Heilsamer Zorn – 3. Fastensonntag B

Aus dem Evangelium nach Johannes, Kapitel 2
Neue Einheitsübersetzung
13 Das Paschafest der Juden war nahe und Jesus zog nach Jerusalem hinauf.
14 Im Tempel fand er die Verkäufer von Rindern, Schafen und Tauben und die Geldwechsler, die dort saßen.
15 Er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle aus dem Tempel hinaus samt den Schafen und Rindern; das Geld der Wechsler schüttete er aus, ihre Tische stieß er um
16 und zu den Taubenhändlern sagte er: Schafft das hier weg, macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!
17 Seine Jünger – und Jüngerinnen – erinnerten sich, dass geschrieben steht: Der Eifer für dein Haus wird mich verzehren.
18 Da ergriffen die Juden das Wort und sagten zu ihm: Welches Zeichen lässt du uns sehen, dass du dies tun darfst?
19 Jesus antwortete ihnen: Reißt diesen Tempel nieder und in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten.
20 Da sagten die Juden: Sechsundvierzig Jahre wurde an diesem Tempel gebaut und du willst ihn in drei Tagen wieder aufrichten?
21 Er aber meinte den Tempel seines Leibes.
22 Als er von den Toten auferweckt war, erinnerten sich seine Jünger – und Jüngerinnen, dass er dies gesagt hatte, und sie glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesprochen hatte.
23 Während er zum Paschafest in Jerusalem war, kamen viele zum Glauben an seinen Namen, als sie die Zeichen sahen, die er tat.
24 Jesus selbst aber vertraute sich ihnen nicht an, denn er kannte sie alle
25 und brauchte von keinem ein Zeugnis über den Menschen; denn er wusste, was im Menschen ist.

Autorin:
Passfoto A.R.Angela Repka, Offenbach, Literaturübersetzerin, verheiratet, zwei Söhne, vier Enkelkinder, Ausbildungskurs zum Diakonat der Frau, diakonische Tätigkeit in der Pfarrgemeinde

 
Die Predigt:
Heilsamer Zorn

Liebe Leserin, lieber Leser,
ganz schön heiß her geht es im Evangelium zum 3. Fastensonntag: Jesus empört sich über das rege Geschäftstreiben im Vorhof des Tempels von Jerusalem. Aus Seilen knüpft er sich eine Peitsche und jagt die Händler mitsamt ihren Rindern, Schafen und Tauben, also den Opfertieren, davon. Er schüttet das Geld der Wechsler aus, stößt ihre Tische um und ruft: Macht das Haus Gottes nicht zur Markthalle! Das ist deutlich. Es muss einen Bereich geben, wo die Geschäftemacherei ein Ende hat, wo der Mensch in Ruhe zu sich und zu Gott finden kann.

Heute fällt uns da gleich der Kampf um die Sonntagsruhe ein. Seien wir ehrlich, ein derart rabiates Verhalten sind wir von Jesus nicht gewohnt. Aber gerade dieses tatkräftige Eingreifen imponierte dem israelischen Schriftsteller Amos Oz, der sich als jüdisch orthodox geprägter Jugendlicher bei der in seinen Kreisen verpönten Lektüre des Neuen Testaments in Jesus regelrecht verliebte, wie er in einem kürzlich erschienenen Artikel schrieb. Der sanfte Rabbi, das geduldige Opferlamm, wie es in jeder Heiligen Messe im Agnus Dei angerufen wird, wütend und handgreiflich? Auch heute riefe ein solches Auftreten die Ordnungshüter auf den Plan. Das im Text angeführte Zitat eines Psalms „Der Eifer für dein Haus verzehrt mich.“ würde als Rechtfertigung nicht ausreichen. Wir wissen, welche Verbrechen im Namen Gottes schon begangen wurden und bis in unsere Zeit begangen werden.

Auch Jesus wird von den Juden zur Rechenschaft gezogen. Sie fordern von ihm ein Zeichen als Beweis, dass er so etwas tun darf. Und was antwortet er darauf? Reißt diesen Tempel nieder, in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten. Ein unverschämte, ja gotteslästerliche Antwort, die in den Ohren der Umstehenden klingelt. Sie entgegnen ihm, dass der Tempel in 46 Jahren erbaut wurde. Wie sollen sie ihn bloß einordnen, diesen Wanderprediger, der kurz zuvor Wasser in Wein verwandelt hat und dessen Macht sie deutlich spüren? Als Provokation?

Ahnen sie etwas davon, dass Jesus ihnen auf einer ganz anderen Ebene geantwortet hat? Jesus hatte den Tempel seines Leibes gemeint, wie es im Evangelium heißt. Er weiß, dass sein Handeln, zu dem er sich aus seiner engen Gottesbeziehung berufen fühlt, und wozu ihn keine weltliche oder religiöse Autorität beauftragt hat, im wahrsten Sinne des Wortes tödlich ernst ist. Ebenso weiß er aber, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Dafür legt er mit seinem ganzen Leben und Sterben Zeugnis ab – nicht nur durch seine heilende gütige Zuwendung, sondern auch in seinem Zorn.

Können Zorn, Wut, Empörung unter uns Menschen wirklich heilsam sein? Ja, denn diese aggressiven Impulse konfrontieren uns unabweislich mit unseren Gefühlen oder denen der anderen. Wenn sie nicht wahrgenommen und akzeptiert werden, kommt es zur Verdrängung, die sich dann an anderer Stelle unbewusst auswirken kann, gegen andere, aber oft auch in Mutlosigkeit, Ohnmachtsgefühlen, Depressionen bis hin zum Selbstmord. Zorn, der nicht verdrängt wird, fordert dagegen Entscheidung und Handeln heraus. Selbst die Heilige Schrift akzeptiert Zorn, verlangt aber, dass wir darüber nicht die Sonne untergehen lassen sollen. Zorn darf also nicht zu Hass und Unmenschlichkeit führen. Hier werden die Wutbürger, die Internet-User mit ihrer Hasssprache, Selbstmordattentäter und andere Irregeleitete in die Schranken gewiesen.

Jesus, der sich nicht an ungerechte Beziehungen und unterdrückende Strukturen anpassen ließ, der die Menschen aus eben diesen heraus in ein versöhntes, schöpferisches Verhältnis zu Gott führen wollte, war übrigens öfter zornig, als wir meinen – auch auf seine Jüngerinnen und Jünger, die ihn zu seinen Lebzeiten nicht verstanden und erst nach seinem Tod allmählich begriffen, worum es ihrem Meister gegangen war – und dass sie das von Jesus begonnene Werk fortsetzen sollten und konnten. Aus der Kraft einer Liebesbeziehung zu Gott, wie Jesus sie ihnen vorgelebt hat. Auch wir haben die Chance, uns in dieser Fastenzeit neu darauf einlassen.

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