Nicht auf das Kreuz fixiert bleiben – Karfreitag 2018

Aus dem Evangelium nach Johannes, Kapitel 19
Neue Einheitsübersetzung
16b Sie übernahmen Jesus.
17 Und er selbst trug das Kreuz und ging hinaus zur sogenannten Schädelstätte, die auf Hebräisch Golgota heißt.
18 Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere, auf jeder Seite einen, in der Mitte aber Jesus.
19 Pilatus ließ auch eine Tafel anfertigen und oben am Kreuz befestigen; die Inschrift lautete: Jesus von Nazaret, der König der Juden.
20 Diese Tafel lasen viele Juden, weil der Platz, wo Jesus gekreuzigt wurde, nahe bei der Stadt lag. Die Inschrift war hebräisch, lateinisch und griechisch abgefasst.
21 Da sagten die Hohepriester der Juden zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden.
22 Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben.
23 Nachdem die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile daraus, für jeden Soldaten einen Teil und dazu das Untergewand. Das Untergewand war aber ohne Naht von oben ganz durchgewoben.
24 Sie sagten zueinander: Wir wollen es nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte sich das Schriftwort erfüllen: Sie verteilten meine Kleider unter sich und warfen das Los um mein Gewand. Dies taten die Soldaten.
25 Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala.
26 Als Jesus die Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zu seiner Mutter: Frau, siehe, dein Sohn!
27 Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.
28 Danach, da Jesus wusste, dass nun alles vollbracht war, sagte er, damit sich die Schrift erfüllte: Mich dürstet.
29 Ein Gefäß voll Essig stand da. Sie steckten einen Schwamm voll Essig auf einen Ysopzweig und hielten ihn an seinen Mund.
30 Als Jesus von dem Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! Und er neigte das Haupt und übergab den Geist.

Karfreitag Kreuz
Autorin:
Sigrid Haas, Diplomtheologin, Mannheim

 
Die Predigt:
Nicht auf das Kreuz fixiert bleiben

Liebe Leserin, lieber Leser,

Innehalten

Wenn heute der letzte Tag Ihres Lebens wäre: Was würden Sie fühlen, denken, tun? Wie und mit wem würden Sie Ihre letzten Stunden verbringen? Wären Sie mit sich selbst und nahe stehenden Menschen im Frieden? Würden Sie etwas bereuen? Wie würden Sie Ihr Leben in einem Satz zusammenfassen?

Das Kreuz und die Passion Jesu laden uns ein, auch unser eigenes Leben, unsere Schmerzen, unsere Leiden mitfühlend zu würdigen und uns auch der eigenen Vergänglichkeit bewusst zu werden. In der Routine des Alltags, dem täglichen Stress und all den Problemen, vergessen wir häufig, dass jeder Tag unser letzter sein kann. Wie oft verschieben wir etwas auf später – doch was, wenn es kein später, nicht einmal mehr ein Morgen gibt? Dann können wir all das, was wir sagen wollten, nicht mehr sagen, all das, was wir tun wollten, nicht mehr tun, all das, wovon wir geträumt haben, nicht mehr erleben.

Wie verbringen wir unsere kostbare Lebenszeit?

Schauen Sie auf Ihr Leben heute: Fühlt es sich hell, leicht, weit und Energie spendend an oder dunkel, schwer, eng und Kraft raubend? Sind Sie glücklich? Tun Sie das, was Sie wirklich, wirklich wollen oder träumen Sie von einem anderen Leben, weil Sie viel zu viel Zeit und Energie mit Unwichtigem und Unangenehmem verschwenden? Wann haben Sie das letzte Mal gelacht, gesungen, getanzt, gespielt, umarmt, Gefühle gezeigt, die Schönheit der Natur, der Musik, der Kunst genossen, den Augenblick mit allen Sinnen wahrgenommen, die Zeit vergessen, sich einen ausgiebigen Erholungsurlaub gegönnt?

Diese Fragen sind unbequem, doch oft haben wir uns selbst verloren, weil wir nur noch wie Roboter im Autopilot nach immer denselben Programmen funktionieren und deshalb immer dieselben Probleme haben. Wie am Aschermittwoch ruft uns Gott deshalb zu: Stopp, halte inne! Bedenke, dass du sterblich bist. Wie willst du deine begrenzte Lebenszeit verbringen – mit welchen Tätigkeiten, Menschen und Dingen, mit welchen Gedanken, Worten und Gefühlen, mit welchen Erfahrungen und Erlebnissen willst du deine Tage füllen?

Die Sterbebegleiterin Bronnie Ware beschreibt in ihrem Buch die „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“: nicht das eigene Leben gelebt – zu viel gearbeitet – Gefühle nicht ausgedrückt – zu wenig Zeit für nahe stehende Menschen – sich nicht erlaubt, glücklich zu sein.

