Jesus, der eine mit Vollmacht – 4. Sonntag im Jahreskreis B

Neue Einheitsübersetzung
Aus dem Evangelium nach Markus, Kapitel 1
21 Sie kamen nach Kafarnaum. Am folgenden Sabbat ging Jesus in die Synagoge und lehrte.
22 Und die Menschen waren voll Staunen über seine Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten.
23 In ihrer Synagoge war ein Mensch, der von einem unreinen Geist besessen war. Der begann zu schreien:
24 Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret? Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen? Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes.
25 Da drohte ihm Jesus: Schweig und verlass ihn!
26 Der unreine Geist zerrte den Mann hin und her und verließ ihn mit lautem Geschrei.
27 Da erschraken alle und einer fragte den andern: Was ist das? Eine neue Lehre mit Vollmacht: Sogar die unreinen Geister gehorchen seinem Befehl.
28 Und sein Ruf verbreitete sich rasch im ganzen Gebiet von Galiläa.

Autorin:
FotoAhDr. Ulrike Altherr, Pastoralreferentin in der Seelsorgeeinheit Herrenberg/Gäu

 
Die Predigt:
Jesus, der eine mit Vollmacht

Liebe Leserin, lieber Leser,
im Markusevangelium ist die Heilung des Besessenen in Kafarnaum nach der Berufung der Jünger die erste öffentliche Tat Jesu. Damit hat sie programmatischen Charakter, ist wie ein Vorzeichen, das vor all seinem Wirken steht.

Damit zeigt er seine göttliche Macht. Die Leute stellen danach fest: Hier wird mit Vollmacht eine ganz neue Lehre verkündet. Sogar die unreinen Geister gehorchen seinem Befehl.

Jesus ist wie einer, der Vollmacht hat, er lehrt wie einer, der Vollmacht hat und er heilt von Besessenheit wie einer der Vollmacht hat. Jesus ist einer, der Macht hat, von dem von vorneherein klar ist, dass er mehr ist als einer der Schriftgelehrten, die Gottes Botschaft nur verkünden und auslegen.

Besessenheit ist für uns heute ja etwas Seltsames, etwas von dem wir uns nicht sicher sind, ob es das wirklich gibt oder ob das nur in Horrorgeschichten vorkommt. Für die Zeitgenossen Jesu war der Gedanke, dass böse oder unreine Geister einen Menschen besetzen, eine gängige Vorstellung. Irgend etwas oder jemand hat Macht über einen Menschen, hat Besitz von ihm ergriffen. Das konnten Krankheiten des Körpers sein, wie z. B. Epilepsie, oder auch der Seele. Wer so etwas lösen konnte, wer einen unreinen Geist aus einem Menschen austreiben konnte, der musste sehr große Macht haben.

Und der unreine Geist erkennt, wer Jesus wirklich ist und versucht eine Art Gegenzauber, indem er den für die Anwesenden noch geheimen Namen Jesu: der „Heilige Gottes“ nennt. „Mann Gottes“ war für Propheten eine übliche Bezeichnung, z. B. für Elia. „Heiliger Gottes“ ist da noch die Steigerung, bedeutet „heilig“ doch für Gott ausgesondert.

Jesus lässt sich vom Wissen und vom Gegenzauber des Dämonen nicht beeindrucken. Er bedient sich nur des barschen, scheltenden Wortes – übrigens ähnlich wie bei der Sturmstillung – und befiehlt dem Geist, den Mann zu verlassen. Jesus ist sich seiner Macht so sicher, dass er keine anderen Praktiken mehr braucht. Die Bewunderung, aber auch die Furcht der Augen- und Ohrenzeugen findet sich hier zum ersten Mal.

Exorzismen sind von Jesus an vielen Stellen des Neuen Testaments überliefert. Im Exorzismus zeigt sich symbolisch verdichtet die befreiende Macht der Gottesherrschaft des Reiches Gottes. Im neuen Testament wird berichtet, dass auch die Jünger Dämonen austrieben. Auch die Kirche hat Exorzismen praktiziert, mit zum Teil verheerenden Folgen, so dass es heute in der Kirche eher still um das Thema geworden ist.

