Den eigenen Glaubensweg konsequent leben – zwei Frauen im Dialog / Reformationsfest und Allerheiligen

Aus dem Evangelium nach Matthäus, Kapitel 5
In jener Zeit,
1 als Jesus die vielen Menschen sah, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich, und seine Jünger – und Jüngerinnen – traten zu ihm.
2 Dann begann er zu reden und lehrte sie.
3 Er sagte: Selig, die arm sind vor Gott; /
denn ihnen gehört das Himmelreich.
4 Selig die Trauernden; /
denn sie werden getröstet werden.
5 Selig, die keine Gewalt anwenden; /
denn sie werden das Land erben.
6 Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; /
denn sie werden satt werden.
7 Selig die Barmherzigen; /
denn sie werden Erbarmen finden.
8 Selig, die ein reines Herz haben; /
denn sie werden Gott schauen.
9 Selig, die Frieden stiften; /
denn sie werden Söhne – und Töchter – Gottes genannt werden.
10 Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; /
denn ihnen gehört das Himmelreich.
11 Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet.
12a) Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein.

Autorinnen:
Dr. Inge KirsnerDr. Inge Kirsner, Pfarrerin, Evangelische Hochschulseelsorge Ludwigsburg

Elisabeth Dörrer-BernhardtElisabeth Dörrer-Bernhardt, Pastoralreferentin im Haus der Katholischen Kirche Ludwigsburg

 
Die Predigt:
Den eigenen Glaubensweg konsequent leben – zwei Frauen im Dialog

Selig, die arm sind vor Gott, die keine Gewalt anwenden, die hungern nach Gerechtigkeit, die Barmherzigen, die Frieden stiften…Euer Lohn im Himmel wird groß sein. So steht es im heutigen Evangeliumstext.

Liebe Leserin, lieber Leser,
gestern habe ich im Reformationsgottesdienst in der evangelischen Katharinenkirche in Ludwigsburg zusammen mit meiner Kollegin, Pfarrerin Kirsner, einen Gottesdienst zu den beiden berühmten Katharinas feiern dürfen. Katharina von Bora und Katharina von Siena, Luthers Frau und rund 200 Jahre zuvor, die im 20.Jahrhundert zur Kirchenlehrerin und Patronin Europas erhobene Hl. Katharina. Die Idee zu diesem Thema kam mir als ich genau vor einem Jahr beim ökumenischen Pilgerweg zwischen Kornwestheim und Ludwigsburg pilgerte und die beiden Martins im Blickpunkt standen: Martin Luther und Martin von Tour. Damals nahm ich mir schon vor, dass am Ende des Reformationsjahres die Frauen gehört werden dürfen. Und warum nicht an Allerheiligen? Die eine ist heiliggesprochen, die andere wäre es, gäbe es diese Tradition in der evangelischen Kirche. Heilige sind uns Vorbilder im Glauben. Die beiden Katharinas geben uns dazu bis heute Nachdenkenswertes mit auf den Weg: nämlich den eigenen Glaubensweg zu finden und ihn konsequent zu leben, auch wenn er aus gewohnten Bahnen führt und uns zu ungeahnten Möglichkeiten herausfordert.
Frau Dr. Kirsner spricht über Katharina von Siena, ich spreche über Katharina von Bora. (Elisabeth Dörrer-Bernhardt)

Hier also Auszüge aus unserer ökumenischen Dialogpredigt:

Katharina von Siena:
Katharina wurde in Siena im Jahr 1347 als Caterina Benincasa geboren, das 24. Kind einer Färberfamilie. Trotz der großen Kinderzahl wurde speziell sie, das Nesthäkchen, sehr geliebt. Doch trotzdem es ihr an elterlicher Fürsorge nicht mangelte, bekam sie schon als Kind die Ahnung einer anderen Art von Liebe. Im Alter von 7 Jahren hatte sie eine Erscheinung: Sie schaute in den Himmel Richtung Basilika und sah über ihr ein großes Zelt schweben. Es war weit aufgeschlagen und innen prächtig ausgestattet. Auf dem Thron saß Christus, er schaute sie an, lächelte und grüßte sie. Es erschien ihr als das größte Glück, das sie je erlebt hatte, so erzählt sie es später. Sie beschloss, mit Christus immer zusammen bleiben zu wollen.

