Müttergeschichten – 20. Sonntag im Jahreskreis A

Aus dem Evangelium nach Matthäus, Kapitel 15
In jener Zeit
21 zog sich Jesus in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurück.
22 Da kam eine kanaanäische Frau aus jener Gegend zu ihm und rief: Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält.
23 Jesus aber gab ihr keine Antwort. Da traten seine Jünger – und Jüngerinnen – zu ihm und baten: Befrei sie von ihrer Sorge, denn sie schreit hinter uns her.
24 Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.
25 Doch die Frau kam, fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir!
26 Er erwiderte: Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen.
27 Da entgegnete sie: Ja, du hast recht, Herr! Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen.
28 Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.

Autorin:
C-Bettin-komprimiert-200x300Christina Bettin, Gemeindereferentin in der Gemeinschaft der Gemeinden Mönchengladbach – Süd im Bistum Aachen

 
Die Predigt:
Müttergeschichten

Liebe Leserin, lieber Leser,
als kleines Kind habe ich immer geglaubt: „Meine Mutter kann alles!“ – Immer wusste sie für sämtliche Lebenslagen den passenden Rat, sie hatte stets ein offenes Ohr für meine Nöte und regelte irgendwie alles, wo immer sich Schwierigkeiten auftaten. Sie machte die besten Wadenwickel bei Fieber, hatte einen „Wundersaft“ gegen Übelkeit, konnte die besten Gute-Nacht-Geschichten erzählen, die gegen schlechte Träume halfen, trat für uns, meine beiden Geschwister und mich, ein; sie war in der Klassenpflegschaft und überhaupt war sie engagiert und taff, eine „Alleskönnerin“ eben. – Dabei hat sie mir später einmal erzählt, dass sie bei weitem nicht immer so war. Als Kind wurde sie gehänselt wegen ihrer dicken Brillengläser, war als Einzelkind eher recht schüchtern und überhaupt ein stilles Mäuschen. – Das konnte ich mir allerdings wirklich nicht vorstellen, diese „Alleskönnerin“ ein „stilles Mäuschen“?. Sie meinte, das hätte sich erst mit den Geburten ihrer drei Kinder massiv verändert. Mit uns Kindern hätte sie gelernt, den Mund aufzumachen, auch mal unbequeme Fragen gegenüber „Respektspersonen“ zu stellen z.B. bei Ärzten oder Lehrern, um vehement für die verschiedenen Belange ihrer Kinder einzutreten. Für uns drei wurde sie zur Kämpferin, zur Löwin. Damit hat sie viel erreicht – für mich wurde sie sogar zeitweise zur „Alleskönnerin“. Ihre Geschichte, ihr Werdegang hatte mich beeindruckt.

Vielleicht ist das auch ein Aspekt des heutigen Evangeliums. Meiner Meinung nach steckt etwas ganz Typisches darin, denn viele Mütter sind hartnäckige Kämpferinnen, wenn es um Wohl oder Wehe ihrer Kinder geht. Teilen Sie, liebe Leserin, lieber Leser diese Erfahrung? – Dazu gehört dann gleich die zweite, eher bittere Erfahrung: Mütter – ich bin auch eine! – sind eben nicht „allmächtig“ und wir sind keine wirklichen „Alleskönnerinnen“. Oft genug stoßen wir an unsere Grenzen und sind mit unserem Latein am Ende.

In solch einer verzweifelten Situation muss sich die kanaanitische Frau befunden haben: Sie hatte schon alles versucht, nichts half. Ihre Tochter war schwerkrank, sie (die Mutter) fürchtete um das Leben ihres Kindes. Das überstieg ihre Möglichkeiten, sie konnte nicht helfen. Sie war mit all ihren Fähigkeiten am Ende. Sie gesteht ein: „Ich bin keine „Alleskönnerin“.

Nun tritt ihr Glaube hervor. Diese kanaanitische Mutter hatte den Glauben und das Vertrauen, dass es einen gibt, in dessen Händen Größeres liegt als ihr eigenes Können. Dem möchte sie sich und ihre Tochter vertrauensvoll in die Hände geben. Sie hat nichts zu verlieren, nur alles zu gewinnen. Davon ist sie so felsenfest überzeugt, dass sie wieder kämpfen kann. Und so tritt sie für ihr krankes Kind ein, wie eine Löwin: Jesus soll ihre Not anschauen, Jesus soll sich ihr zuwenden und dadurch alles in einem neuen Licht erscheinen lassen, neue Perspektiven eröffnen.

Und Jesus lässt sich schlussendlich anrühren von solcher Vehemenz, er ist beeindruckt von solchem Glauben und er ist überrascht, so etwas bei einer Frau außerhalb seines Volkes vorzufinden. Auf diese Weise geschieht Heilung. – So dürfen wir selbst durch Gottes Segen, ein im Glauben gefestigtes Herz ersehnen und uns in der erbarmenden Liebe für alle, denen wir begegnen, einüben. In unserer technisch, modernen Welt ist dies alles scheinbar nicht zeitgemäß. Und doch beschäftigen mich im Anschluss an dieses Evangelium die folgenden Fragen: Wo kämpfe ich wie eine Löwin? – Wo habe ich trotz allem Einsatz auch schon einmal erkannt und eingestanden, dass ich keine „Alleskönnerin“ bin? – Wo bin ich bereit, mich ganz Gott anzuvertrauen, auf ihn zu hoffen und ihm alles zu überlassen? – Wo gebe ich mich ganz Gott in die Hände?

