an mir, der keine Frucht trägt, nimmt sie weg, und jeden, der Frucht trägt, reinigt sie, damit er noch mehr Frucht trage.
3 Ihr seid schon rein durch das Wort, das ich zu euch gesagt habe.
4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie der Zweig aus sich selbst keine Frucht tragen kann, wenn er nicht am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr es nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt.
5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Zweige. Die in mir bleiben und ich in ihnen, die tragen viel Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun.
6 Alle, die nicht in mir bleiben, werden hinausgeworfen wie die Zweige und vertrocknen und sie werden gesammelt und ins Feuer geworfen und verbrannt.
7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben – bittet, was ihr wollt, und es wird euch geschehen.
8 Dadurch erstrahlt Gottes Glanz, dass ihr viel Frucht tragt und meine Jüngerinnen und Jünger seid.

Autorin:
_MG_7932-webBirgit Droesser, Pastoralreferentin, war tätig in der Gemeindepastoral, in der Klinikseelsorge und im Theol. Mentorat Tübingen

 
Die Predigt:
Interview mit Caterina

Liebe Leserin, lieber Leser,
Bleibt in mir und ich in euch und: ohne mich könnt ihr nichts tun. Diese Worte Jesu sind gesprochen, damit wir sie verinnerlichen, ganz in uns hineinnehmen. Im Beispiel vom Weinstock und den Rebzweigen, an denen die süßen Trauben, die Früchte, hängen, wird eindringlich deutlich, worauf es für Christinnen und Christen an erster Stelle ankommt: die Verbindung mit Christus und seinem Wort nicht nur nicht zu verlieren, sondern täglich zu pflegen. Nur so kann es uns gelingen, ihm nachzufolgen. Nur so kann es der Kirche gelingen, in seiner Spur zu bleiben.

Bleibt in mir und ich in euch! Das ist wie eine Überschrift, über das Leben und Wirken der heiligen Caterina di Siena. An ihrem zweiten Geburtstag, dem 29. April, feiern wir seit 21 Jahren den „Tag der Diakonin“ in der Hoffnung, dass unsere Kirche sich endlich nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten auf den Weg macht, die Frauen an Leitung und Amt zu beteiligen.

– Das folgende Interview wird am Besten von drei Personen vorgetragen: –
Reporterin (R) – Raimund von Capua (RvC) – Caterina (C)

R: Ich möchte euch mit einer sehr bedeutenden Schwester im Glauben bekannt machen, deren Geburt mehr als 670 Jahre zurückliegt: Caterina di Siena. Ihr werdet sehen, es ist nicht zu viel gesagt: Cateria ist uns durch die Zeitumstände fern, aber als Christin zugleich auch sehr nah. Fragen wir zuerst ihren Beichtvater und Chronisten. Lieber Raimund, – ich darf dich doch so nennen? -, kannst du uns etwas über die Zeit erzählen, in der Caterina gelebt hat?

RvC: Sehr gerne: Caterina stammte aus einfachen Verhältnissen. Sie wurde am Palmsonntag, dem 25.März 1347, als 23. von 25 Kindern des Färbers Jacopo Benincasa und seiner Frau Mona Lappa in Siena geboren. Ihr kurzes Erdenleben endete am 29. April 1380 in Rom. Ein Jahr nach ihrer Geburt 1348 brach in Europa die Pest aus, genannt der „Schwarze Tod“. Ein Drittel der Bevölkerung raffte sie hinweg. Ihr könnt euch nicht vorstellen, in welcher Angst die Menschen lebten, täglich Wand an Wand mit dem Tod.

