Wort des lebendigen Gottes – 15. Sonntag im Jahreskreis A

Erste Lesung aus dem Buch Jesaja, Kapitel 55
So spricht Jahwe:
10 Denn wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt /
und nicht dorthin zurückkehrt, sondern die Erde tränkt und sie zum Keimen und Sprossen bringt, /
wie er dem Sämann Samen gibt und Brot zum Essen,
11 so ist es auch mit dem Wort, /
das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, /
sondern bewirkt, was ich will, /
und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe.

Die Predigt

Aus dem Evangelium nach Matthäus, Kapitel 13
1 An jenem Tag verließ Jesus das Haus – in Kafarnaum – und setzte sich an das Ufer des Sees.
2 Da versammelte sich eine große Menschenmenge um ihn. Er stieg deshalb in ein Boot und setzte sich; die Leute aber standen am Ufer.
3 Und er sprach lange zu ihnen in Form von Gleichnissen. Er sagte: Ein Sämann ging aufs Feld, um zu säen.
4 Als er säte, fiel ein Teil der Körner auf den Weg und die Vögel kamen und fraßen sie.
5 Ein anderer Teil fiel auf felsigen Boden, wo es nur wenig Erde gab, und ging sofort auf, weil das Erdreich nicht tief war;
6 als aber die Sonne hochstieg, wurde die Saat versengt und verdorrte, weil sie keine Wurzeln hatte.
7 Wieder ein anderer Teil fiel in die Dornen und die Dornen wuchsen und erstickten die Saat.
8 Ein anderer Teil schließlich fiel auf guten Boden und brachte Frucht, teils hundertfach, teils sechzigfach, teils dreißigfach.
9 Wer Ohren hat, der höre!

Autorin:
_MG_7937-webBirgit Droesser, Pastoralreferentin, war tätig in der Gemeindepastoral, in der Klinikseelsorge und im Theol. Mentorat Tübingen

 
Die Predigt:
Wort des lebendigen Gottes

Liebe Leserin, lieber Leser,
„Wort des lebendigen Gottes“, so beendet die Lektorin oder der Lektor den Vortrag der Lesung. Die Gemeinde anwortet: „Dank sei Gott“. „Wort des lebendigen Gottes“, lassen Sie uns darüber nachdenken, was wir da miteinander bekennen. Wir glauben an einen lebendigen Gott, vor dem wir stehen und der uns ganz persönlich anspricht, jede und jeden immer wieder im Laufe des Lebens, auch heute und jetzt.

In diesen Sommermonaten gibt es immer wieder verheerende Waldbrände. In manchen Regionen hat es über ein Jahr nicht geregnet. Auch in Deutschland gibt es Gegenden mit langen Dürreperioden. „Es ist viel zu trocken“, sagen wir dann und können uns vielleicht annähernd vorstellen, wie quälend es für alle ist, für Menschen, Tiere und Pflanzen, wenn über sehr lange Zeit der Regen fehlt. Regen und Schnee im richtigen Maß, sanft und einige Tage andauernd, keine Sturzbäche und Schneestürme, das ist es, was wir brauchen, damit wir leben und eine gute Ernte erwarten können. Mit solch einem wohltuenden sanften Regen und Schneefall vergleicht Jesaja Gottes Wort, ein geradezu weiblich – mütterlicher Vergleich. Regen und Schnee kommen vom Himmel und tränken die Erde. Sie wecken die Kräfte im Saatgut, bringen es zum Keimen. Wenn dann zur rechten Zeit die Sonnenwärme dazukommt, kann Getreide, Gemüse und Obst wachsen, reifen und Frucht bringen. Von dieser sanften Macht ist Gottes Wort.

Es kehrt nicht leer zu mir zurück, /
sondern bewirkt, was ich will, /
und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe.

