Den Spalt für das Mögliche offen halten – Neujahr 2018

Neue Einheitsübersetzung
Zweite Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Galatien, Kapitel 4
Brüder und Schwestern!
4 Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt,
5 damit er die freikaufe, die unter dem Gesetz stehen, und damit wir die Sohnschaft erlangen.
6 Weil ihr aber Söhne und Töchter seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unser Herz, den Geist, der ruft: Abba, Vater.
7 Daher bist du nicht mehr Sklave, sondern Sohn und Tochter; bist du aber Sohn und Tochter, dann auch Erbe, Erbe durch Gott.

Aus dem Evangelium nach Lukas, Kapitel 2
15 Als die Engel in den Himmel zurückgekehrt waren, sagten die Hirten zueinander: »Kommt, wir gehen nach Betlehem und sehen uns an, was da geschehen ist, was Gott uns bekannt gemacht hat!«
16 Die Hirten eilten hin, kamen zum Stall und fanden Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe lag.
17 Als sie es sahen, erzählten sie, was ihnen über dieses Kind gesagt worden war.
18 Und alle, die es hörten, staunten über die Worte der Hirten.
19 Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach.
20 Die Hirten kehrten zurück, rühmten Gott und priesen ihn für das, was sie gehört und gesehen hatten; denn alles war so gewesen, wie es ihnen gesagt worden war.
21 Als acht Tage vorüber waren und das Kind beschnitten werden sollte, gab man ihm den Namen Jesus.

Autorin:
VMHEZ64LMaria Sinz, Gemeindereferentin in Aalen, Referentin bei der KAB (Kath. Arbeitnehmerbewegung)

 
Die Predigt:
Den Spalt für das Mögliche offen halten

Liebe Leserin, lieber Leser,
ein neues Jahr liegt vor uns. Wie ein unbeschriebenes Blatt, oder ein schneebedecktes Feld; es lädt ein, beherzt die ersten Spuren zu setzen, beziehungsweise die ersten Striche zu tun.

Auch mit fortschreitendem Alter erinnert Neujahr an die Möglichkeiten. Neujahr hält den Spalt oder die Ritze offen für das Mögliche. In allem Bekannten, Erlebten, Geleistetem, Festgelegten, nach Erfolgen oder Misslungenem, scheint für einen Moment die Zuversicht auf das Mögliche auf. Der fromme Wunsch „Gutes Neues Jahr“ erinnert an die menschliche Kraft, neu zu werden. Und sei es nur, dass ich anders auf mein Leben schaue, mir ein Perspektivenwechsel gelingt. Sei es, dass mir eine erweiterte Sicht auf die Dinge möglich wird, Zusammenhänge erkennbar werden und manches dadurch in einem neuen Licht erscheint oder deutlicher wird.

Auch Neugeborene locken den „Lebensruf“ in uns hervor. Die Hirten erzählen vom Kind in der Krippe. Alle, die es hörten, staunten über die Worte der Hirten. Vermutlich staunten sie über redselige Hirten. Darüber, dass ansonsten eher Schweigsame nun Worte finden, andere zum Hören bringen, sie erreichen. Die Freude über ein Neues Leben teilen. Geburt, Geboren-Sein: das Wunder an sich. Eine Realität, die Menschen gemeinsam ist und sie insofern verbindet. Von einer Mutter geboren worden zu sein. Eine wirkliche Gemeinsamkeit aller Menschen. Abgesehen von der Tatsache des Todes.

Im Galaterbrief ist von Sohnschaft die Rede. Tochter-Sein oder Sohn-Sein in Abgrenzung zum Sklave-Sein. Lesen wir einen Vers voraus dazu, verändert sich der Tenor auf: Erwachsen werden. Im Vorspann zum heutigen Text wird darauf hingewiesen, dass Kinder ähnlich wie Sklaven unmündig seien. Erst der mündige Erbe hat Entscheidungsbefugnis. In Vers 3 heißt es: So waren auch wir, solange wir unmündig waren, Sklaven der Elementarmächte der Welt. Ein starker Satz.