Die Religion war nicht ein Sonderbereich des Lebens wie in eurer Zeit oder gar Privatsache. Nein, sie war die große Klammer, die das gesamte Leben in Politik, Staat und Gesellschaft umfasste. Aber die Kirche befand sich in einem sehr bedrohten Zustand: Durch „Simonie“, das bedeutet die Käuflichkeit von Kirchenämtern, und „Nepotismus“, das heißt die Vergabe von Kirchenämtern an Verwandte, wurden viele hohe geistliche Ämter von Männern ausgeübt, die weder die Befähigung noch die Berufung dazu hatten. Es ging ihnen ausschließlich um Macht und Einfluss. Außerdem war seit Jahrhunderten ein Streit darüber entbrannt, wer höher stehe: der Papst auf der einen, oder König und Kaiser auf der anderen Seite. Auch innerhalb des Adels und des adeligen Kardinalskollegiums gab es verschiedene Fraktionen. Als Ergebnis dieser Auseinandersetzungen befand sich der Papst zu Caterinas Lebenszeit im Exil im französischen Avignon.

R: Kannst du uns noch etwas über die Lage der Frauen sagen?

RvC: Das Leben der Frauen zu unserer Zeit war von Ehe und Mutterschaft bestimmt. Ehe bedeutete damals, sich dem Willen des Mannes zu unterwerfen, und die häufigen Geburten brachten vielen Frauen den frühen Tod. Den Gedanken an Emanzipation, wie ihr ihn heute kennt, gab es noch nicht. Viele Frauen wählten deshalb das Leben im Kloster als Ausweg – in erster Linie aus religiösen Motiven, das versteht sich von selbst, – aber das Freisein von der Last der Ehe war auch sehr attraktiv. In dieser Hinsicht war es genau umgekehrt wie heute. Z.B. gab es allein in Deutschland zu unserer Zeit 70 Klöster der Dominikanerinnen. Viele waren jedoch den adeligen Frauen vorbehalten. Auch aus diesem Grund entstand die Lebensform der „Beginen“. Darunter versteht man Frauen, die arm, ehelos und dem Wort Jesu gehorsam in Häusern zusammenleben, aber kein Gelübde ablegen, also ein Zwischenstand zwischen Ordensleuten und Laien. D.h. sie können jederzeit wieder aussteigen und heiraten. Gemeinsames Gebet, Eucharistiefeier und tätige Nächstenliebe sind ihre wichtigsten Merkmale. Ich benutze die Gegenwartsform, weil es heute wieder Beginen gibt, nachdem sie im letzten Jahrhundert fast ausgestorben waren. Und dann gab und gibt es noch die sog. Dritten Orden die „Tertiare“ oder „Tertiarinnen“, Menschen die sich in einer Laiengemeinschaft an einen Orden binden, und in ihrer „weltlichen“ Lebensform bleiben. Diesen Stand wählte Caterina; sie wurde Tertiarin der Dominikanerinnen und ich ihr Beichtvater. Das Hauptmotiv dieser Frauen war, im Gegensatz zur etablierten Kirche, in der Nachfolge des „armen und nackten Christus“ zu leben, sich ganz der Gnade zu öffnen und Gott in der eigenen Seele zu begegnen. – Aber was rede ich da, frag doch Caterina selber!

R: Vielen Dank lieber Raimund; ja ich freue mich, jetzt Caterina selbst hören zu können. Wie darf ich dich anreden, liebe Schwester? Du wurdest schließlich 1461 heilig gesprochen; dein Grab liegt unter dem Hauptaltar der Kirche S. Maria sopra Minerva in Rom. 1970 hat dich Papst Paul VI. zusammen mit Theresa von Avila zur Kirchenlehrerin Europas ernannt.

C: Ja das ist alles richtig, aber nicht mein Verdienst, sondern es war Gnade, nichts als Gnade. Ich möchte keine Ehrentitel, sondern euch zu Herzen reden. Ich freue mich sehr, dass du mir die Gelegenheit dazu gibst als deine ältere Schwester im Glauben. Frage nur, ich will alles, so gut ich kann, beantworten.

R: Erzähl uns doch bitte etwas über deine Kindheit und wie du zu Jesus gefunden hast.

