In einer anderen Welt – 4. Sonntag der Osterzeit A

Aus dem Evangelium nach Johannes, Kapitel 10
In jener Zeit sprach Jesus:
1 Amen, amen, das sage ich euch: Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber.
2 Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe.
3 Ihm öffnet der Türhüter und die Schafe hören auf seine Stimme; er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus.
4 Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat, geht er ihnen voraus, und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme.
5 Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern sie werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme des Fremden nicht kennen.
6 Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus; aber sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte.
7 Weiter sagte Jesus zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen.
8 Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe haben nicht auf sie gehört.
9 Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden.
10 Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.

Autorin:
_MG_7932-webBirgit Droesser, Pastoralreferentin, war tätig in der Gemeindepastoral, in der Klinikseelsorge und im Theol. Mentorat Tübingen

 
Die Predigt:
In einer anderen Welt

Liebe Leserin, lieber Leser,
in unserer Zeitung las ich heute von einem Begegnungstag von Familien mit gehörlosen Eltern und hörenden Kindern. Es wird da besonders auf die Kinder Bezug genommen und gesagt, dass sie in einer anderen Welt leben, da sie zweisprachig aufwachsen: sie „gebärden“ mit den Eltern und sprechen mit Angehörigen, anderen Kindern und Erziehern im normalen Alltag. Da dachte ich mir: So ähnlich geht es mir als Christin auch. Ich kenne auch das Gefühl, irgendwie in einer anderen Welt zu leben. Ich gehe einmal davon aus, dass Sie verstehen können, was ich meine. Irgendwie sind wir als Christen anders. Aber in einem Punkt stimmt der Vergleich nicht so ganz, denn Kinder gehörloser Eltern haben oft die Aufgabe, zu dolmetschen in die zweite „normale“ Welt der Sprache. Und genau das fällt mir als Christin gegenüber Nicht-Glaubenden und Nicht-Suchenden sehr schwer.

Besonders erlebe ich das zur Zeit mit Gleichaltrigen in einem Englisch-Konversationskurs an der Volkshochschule und in einem Tanzkreis. Wenn da auch nur in Andeutung ein Thema von Religion und Kirche aufkommt, gehen bei den meisten sofort die Rollladen herunter. Damit will man nichts zu tun haben. Die Bibel gehört für viele ins Reich der Märchen und Mythen und die katholische Kirche hat sowieso ein ganz schlechtes Image, durch den Missbrauchsskandal vor allem, aber auch durch die Ungleichbehandlung der Frauen. Ich komme mir manchmal vor wie von einem anderen Stern und es fällt mir in dieser ablehnenden Atmosphäre immer wieder schwer, etwas Sinnvolles dagegen zu halten. Dem entspricht das überall verbreitete Phänomen, das sich die große Mehrheit der Getauften aus den Gemeinden verabschiedet hat. Die Frage, was dagegen unternommen werden könnte, ist nach meinem Eindruck unter den Hauptamtlichen und in der Restgemeinde schon aufgegeben worden. Erleben Sie Ähnliches?

Warum aber ist es so schwer, aus der Welt des Glaubens eine Brücke zu finden in die Gesellschaft unserer Zeit? Ich denke, dass uns das Evangelium heute dabei helfen kann, den Zugang zu einer Antwort zu finden. Denn der Glaube an Christus, den lebendigen, ist vor allem ein Erfahrungswissen. Den Kopf dürfen wir dabei nicht ausschalten, weil es entscheidend ist, das Wort Gottes richtig zu verstehen. Doch Bibelwissen z.B. allein schließt uns das Evangelium nicht auf. Es kommt darauf an, dass wir mit der Stimme Jesu Christi vertraut werden, dass wir sie innerlich vernehmen, dass wir ihrer als Wirklichkeit gewiss werden. Dann finden wir auch in Christus die Tür zum Leben in Fülle, die uns ein ganzes Leben lang offen steht, immer – auch in ausweglosen Situationen.

