Wie merkt man, ob jemand an Gott glaubt oder nicht? – 25. Sonntag im Jahreskreis C

Zweite Lesung aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an Timotheus, Kapitel 2
1 Vor allem fordere ich zu Bitten und Gebeten, zu Fürbitte und Danksagung auf, und zwar für alle Menschen,
2 für die Herrscher und für alle, die Macht ausüben, damit wir in aller Frömmigkeit und Rechtschaffenheit ungestört und ruhig leben können.
3 Das ist recht und wohlgefällig vor Gott, unserem Retter;
4 er will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen.
5 Denn: Einer ist Gott, /
Einer auch Mittler zwischen Gott und Menschen: /
der Mensch Christus Jesus,
6 der sich als Lösegeld hingegeben hat für alle, /
ein Zeugnis zur vorherbestimmten Zeit,
7 als dessen Verkünder und Apostel ich eingesetzt wurde – ich sage die Wahrheit und lüge nicht -, als Lehrer der Heiden im Glauben und in der Wahrheit.

Autorin:
Silke WeihingSilke Weihing, Pastoralreferentin in der Seelsorgeeinheit Schwäbisch Gmünd, verheiratet, zwei Kinder

 
Die Predigt:
Wie merkt man, ob jemand an Gott glaubt oder nicht?

Gottesdienst am 22.09.19 in der Frauenvollzugsanstalt Gotteszell – Schwäbisch Gmünd

Liebe Leserin, lieber Leser,
genügt es, einen Taufschein oder sonst eine Art Mitgliedsausweis einer Religion oder Glaubensgemeinschaft im Geldbeutel oder im Schrank liegen zu haben? Glaube ich dann an Gott, wenn ich mehr oder weniger regelmäßig an den Treffen der Gemeinschaft teilnehme, zu der ich gehöre, also wenn ich z.B. regelmäßig in die Kirche, in die Moschee, in die Synagoge, in den Tempel oder so gehen?
Oder kann ich so eine – ich nenne es mal – äußere Pflicht auch ableisten, obwohl ich eigentlich gar nicht daran glaube und das gar nicht teile, was die Menschen dort gemeinsam feiern? Ich kann ja z.B. die gemeinsamen Rituale mitvollziehen oder die gemeinsamen Gebete mitsprechen, ohne da wirklich einen inneren Bezug dazu zu haben.

Wie also merkt man, ob jemand an Gott glaubt oder nicht?
Genügt es, grundsätzlich zu bekennen, dass es wohl schon eine höhere Macht, ein größeres Wesen, eine unfassbare Energie gibt? Dass z.B. auch die Welt, wie sie ist und funktioniert, nicht einfach nur ein Produkt von zufälligen Ereignissen ist, sondern schon irgendwie geplant, gesteuert? Ist das Staunen über die Welt und darüber, wie sie funktioniert schon Ausdruck von Glauben?
Ich denke, in einem weit gefassten Glaubensverständnis durchaus. Wenn ich erkenne, dass es eben doch mehr gibt als das, was wir sehen, riechen und anfassen können.

Die Frage, ob das WIRKLICH schon reicht, um mit Überzeugung sagen zu können: „Ich bin ein gläubiger Mensch.“, hat mich tatsächlich in den letzten Tagen beschäftigt. Trifft diese Aussage nicht erst dann wirklich zu, wenn dieser Glaube in irgendeiner Form einen Bezug zu meinem Leben hat, wenn es da so etwas gibt wie eine Beziehung, wenn dieses Wesen, an das zu glauben ich behaupte, nicht irgendwo weit weg von mir schwebt und eigentlich mit mir gar nichts zu tun hat, sondern wenn das in irgendeiner Form in mein Leben hineinspielt und es auch Auswirkungen hat auf mein Leben?

Ich maße mir nicht an, darüber zu urteilen, was und wie Menschen glauben. Aber für mich habe ich doch gemerkt, dass Glaube nur dann wirklich eine Bedeutung hat, wenn dieser Gott auch eine Beziehung zu mir hat – oder noch genauer gesagt, wenn ich eine Beziehung zu diesem Gott habe. Denn meinem Verständnis nach ist dieser Gott da – immer. Und er wartet und er ist immer bereit mit uns eine Beziehung einzugehen. Nur ist es an uns, den Kontakt aufzunehmen, diese Beziehung zu suchen und zu pflegen. Und eine Form, wie das gehen kann, ist das Gebet. Ich denke, egal in welche Religion oder Glaubensgemeinschaft wir schauen, so etwas wie Gebet oder Meditation finden wir überall. Eine Möglichkeit, mit dem Wesen, das mir wichtig ist, in Kontakt zu treten und dabei auch zuzulassen, dass ich mich durch das Gebet verändere.