C: Ihr habt es ja schon gehört, wir waren zu Hause viele Kinder und ich eines von den jüngsten. Mein Vater war Färber, wir waren also einfache arme Handwerkerleute. Meine Eltern waren beide sehr fromm. Die Botschaft von Jesus kannten wir aus dem Lauf des Kirchenjahres und den Predigten, auch von den schönen Gemälden in der Kirche. Eine Schule habe ich nicht besucht. Ich hatte Jesus schon als Kind sehr lieb und eines Tages – ich war 6 oder 7 Jahre alt – da sah ich ihn leicht über der Erde schwebend, gekleidet wie ein Bischof und von den 12 Aposteln umgeben; er lächelte mir zu und segnete mich. Von da an spürte ich eine ganz enge Verbindung mit ihm, und dass ihm jede unserer Sünden weh tut.

R: Hast du deinen Eltern davon erzählt? Wie haben diese reagiert?

C: Ja, ich habe es erzählt und sie merkten auch an meinem Eifer, zu beten und in die Kirche zu gehen, dass ich Jesus ganz lieb gewonnen hatte. Meine ältere Schwester Bonaventura stiftete mich dazu an, wie ein normales Mädchen zu leben: die Haare nach der Mode zu bleichen und Schmuck anzulegen, um möglichst hübsch auszusehen. Aber richtig gefallen hat es mir nicht. Meine Mutter suchte schon nach einem passenden Ehemann für mich. Ich fühlte mich damals sehr unwohl. Und dann kam ein ganz trauriger Tag als meine Schwester plötzlich starb. Ich war 15 Jahre alt. Da verstand ich mit einem Schlag, wie flüchtig und vergänglich unser Erdendasein ist, und beschloss ein geistliches Leben zu führen, um Gott zu suchen und ihm allein zu gefallen. Ich schnitt mir die Haare ab, das war damals das Zeichen der Jungfrauenweihe, und zog mich in mein kleines Zimmer zurück. Mein Vater hatte Verständnis und ließ mich gewähren. Aber meine Mutter tat sich sehr schwer damit. Drei Jahre lebte ich im Haus meiner Eltern, aber ganz für mich allein im meiner kleinen Klause. Ich habe gebetet und gefastet; ich wollte Buße tun für meinen eigenen Mangel an Liebe und für die Sünden der anderen; ich weiß nicht, ob du dir das vorstellen kannst.

R: Raimund, wie hast du Caterina kennen gelernt und wie ging es dann
weiter?

RvC: In Siena gab es damals wie in vielen anderen Städten sei 100 Jahren den Predigerorden der Dominikaner, zu dem ich gehörte, ein Frauenkloster der Dominikanerinnen und eine Frauengemeinschaft des Dritten Ordens mit einer eigenen Regel, aber ohne feste Gelübde. Caterina trat in diese Gemeinschaft ein. Ich lernte sie erst später kennen und wurde ihr Beichtvater, schließlich ihr Berater und Biograph. Die Frauen des Dritten Ordens trugen einen schwarzen Mantel über ihrem wollweißen Gewand und wurden deshalb „Mantellate“ genannt. Ich schlage vor, dass Caterina euch jetzt erzählt, wie sie anders als alle anderen Menschen Christus schauen durfte, denn sie wurde zu einer großen Mystikerin.

R: Lieber Raimund,bitte erkläre uns erst, was ein Mystiker oder eine Mystikerin ist.

RvC: Gerne: Ihr kennt bestimmt einige berühmte Namen: Elisabeth von Thüringen, Mechthild von Magdeburg, Hildegard von Bingen, Franz von Assisi, Meister Eckehart, der zu unserem Orden gehörte, und Nikolaus von der Flüe. Es waren Menschen, deren Herz brannte, um Gottes Willen für die Welt zu verstehen und seine Liebe mit bedingungsloser Liebe zu erwidern. Sie wollten ganz eins werden mit Christus und haben dafür besondere Offenbarungen empfangen in ihren Visionen. Unter einer Vision versteht man, wenn ein Mensch im Zustand äußerster Wachheit seiner Seele, also mit den Augen des Herzens, Christus unmittelbar sehen kann und seine Stimme hört. So ging es auch Caterina.