Der Evangelist nimmt für Christus aus dem Ersten Testament das Bild des guten Hirten, der seine Tiere beim Namen kennt, der mit ihnen vertraut ist und die mit ihm vertraut sind. Aus dieser Beziehung heraus können sie ohne weiteres zwischen dem guten Hirten und den Dieben und Räubern unterscheiden, denen nichts an der Herde liegt und die nur auf ihren eigenen Vorteil aus sind. – Wenn man dieses Bild in unsere Zeit hineinstellt, ist es auch heute noch so sprechend, dass es kaum Erläuterung braucht. Jesus Christus, seine Worte und seine Weise zu leben, er selbst als der Sorgende, der auch mich durch und durch kennt, auf der einen Seite – auf der anderen die Einpeitscher, Dauerberieseler und Meinungsdiktatoren, die täglich neue Trends setzen und dabei nur eigene Interessen verfolgen; das gibt es auch in den evangelikalen Kirchen. So viele merken gar nicht, wie sie dadurch Schaden nehmen.

Ich meine, das Bild spricht für sich, aber wie können Menschen zu Christus als ihrem guten Hirten finden? Wie haben wir selber ihn gefunden? Es wäre gut, wenn wir darüber einmal ins Gespräch kämen. Ich denke, wir würden auf Begegnungen mit Menschen, die uns beeindruckt haben, und Erlebnisse mit ihm stoßen, die durch die Wiederholung, allmählich im Laufe der Zeit, zur inneren Erfahrung geworden sind. Wenn die Erlebnisse nur äußerlich bleiben: eine schöne Erstkommunion z.B., oder eine feierliche Taufe oder eine Hochzeit, dann sind das Erlebnisse fürs Fotobuch, an die man gern manchmal zurückdenkt, die aber im Grunde in Vergessenheit geraten und in unserem inneren Leben, wie wir denken und fühlen, keine Spuren hinterlassen. Gott bleibt dann außen vor und wird von den angenehmen Beschäftigungen und Ablenkungen, die wir täglich haben, langsam aber sicher verschüttet.

Er macht es uns ja auch nicht ganz leicht. Er spricht uns zwar täglich an im Wort der Schrift, aber auch nur dann, wenn wir zu seinem Mahl kommen, sein Wort im Gottesdienst hören oder im Radio oder in einem geistlichen Konzert. Es ist einfach wichtig, dran zu bleiben. Sein Wort könnte uns, je älter wir werden, immer mehr helfen, unsere Erlebnisse zu deuten, mit ihnen gut umzugehen, aber seine Stimme ist leise. Wir können sie nur in der Stille vernehmen – es geht nicht anders. Nur, wenn wir wieder lernen, die Stille auszuhalten – wie in einem Achtsamkeitstraining -, nur, wenn wir uns die Zeit dafür nehmen. Das ist keine Bedingung zur Glaubenserfahrung, die Gott setzt. Sie kommt aus unserer Natur. Das Leise braucht den Mut zur Stille, damit die Liebe zu Christus wachsen kann und wir als eigenständige Menschen in ihr wachsen und stark werden.

Jesus Christus ist der gute Hirte, der auch mich beim Namen kennt. Er ist die Tür zu einem Leben in Freude, auch wenn es noch so hart kommt. Ihn dürfen wir mit den Worten des 139. Psalms ansprechen:

1 Herr, du hast mich erforscht und du kennst mich. /
2 Ob ich sitze oder stehe, du weißt von mir. /
Von fern erkennst du meine Gedanken.
3 Ob ich gehe oder ruhe, es ist dir bekannt; /
du bist vertraut mit all meinen Wegen.
4 Noch liegt mir das Wort nicht auf der Zunge – /
du, Herr, kennst es bereits.
5 Du umschließt mich von allen Seiten /
und legst deine Hand auf mich.
6 Zu wunderbar ist für mich dieses Wissen, /
zu hoch, ich kann es nicht begreifen.

Wir brauchen dringend Hirtinnen und Hirten, die für die Stimme des Guten Hirten auch heute eintreten und nicht müde werden, immer wieder neu auf Menschen zuzugehen. Aus Erlebnissen können Erfahrungen werden. Wir alle sind damit angesprochen. Es sollte uns nichts zu viel sein, für die andere Welt des Glaubens an Christus zu werben. Amen

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