„Ja“ zu Gott, der Lebendigen – Zum Fest Verkündigung des Herrn am 25. März

Aus dem Evangelium nach Lukas, Kapitel 1
Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache
In jener Zeit
26 aber wurde der Engel Gabriel von Gott in einen Ort Galiläas gesandt, der Nazaret hieß,
27 zu einer jungen Frau. Diese war verlobt mit einem Mann namens Josef, aus dem Hause Davids. Der Name der jungen Frau war Maria.
28 Als er zu ihr hineinkam, sagte er: »Freue dich, du bist mit Gnade beschenkt, denn die Lebendige ist mit dir!«
29 Sie aber erschrak bei diesem Wort, und sie fragte sich, was es mit diesem Gruß auf sich habe.
30 Der Engel sprach zu ihr Folgendes: »Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade gefunden bei Gott.
31 Und siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären und du wirst ihm den Namen Jesus geben.
32 Dieser wird groß sein und Kind des Höchsten genannt werden. Gott, die Lebendige, wird ihm den Thron Davids, seines Vorfahren, geben
33 und er wird König sein über das Haus Jakobs in alle Ewigkeiten und seine Herrschaft wird kein Ende nehmen.«
34 Maria aber sagte zum Engel: »Wie soll dies geschehen, da ich von keinem Mann weiß?«
35 Der Engel antwortete ihr: »Die heilige Geistkraft wird auf dich herabkommen und die Kraft des Höchsten wird dich in ihren Schatten hüllen. Deswegen wird das Heilige, das geboren wird, Kind Gottes genannt werden.
36 Siehe, Elisabet ist mit dir verwandt: Sie hat in ihrem Alter ein Kind empfangen und dieser Monat ist der sechste für die, die unfruchtbar genannt wurde.
37 Denn alle Dinge sind möglich bei Gott.«
38 Maria sagte: »Siehe, ich bin die Sklavin Gottes. Es soll geschehen, wie du mir gesagt hast.« Der Engel aber ging fort.

Autorin:
Miteinander Krankenhaus Juli 11 (4)Beate Limberger, Gemeindereferentin, Klinikseelsorgerin im Klinikum Heidenheim

 
Die Predigt:
„Ja“ zu Gott, der Lebendigen

Liebe Leserin, lieber Leser,
Sie sind vielleicht erstaunt, heute eine Predigt zu diesem Text zu lesen und nicht zum Palmsonntag. Wenn Sie das erwartet haben, dann schauen Sie doch in den Vorjahren nach, da finden Sie eine bunte Auswahl an Palmsonntagspredigten. Heute ist auch der Festtag Maria Verkündigung und ich meine, dieses Fest ist es wert, hier einmal näher betrachtet zu werden.

Zugegeben, es klingt ungewöhnlich und vielleicht für manche auch herausfordernd, diese Geschichte der Verkündigung an Maria, wenn wir sie in dieser Auslegung der Bibel in gerechter Sprache lesen. Aber mal Hand aufs Herz: es ist ja auch eine ungewöhnliche Geschichte und zudem ist es eine Herausforderung, ja eine Zumutung, was da beschrieben wird, damals für Maria und nicht weniger für uns heute, wenn wir uns darauf einlassen. Und so mag auch diese Übersetzung für den einen oder die andere eine Zumutung sein, wenn der Engel da zu Maria sagt: Freue dich, du bist mit Gnade beschenkt, denn die Lebendige ist mit dir. Mich lässt diese andere Wortwahl aufhorchen: „die Lebendige“ genauso wie „der Lebendige“ weckt in mir eine tiefe Resonanz, die mich neugierig macht: da kommt Leben ins Spiel.

Wenn die moderne Physik in den vergangenen Jahrzehnten herausgefunden hat, dass alles Leben Entwicklung ist, dass es keinen Stillstand gibt, sowohl in der kleinsten Zelle als auch im großen Universum, und dass zudem alles miteinander in Verbindung steht (siehe Buchtipp), dann erscheint mir der Begriff „die/der/das Lebendige“ für Gott oder den Herrn eine zumindest doch interessante Übersetzung. Letztlich ist ja auch klar, dass wir an die Grenze unserer Begrifflichkeit kommen, egal wie wir von „Gott“ reden.

Nun aber zum Inhalt des Geschehens, der ja nicht weniger Sprengkraft hat. Da ist ein junges unbedeutendes Mädchen in einem unbedeutenden Ort in Israel und dieser jungen Frau geschieht Unglaubliches: ein Engel redet mit ihr und verheißt ihr eine große Zukunft, in dem er ihr die Geburt des Erlösers ankündigt. Wie eine Randbemerkung wird vom Erschrecken Marias berichtet und von ihrem inneren Fragen. Maria erschrickt. Und das macht sie zutiefst menschlich. Sie willigt nicht gleich ein, gibt sich hingebungsvoll hin – nein: sie erschrickt und sie stellt Fragen: Wie soll dies geschehen… .?

