„Ihr aber!“ – Kontrastgesellschaft? – 31. Sonntag im Jahreskreis A

Aus dem Evangelium nach Matthäus, Kapitel 23
Neue Einheitsübersetzung 2016
In jener Zeit
1 sprach Jesus zum Volk und zu seinen Jüngern – und Jüngerinnen –
2 und sagte: Auf dem Stuhl des Mose sitzen die Schriftgelehrten und die Pharisäer.
3 Tut und befolgt also alles, was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach ihren Taten; denn sie reden nur, tun es aber nicht.
4 Sie schnüren schwere und unerträgliche Lasten zusammen und legen sie den Menschen auf die Schultern, selber aber wollen sie keinen Finger rühren, um die Lasten zu bewegen.
5 Alles, was sie tun, tun sie, um von den Menschen gesehen zu werden: Sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Gewändern lang,
6 sie lieben den Ehrenplatz bei den Gastmählern und die Ehrensitze in den Synagogen
7 und wenn man sie auf den Marktplätzen grüßt und die Leute sie Rabbi nennen.
8 Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder – und Schwestern -.
9 Auch sollt ihr niemanden auf Erden euren Vater nennen; denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel.
10 Auch sollt ihr euch nicht Lehrer nennen lassen; denn nur einer ist euer Lehrer, Christus.
11 Der Größte von euch soll euer Diener sein.
12 Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.

Autorin:
Maria LerkeMaria Lerke, Pastoralreferentin in der Seelsorgeeinheit Winnenden – Schwaikheim – Leutenbach

 
Die Predigt:
„Ihr aber!“ – Kontrastgesellschaft?

Liebe Leserin, lieber Leser,
vielleicht geht es Ihnen auch so? Beim Lesen dieses Textes fällt es uns leicht, Leute zu finden, auf die diese Anschuldigungen ohne Probleme übertragbar sind: Nicht umsonst war der Begriff „Pharisäer“ früher ein Schimpfwort.
Sie reden nur, tun es aber nicht – kurz nach den Wahlen werden wir hier natürlich schnell fündig bei Politikerinnen und Politikern, die vorher große Versprechen machen, doch kaum ist die Wahl vorbei, scheinen sie alles vergessen zu haben.
Sie schnüren schwere Lasten, bürden sie den Menschen auf, selbst aber rühren sie keinen Finger! – Da brauchen wir nur in die Welt der Wirtschaft zu schauen.

Ob in kleinen oder großen Betrieben, immer wieder kommt ans Licht, wie die „Oberen“ sich schamlos bereichern und ohne mit der Wimper zu zucken ihre Arbeiter ausbeuten, betrügen und aus Kostengründen bei Bedarf einfach wie eine heiße Kartoffel fallen lassen. Auch die Kirchenoberen kommen nicht gut weg: Nach außen geben sie sich fromm, doch unter dem Deckmäntelchen der Frömmigkeit können sich sehr unchristliche Verhaltensweisen verstecken. Oder die Sache mit den Ehrenplätzen – eine Versuchung, die wohl sehr stark zu unserem Menschsein gehört. „Sehen und Gesehen werden“ – in vielen Bereichen kommt es doch darauf auch tatsächlich an! Oder?

Sicher fallen Ihnen noch ganz andere Beispiele ein, die dringend einmal angesprochen gehören – und der Evangelist Matthäus hält auch in den kommenden Versen mit seiner Kritik an den Pharisäern und Schriftgelehrten nicht hinterm Berg. Schon heftig! Ob das im Sinne Jesu ist? Ausgrenzung, Abspaltung, Verachtung? – eigentlich hat Jesus doch gerade dagegen leidenschaftlich gepredigt! Schauen wir auf die Hintergründe, dann können wir diesen Textabschnitt vielleicht besser verstehen.

Die Pharisäer zurzeit Jesu sahen ihre Aufgabe darin, den Menschen Gottes Gebote nahe zu bringen und zwar so, dass sie auch im Alltag gelebt werden konnten. Deshalb waren sie bemüht, zusätzliche Verhaltensregeln zu finden, die auch den einfachen Menschen das Einhalten der Gebote möglich machen sollten. Dazu sind sie umher gezogen, haben gelehrt, haben gepredigt; im Grunde genommen wollten sie das Wort Gottes und das Leben der Menschen im Alltag zusammenbringen. Warum urteilt Matthäus dann so hart über sie?

