Als Kinder Gottes gehören wir zur besten Familie – 4. Sonntag der Osterzeit B

Zweite Lesung aus dem ersten Johannesbrief, Kapitel 3
Schwestern und Brüder!
1 Seht, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes und wir sind es. Die Welt erkennt uns nicht, weil sie ihn nicht erkannt hat.
2 Liebe Schwestern und Brüder, jetzt sind wir Kinder Gottes. Aber was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden. Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.

Autorin:
Dr. Ulrike Altlherr Dr. Ulrike Altherr, Pastoralreferentin in Herrenberg

 
Die Predigt:
Als Kinder Gottes gehören wir zur besten Familie

Liebe Leserin, lieber Leser,
wenn ich im Krankenhaus auf den Gängen oder im Aufzug Müttern mit ihren neugeborenen Kindern begegne, muss ich immer stehen bleiben und die Kleinen bestaunen. Diese Wunder des Lebens mit den großen Augen und den knuddeligen Körperchen. „Ach wie süß“, Wie goldig“ sagen die meisten Leute, die kleinen Kindern begegnen.

Einfach zum Liebhaben, so voller Arglosigkeit, und Angewiesenheit, wie vieles tun sie zum ersten Mal: der erste Schrei, das erste Trinken an der Brust der Mutter, das erste Lächeln, … Anfangs können sie noch ganz wenig selber und sind angewiesen auf die Liebe und Fürsorge der Erwachsenen. Voller Vertrauen, haben sie doch noch nie etwas Böses erfahren, tun sie ihre Bedürfnisse durch Schreien kund. Und bald weiß die Mutter oder der Vater oder auch andere, ob ihr Schreien Hunger, nasse Windel, zu warm zu kalt oder sich allein fühlen heißt und in aller Regel werden diese Bedürfnisse dann gestillt.
Werden die Kinder größer, werden die Bedürfnisse andere, und Schritt für Schritt erobern die Kleinen die Welt. Sie können immer mehr selbst und Aufgabe der Großen ist es, die Kinder altersentsprechend loszulassen und zu unterstützen, ihren eigenen Weg zu finden, aber auch wieder da zu sein und sie aufzufangen, wenn sie es brauchen. Nichts verändert Menschen so sehr, wie die Geburt eines Kindes oder eines Enkels.

Auch Gott hat Kinder, sagt die Lesung aus dem 1. Johannesbrief und formuliert aus Sicht seiner Gemeinde: Wir heißen Kinder Gottes und wir sind es.

„Wem g`hersch denn Du?“, wurde ich als Kind öfters gefragt, wenn ich allein mit dem Fahrrad im oberschwäbischen Dorf unterwegs war. Beim ersten Mal bin ich erschrocken und habe gesagt, dass ich niemandem gehöre, weil ich kein Besitz sei. Dann habe ich verstanden, dass damit einfach gemeint war: Wer sind deine Eltern, zu welcher Familie gehörst du? Das diente zur Einordnung, weil dort alle meine Eltern kannten. Da war ich nicht einfach ein einzelnes Kind, sondern Teil meiner Familie, klar zuzuordnen mit allen Vor- und Nachteilen.

Wenn es im 1. Johannesbrief heißt: Wir heißen Kinder Gottes, so gibt das die Zugehörigkeit an. So wie traditionell die Kinder in Familien den Nachnamen des Vaters bekommen, so gehören für den Verfasser des ersten Johannesbriefs die Gemeindemitglieder zur Familie Gottes. Sie stammen von Gott ab und gehören zu Gott. Und so wie man seinen Familiennamen höchstens unter großem Aufwand loswerden kann, so gehört der oder die einzelne aus der Gemeinde unverbrüchlich zu Gott.

Der Text setzt sogar noch etwas drauf, indem er weitergeht: Und wir sind es. Wie noch mal zur Vergewisserung. Wir sind nicht nur so etwas wie Adoptivkinder, die nur den Namen bekommen haben, nein wir sind es wirklich mit allen Rechten und Pflichten.

Wie ein antiker Vater Macht über seine Kinder hatte, so hat Gott Macht über die, die zu ihm gehören.

Aber er wird nicht nur als strenger „pater familias“ dargestellt, sondern als einer, der seine Kinder liebt. Die Bibel ist voll von Aussagen über Gottes liebevolle Hinwendung zu seinen Menschenkindern.

Das Bild vom „Guten Hirten“ aus dem Evangelium kann das noch etwas illustrieren. Wie der gute Hirte für seine Herde sorgt, unter Einsatz seiner ganzen Kraft und bei Gefahr auch seines ganzen Mutes, so sorgt Gott sich um seine Menschen. Er setzt sich ein, dass sie genügend Nahrung und Wasser haben und sich entwickeln können. Er gibt ihnen Weide und Auslauf. Er sperrt sie nicht ein, aber lässt sie auch nicht überallhin laufen, sondern schaut nach ihnen.