Was wirklich wichtig ist

Schauen wir auf Jesus: Er hat so gelebt, dass er am Lebensende nichts bereuen musste. Er war ganz eins mit sich selbst, den Menschen und mit Gott, weil seine Gedanken, Gefühle, Worte und Taten eins waren. Er spielte keine Rollen, trug keine Masken, baute keine Schutzmauern, wich Problemen nicht aus. Er lebte im Geist, nicht in Dogmen und provozierte dadurch, besonders die religiöse Elite, doch das Gerede der Leute war ihm egal. Im Angesicht des Todes versammelte er die ihm nahe stehenden Menschen um sich, in den Stunden der Angst bat er um Nähe, unter dem Kreuz vertraute er seine Mutter und seinen Lieblingsjünger einander an, denn gerade im Leid brauchen wir die Gemeinschaft.

Jesus führte ein Leben der Hingabe, ohne sich selbst aufzugeben und zu verraten. In den Kreuz-Erfahrungen verschloss er sein Herz nicht, sondern blieb verletzlich, ließ sich berühren und wählte immer den Weg der Liebe. Seine ausgebreiteten Arme am Kreuz, seine durchbohrten Hände umarmten und segneten die ganze Welt, in seinem liebenden Herzen hatten alle Menschen Platz, sogar seine Mörder.

Bewusst wählen

Jedes Mal, wenn wir Leid und Schmerz erfahren, stehen wir an einer Kreuzung, die uns zur Entscheidung herausfordert. Bleiben wir an der Kreuzung stehen, verschließen uns und verharren im Schmerz, verhindern wir neue Erfahrungen und lassen unsere Träume sterben – wir kreuzigen uns selbst, denn Stillstand heißt Tod. Unser Körper wird weiterleben, unsere Seele und die Lebensfreude verlieren wir jedoch. Unsere Augen werden leer, die Mundwinkel gehen nach unten. Betrachten Sie einmal einen Tag lang bewusst die Gesichter der Menschen – wie viele lächeln?

Wenn wir im Unfrieden mit uns selbst sind, weil wir nicht so leben, wie wir es uns wünschen, erschaffen wir durch unsere Gedanken und unsere Lebensweise sehr viel Leid selbst: Stress, Frustration, Konflikte, Einsamkeit, Krankheit. Viele Menschen wachen erst auf, wenn eine Katastrophe geschieht, etwa eine Krebserkrankung. Die, welche wieder gesund wurden, haben eines gemeinsam: Nach der Erkenntnis, was und wer wirklich wichtig ist, haben sie in ihrem Leben grundlegend etwas verändert, deshalb waren sie im Nachhinein dankbar, dass die Krankheit – der Schrei ihrer Seele – sie dazu gezwungen hatte.

Nicht auf das Kreuz fixiert bleiben

Das Zentrum unseres Glaubens ist die Auferstehung. Wir dürfen Abschied, Schmerz, Leid und Tod weder verdrängen noch uns darin verlieren, denn sie gehören zum Leben. Gerade deswegen ist es um so wichtiger, uns immer auf die Freude auszurichten und nicht auf das Kreuz zu fixieren, denn es ist nur die Durchgangsstation zur Auferstehung. Wir lernen loszulassen und – vorausgesetzt wir sind dazu bereit – empfangen zugleich etwas Neues. Deshalb hat der sterbende Jesus den Blick der Leidenden weg vom Kreuz gelenkt hin zueinander, weg vom Verlust hin zu einer neuen Zukunft.

Wenn wir täglich reflektieren, wie wir unsere Zeit verbringen, schärfen wir unser Bewusstsein für das Wesentliche – ist unser Leben er-füllt oder über-füllt – und erkennen in den Kreuzen die verborgene Auferstehung. Denn Kreuz-Erfahrungen haben ein enormes Reifungs- und Wachstumspotential – wenn wir uns dafür öffnen. Ein Beispiel: Die Holocaust-Überlebende und Pianistin Alice Herz-Sommer, die bis auf ihren Sohn alle Familienmitglieder sowie ihre Heimat verlor. Trotzdem strahlte sie bis zu ihrem Tod mit 110 Jahren Liebe, Frieden, Vergebung und Lebensfreude aus – das Lachen und die Musik waren ihr Lebenselixier.

Wollen Sie am Ende Ihres Lebens sagen können: „Ja, ich habe mir erlaubt, glücklich zu sein“, oder werden Sie verbittert bekennen müssen: „Hätte ich doch…“? Sie haben die Wahl, jetzt, heute in diesem Augenblick können Sie den ersten Schritt zur Auferstehung gehen. Machen Sie nach dem Lesen dieser Predigt etwas, das Sie schon lange tun wollten, es kann etwas ganz Einfaches sein oder etwas Schwieriges. Wichtig ist, dass Sie es sofort tun, denn morgen könnte es zu spät sein.
Amen.

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