In einem Klosterladen entdeckte ich kürzlich einen kleinen Gebetszettel mit der Überschrift „Exorzismus“, versehen mit dem Zusatz: „mit kirchlicher Druckerlaubnis“. Darauf ist ein Gebet abgedruckt, das so beginnt: „Es erhebe sich der allmächtige Gott, und es mögen zerstreut werden seine Feinde und fliehen vor seinem Angesichte alle, die ihn hassen: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Hl. Geistes. Amen.“ Im zweiten Vers wird derselbe Wortlaut Maria zugeschrieben und im dritten dem Erzengel Michael und allen himmlischen Heerscharen.

Meines Erachtens gibt es auch heute noch vieles, wovon Gott und seine himmlischen Mächte Menschen befreien müssten. Wie viel Unfreiheit, wie viel Zwanghaftes oder Böses ist in uns Menschen. Wie versklavt sind wir oft. Was knechtet und besetzt Sie und Euch? Ist es eine Sucht, die einen in den Krallen hat? Oder eine Krankheit? Oder ein Charakterzug, der Ihnen und anderen das Leben schwermacht?…

Oft, wenn ich am Bett eines schwerkranken oder vom Schicksal gebeutelten Menschen stehe, denke ich: jetzt müsste sich die Macht Jesu real zeigen; jetzt müssten Schmerzen nachlassen; jetzt müsste die abgrundtiefe Kraftlosigkeit einer neuen Stärke weichen. Jemand müsste dem Wachstum von Tumoren, die Organe zerfressen, Einhalt gebieten.

Jemand müsste Menschen, die immer um den Gedanken kreisen, dass sie nicht gewollt sind, dass sie ihr ganzes Leben nur Opfer sind, aus diesem Zwang lösen. Jemand müsste dem machtvoll Einhalt gebieten, dass manche von mehreren Schicksalsschlägen getroffen werden. Jemand müsste den Knoten platzen lassen, der verhindert, dass jemand von seiner Sucht loskommt…

Wenn da wieder etwas gut werden würde, dann wäre Reich Gottes, heile Welt, da, wo Menschen wirklich geheilt werden an Leib und Seele. Ärzte und Ärztinnen jedweder Fachrichtung, so gut sie sind, können das nur sehr bedingt. Für vieles bräuchte es einen mit Vollmacht.

Dieses Evangelium zeigt: es gibt einen mit Vollmacht, einen, der Menschen von Schlimmem, sie Versklavendem frei machen kann, dass sie wieder sie selbst sein können.

So ist anfanghaft klar. Zuletzt siegt nicht das Böse, nicht der unreine Geist. Wo Jesus ist, muss der Dämon letztlich auch unter viel Getöse und Gegenwehr doch weichen und den Menschen mit sich im Frieden zurücklassen. Letztlich ist die Macht des Bösen nicht mehr mächtig. Es gibt Hoffnung; ein Anfang ist gemacht. Ich wünsche mir für mich und alle mehr davon. Amen.

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5 Antworten auf Jesus, der eine mit Vollmacht – 4. Sonntag im Jahreskreis B

  1. walter sagt:

    Vollmacht…

    könnte Gott nicht leiden- Er wäre nicht Gott !

  2. Walburga sagt:

    Zum Kommentar „Walter sagt“:
    Ich verstehe Sie nicht. „Er wäre nicht Gott“ ist Ihr Gottesbild. Was Gott leiden kann, können Sie nicht festlegen.

    • walter sagt:

      … nicht “ was “ ,sondern „ob „…
      ich meine- nur das Christentum verehrt einen Gott ,der tatsächlich als Gott/Menschensohn das Kreuz seiner Kreatur erlitten hat und, “ weil bei uns bis ans Ende der Tage/Welt “ weiter mit-erleidet. D i e s e V o l l -/A l l m a c h t versetzt mich in Staunen…

  3. Walburga sagt:

    Lieber Walter, vielen Dank. Jetzt habe ich Sie zum Teil verstanden. Warum Sie das Vollmacht nennen, verstehe ich noch nicht so ganz. Da passt doch die Ohnmacht besser. Passt vielleicht aber zum Johannesevangelium.

    • walter sagt:

      Liebe Walburga,

      vielleicht haben die über die Vollmacht staunenden Zuhörer vor 2000 Jahren schneller als wir geahnt und dann erkannt, dass in der Ohnmacht am Kreuz die Allmacht des Menschensohns durchscheint…

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