Die drei Dimensionen der Liebe – 30. Sonntag im Jahreskreis A

Aus dem Evangelium nach Matthäus, Kapitel 22
Übersetzung: Neue Lutherbibel 2017
34 Als aber die Pharisäer hörten, dass er den Sadduzäern das Maul gestopft hatte, versammelten sie sich.
35 Und einer von ihnen, ein Lehrer des Gesetzes, versuchte ihn und fragte:
36 Meister, welches ist das höchste Gebot im Gesetz?
37 Jesus aber sprach zu ihm: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt“ (5. Mose 6,5).
38 Dies ist das höchste und erste Gebot. 
39 Das andere aber ist dem gleich: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (3. Mose 19,18).
40 In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.

Klee
Autorin:
Sigrid Haas, Diplom-Theologin, Mannheim

 
Die Predigt:
Die drei Dimensionen der Liebe

Liebe Leserin, lieber Leser,

Das dreiteilige Gebot der Liebe

Das Liebesgebot wird als Doppelgebot bezeichnet. Doch schauen Sie einmal genau hin: Liebe die anderen WIE dich selbst. Es gibt also eine dritte Dimension. Dieses „wie“ gibt den Maßstab vor: Selbstliebe – sie ist folglich unabdingbare Voraussetzung. Leider wird Selbstliebe oft als rücksichtslose Selbstverwirklichung propagiert oder vor allem in der Kirche als Egoismus verdammt. Beides widerspricht der Ursprungsintention. So sind die meisten Menschen gefangen – entweder in Selbstverachtung, die sie frustriert und krank macht, weil sie ihre Bedürfnisse, Gefühle, Wünsche und Sehnsüchte unterdrücken, oder sie kreisen nur um sich selbst und beuten andere skrupellos aus.

Mangelnde Selbstliebe – mangelnde Nächstenliebe

Können Sie sich im Spiegel in die Augen sehen und freudig lächelnd und überzeugend zu sich selbst sagen: „Ich liebe mich!“ oder fühlen Sie sich nur wohl mit gesenkten Augen und Sätzen wie „Ich bin nicht wichtig – Ich bin nicht gut genug – Ich bin nicht würdig“?

Gott hat jede und jeden von uns als einzigartiges, gutes Geschöpf aus Liebe erschaffen, deshalb dürfen wir uns selbst auch lieben, mit all unseren Schwächen. Es ist sogar unsere heilige Pflicht, uns selbst liebevoll zu behandeln, unseren Körper gesund zu halten, uns Fehler zu verzeihen, unser ganzes Potential zu entfalten und all die Geschenke Gottes dankbar anzunehmen und zu genießen – so zu leben, dass es uns gut geht und wir glücklich sind.

Geben wir uns selbst nicht, was wir brauchen, erwarten wir z.B. Anerkennung von anderen – verweigern sie diese, bleiben wir unbefriedigt. Mangelnde Selbstliebe führt ebenfalls zu mangelnder Nächstenliebe, tarnt sich aber oft, z.B. als Verurteilung derer, die gut für sich selbst sorgen und weniger arbeiten, oder als Hartherzigkeit gegenüber Fehlern und Schwächen anderer, die wir uns selbst nicht verzeihen und nicht zugeben.

Ein aufmerksames Herz für uns selbst

Sorgen wir nicht zuerst gut für uns selbst, wo sollen wir dann die Kraft hernehmen, für andere da zu sein? Schon Bernhard von Clairvaux mahnte: „Lerne, nur aus der Fülle auszugießen und habe nicht den Wunsch, freigiebiger zu sein als Gott. Die gütige und kluge Liebe ist gewohnt überzuströmen, nicht auszuströmen. Wenn du mit dir selber schlecht umgehst, wem bist du dann gut? Wie kannst du voll und echt Mensch sein, wenn du dich selbst verloren hast? Damit deine Menschlichkeit allumfassend und vollkommen sein kann, musst du auch für dich selbst ein aufmerksames Herz haben. Was würde es dir sonst nützen, wenn du alle gewinnen, aber als einzigen dich selbst verlieren würdest? Wie lange noch schenkst du allen anderen deine Aufmerksamkeit, nur nicht dir selber? Du fühlst dich allen verpflichtet und verkennst einzig dir selbst gegenüber deine Verpflichtung? Alle schöpfen aus deinem Herzen wie aus einem Brunnen, und du selbst stehst durstig abseits?“

