Dankbarkeit – Solidarität – Befreiung / 13. Sonntag im Jahreskreis A

Aus dem Evangelium nach Matthäus, Kapitel 10
Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache
In jener Zeit sprach Jesus zu den zwölf Jüngern:
37 Die ihren Vater oder ihre Mutter mehr lieben als mich, passen nicht zu mir, und auch die, die ihre Söhne und Töchter mehr lieben als mich, passen nicht zu mir.
38 Wer das eigene Kreuz nicht aufnimmt und mir nachfolgt, passt nicht zu mir.
39 Wer das eigene Leben findet, wird es verlieren; und wer das eigene Leben meinetwegen verloren hat, wird es finden.
40 Die euch aufnehmen, nehmen mich auf, und die mich aufnehmen, nehmen die Macht auf, die mich gesandt hat.
41 Diejenigen, die einen Propheten oder eine Prophetin aufnehmen, weil sie prophetisch leben, empfangen Prophetenlohn, und die Gerechte aufnehmen, weil sie gerecht leben, empfangen den Lohn der Gerechten.
42 Diejenigen, die einem dieser Geringen auch nur einen Becher mit frischem Wasser geben, weil diese Geringe leben wie Jünger und Jüngerinnen Jesu, wahrhaftig, ich sage euch, sie werden nicht um ihren Lohn kommen.

Autorin:
Utta Hahn (2)Utta Hahn, Gemeindereferentin, Landpastoral Schönenberg in Ellwangen

 
Die Predigt:
Dankbarkeit – Solidarität – Befreiung

Liebe Leserin, lieber Leser,
unsere Gesellschaft heute, hier in Europa, ist sehr individualistisch geprägt. Vielfach zielt das Leben darauf hin, die eigenen Träume und Ziele zu erreichen – für viele gehören da Einkommen, Haus, Auto, Familie und „ausreichend“ Urlaub dazu. Dafür nehmen „wir“ viel Druck, Zeitnot und Ellenbogenmentalität in Kauf. Wenn wir scheitern, ist das aus Sicht der Gesellschaft oft selbstverschuldet – da hat Leistung, Charakter, Wille oder das Umfeld halt nicht gereicht. „Jeder ist seines Glückes Schmied“ scheint die Losung unserer Tage zu sein.

Bei aller Individualität geben doch sehr viele Menschen an, dass Familie das Wichtigste in ihrem Leben sei. Familie ist tatsächlich eine Sehnsucht der meisten Menschen, Familie, die Heimat gibt, die trägt, in der wir bedingungslos geliebt werden und die immer da ist. Und diese Sehnsucht besteht trotz der Erfahrung, dass sie vielfach scheitert oder nie ganz erreicht wird. Wir Menschen möchten dazugehören, Teil einer Gemeinschaft sein, miteinander das Leben gestalten, wichtig sein, in Frieden leben.

Jesus kannte die Sehnsucht jedes Menschen nach Leben; er kannte die tiefen Verletzungen der Menschen, die zu ihm kamen und er wusste um unseren Wunsch, in Gemeinschaft zu leben und angenommen zu sein. All das hat er in den vielen Begegnungen, von denen die Evangelisten erzählen immer wieder gezeigt. Wie kommt es nun, dass er hier scheinbar einen Keil treibt zwischen seinen Jüngern und der Familie?

Zu der Zeit Jesu war Familie nicht nur der emotionale Sehnsuchtsort, sondern ganz knallhart der einzige materielle Schutzraum für die Menschen. Familie im weiteren Sinn – ein Verband von Verwandtschaft, der Krankheit, Not, Katastrophen, Alter und Versorgung der Kinder, Erziehung und finanzielles Auskommen gesichert hat. Und die Erwartung war, dass jede und jeder einen Beitrag zum Fortbestand des Familienverbandes leistet.

Nun zog Jesus mit den Jüngern durch die Dörfer und Städte. Matthäus erzählt uns von der Auswahl der Zwölf, die Apostel genannt wurden und die Jesus in besonderer Weise aussendet. Wir sind erst in Kapitel 10 des Matthäusevangelium und doch hört es sich so an, als sei das schon der Auftrag der jungen Christengemeinde, für die der Evangelist schreibt. Die Apostel sollen hinausgehen und die Menschen zur Umkehr aufrufen, sie sollen das Reich Gottes verkünden, sie sollen die Wunder tun, die Jesus tut. Der Auftrag ist Verheißung und Zumutung, Erfolg und Misserfolg werden den Weg begleiten und die einzige Absicherung ist das Vertrauen in die tragende Kraft des Glaubens. Jesus lebt das Reich Gottes mit seinen Freunden und Gott ist lebendig und nahe. Das ist mehr, als wir Menschen uns je vorstellen können und einander schenken oder erfahrbar machen können.