Diesen kindlichen Traum lebte sie dann auch und wollte ins Kloster zum großen Verdruss ihrer Mutter, die sie gerne verheiratet hätte. Doch als sie ins heiratsfähige Alter kam, schnitt sich Katharina die Haare ab und trug ein Tuch, um klarzustellen, dass sie Nonne werden würde, aber es hat noch mehrere Jahre gedauert, bis die Mutter dies akzeptierte. Davor wurde ihr das Zimmer abgenommen, damit sie sich nicht mehr einschließen und mit ihrem Gott sprechen könnte… Doch da entdeckte sie, dass es einen eigenen inneren Raum gibt, in den sie sich jederzeit zurückziehen konnte, egal, wo sie war und was sie gerade tat.

Katharina von Bora:
Auch Katharina von Bora war zunächst im Kloster. 1499 wurde sie in Lippendorf in Sachsen geboren. Sie stammte aus einer verarmten Adelsfamilie. Schon mit 6 Jahren kam sie nach dem Tod der Mutter in die Klosterschule. Mit 9 Jahren war sie bereits im Zisterzienserkloster Marienthron im Nimbschen und mit 16 Jahren legte sie ihre Gelübde ab.

Das 15./16. Jh. war eine Zeit voller Umbrüche: Kolumbus hatte Amerika entdeckt, der Buchdruck ermöglichte vielen Bildung. Dennoch war es noch üblich, dass eine Frau für die Kinder zuständig war oder im Kloster lebte. Da war es nicht unüblich, dass die Mädchen ungefragt ins Kloster gegeben wurden. So wurde die Mitgift gespart und das Seelenheil der Familie war schon gerettet. Außerdem bekamen die Klosterschwestern eine gute Ausbildung, die sie zu Hause nicht bekamen. Sie lernten lesen und schreiben, etwas Latein und Rechnen, ein Privileg in damaliger Zeit. Und die praktischen Dinge, wie Gartenarbeit und das Wissen über Heilkräuter waren nutzvolle Dinge für das damalige Leben.

Klostererfahrung und Zugang zu Bildung haben also beide Katharinas gehabt. Die Liebe zu Gott und die Suche nach einem gottgefälligen Leben hat beide Frauen geprägt.

Katharina von Siena
Katharina von Siena lebte in der Klostergemeinschaft der Mantelatinnen, die wegen ihres schwarzen Mantels so genannt wurden. Es war ein Laienorden der Dominikanerinnen; das heißt, die Frauen wohnten zurückgezogen in ihren eigenen Häusern. So viele alternative Möglichkeiten gab es als Frau tatsächlich nicht – die Wahl war die zwischen Heirat und Kloster. Aber das Leben im Kloster bot Katharina doch einige Freiräume, sie konnte reisen, war viel unterwegs in Europa, vermittelte zwischen weltlichen und geistlichen Herrschern. Dafür hat man sie später zur Patronin von Europa erklärt, und sie wurde auch zur Kirchenlehrerin erhoben. Aber bis dahin war es erstmal ein langer Weg.

Katharina von Bora
Katharina von Bora hat hier einen anderen Weg eingeschlagen. Sie blieb in ihrer Gottes-Suche nicht im Kloster. Das war ein schwerer Entschluss. Sie war ja eine Braut Christi, hatte die Profess abgelegt. Doch die ersten Schriften Luthers fanden auch ihren Weg in die Klöster. Oft heimlich, im Verborgenen, gingen sie unter den jungen Schwestern von Hand zu Hand. Da lasen sie von Gottes Gnade, davon, dass sie sich nicht selbst kasteien und bestrafen müssten, um Gottes Gnade zu erlangen, sondern dass sie frei geschenkt werde. Davon, dass jeder frei ist und sein Leben selbst zu gestalten könne. Und dann gab es die biblischen Schriften in Deutsch zu lesen, das war einfach umwerfend für die junge Nonne Katharina.

In den Abhandlungen Martin Luthers las sie: „Den Himmel kann man sich nicht kaufen. Für kein Geld der Welt. Darum sind die Ablassbriefe vom Teufel. Weil sie uns auf einen falschen Weg leiten.“ Das war für sie so revolutionär und einleuchtend, gleichzeitig so befreiend, dass sie sich zum Verlassen des Klosters entschied. Ostern 1523 sind dann zwölf der Schwestern, in Fässern versteckt, geflohen. Und nach Wittenberg gekommen.