So spricht Jesaja einige hundert Jahre vor Christi Geburt. Gottes Wort ist eben nicht Schall und Rauch, nicht irgendetwas längst Veraltetes, das wir vielleicht noch zur Dekoration für besonders festliche Anlässe hervorholen, wenn wir einen schönen Spruch brauchen – Weihnachten, eine Hochzeit, eine Beerdigung –, aber ansonsten vergessen können. Es spricht auch uns Menschen heute an, die wir dabei sind, uns ständig selbst zu optimieren, mit Medizintechnik Wunschmenschen nach eigenen Plänen zu erschaffen und Roboterwesen, die uns an Intelligenz weit übertreffen werden. Gottes Wort wendet sich an die Mitte unserer Person, da wo wir das Gewissen spüren, wo wir uns unzulänglich und schuldig fühlen, wo wir ängstlich beobachten, was um uns herum vorgeht, wo wir nach unserem Platz und Sinn im Leben suchen. Wenn wir realistisch unsere Begrenztheit sehen, und sei es auch nur die Kürze unserer Lebenszeit im Vergleich zur Natur und geschichtlichen Vorgängen, dann muss jeder denkende Mensch anerkennen, das es etwas gibt, das über unser Ich hinaus geht.

Wort des lebendigen Gottes. Gott ist auch heute am Werk. Sein Wort kehrt nicht leer zu ihm zurück, sondern bewirkt, was er will und erreicht all das, wozu er es ausgesandt hat. Jesus wird es so sagen: Gottes Reich ist unter uns angebrochen. Gott will mit uns Menschen diese Welt gestalten. Aber dazu müssen wir es zulassen, dass er uns umgestaltet. Im Evangelium werden wir hören: An felsigem und dornigem Grund scheitert selbst Gottes Wort. Wenn ein Mensch sich sperrt und sich hart macht in seinem Egoismus, wenn er nur an den eigenen Vorteil denkt, wenn er nur die eigene Wahrheit für richtig hält, dann kann er Gottes Wort nicht hören. Er muss erst wirklich an seine Grenzen stoßen, merken, dass das ganze selbst gezimmerte Lebensgebäude nicht trägt, und dann zu fragen beginnen. Fragen und Zweifel bringen eine Öffnung, durch die etwas geschehen kann, durch die Gott wirken kann. Wenn das Gewissen wach wird, kann Gott mit uns gegen alles Unrecht angehen und die Welt zu einem bewohnbaren Platz für alle werden lassen.

Martin Luther war es, der dafür gekämpft hat, dass Gottes machtvolles Wort überhaupt gehört und verstanden werden konnte. Die Menschen des 15. Jahrhunderts wussten in ihrer Mehrheit wenig vom christlichen Glauben; sie hielten sich an die Vorschriften der Kirche, um das ewige Heil zu erlangen. Martin Luther übersetzte die Bibel in die deutsche Sprache. Er war nicht der erste, aber der erste, dem es darum ging, die Bibel nicht Wort für Wort zu übersetzen, sondern in eine Sprache zu bringen, dass die Bevölkerung Gottes Wort überhaupt vernehmen und aufnehmen konnte. An erster Stelle stand für ihn das Wort der Evangelisten und vor allem das Evangelium des Paulus von Jesus Christus. Das Eine ist Luther vor allem anderen aufgegangen und entscheidend wichtig geworden: Wir dürfen glauben, dass in das Leben, Leiden, Sterben und Auferstehen des Gottessohnes auch unser ganz persönliches Leben, Leiden und Sterben hineingewoben ist. Zu unserem Heil ist uns Christus geschenkt. Wenn wir das glauben – oder nur glauben wollen, ist unser Leben gelungen, sind wir gerettet. Das ist für ihn „Wort des lebendigen Gottes“. Mehr braucht es nicht. Alles andere, vor allem die Liebe zu uns selbst, zu Gott und dem Nächsten, sowie die Aufforderung zur Gewaltlosigkeit folgen für Luther daraus. „So fließt aus dem Glauben die Liebe und die Lust zu Gott und aus der Liebe ein freies, williges, fröhliches Leben, dem Nächsten umsonst zu dienen.“ (aus: Von der Freiheit eines Christenmenschen, 1520)

Der lebendige Gott handelt und sein Wort bewirkt, was er will. Er bleibt für uns geheimnisvoll. Wir sollten deshalb nicht zu harmlos vom Gott der Liebe als dem „lieben Gott“ denken, als würde er nichts von uns fordern. Er ruft uns auf jeden Fall in die Verantwortung.

Hören wir jetzt auf das Evangelium Jesu, wie es Matthäus aufgezeichnet hat. Jesus setzt einen etwas anderen Akzent und vergleicht Gottes Wort mit dem ausgestreuten Samen, der auf alle mögliche Arten von Erdreich fällt.

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