Und dann, ganz am Ende der großen Aussendungsrede kommt er auf die Familie zu sprechen: Die ihren Vater oder ihre Mutter mehr lieben als mich, passen nicht zu mir, und auch die, die ihre Söhne und Töchter mehr lieben als mich, passen nicht zu mir.

Wenn es gut läuft, sind die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern die wichtigsten am Anfang und am Ende des Lebens. Die ersten Lebensjahre prägen uns und wir lernen in diesen Beziehungen einen großen Teil unserer Beziehungsfähigkeit. Und am Ende unseres Lebens – im Fall, dass Eltern betagt werden, ist ihre Hoffnung auf die Stütze und Begleitung der Kinder groß. Die Familie trägt. Doch Jesu Worte machen den Jüngern deutlich, dass diese Welt des Friedens und der Gerechtigkeit, das Reich Gottes, die Gemeinschaft, in der die Liebe Gottes das Band zwischen den Menschen ist, weiter reicht, auch jenseits der intimen Familienbeziehungen.

Jesu Botschaft vom Reich Gottes wird zwar immer wieder mit der Familie verglichen, aber ist eben auch DARÜBERHINAUS. Was die Apostel verkünden sollen macht nicht Halt an den Grenzen der eigenen Familie, an den Grenzen der eigenen Verwandtschaft, an den Grenzen des eigenen Landes, des Volkes… Das ist nicht gegen die Familienbeziehungen gesprochen, sondern FÜR die Antwort auf die tiefe Sehnsucht aller Menschen nach Frieden und Angenommensein – und da will Jesus keine Rangordnung, wer zuerst kommt oder wer dazugehört oder nicht. Und so ist es folgerichtig, dass Jesus jedem zu-traut und zu-mutet: Wer das eigene Kreuz nicht aufnimmt und mir nachfolgt, passt nicht zu mir.

Das eigene Kreuz. Wir nennen die Wirbelsäule und den Rücken auch das Kreuz. Es trägt und stabilisiert unseren Leib, lässt uns aufrecht gehen und birgt die Lebensader der Nerven für den ganzen Körper. Wir leben auf in der Gemeinschaft mit Jesus, wenn wir uns selbst annehmen lernen. Dem eigenen Leben vertrauen, uns selbst vertrauen und daher aufrecht und selbstbewusst einander begegnen können. Jesus, und durch ihn Gott, will keine lebensfeindlichen Opfer von uns, sondern lädt seine Freunde ein, sie selbst zu werden, so wie er jeden Suchenden, der zu ihm kam, in seiner Identität und Einzigartigkeit bestärkte. So gesehen hat Jesus – ganz modern – immer den Menschen in seiner Individualität gesehen, der berufen und befreit ist, sein eigenes Leben zu leben; und dies dann auch in die Gemeinschaft einzubringen.

Und schließlich dieser Satz mit dem Leben gewinnen und Leben verlieren . Keiner, der das Leben liebt, will das Leben verlieren. Der provozierende Satz kann uns hinführen zum Nachdenken, was der Gewinn meines Lebens ist, was der Sinn meines Lebens ist. Wo kann ich das, was mir geschenkt wurde einbringen, damit das Reich Gottes wächst? Wenn andere mir ins Leben geholfen haben – wem kann ich ins Leben helfen? Wenn ich mich nicht – mehr – ducken und bücken muss, weil andere das wollen –, wem kann ich aus Unterdrückung heraushelfen zu einem Leben in Würde?

Dankbarkeit – Solidarität – Befreiung. Das sind die Haltungen, die die Jünger Jesu ausmachen sollten – die uns Christen kennzeichnen könnten. Und wenn ich mit diesen Haltungen Menschen begegne, dann werde ich ein offenes Herz und offene Sinne haben und sehen, was überall schon geschieht – wo das Reich Gottes schon mitten unter uns ist.

Und der Abschluss, der soll die Jünger und uns ermutigen, nicht zu klein zu denken. „Lebe das, was du vom Evangelium verstanden hast. Und wenn es noch so wenig ist. Aber lebe es,“ so Frere Roger, der Gründer der Gemeinschaft von Taizé. Keiner ist zu klein, keine zu groß, niemand zu unbedeutend, als dass das Reich Gottes auf seinen oder ihren Beitrag verzichten könnte.

Ich wünsche Ihnen Lust und Freude, sich in diesen Haltungen einzuüben.

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Eine Antwort auf Dankbarkeit – Solidarität – Befreiung / 13. Sonntag im Jahreskreis A

  1. gabriele sagt:

    Danke Utta,
    wohltuend, aufbauend, Atem für die Seele und die nächsten Wochen.

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