Unversorgte Frauen im 16. Jahrhundert, das ging nicht. Deshalb mussten die entlaufenen Nonnen schnell verheiratet werden. Die erste Liebe von Katharina war ein Student von Luther, Hieronymus Baumgärtner, ein Patriziersohn aus Nürnberg. Doch seine Eltern waren gegen die Verbindung, eine entlaufene Nonne hatte keinen guten Ruf. Dann schlug Luther den Pfarrherrn Glatz vor, ein wie Katharina sagte „pferdegebissiger Mann, zu dem sie weder Lust noch Neigung verspüre“. Sie hat ihn kurzerhand abgelehnt. „Welcher Teufel will sie denn haben“, so hat Luther damals gelästert. Daraufhin hat Katharina ihm vorgeschlagen, er solle sie doch heiraten. Nach einigen Monaten war Luther überzeugt, dass das ginge und der Reformationssache nicht schade. Gesagt hat er, „er erbarme sich der übriggebliebenen Nonne“. Was für einen Gewinn er an Katharina hatte, wurde ihm aber schnell bewusst.

Katharina von Siena
Da Katharina sich ganz Christus hingeben wollte, schloss sie sich zunächst zum Gebet über Monate in ihr Zimmer ein und aß kaum noch. Aber dann gebot ihr Christus selbst, in einer weiteren Vision, ihr Zimmer zu verlassen und zu den Menschen zu gehen. Er sagt zu ihr: „Du sollst nicht nur dir selber nützlich sein, nein, auch den anderen, und dafür gebe ich dir meine Gnade. Ich will dich doch nicht von mir wegschicken; im Gegenteil, die Liebe für die Menschen wird dich noch fester an mich binden.“ Dennoch, entgegnete Katharina: „Herr, ich bin eine Frau, mein Geschlecht steht allem derartigem vielfach im Wege, du weißt ja, wie geringschätzig die Männer von Frauen denken, wie sehr es gegen die Schranken des Anstandes verstößt, wenn Frauen mit Männern von gleich zu gleich verkehren wollen.“ Der Herr entgegnete Katharina: „In dieser Zeit hat der Dünkel jedes Maß gesprengt, hauptsächlich bei denen, die sich gebildet und weise vorkommen,… so will ich heute Frauen schicken, die von Natur aus unwissend und gebrechlich sind, doch werde ich sie mit göttlicher Weisheit ausstatten, so dass sie den Hochfahrenden eine beschämende Lehre erteilen werden…“

Weil eine Frau angeblich zu „zart und gebrechlich“ ist, um Männersachen zu machen, ist es also umso wirkungsvoller, wenn sie´s dennoch tut…

Katharina von Bora
Zart und gebrechlich konnte Katharina von Bora überhaupt nicht sein. Da unterscheiden sich die beiden. Katharina von Bora war eine äußerst praktisch veranlagte Frau, die zupacken konnte und innerhalb kürzester Zeit aus dem verfallenen schwarzen Kloster, in das sie nach der Heirat mit Luther zog, ein gut florierendes Gehöft machte. Sie ließ die Ställe wiederaufrichten, legte im Garten neue Beete an und brachte ihr Heilkräuterwissen ein. Außer den eigenen 6 Kindern, nahm sie weitere 6 verwaiste Kinder aus der Verwandtschaft auf und versorgte mit Hilfe von Mägden bis zu 50 Studenten täglich gegen Entgelt mit Essen. Sie war es, die mit Händlern, Handwerkern und Gesinde verhandelte. Die Geschäfte des Hofes waren ausschließlich ihr Part. Damit ihr Gemahl Martin studieren und disputieren konnte hielt sie ihm den Rücken frei.

Doch Katharina von Bora wurde von Luther auch „Herr Käthe“ genannt oder gar Doktorin und Gelehrte. Denn sie nahm Einfluss auf theologische Entscheidungen ihrer Zeit. Im Austausch mit Martin war sie auch bei theologischen Disputen gefragt, beim Abendmahlsstreit mit Zwingli, oder bei den Augsburger Religionsgesprächen. Er nannte sie dann wieder mal „Herr Katharina Lutherin, Doktorin, Predigerin zu Wittenberg“. „Das Beste, was Gott schenken konnte“, das hat Luther bald gesagt!