Wenn wir uns als Kinder Gottes erleben, dürfen wir uns sicher und geborgen fühlen in der Erfahrung, dass da einer ist, der uns liebt als seine Kinder, dem es wichtig ist, dass wir das bekommen, was wir brauchen. Einer, dem es wichtig ist, dass wir uns entwickeln können, unsere Wege gehen können. Wir machen hoffentlich auch die Erfahrung, in Gemeinschaft zusammengehalten zu sein und vor Gefahren geschützt zu werden.

Das wünschen sich vermutlich alle Menschen von ihren Eltern. Aus verschiedensten Gründen können die dem manches Mal nicht wirklich gerecht werden. Wie schmerzlich die Liebe guter Eltern vermisst werden kann, kommt manches Mal auch noch bei alten Menschen zur Sprache.

Kleine Kinder brauchen etwas anderes von den Eltern als erwachsene Kinder. Aber wir bleiben letztlich alle immer Kinder unserer Eltern. Und im Normalfall wissen wir: wir können immer heimkommen, egal was passiert ist und was wir angestellt haben. Und unsere Eltern wissen auch, dass die Kinder da sind und sich einsetzen, wenn Eltern krank oder gebrechlich werden.

Als Kind hat man Rechte und Pflichten: das Anrecht auf Liebe und Schutz, aber auch auf viele Dienstleistungen im „Hotel Mama“ oder auch Papa. Da gibt es den 24-Stundenservice im Bereich Pflege, Erziehung, Versorgung. Eltern haben selten frei und wer ein Kind hat, weiß, dass das eine Entscheidung fürs Leben ist, die viel Kraft, viel Zeit und viel Geld kostet. Aber so gut wie keine Mutter, so gut wie kein Vater wollte eins seiner oder Ihrer Kinder missen.

So ist es vermutlich auch bei Gott. Er will keins seiner Kinder missen, seien sie noch so anstrengend, lästig, eigensinnig…

So wie Kinder auch Pflichten haben wie Mithilfe in der Familie, sich – mehr oder weniger – an die Regeln im Elternhaus halten und sich nach Möglichkeit um die Eltern in Krankheit oder Alter zu kümmern, auch sie zu unterstützen, so stellt sich der Autor des 1. Johannesbriefs vor, dass auch Kinder Gottes Gott und den anderen Kindern Gottes etwas schulden. Gott braucht keine Unterstützung, aber ihm steht Liebe und Respekt zu. Diese Liebe und der Respekt dürften sich auch die Kinder Gottes untereinander schulden.. „Blut ist dicker als Wasser“, sagt man und meint, dass in aller Regel Mitglieder einer Familie zusammenhalten, wenn es drauf ankommt. Und wenn das nicht geschieht wird es als besonders schmerzlich erlebt.

Für die Gläubigen aus der Gemeinde des Johannes war diese Gemeinde ganz eng verbunden wie eine Familie. Für viele mag sie Ersatzfamilie gewesen sein, das was wir heute als Sekte bezeichnen würden. Es gab die drinnen und die draußen. Weil die Umgebung zunehmend auf Menschen, die Christsein lebten, feindlich reagierte, schotteten sich die Gemeinden eher nach außen ab und rückten innen sehr eng zusammen. Wer nicht zur Gemeinschaft gehörte, war nicht Kind Gottes.

Kind Gottes zu sein, trifft meines Erachtens nicht nur auf die Mitglieder der Gemeinde des Johannes zu, nicht nur auf die Mitglieder der Kirche oder der Kirchen, sondern auf alle Menschen.

Von ihrer Herkunft her von Gott haben sie unverlierbar alle Rechte und Pflichten eines Kindes. Wenn alle Kinder eines Gottes sind – ob wir uns Gott als Vater oder Mutter vorstellen, ist dabei einerlei – dann haben alle, die gleichen Rechte und die gleiche Würde. Dann kann sich niemand besser fühlen als ein anderer oder höher und wichtiger sein als jemand anders. Wer Kind Gottes ist, gehört zur besten Familie. Und diese Zugehörigkeit kann einem niemand absprechen. Amen!
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Literatur: Rusan, Dietrich, Die Gemeinschaft der Kinder Gottes. Das Motiv der Gotteskindschaft und die Gemeinden der johanneischen Briefe, Stuttgart, Berlin, Köln 1993 (Beiträge zur Wissenschaft vom Alten und Neuen Testament)

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