Was für ein Glaube! Ich bin beeindruckt! – Lassen wir uns überraschen, wo er uns begegnet; und das ist nicht vorrangig in unserer verfassten, gemeindlichen Kirchenstruktur. In den letzten Jahren habe ich in unseren Gemeinden leider öfter den Verdacht, dass es mehr um Strukturfragen, Leitung und Machtverteilung geht, und weniger um gelebten Glauben.

Eine in Stein gemeißelte, unumstößliche Struktur und Ordnung gibt es bei Jesus nicht. Solcherlei Ordnungen stehen bei ihm eher im Verdacht, dass sie den Menschen aus dem Blick verloren haben und nicht mehr dienlich sind. Jesus hinterfragt und stellt so manches auf den Kopf, weil er ein Herz voll Erbarmen für alle Menschen hat. Später kostet ihn diese Zugewandtheit und Menschenfreundlichkeit sogar das Leben; doch Gottes Liebesbund, der darin deutlich wird, hört niemals auf.

Auch wir dürfen öfter mal mutig über unseren Schatten springen, um Vorurteile, Konventionen und festgefahrene Bilder voneinander einzureißen.
Der Evangelist Matthäus erzählt die Perikope in die Diasporasituation hinein, in der sogenannten Heidenmission. Die Zuhörerinnen und Zuhörer damals haben sich in dieser Müttergeschichte von einem starken Glauben besonders gut wiedergefunden und die Wertschätzung gerade ihnen gegenüber deutlich herausgespürt. Alle Menschen, egal wer, wo oder was sie sind, sind Gottes geliebte Kinder und Subjekte seiner Liebe. Er schließt alle in sein Erbarmen mit ein.

So dürfen wir uns auch in unserer heutigen Welt immer wieder mutig auf Neues einlassen und die Verfasstheiten und Konventionen hinterfragen. Wir dürfen Unerwartetes entdecken und uns überraschen lassen, vom Glauben anderer Menschen, von anderen Kulturen, Religionen und Konfessionen. – Vielleicht ist gerade die sommerliche Urlaubszeit und Reiselust dazu eine gute Gelegenheit. Mit Sonne im Herzen fällt es uns leichter mit einem freundlich offenen Gesicht auf andere zuzugehen. So sind wir eingeladen unsere Horizonte zu weiten, äußerlich und innerlich. Wahre Entdeckerfreuden dürfen sich entfalten, denn da gibt es so viel mehr zwischen Himmel und Erde… Immer wieder darf uns auch ein neues Denken locken.

Bei der kanaanitischen Frau aus der biblischen Geschichte fällt dieses besondere Zusammenspiel von eigenem Dazutun und hartnäckiger Vehemenz – und auf der anderen Seite vertrauensvollem Glauben und Sich-Gott-in- die-Hand-Geben auf. Diese beiden sich ergänzenden Pole in einer guten ausgewogenen Pendelbewegung zu halten, scheint mir die Kunst des Christsein zu sein; wie es auch die Ordensregel „Ora et labora“ meint. All das möchte ich voll Dankbarkeit in mein Gebet mit einschließen. Ich fühle mich von Gott her reich beschenkt, denn er ist es, der mich immer wieder auf äußere und innere Reisen schickt, mir Impulse gibt durch die auch mir selbst „Heilung“ zuteil wird.

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3 Antworten auf Müttergeschichten – 20. Sonntag im Jahreskreis A

  1. Maria sagt:

    Schön, mit diesen Gedanken in die neue Woche zu gehen. Danke.

  2. Walburga sagt:

    Ich möchte mich dem Danken anschließen. Ich kam so traurig aus der Abendmesse, weil ich als Lektorin gezwungen wurde, die Lesung aus dem Römerbrief ohne Kommentar vorzulesen. In der Predigt wurde mit keinem Wort auf den schweren Text eingegangen und das Evangelium wurde reduziert auf wiederholtes Bitten, das immer zum Ziel käme. Deine ergreifende Beschreibung der kämpfenden Mutter hat mich aufgebaut und der Satz: „Jesus hinterfragt und stellt so manches auf den Kopf, weil er ein Herz voll Erbarmen für alle Menschen hat“. Genau das fehlt manchem Klerus oft. Dass man diese Lesung auch hätte übergehen können, auch wenn zwei Lesungen vorgeschrieben sind, war nicht hinterfragbar. Also nochmals vielen Dank, Walburga

  3. clara a sancta abraham sagt:

    Danke für diese uns Mütter stärkende Auslegung!
    Clara

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