R: Caterina, kannst Du uns davon etwas erzählen.

C: Nachdem ich drei Jahre lang mein Zimmer nur zum Gottesdienst verlassen hatte, durfte ich eines Tages etwas Wunderbares erleben. Ich sah die Gottesmutter Maria und Jesus Christus, ihren lieben Sohn. Sie legte meine Hand in die seine und er steckte mir einen Ring an den Finger, den ich mein ganzes Leben lang sehen konnte, aber nur ich allein. Ich war unbeschreiblich glücklich – es war kein Traum, sondern Wirklichkeit; ich konnte den Ring ja ständig sehen als Zeichen meiner engen Verbindung mit ihm. Wenn ich je gezweifelt hätte, so hätte der Ring mich doch immer aufs Neue überzeugen müssen.

RvC: Ich kann bestätigen, dass es kein Traum, sondern eine echte Vision war. Das sprach sich herum und immer mehr Menschen, Frauen und Männer aller gesellschaftlichen Schichten suchten Caterinas Rat, wollten mit ihr beten und boten sich an, ihre Einsichten aufzuschreiben, da sie selber ja nur wenig lesen und schreiben konnte. Man nannte diese Gemeinschaft ihre familia. Katharina verließ immer öfter ihre Zelle, um zu den Armen, Kranken und Gefangenen zu gehen, sie zusammen mit den Gefährten zu pflegen und ihnen von der Liebe Christi zu erzählen. Ohne Furcht vor Ansteckung ging sie auch zu den Pestkranken. Bald sollte sie ihr Elternhaus für immer verlassen und das kam so:

C: Eines Tages hatte ich im Gebet eine Vision, die ich fast nicht überlebt hätte. Ich lag da wie tot und hörte Jesus zu mir sprechen: „Das Heil vieler verlangt deine Rückkehr in die Welt… Du wirst dich nicht mehr in deiner Zelle einsperren, du wirst sogar deine Geburtsstadt verlassen und von Stadt zu Stadt ziehen. Ich werde überall mit dir sein und werde dich führen vor die Kleinen und Großen, vor Päpste und Kirchenfürsten und das Volk der Christen. Denn ich will meiner Gewohnheit gemäß mit dem Schwachen das Starke besiegen.“ Ich hörte mich selbst erwidern, das sei doch unmöglich, da ich ja nur eine Frau und dazu eine ganz junge sei. Da antwortete mir Christus: “Bin nicht ich es, der alle Menschen erschaffen hat, Männer und Frauen? Ich gieße die Gnade meines Geistes ein, wo ich will. Vor mir gibt es weder Mann noch Frau, vor mir sind alle gleich.“ Und dann sagte er noch: “Wie ich einst zu den Juden und den heidnischen Völkern unbeholfene, aber mit meiner Weisheit ausgerüstete Männer gesandt habe, so will ich heute Frauen schicken, die von Natur aus unwissend und gebrechlich sind, doch werde ich sie mit göttlicher Weisheit ausstatten, so dass sie den Hochfahrenden eine beschämende Lehre erteilen werden… Ich verlasse dich nirgends… Wie bisher werde ich dich besuchen, und an meinem verlässlichen Rat wird es dir nie fehlen, damit du alles, was ich dir auftrage auch richtig ausführen kannst.“

RvC: In den nun folgenden 13 Jahren ist so viel geschehen. Ich muss es in Rücksicht auf Euch etwas zusammenfassen: (zu Caterina gewandt) Da war im Jahr 1370 deine große Vision, wie dir Christus, umströmt von Feuer und Blut, erschien, das über dich hinweg floss. Du batest ihn, er möge dir sein eigenes Herz geben und er nahm dein Herz aus deiner Brust und gab dir dafür das seine.