Im Sinne des Galaterbriefes ist es möglich den Elementarmächten der Welt gegenüber zu treten. Es ist möglich. Nicht mehr und nicht weniger. Gemeint ist weniger ein einmaliger Akt der Befreiung, als vielmehr ein beständiges Ringen. Aus dem familiären Leben wissen wir: Erwachsenwerden ist ein lebenslanger Prozess. Im gesellschaftlichen Bereich ist klar: einmal errungene Rechte wie z.B. die Betriebsverfassung wollen täglich gelebt sein, davon wissen Betriebsrätinnen ein Lied zu singen.

Nun könnten sich Stunden und Tage füllen mit der Antwort auf die Frage was denn Elementarmächte der Welt eigentlich sind. Wäre auch spannend. Hier aber soll es um die Behauptung gehen, dass wer sich Sohn oder Tochter Gottes nennt, nicht zum Sklave – Sein taugt, sich niemals freiwillig etwas anderem als der Gerechtigkeit Gottes, der Liebe Gottes oder dem Geist Gottes unterwirft. Oder anders formuliert, Söhne und Töchter beziehen sich auf den Geist Gottes, der in Ihren Herzen lebt.

Der Geist Jesu Christi ist in unsere Herzen gesandt und lebt – wenn wir ihm Raum geben. Mehr brauchen wir nicht tun. Unsere wirkliche Kraft wächst aus dieser inneren Verbindung. Diese Verbindung bewusst pflegen. Das ist unsere Aufgabe als Erben. Immer wieder zum Herzen zurückkehren, verweilen, hören. Den Spalt für das Mögliche offen halten und dann den Geist Gottes weiter tragen und leben. Gerade so , als ob die teilweise vernichtenden Härten des Alltags einem nichts anhaben können.

So, wie ein Polier* mir gestern erzählte: Im Unternehmen, für das er arbeitet, werden rumänische Hilfsarbeiter von ihren Vorarbeitern schikaniert. Die Arbeiter wenden sich an ihn und einen Kollegen, sie wurden zu Vertrauensleuten gewählt. Eine schnelle Lösung gibt es nicht, das Verhalten der Betreffenden wird von oben gedeckt. Neulich aber sagte einer der rumänischen Kollegen einfach Nein. Er weigerte sich der Gruppe eines der Schikanierer zugewiesen zu werden. Und blieb tatsächlich in der des Vertrauensmannes.

Solche Momente sind es wert, weitererzählt zu werden. Hier ist der Spalt für das Mögliche offen gehalten. Als Christen, Söhne und Töchter, und also Erben, weigern wir uns, uns mit der durch Macht gesetzten Realität einfach abzufinden. Wir geben dem Geist Gottes Raum in der Welt, einfach indem wir sind, wie wir sind, und dazu stehen.

So können wir beherzt den Tagen des Neuen Jahres entgegen gehen. Dabei begleite uns folgender Gedanke Edith Steins:

Wie ein neues Leben

Und wenn die Nacht kommt
und der Rückblick zeigt,
dass alles Stückwerk war
und vieles ungetan geblieben ist,
was man vorhatte,
wenn so manches
tiefe Beschämung und Reue weckt:
dann alles annehmen,
wie es ist,
es in Gottes Hände legen
und Ihr überlassen.
So wird man in Ihr ruhen können,
wirklich ruhen
und den neuen Tag
wie ein neues Leben beginnen.

————————————————————————————————————————————-
*Erklärung : Polier , Berufsbezeichnung aus dem Bauwesen, leitet eine Baustelle bzw. einen Baustellenabschnitt und ist Bindeglied zwischen Mitarbeitern und Bauleitung.

Dieser Beitrag wurde unter Predigten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf Den Spalt für das Mögliche offen halten – Neujahr 2018

  1. Max Bauer sagt:

    Danke für die Predigt! Das sind schöne Gedanken und so gesprochen, dass Sie für a l l e nachvollziehbar sind. Traurig nur, dass man inzwischen auf einer solchen Seite erklären muss, was ein Polier ist. Sind die Ränder der Gesellschaft für uns Theologen vielleicht inzwischen die Nicht-Akademischen Berufe?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>