Seid wachsam – zieht die Rettungsleine! – 1. Adventssonntag B

Aus dem Evangelium nach Markus, Kapitel 13
Jesus sprach zu seinen Jüngern – und Jüngerinnen:
33 Seht euch also vor und bleibt wach! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist.
34 Es ist wie mit einem Mann, der sein Haus verließ, um auf Reisen zu gehen: Er übertrug alle Verantwortung seinen Dienern, jedem eine bestimmte Aufgabe; dem Türhüter befahl er, wachsam zu sein.
35 Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, wann der Hausherr kommt, ob am Abend oder um Mitternacht, ob beim Hahnenschrei oder erst am Morgen.
36 Er soll euch, wenn er plötzlich kommt, nicht schlafend antreffen.
37 Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Seid wachsam!

Autorin:
Rings-KleerMarita Rings-Kleer, Gemeindereferentin in der Pfarreiengemeinschaft Altenkessel-Klarenthal, Diözese Trier

 
Die Predigt:
Seid wachsam – zieht die Rettungsleine!

Liebe Leserin, lieber Leser,
vor ein paar Tagen wurde in der Zeitung daran erinnert, dass es seit einigen Jahren eine Verpflichtung zum Einbau von Rauchmeldern gibt. Offensichtlich hat es immer öfter Brandunfälle mit menschlichen Opfern gegeben, so dass sich der Gesetzgeber in der Pflicht sah, hier etwas zum Schutz der Menschen zu unternehmen. Offensichtlich waren die Menschen nicht mehr wachsam genug, so dass sie Rauch oder Feuer zu spät bemerkten und dann Schaden nahmen. Vor etlichen Jahren war auch meine Mutter in eine solche Situation geraten: im Wohnzimmer hatte durch Unachtsamkeit Holz in einer Kiste angefangen zu glimmen und zu qualmen und nur durch Zufall hatte sie es bemerkt, so dass der Schaden zwar erheblich war, es aber keine Menschen getroffen hat.

Bei dem Gedanken an den Zwischenfall bei meiner Mutter oder auch an die Rauchmelder-Pflicht fallen mir Sätze aus dem Evangelium ein, die da lauten: Seid also wachsam. Auch heute können wir sie lesen, sehr eindringlich sogar. Gleich viermal ermahnt Jesus da seine Zuhörer: Seid wachsam! Ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist.

Als Erstes stellt sich da natürlich die Frage, welche Zeit oder welcher Zeitpunkt ist denn gemeint? Etwa der meines Todes? Oder der einer wichtigen Entscheidung? Aber die Frage wird nicht beantwortet, vielleicht wird sie durch das Bild des Herrn, der von einer Reise kommt, angedeutet. Aber nicht beantwortet. Und das lässt natürlich einen großen Spielraum für das, worauf ich achten soll, für das, wofür ich wach bleiben soll.

Um den wachsamen Blick auf das Worauf und Wofür zu weiten, möchte ich ihn auf zwei Beispiele lenken: In unserer Kirchenzeitung wurde vor ein paar Wochen ein Buch vorgestellt, in dem es darum ging, dass sich die Menge der Antidepressiva, die zwischen 2000 und 2013 verschrieben wurden, verdreifacht hat. Unsere Leistungsgesellschaft bringt immer mehr Menschen an die Grenzen der Selbstausbeutung und, um nicht als schwach zu gelten oder gar zurückzubleiben, wird mit Pillen nachgeholfen. Eine Dauerüberforderung und fehlende Zeiten zur Regeneration machen Menschen immer öfter krank.

Seid wachsam!
Werden wir Menschen heute immer mehr von den Anforderungen aus Beruf, Familie und auch aus uns selbst heraus so sehr getrieben, dass wir nicht mehr merken, wenn wir zusammenbrechen?
Schalten wir ganz bewusst unsere „Rauchmelder“ aus, um in unserem Umfeld nicht als „Verlierer“ da zustehen?
Sehen wir die Anzeichen nicht, die uns in den Burn-out treiben?
Auch dazu mahnt Jesus: Seht euch den Feigenbaum an, wenn seine Zweige saftig werden und die Blätter treiben, dann ist der Sommer da.

Wir aber schauen oft genug weg, um die Zeichen eben nicht zu sehen: Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Müdigkeit und Wutausbrüche schon beim kleinsten Anlass, zu wenig oder zu viel Appetit, Alkohol- oder Drogenmissbrauch und anderes mehr. Es ist kein Zeichen von Wachsamkeit, wenn wir alles das bewusst übersehen. Und dann ist er plötzlich da, der Zusammenbruch von Seele und Körper. Doch dieses „Plötzlich“, was gar kein plötzlich ist, sondern fehlende Aufmerksamkeit, fehlende Wachsamkeit.

Das zweite Beispiel ist unsere Politik: Wir waren es gewohnt, dass alles in guten Bahnen läuft, dass die Unzufriedenheit der Menschen sich lediglich bei Wahlen in Nicht-Wählen ausdrückte. Aber die ankommenden Flüchtlinge 2015 haben die Demokratie und auch unser christliches Liebesgebot ins Schlingern gebracht. Auf einmal stellten sich viele Menschen gegen eine Politik der Hilfsbereitschaft und des Willkommens, auf einmal wollten viele Menschen die Probleme selbst und auf der Straße regeln. Die Pegida-Bewegung überrollte uns ganz „plötzlich“ und die Gegenbewegung „Bunt statt braun“ verlor sehr schnell an Kraft und überließ das Feld den Brandstiftern.

Seid wachsam!
Auch hier gab es schon lange viele Anzeichen der Unzufriedenheit, besonders in den neuen Bundesländern, und es gab auch eine große Politikverdrossenheit. Aber die Zeichen der Zeit wurden nicht aktiv wahrgenommen und dies führte dazu, dass wir jetzt wieder Menschen mit menschenverachtende Ansichten in unserem Parlament haben.

Zwei Beispiele, die zeigen, dass Wachsamkeit nicht nur auf das ganz persönliche Ende bezogen ist, sondern sich mitten im Leben und an vielen Stellen vollziehen muss. Denn viele Bedingungen bedrohen uns, unsere Gesundheit, unsere Zufriedenheit, unser Miteinander und damit unser Leben. Und damit betreffen sie wieder uns ganz persönlich. Dann ist es keine große Politik, sondern mein individueller Alltag.

Es bleibt also wichtig, die Bedingungen unseres Lebens im Kleinen wie im Großen zu sehen und vor allem: es ist wichtig, sie anzugehen. Es reicht nicht, wenn der Rauchmelder läutet, es muss auch gegen das Feuer gehandelt werden. Und dazu ermutigt uns Jesus: Seid wachsam, seht euch das an, was euer Leben bedroht und tut etwas dagegen. Nicht der Mensch ist stark, der im Strom der Anforderungen weiter mitschwimmt, sondern der, der die Zeichen erkennt und die Rettungsleine zieht.

Der Staat verordnet leider keine Feuermelder für uns Menschen, um uns vor Gefahr zu schützen. Aber wir selbst können solche „Feuermelder“ in unserem Leben installieren. Für unser alltägliches Leben könnte das heißen: Auszeiten, Ruhepausen, stille Momente oder auch entspannte Gemeinschaftserlebnisse. Die Adventszeit hat ja den Ruf, besonders stressig zu sein, umso wichtiger ist es, gerade jetzt Pausen einzubauen: Wachsamkeits-Pausen. Damit es an Weihnachten nicht brennt, sondern wir gut und entspannt vorbereitet sind.

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