Natürliche Selbstliebe

Kinder leben noch in der natürlichen Selbstliebe. Eine Mutter erzählte, dass ihr dreijähriger Sohn als Weihnachtsgeschenke Herzen kaufte, aber nicht nur für jedes Familienmitglied, sondern auch eines für sich selbst, weil er intuitiv wusste, dass es genauso wichtig ist, nicht nur andere, sondern auch sich selbst zu beschenken.

Auch wenn wir das Leben Jesu betrachten, sehen wir gelebte Selbstliebe und authentisches Menschsein: Er machte kein Multitasking, hetzte nicht von Ort zu Ort, um möglichst viele zu retten, sondern delegierte Aufgaben, erlaubte sich Schlaf und Stillezeiten, er ignorierte unbarmherzige Gesetze, zeigte Angst, Trauer und Tränen, feierte Feste, lebte in Gemeinschaft mit seinen Jüngerinnen und Jüngern, ließ Nähe und Zärtlichkeit zu. Er zeigte seine wahren Gefühle und erfüllte sich seine Bedürfnisse, Wünsche und Sehnsüchte. Denn wie könnte ein erschöpfter, trauriger, einsamer, innerlich zerrissener Hirte ein Vorbild sein und die Schafe sicher führen?

Immerwährender Kreislauf der Liebe

Gottes- und Selbstliebe oder Nächsten- und Selbstliebe sind keine Gegensätze. Es gibt keine Hierarchie, nur in der Einheit seiner drei Dimensionen ist das Liebesgebot vollkommen, denn alles ist eins und alle sind eins. Damit diese Verbundenheit jedoch lebendig bleiben kann, bedarf es eines ständigen Austausches zwischen den Ebenen. Sind also alle drei Ebenen der Liebe gleichberechtigt, nähren sie einander ununterbrochen in einem unendlichen Kreislauf. So entsteht ein immerwährender Fluss der Liebe, denn Gottesliebe, Selbstliebe und Nächstenliebe schwingen im perfekten Gleichgewicht. Dann artet Selbstliebe auch nicht in Egoismus, Nächstenliebe nicht in Selbstzerstörung und Gottesliebe nicht in Fanatismus oder Weltfremdheit aus.

Ein schönes Symbol für diesen gleichberechtigten, nährenden Energiekreis ist das dreiblättrige Kleeblatt. Die drei herzförmigen Blätter entspringen der Mitte, die sie zusammenhält, auf die sie ausgerichtet sind und die sie miteinander verbindet.

Das Gleichgewicht halten

Wenn wir uns als einzigartige, göttliche Geschöpfe und verbunden mit allen Menschen sehen, fühlen wir intuitiv, welche Dimension momentan mehr Nahrung braucht, um das Gleichgewicht zu halten, und tun dann das Notwendige. Waren wir viel für andere da, suchen wir die Stille für das Zwiegespräch mit Gott und gönnen uns Erholung, um wieder zu uns selbst zu finden. Haben wir uns in Gott versenkt, suchen wir Gott auch in unserem Inneren und tragen dann die Liebe in die Welt. Leben wir in diesem Bewusstsein, sind Gottesliebe, Nächstenliebe und Selbstliebe eins und wir authentische, glückliche Menschen. Denn nur glückliche Menschen können eine glückliche Welt erschaffen!
Amen.

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Eine Antwort auf Die drei Dimensionen der Liebe – 30. Sonntag im Jahreskreis A

  1. Hellrung, Benedikta sagt:

    „Lerne, nur aus der Fülle auszugießen und habe nicht den Wunsch, freigebiger zu sein als Gott. “ Dieses mir unbekannte Zitat von Bernhard von Clairvaux bringt mir eine ungeheure Entlastung. Danke für den ganzen Text !

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