Will Gott wirklich, dass wir das Liebste opfern? – 2. Fastensonntag B

Erste Lesung aus dem Buch Genesis, Kapitel 22
In jenen Tagen
1 stellte Gott Abraham auf die Probe. Er sprach zu ihm: Abraham! Er antwortete: Hier bin ich.
2 Gott sprach: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar.
9 Als sie an den Ort kamen, den ihm Gott genannt hatte, baute Abraham den Altar und schichtete das Holz auf.
10 Schon streckte Abraham seine Hand aus und nahm das Messer, um seinen Sohn zu schlachten.
11 Da rief ihm der Engel des Herrn vom Himmel her zu: Abraham, Abraham! Er antwortete: Hier bin ich.
12 Jener sprach: Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus und tu ihm nichts zuleide! Denn jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest; du hast mir deinen einzigen Sohn nicht vorenthalten.
13 Als Abraham aufschaute, sah er: Ein Widder hatte sich hinter ihm mit seinen Hörnern im Gestrüpp verfangen. Abraham ging hin, nahm den Widder und brachte ihn statt seines Sohnes als Brandopfer dar.
15 Der Engel des Herrn rief Abraham zum zweiten Mal vom Himmel her zu
16 und sprach: Ich habe bei mir geschworen – Spruch des Herrn: Weil du das getan hast und deinen einzigen Sohn mir nicht vorenthalten hast,
17 will ich dir Segen schenken in Fülle und deine Nachkommen zahlreich machen wie die Sterne am Himmel und den Sand am Meeresstrand. Deine Nachkommen sollen das Tor ihrer Feinde einnehmen.
18 Segnen sollen sich mit deinen Nachkommen alle Völker der Erde, weil du auf meine Stimme gehört hast.

Sonnenfeuer
Autorin:
Sigrid Haas, Diplomtheologin, Mannheim

 
Die Predigt:
Will Gott wirklich, dass wir das Liebste opfern?

Liebe Leserin, lieber Leser,
welche Gefühle löst diese Geschichte in Ihnen aus? Entsetzen, Unverständnis, Angst, Wut, Zweifel an Gott? Was hätten Sie getan?

Gottes Befehl an Abraham

Abraham rennt nicht weg, sondern antwortet und hört zu, was Gott zu sagen hat: Nimm… Isaak… und bringe ihn dort auf einem der Berge… als Brandopfer dar. Doch welch grausamer, ja sadistischer Befehl! Wie kann Gott so etwas verlangen? Wir erfahren nichts über Abrahams Gedanken und Gefühle, können seine Höllenqualen aber nachfühlen, waren vielleicht schon in einer ähnlichen Lage. Sagt er Nein, verrät er Gott – sagt er Ja, verrät er Isaak und Sara. Eine ausweglose Situation!

Von einer auf die andere Sekunde ist nichts mehr, wie es war. Gottes Forderung reißt Abraham brutal aus seinem gewohnten Alltag heraus, sein Leben wird nie mehr so sein wie zuvor, seine ganze Zukunft scheint zu zerbrechen! Will Gott Abraham daran erinnern, welch großes Geschenk er in Isaak bekommen hat? Oder ihn provozieren, ihm sein begrenztes Denken und Handeln aufzeigen?

Abraham leistet keinen Widerstand

Gott droht bei Verweigerung keine Strafe an, bemerkt Abraham das nicht? Die meisten wurden als Kind bei Ungehorsam gegen Eltern oder Lehrpersonen bestraft. Viele waren aus Angst danach immer gehorsam, manche sind es sogar noch als Erwachsene. Abraham gehorcht blind, so scheint es, auch Isaak widersetzt sich nicht. Wollen sie Gott herausfordern? Möglicherweise denkt Abraham auch: Ich bin schon so alt, vielleicht sterbe ich auf der Reise. Ganz sicher hofft er auf ein Wunder.

Abraham macht sich auf den Weg

Er überwindet die lähmende Angst, verlässt sein vertrautes, sicheres Leben und geht mit Isaak auf einen anstrengenden, mehrtägigen Fußmarsch – viel Zeit zum Nachdenken. Abraham wurde von Gott schon früher herausgefordert: Als er 75 war, sagte Gott: Geh in das Land, das ich dir zeigen werde. Er gab alles auf und ging. Und mit 100 Jahren schenkte ihm Gott Isaak. Sein Vertrauen wurde reich belohnt. So öffnet er sich trotz Angst auch diesmal der Veränderung, denn nur so kann er wachsen. Isaak muss ebenfalls, begleitet von seinem Vater, diesen Prozess durchleben.