C.: Ja, ich hatte Christus so inständig und lange darum gebeten, dass er mein immer noch hartes Herz mit seinem so großen Mangel an Liebe von mir wegnehmen möge, wie es beim Propheten Ezechiel steht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch. Aber davon wie es war, als es geschehen ist, und ich das Herz Christi in mir schlagen fühlte, kann ich nur mit Mühe sprechen. Es war, wie wenn ein Strom von Feuer und Blut über mich hinweg fließen würde. Ich glaubte vergehen zu müssen. Ich empfand eine so große und brennende Liebe und gleichzeitig Trauer über meine Armseligkeit, die vielen Sünden der Menschen und das Elend der Kirche. Von jetzt an fühlte ich keine Furcht mehr vor wem auch immer.

R.: Bitte erzähle uns weiter, lieber Raimund.

RvC: Von dieser Zeit an zog Caterina ohne Rast mit ihrer familia umher. Sie wurde in die Häuser gerufen z.B. zu Adeligen, um in einem Streit zwischen den Parteien zu vermitteln, und in die Hütten der Armen, um einem Kranken Trost zuzusprechen. Wer Caterina begegnete, fühlte sich angesteckt von ihrem inneren Frieden und ihrer glühenden Sanftmut. 380 Briefe hat sie in dem folgenden Jahrzehnt geschrieben an den Papst, dass er nach Rom zurückkehren sollte, an die Regierenden der Städte von Pisa und Florenz, die Belagerung Roms aufzugeben. Und dann hatte sie noch ein großes Anliegen, das ihr heute sicher kritisch beurteilt. Sie wollte den Papst zu einem erneuten Kreuzzug bewegen, nicht um das Heilige Land von den Türken zu erobern, sondern, so war ihre Ansicht damals, ihnen das Kreuz zu bringen und sie von der Liebe des Gekreuzigten zu begeistern.

R.: Und hatte sie Erfolg?

RvC: Zunächst schien es so. Papst Gregor der XI., ein Franzose, kehrte nach Rom zurück, starb aber kurz darauf. Das Kardinalskollegium hatte damals nur 18 Mitglieder; 14 davon waren Franzosen. Sie wählten zwar einen Italiener, Urban den VI, der die Kirche sittlich und spirituell reformieren wollte. Doch kam es bald zum Bruch. Ein Großteil der Kardinäle erklärte die Wahl für erzwungen, kehrte in den Palast nach Avignon zurück und wählte Clemens den VII. als Gegenpapst. So begann das große abendländische Schisma. Von 1378 bis zum Konzil von Konstanz 1417 hatte die Kirche zwei, später sogar drei Päpste und ebenso viele Parteien von Kardinälen. Sie belegten sich jeweils gegenseitig mit dem Kirchenbann. Am Ende des 14. Jahrhunderts versank die Christenheit in großer Verzweiflung. Da war einerseits die noch nicht überwundene Pest, der ein Drittel der Bevölkerung zum Opfer gefallen war, und niemand wusste, wie es mit der Kirche weitergehen sollte, ob sie überhaupt eine Zukunft haben würde.

R.: Das muss ja für Caterina schrecklich gewesen sein.

RvC: Ja, so war es. Sie schrieb rastlos Briefe an die verschiedenen Parteien, um sie zur Versöhnung zu ermahnen und ihnen anderenfalls Gottes Strafgericht anzudrohen. Aber als alles vergeblich war, zog sie sich nach Siena zurück um mir dort ihr Buch „Von der göttlichen Vorsehung“ zu diktieren. Es konnte nicht ausbleiben, dass Caterina auch viele Neider hatte und von allen Seiten angegriffen wurde. Da war ihr der große Kreis ihrer Anhänger, die familia, ein großer Trost. Schon 1374 musste sie sich vor dem Generalkapitel der Dominikaner verteidigen. Das war eine gefährliche Situation für sie. Denn wenn sie nicht bestanden hätte, so hätte ihr die Inquisition und der Scheiterhaufen gedroht. Aber sie, die niemals studiert hatte, konnte die hohen Theologen von ihrer Liebe zur Kirche und der Wahrheit ihrer Offenbarungen überzeugen.