Beide Katharinas waren also äußerst aktiv und haben ihre Bildung nutzen können.

Katharina von Siena
Katharina von Siena erlebte die Gemeinschaft mit Jesus auch ganz körperlich, er hatte ihr nämlich nicht nur seine Wundmale übertragen, sondern ihr in einer Vision auch sein Herz eingepflanzt… Ihr Glaube machte sie furchtlos. Sie hatte vor niemandem Angst und sagte frei ihre Meinung. Die Leute vertrauten ihr. Sie hatten das Gefühl, dass es ihr immer um Liebe ging, nicht um Macht. Und Katharina konnte gut den Streit zwischen Menschen schlichten. Deswegen haben sie zunehmend auch Herrscher angefragt. Sogar vor Päpste wurde sie gerufen und bewegte den damals im Exil in Avignon befindlichen Papst, nach Rom zurückzukehren.

Katharina von Bora
Den Papst hat Käthe Luther nie gesehen, das war auch viel zu gefährlich, da war zu schnell das Handtuch zwischen den Lutheranern und der Papstkirche zerschnitten. Etwas, was Luther eigentlich nicht wollte, was aber nicht zu verhindern war.

Aber beiden Katharinas ging es immer wieder um den Halt in Gott. Katharina von Siena in ihrer mystischen Schau und inneren Raum und Katharina von Bora mehr nach außen gerichtet. Ihr ging es darum, den Glauben nicht mehr nur für sich zu leben, sondern als Familienfrau den Glauben den Kindern weiterzugeben. Wenn Luther auf Reisen war, war sie es, die die Kinder und das Gesinde unterrichtete, mit ihnen sang und betete.

Katharina von Siena
Luther hat sich schon bald abgesetzt von manchen ihm zu radikal Glaubenden, die er „Schwärmer“ nannte… Er hätte sicherlich auch mit Katharina von Siena und ihren Visionen Probleme gehabt und sie zur „Schwärmerin“ erklärt. Tatsächlich haben viele Mystikerinnen und Mystiker des Mittelalters solche Visionen gehabt und es kommt darin letztlich nichts anderes zum Ausdruck als das, was in der Bibel, im Galaterbrief Kapitel 2,20 steht: Nicht ich lebe, sondern Christus lebt in mir.

Katharina von Bora
Käthe Luther würde eher sagen, ich lebe und Christus lebt in mir. Wenn Katharina eines im Leben gelernt hat, dann ist es das, dass Christus keine Einbahnstraßen will. Es gibt nicht den besten Lebensentwurf, es gibt viele und alle mit Christus. Im Galaterbrief steht: Vor Gott sind alle gleich.

Es hat Zeit gebraucht, bis sie ihre Rolle neben Luther gefunden hat: als Beraterin und Hauswirtschafterin, als Mutter und Chefin und Verhandlungspartnerin über Haus und Hof. Katharina hat Generationen von Pfarrfrauen geprägt, die ihr Muttersein verbanden mit einem offenen Haus, die Gastfreundschaft lebten und Ihren Männern im Pfarrberuf den Rücken freihielten.

Und heute gibt es seit einigen Jahrzehnten auch Pfarrerinnen in der evangelischen Kirche. So hat Katharina manchen Anstoß gegeben, sei es, sie als Pfarrfrau nachzuahmen, sei es, sich abzugrenzen und die eigene Frauenrolle weiter zu entwickeln. Wichtig ist doch, dass jede Frau ihrer Berufung folgt, ihren eigenen Weg geht.

Und entscheidend ist, dass ich Gott mein Herz öffne, egal in welchem Beruf oder Stand ich lebe, und da sind sich die beiden Katharinas wieder ähnlich.
Amen

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Eine Antwort auf Den eigenen Glaubensweg konsequent leben – zwei Frauen im Dialog / Reformationsfest und Allerheiligen

  1. Hellrung, Benedikta sagt:

    Diese Dialogpredigt ist Klasse ! Richtig spannend auch beim Lesen ! Und so wohltuend in der liebevollen Betrachtung beider Katharinas ! Ich danke herzlich.

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