Abraham will Isaak opfern

Am dritten Tag, Symbol für die Wendung, sind sie am Ziel. Der Berg ist nicht nur Opferplatz und Ort außergewöhnlicher Gotteserfahrungen, sondern eröffnet auch neue Perspektiven, Lösungen, Möglichkeiten und Wege. Sie steigen hinauf. Abraham errichtet den Altar, fesselt Isaak und legt ihn darauf. Sie hätten auch abwarten können, was geschieht. Doch alle gehen bis zum Äußersten und überschreiten jede Grenze: Gott konfrontiert beide mit ihren tiefsten Ängsten, Abraham setzt zur Tötung an und Isaak hält still – beide fordern Gott heraus. Erst im Augenblick der größten Hingabe greift der Engel ein. Abraham schaut auf und sieht den Widder – er musste erst seine tiefste Angst ganz fühlen und dadurch überwinden, um die Lösung zu erkennen. Gottesfurcht bedeutet nicht, Angst vor Gott zu haben, sondern in Respekt und Dankbarkeit das Leben in all seiner Fülle, die uns Gott schenkt, anzunehmen und zu genießen. Deshalb belohnt Gott den Wagemut und das unerschütterliche Vertrauen Abrahams mit der Verheißung von reichem Segen.

Der Ausgang der Geschichte zeigt: Gott verlangte natürlich kein – damals noch übliches – Menschenopfer, sondern „Sohn“ ist ein Symbol für das Allerliebste. Doch stellt sich dann die quälende Frage: Fordert Gott den Verzicht auf den Menschen, den wir am meisten lieben? Will Gott unser beständiges Weinen und Klagen oder gar unseren frühzeitigen Tod durch ein gebrochenes Herz? Oder gefällt Gott nicht viel mehr unser Dank für diesen Menschen und alle anderen Gaben?

Jüdische Deutungen

Aufgrund ihrer Geschichte ist jüdisches Denken gewagter – einige Beispiele. In Elie Wiesels Roman „Gezeiten des Schweigens“ ermutigt der Rabbi eine Frau, die den Tod mehrerer Kleinkinder demütig akzeptiert, man dürfe das nicht annehmen, müsse sich nicht unterwerfen, sondern müsse schreien, protestieren, Gerechtigkeit fordern.

Jüdische Theologie lässt vielfältige Auslegungen zu, wie schon die Benennung „Bindung Isaaks“ statt „Opferung“ zeigt. Martin Buber berücksichtigt, im Gegensatz zur griechischen und lateinischen Übersetzung, die sprachliche Verwandtschaft der hebräischen Ausdrücke von Verb und Substantiv: „Nimm doch… Jizchak und… höhe (hebr. alah) ihn dort zur Darhöhung (hebr. olah) auf einem der Berge.“ Das kleine Wort „doch“ macht aus dem Befehl eine Bitte, kommentiert Rabbi Schlomo von Worms. Auch heißt es nicht „höhe ihn mir“, sondern nur „höhe ihn“. Abraham soll mit Isaak auf den Berg gehen und einen Altar errichten, ihn Gott aber nur symbolisch übergeben, so wie ein Vater sein Kind freigibt, wenn es erwachsen ist.

Der Midrasch Bereschit Rabba interpretiert Gottes Wort so: „Ich habe zu dir gesagt: Nimm deinen Sohn, aber ich sagte nicht: Schlachte ihn; ich habe zu dir gesagt: ‚Führe ihn hinauf‘ aus Liebe, du hast mein Wort gehalten, du brachtest ihn hinauf, jetzt führe ihn wieder hinab! Gleich einem König, welcher zu seinem Freund sagt: Bringe deinen Sohn zu meiner Tafel.“ Könnte Abraham Gottes Befehl missverstanden haben? Abwegig ist das nicht, sind Fehlinterpretationen von Gottes Wort ja nicht selten – schauen wir nur in die Kirchengeschichte. Am Ende gibt es doch noch ein Opfer, allerdings wird dieses nicht ausdrücklich erwähnt. Der Midrasch Tanchuma stellt einen Zusammenhang im nachfolgenden Kapitel her mit dem Tode Saras – sie sei aus Verzweiflung gestorben, da sie glaubte, Isaak sei tot.

Schlusswort

Viele Deutungen sind möglich, und manches bleibt Gottes Geheimnis. Doch Gott will nicht, dass wir Angst haben und unser Liebstes opfern. Denn Angst steht der Liebe entgegen, verhindert die Hingabe und zerstört jede innige Beziehung, ob zwischen zwei Menschen oder mit Gott. Wenn wir uns unserer tiefsten Angst stellen, sie aushalten, uns ihr hingeben bis zum Äußersten, wie Abraham, Isaak und Jesus, verwandelt sie sich und wir uns mit ihr. Dann werden auch wir auf unserem Berg Morija, unserem Golgotha zu unserem wahren Sein finden, Gottes reichen Segen empfangen und für andere zum Vorbild und zum Segen werden. Amen.
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Literaturhinweise:
– Elie Wiesel, Gezeiten des Schweigens, Freiburg 1987
– Martin Buber/Franz Rosenzweig: Die Verdeutschung der Schrift. Bd. I, Gerlingen 1997
– Midrasch Bereschit Rabba, Leipzig 1881
– Midrasch Tanchuma, Leipzig 1907

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2 Antworten auf Will Gott wirklich, dass wir das Liebste opfern? – 2. Fastensonntag B

  1. Hans-Georg Klein sagt:

    Man sollte lieber den V. 5 mit seinem pluralischen Subjekt nicht einfach aus Zeitersparnis überspringen!

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