Mir ist das sympathisch. Leben ist so oft auch Erschrecken, auch heute: da entgleist die Krebserkrankung und das Lebensende kommt bedrohlich für die junge Frau in den Blick, da stirbt das lang erwartete Kind noch vor der Geburt, da ist die endlose Geschichte einer psychischen Erkrankung, die die gesamte Familie an den Rand des Tragbaren bringt, der plötzliche Tod mitten im Leben… oder immer wieder das Erschrecken über die Bilder in Syrien, in Afghanistan, im Irak… sinnloses so unendlich scheinendes Leiden… Gewalt, Krieg, Flucht, Hunger, unsagbare Not…

Lassen wir uns da noch erschrecken? Erschrecken wir noch über Äußerungen und Taten von Machthabern, egal wo auf der Welt. Maria erschrak. Und sie erstarrte nicht im Schreck, sie blieb dabei nicht stehen, sondern sie stellte Fragen, bis sie dann schließlich ihr „Ja“ sagen konnte, ihr kleines „Ja“ zum großen Geschehen, ihr „Ja“ zu Gott, der/dem Lebendigen, ihr „Ja“ zum neuen Leben und schließlich ihr „Ja“ zu sich selbst und ihrem Auftrag.

Das zeigt dann die Fortsetzung der Geschichte, die untrennbar zur Verkündigung gehört: Maria bleibt nicht sitzen, sie steht auf und geht zu Elisabeth, wo sie dann ihr berühmtes Magnifikat spricht, das bis heute revolutionären Charakter hat: sie verkündet Gott, der die Mächtigen vom Thron stürzt und die Niedrigen erhöht, der die Hungernden mit Gaben beschenkt und die Reichen leer ausgehen lässt.
Wow, das ist keine liebliche, fromme, systemgetreue Maria, die da beschrieben wird, sondern eine selbstbewusste, starke Frau, die Unrecht beim Namen nennt und sich nicht beirren lässt von den gängigen religiösen traditionellen Geboten und Gegebenheiten.

Zudem überwindet sie ihre Angst, die ja auch gerade in ihrem Erschrecken deutlich wird: was kommt da auf mich zu? Bin ich dem überhaupt gewachsen? Wie soll das geschehen? Und weil Gott, die/der Lebendige, der Herr, die heilige Geistkraft, der Engel… das weiß, steht auch hier, wie an so vielen biblischen Stellen, die Aufforderung, die zugleich Zusage und Zuspruch ist: Fürchte dich nicht!

Angst behindert das Leben, ist lebensfeindlich, muss erkannt und gebannt werden, das wussten wohl schon die biblischen Verfasser wie auch heutige Psychologie. Der Weg zum Leben geht aber nicht an der Angst vorbei, sondern mitten durch sie hindurch. Wenn wir in unserem Erschrecken unsere Angst wahrnehmen, können auch die Worte von damals für uns heute ermutigend und tröstend sein: Fürchte dich nicht! Du hast Gnade gefunden bei Gott.

Heute würde man vielleicht sagen, Maria durchläuft einen psychischen Prozess: aufgrund einer tiefen inneren Erfahrung findet sie zu sich selbst, nach Angst, Erschrecken und Widerständen sagt sie ihr „Ja“ und nimmt darauf ihr Leben mutig in die Hand. Maria als Grundlage der Ratgeberliteratur im 21. Jahrhundert… – das wäre doch mal was anderes!

Ich finde in dieser kleinen biblischen Geschichte – und ihrer Fortsetzung im Magnifikat – eine große Ermutigung für unsere Kirche, für unsere Welt und für jede und jeden Einzelnen, weil darin die Angst überwunden und die Zusage deutlich wird, die für alle gilt: Fürchte dich nicht. Du hast Gnade gefunden bei Gott. Und gleichzeitig die Aufforderung, nicht festzuhalten an alten Ängsten und im Erschrecken zu erstarren, sondern sich zu öffnen für neue Wege, neues Leben, sich auch einzusetzen für die Benachteiligten und Schwachen, für Gerechtigkeit und Frieden, für die Teilhabe aller Menschen am Geschenk des Lebens.

Möglichkeiten dazu gibt es täglich viele, Maria mag uns dafür Mutmacherin und Wegweiserin sein.

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Zum Weiterlesen:
Prof. Dr. Markolf H. Niemz, Ichwahn, Ein Physiker erklärt, warum Abgrenzung gegen unsere Natur ist

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2 Antworten auf „Ja“ zu Gott, der Lebendigen – Zum Fest Verkündigung des Herrn am 25. März

  1. J. Kuba sagt:

    Wird das Hochfest Verkündigung nicht durch Palmsonntag verdrängt?
    Ich bitte um Aufklärung.

    • g.greiner-jopp sagt:

      Bei den Sonntagsgottesdiensten schon. Diese wurden sicher alle mit den liturgisch vorgegebenen Texten des Palmsonntags gefeiert. Hier ist ausschließlich eine Predigt zu lesen, die sich Raum nimmt für das wichtige Geschehen vor der Passion. Ohne Ja Mariens kein Weihnachten, keine Karwoche und kein Ostern. Ansonsten: siehe Einleitung der Predigt. Dafür danke sehr!

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