Die Menschen, für die Matthäus sein Evangelium aufschreibt, haben ihre Wurzeln selbst im Judentum. Lange Zeit haben sich die Jesus-Anhänger selbst als „jüdisch“ begriffen und sich weiterhin in den Synagogen getroffen. Sie waren überzeugt, dass Jesus seine frohe Botschaft ganz bewusst an Israel, das auserwählte Volk Gottes gerichtet hat. Doch sie blieben innerhalb der jüdischen Gemeinden eine Minderheit; mit ihrer Begeisterung für Jesus konnten die anderen nichts anfangen. Immer häufiger kam es zu Spannungen, sie stritten sich und grenzten sich gegeneinander ab, bis die Mehrheit sagte: Ihr müsst gehen! Es war eine Trennung im Zorn und wir können heute noch in dieser Textstelle heraus hören, wie da übereinander hergezogen wurde. So wie „DIE“ wollten sie auf keinen Fall sein! Es ist ja sehr menschlich und oft sicher auch nötig, sich abzugrenzen – viele Beispiele ließen sich hier anfügen, aber ich glaube nicht, dass es Matthäus darauf allein ankam. Er bleibt nicht beim Schimpfen stehen. Er sagt nicht: DIE sollen doch endlich, DIE Pharisäer, DIE Bischöfe, DIE Politiker, DIE Bosse, DIE …

Jesus sagt vielmehr: Ihr aber!

Bei uns selber soll es anders sein und zwar so, wie es als Grundregel von Anfang an in der Bibel steht: „Bei euch soll sich niemand über den anderen erheben, denn vor Gott sind alle Menschen gleich würdig und gleich viel wert!“ Und so meint er es nicht als Abwertung, wenn er sagt, dass niemand einem anderen Menschen Lehrer, Meister, oder Vater im absoluten Sinne sein soll, im Gegenteil: Gott schätzt jeden Menschen so hoch, dass er ihm selbst Lehrer, Meister, Vater und Mutter sein will.

Klar brauchen wir Menschen, die Leitung wahrnehmen, wir würden sonst im Chaos versinken. Matthäus will damit sicher keine Verwaltungsstrukturen abschaffen. Ihm geht es aber um Machtverhältnisse. Wenn Herrschende ihre Macht dazu verwenden, dass Untergebene unterdrückt und ausgebeutet werden, dann ist das gegen den Willen Gottes. Jesu „Machttaten“ waren Heilungen und Wunder, die zuallererst dem Wohl der Menschen dienten.

Die Kirche soll eine Kontrastgesellschaft sein damals wie heute, denn – wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt. Auch hierzu finden wir genügend Beispiele. Die Versuchung, sich zum Herrn und Meister über die Schöpfung zu erheben hat auch oft viel Schaden angerichtet. Ganz zu schweigen von dem, was der Mensch mit sich selbst anstellt, wenn er sich zum Herrn über Leben und Tod macht.

Der Anspruch Jesu, dass wir nur Gott als Meister, Lehrer, Vater und Mutter akzeptieren, geht auch weit über das Hierarchiethema unserer Kirche hinaus. Eindeutig ruft uns Jesus dazu auf, dass wir uns geschwisterlich überall dort einsetzen, wo Menschenwürde mit Füßen getreten wird. Der Wille Gottes, das Gesetz des Mose steht seit alters her auf der Seite der Unterdrückten, der Ausgebeuteten und der Gefangenen. Jesus hat auf einzigartige Weise gezeigt, dass Gott ganz eng an der Seite vor allem derjenigen Menschen steht, die unter Ungerechtigkeit und Unfrieden leiden. Nicht einmal die Pharisäer werden von Jesus ausgegrenzt. Auch wenn sie es selbst nicht schaffen, nach Gottes Geboten zu leben, sind sie doch Botschafter des Wortes Gottes und darauf sollen die Menschen hören. Denn allein darauf kommt es an. Welch großes Vertrauen Jesus in die Wirkkraft des Wortes Gottes hat, wird ja an anderen Stellen des Evangeliums immer wieder deutlich. Ist die frohe Botschaft vom Reich Gottes einmal ausgesät, so wird es wachsen und reiche Frucht bringen.

Auf Jesus hören, von ihm lernen, ihn unseren Meister, unseren Lehrer nennen, das will uns Mut machen zu einem geschwisterlichen und dienenden Umgang. Er will uns entlasten, keine und keiner muss sich zum Herrscher über die anderen aufschwingen, denn wir alle verdanken unser Leben Gott, jeden Morgen neu! Deshalb brauchen wir auch nicht besser da zu stehen als die anderen, wir können uns die ganzen Konkurrenzkämpfe sparen und einander helfen, die Lasten zu tragen, die uns doch auch so schon zugemutet werden.

Ihr aber – bei euch kann es anders sein! Zuspruch und Anspruch. Mit Gottes Hilfe dürfen wir auch heute wieder neu damit anfangen. AMEN

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Eine Antwort auf „Ihr aber!“ – Kontrastgesellschaft? – 31. Sonntag im Jahreskreis A

  1. Hellrung, Benedikta sagt:

    Ja ! Wir können uns die Konkurrenzkämpfe sparen und uns lieber gegenseitig helfen, die Lasten zu tragen. Wir sind ja gemeinsam auf dem Weg zum Reich Gottes, das uns hoffentlich bald entgegenkommt.

    Danke für diese Predigt !

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