Nicht richten, sondern retten – 4. Fastensonntag B

Aus dem Evangelium nach Johannes, Kapitel 3
In jener Zeit sprach Jesus zu Nikodemus:
14 Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden,
15 damit jeder, der glaubt, in ihm das ewige Leben hat.
16 Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern ewiges Leben hat.
17 Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.
18 Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er an den Namen des einzigen Sohnes Gottes nicht geglaubt hat.
19 Denn mit dem Gericht verhält es sich so: Das Licht kam in die Welt, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Taten waren böse.
20 Jeder, der Böses tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Taten nicht aufgedeckt werden.
21 Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Taten in Gott vollbracht sind.

Autorin:
Rings-KleerMarita Rings-Kleer, Gemeindereferentin in der Pfarreiengemeinschaft Altenkessel-Klarenthal, Diözese Trier

 
Die Predigt:
Nicht richten, sondern retten

Liebe Leserin, lieber Leser,
vor ein paar Wochen war im Fernsehen eine Episode der Serie „Die Bergretter“ zu sehen. Der Inhalt dieser Folge: Ein Jugendlicher macht sich, ohne das Wissen seiner Eltern, mit einem befreundeten Bergführer zu einer Bergtour auf. An einer schwierigen Stelle macht der Bergführer einen Fehler, er setzt einen Karabiner falsch ein, der Junge stürzt ab und stirbt. Der Bergführer lässt ihn liegen und läuft zurück, ohne aber von dem Unglück zu berichten. Als die Eltern ihren Sohn am nächsten Tag vermissen, lösen sie eine Suchaktion aus, an der sich der Bergführer beteiligt. Er will auf unverdächtige Weise den verräterischen Karabiner an sich nehmen, den er am Unglückort liegengelassen hatte. Aber die Bergretter sind schneller, sie finden den toten Jungen und auch den Karabiner. Und als der Bergführer sich ebenfalls der Unglückstelle nähert, wird er zur Rede gestellt und wieder läuft er davon, wobei er sich verletzt. Aber die Bergrettung birgt zunächst den Jungen und bringt ihn mit seinen Eltern ins Tal. Als die Bergretter nun ein zweites Mal aufbrechen sollen, um dem verletzten Bergsteiger zu Hilfe zu kommen, will einer der Bergretter nicht mitkommen. Er will einem Menschen, der einen anderen Menschen auf dem Gewissen hat und nicht zu seiner Tat steht, nicht zu Hilfe eilen. Aber sein Kollege weist ihn zurecht: „Jetzt komm schon mit, schließlich sind wir Retter und keine Richter“.

Ein großer Satz: Nicht Richter sein, sondern Retter. Ein Satz, den auch Jesus uns heute zusagt: „Ich bin nicht gekommen zu richten, ich bin gekommen, um zu retten“. Und ich denke, mit dieser Antwort trifft Jesus genau unseren wunden Punkt und auch den der Menschen damals. Denn wir alle wollen doch nur zu gern Richter sein. Entscheiden können !!! über das Leben und die Zukunft eines Menschen, eingreifen können in seinen Lebenslauf und urteilen können über das, was ein Mensch getan hat: kurz, wir wollen allzu gern Macht über einen Menschen haben. Gott sein Dank können Richter hier bei uns in Deutschland in letzter Konsequenz „nur“ über die Freiheit eines Menschen entscheiden, in vielen anderen Ländern aber können Richter und damit Menschen über das Leben, das Weiterleben eines anderen Menschen entscheiden. Und in dieser Befugnis steckt eine große Verführung. Ein Blick in unsere eigene Geschichte vor achtzig Jahren macht das mehr als deutlich.

Ganz anders ein Retter!
Ihm geht es immer nur darum, einem Menschen zu helfen, unabhängig davon, ob dieser Mensch es verdient hat oder nicht, so wie im Film über die Bergretter. Einen Menschen retten, kann mit Kleinigkeiten anfangen, mit kleinen Hilfen, die einem Menschen aus so manch kleiner „Not“ heraus helfen können. Vor wenigen Wochen kam ich im Parkhaus an die Kasse und dort stand eine junge Frau mit einem Kind auf dem Arm und war ganz verzweifelt. Ihr fehlte noch ein Euro, um das Parkticket auszulösen und Kreditkarten oder EC-Karten wollte der Automat nicht. Sie hätte nicht weiterfahren können, also gab ich ihr den einen Euro. Und sie bedankt sich mit dem Satz: „Sie haben mich gerettet.“ Ganz unspektakulär.

Es geht auch größer, wenn wir da an die vielen Ersthelfer, Sanitäter und Ärzte denken, die tagtäglich an Unfallstellen Menschenleben im wahren Sinn des Wortes retten. Und zwischen diesen beiden Punkten klein und groß bewegen sich unsere unzähligen Rettungsaktionen, Tag für Tag. Und in dieses System von Rettung klinkt sich Jesus ein. Er rettet die Menschen vor so viel Not, Krankheiten, Ausgeschlossensein, Angst und auch Schuld. Er richtet nicht über sie, nicht über die Ehebrecherin oder den Pharisäer, er sieht ihre Not, ihr Leid und spricht ihnen das zu, was sie rettet: ein Wort der Versöhnung, ein Wort der Heilung, ein Wort des Trostes. Jesus steht dabei nicht über dem Menschen und will keine Macht über ihn, so wie es ein Richter hätte, Jesus bleibt auf Augenhöhe und will einfach nur, dass der Mensch wieder zu einem guten Leben findet, einem Leben in Fülle, wie er es formuliert. Dazu hilft kein Richterspruch, dazu hilft konkrete menschliche Nähe und konkrete menschliche Hilfe.

Und manchmal geht eine Rettungstat sogar soweit, dass ein Mensch sein Leben gibt, um andere zu retten. Auch das können wir immer wieder in der Zeitung nachlesen. Diesen besonderen Menschen gehört größter Respekt und Achtung.

Und dann ist es passiert, dass ein Mensch sein Leben gegeben hat, damit wir alle gerettet werden. Für diese Rettungstat gibt es keinen angemessenen Begriff, es ist das Größte überhaupt. Jesus hat dies für uns getan und dafür gebührt ihm immer wieder Dank! Und: Jesus sagt, ich bin gekommen, um zu retten. Das ist Gottes Auftrag für ihn und das ist Jesu Auftrag an uns.

Die Rettungstat Jesu geht weiter, durch uns. Und auch für uns gilt es, auf Augenhöhe zu den Menschen zu bleiben, damit wir ihre Nöte wahrnehmen. Das, was offensichtlich ist, aber auch das, was sie auf dem Herzen haben. Auch für uns gilt, unsere Kraft und ein Stück Leben einzusetzen, damit Menschen wieder froh werden und sagen können: Danke, Sie haben mich gerettet.

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