Eines Tages vertraute sie mir an, dass ihr in einer großen Vision die Wundmale Christi zuteil geworden waren, aber auf ihre Bitten hin unsichtbar für die Menschen. In all dem Elend war sie selig, mit Christus seine Schmerzen leiden zu können.

R: Das musst du uns erklären.

RvC: Das ist wohl schwer für euch Menschen im 21. Jahrhundert zu verstehen. Ist es nicht so, wenn ihr ganz ehrlich seid, denkt ihr doch: So schön wie auf Erden kann es im Himmel gar nicht sein. Und es ist ein großes Problem für euch, dem Leiden einen Sinn abzugewinnen. Für uns damals war das anders. Wir haben das Leben als Vertreibung aus dem Paradies empfunden. Besonders Caterina hatte ein großes Bedürfnis zu büßen, zum einen für die Schuld der Priester, Bischöfe und Päpste, und zum anderen für die Machtgier der Adeligen und für die Sünden aller Menschen.

Und entsprechend war auch ihr Ende. Sie reiste noch einmal nach Rom. Und dort in der Eingangshalle der alten Peterskirche befand sich damals ein Fresko des Malers Giotto, das die Kirche als Schifflein auf stürmischer See darstellt. In einer Vision spürte Katharina, wie sich die Last des Schiffes auf ihre Schultern legte. Sie brach zusammen und lag da wie tot. Eines ihrer letzten Worte waren: “Glaubt nur, wenn ich jetzt sterbe, so ist nichts anderes schuld an meinem Tod als unauslöschliche Glut und Liebe zur Kirche; sie verbrennt mein Herz und verzehrt das Mark meiner Gebeine. Für die Befreiung der Kirche.“ Ihr Todestag ist der 29. April, der seit Neuestem als Tag der Diakonin begangen wird.

R.: Wie könnte man ihr Hauptanliegen denn zusammenfassen?

RvC: Caterinas größte Sorge war das Heil der Menschen, dass sie zu Christus finden. Denkt nur daran, wie sie Verurteilte zur Hinrichtung begleitet hat. Ihr ging es um eine Erneuerung der Kirche und die innere Umkehr von Klerus und Laien. Sie rief zur Buße auf, zur Wiederherstellung der kirchlichen Einheit und zur Bekehrung der Ungläubigen. Wenn ihr, wie schon gesagt, ihren Todestag oder himmlischen Geburtstag als Tag der Diakonin begeht, so passt das gut, denn der Dienst an allen Menschen, die ihre Hilfe und ihren Zuspruch brauchten, war ihre zweite große Leidenschaft. Diesem Auftrag hat sie ihr Leben gewidmet. Denkt daran, die Liebe zu Christus zeigt sich darin, wenn auch ihr euren Mitmenschen und den Dienern der Kirche mit Liebe begegnet und das Urteilen dem himmlischen Vater überlasst. Denn die Kirche Jesu Christi, das seid ihr alle.

R.: Liebe Caterina, lieber Raimund – wir danken euch herzlich, dass ihr uns so viel Anteil gegeben habt an eurem Leben und Glauben.

Könnten wir eine bessere Schutzpatronin für das Diakonenamt der Frauen haben? Wie hat Caterina gekämpft! Was hat sie gelitten! So wollen auch wir nicht aufhören, das Unsere zu tun für die Kirche in unserer Zeit, und uns dabei an ihren Maximen orientieren: nichts ohne Christus und nichts ohne Liebe zu tun. Amen

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Literatur: Caterina von Siena, Gespräch von Gottes Vorsehung, Einsiedeln 5) 2010

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Eine Antwort auf Interview mit Caterina – 5. Sonntag der Osterzeit B und Tag der Diakonin

  1. Walburga sagt:

    Liebe Birgit,
    jetzt bin ich seit 20Jahren bei den Gottesdiensten zur Ehren der Hl Catarina dabei und habe bei deinem Interview noch einiges über diese Heilige erfahren, was ich nicht wusste. Vielen Dank Walburga

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