Dass das Beten das Herzstück einer Beziehung zu Gott und damit auch einer christlichen Gemeinschaft ist, ist keine neue Erfindung von mir. Das denken auch andere. Als Beispiel lese ich dazu unsere heutige Schriftlesung, in der auch der Apostel Paulus das so benennt.
Lesung 1 Tim 2, 1-8
Paulus fordert die Menschen auf zu beten, immerzu. In ganz verschiedenen Formen – Gebet kann vielfältig sein: Es gibt den Dank – wenn ich froh und dankbar über Dinge, Begegnungen, Erlebnisse bin, kann ich das Gott sagen. Ich kann ihn auch bitten, mir beizustehen, wenn etwas gerade nicht gut läuft oder ich Hilfe brauche. Und in einer Für-Bitte kann ich ihm auch andere Menschen und deren Anliegen sagen. Wir können Gott auch loben und ihm sagen, wie toll wir ihn und das finden, was er in dieser Welt tut.

Oder wir schmettern ihm unsere Klagen entgegen. Lange galt es eher als verpönt, Gott anzuklagen, aber – zwar nicht in dieser Stelle, aber sonst – gibt es in der Bibel viele Beispiele dafür, dass es okay ist, Gott auch seinen Ärger, seine Ohnmacht, seine Wut zu sagen und vor allem auch dem Gefühl Ausdruck zu geben, wenn wir meinen, er ist eben nicht da und hilft nicht.

Alles, was uns in unserem Leben begegnet und geschieht, alles was wir tun und lassen, alles was wir versäumt haben und uns leid tut, können wir im Gebet mit Gott besprechen und ihm bringen.

Und wenn ich durch das Gebet – in welcher der genannten Formen auch immer – in eine Beziehung mit Gott gehe, dann lasse ich es auch zu, dass mich das verändert. Dass sich mein Blick auf die Welt und die Menschen verändert. Denn durch das Beten kann ich lernen, die Welt und die Menschen aus den Augen Gottes zu sehen.

Wenn ich es wirklich ernst meine, was ich bete, dann kann ich lernen – jetzt dann mal doch sehr aus der christlichen Perspektive gesprochen – mich auf Gottes Liebesangebot einzulassen. Gott ist unser Retter, so hat es Paulus geschrieben – und er will alle Menschen retten.

Gottes Liebe und sein Angebot, mit mir durchs Leben zu gehen, das gilt mir – aber auch allen anderen Menschen dieser Erde. Und wenn ich mich wirklich darauf mal ganz eingelassen habe und das mal spüren und erleben durfte, dann möchte ich auch, das andere das auch erleben dürfen.

Das heißt aber nicht, dass wir zu zahmen Lämmern werden, die zu allem Ja und Amen sagen – das Gebet macht uns nicht zu braven, harmlosen Wattebuschen, die immer ganz darauf bedacht sind, dass alles immer ganz harmonisch abläuft. Diesen Eindruck könnte man durch die Bitte des Paulus gewinnen, dass wir auch für die Machthaber und Herrscher beten sollen, damit wir ruhig leben können. Ich vermute, dass dieser Gedanke daher kommt, dass die Christen in dieser Zeit auch ersten Verfolgungen ausgesetzt waren und sie eben nicht in Ruhe ihren Glauben leben konnten. Das bedeutet aber nicht, dass wir alles gut und richtig finden müssen, was die Herrscher tun – ich kann ja auch darum beten, dass – aus unserer heutigen Sicht gesprochen – die Herrschenden endlich wirklich mal nach ernsthaften Lösungen für die drohende Klimakatastrophe suchen und nicht immer nur daran denken, dass sie schon bald wieder gewählt werden wollen. Oder dass ein König wirklich sich für echten Frieden einsetzt oder… es gäbe wohl viele Beispiele, wie Menschen, die an Gott glauben, sich im Gebet an ihn wenden können. Und dass – wenn sie daran glauben, dass das etwas bewirken kann – dass sie damit dann auch aktive Mitgestalter dieser Welt und Gesellschaft werden können.

Mich im Gebet auf Gott und seine Liebe und – wie Paulus es schreibt – seine Wahrheit einlassen,
die Welt und die Menschen aus dieser Perspektive betrachten und in mein Gebet einschließen und
wirklich daran glauben, dass Beten etwas bewirken kann
das sind für mich Ansatzpunkte auf die Frage, wie man das merkt, ob jemand an Gott glaubt oder nicht. AMEN

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