Hört auf die Frauen, wacht auf, geht neue Wege! – Hochfest der Auferstehung des Herrn 2017

Aus dem Evangelium nach Matthäus, Kapitel 28
1 Nach dem Sabbat kamen in der Morgendämmerung des ersten Tages der Woche Maria aus Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen.
2 Plötzlich entstand ein gewaltiges Erdbeben; denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat an das Grab, wälzte den Stein weg und setzte sich darauf.
3 Seine Gestalt leuchtete wie ein Blitz und sein Gewand war weiß wie Schnee.
4 Die Wächter begannen vor Angst zu zittern und fielen wie tot zu Boden.
5 Der Engel aber sagte zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten.
6 Er ist nicht hier; denn er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht euch die Stelle an, wo er lag.
7 Dann geht schnell zu seinen Jüngern und sagt ihnen: Er ist von den Toten auferstanden. Er geht euch voraus nach Galiläa, dort werdet ihr ihn sehen. Ich habe es euch gesagt.
8 Sogleich verließen sie das Grab und eilten voll Furcht und großer Freude zu seinen Jüngern, um ihnen die Botschaft zu verkünden.
9 Plötzlich kam ihnen Jesus entgegen und sagte: Seid gegrüßt! Sie gingen auf ihn zu, warfen sich vor ihm nieder und umfassten seine Füße.
10 Da sagte Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht und sagt meinen Brüdern, sie sollen nach Galiläa gehen und dort werden sie mich sehen.

Sonnenaufgang2
Autorin:
Sigrid Haas, Diplom-Theologin, Mannheim

 
Die Predigt:
Hört auf die Frauen, wacht auf, geht neue Wege!

Liebe Leserin, lieber Leser,
der große Kreis zu Jesu Lebzeiten schrumpfte bei seinem Tod und seinem Begräbnis auf eine Hand voll, die anderen waren aus Angst oder Enttäuschung geflohen. Alle Evangelien bezeugen die treuen Frauen unter dem Kreuz: seine Mutter, Maria von Magdala, die Mutter des Jakobus, die Mutter der Söhne des Zebedäus und Salomé.

Maria von Magdala und die Mutter des Jakobus waren bereits vor Sonnenaufgang wieder am Grab. Ihre Treue und ihre Hoffnung, dass Jesu Tod nicht das Ende gewesen sein konnte, wurde reich belohnt. Als der Engel den Stein vom Grab weggewälzt hatte, setzte er sich darauf, um auszudrücken: Ich nehme den Stein der Trauer von eurem Herzen. Er beruhigte die erschrockenen Frauen und forderte sie auf: Seht, das Grab ist leer. Und gab beiden einen ganz besonderen Auftrag: Geht, verkündet den Jüngern, Jesus ist auferstanden und wartet in Galiläa auf euch. Er sagte nicht: Holt Petrus und die Jünger, sondern euch Frauen beauftrage ich im Namen Jesu zur Verkündigung.

Obwohl sie Jesus nicht gesehen hatten, zweifelten die Frauen keinen Moment an den Worten des Engels, sondern standen sofort auf, um den ihnen anvertrauten Auftrag auszuführen. Sie blieben nicht länger passiv und in der Trauer gefangen. Zwar hatten sie Angst vor den Männern, die ihnen sicher nicht glauben würden, da zur damaligen Zeit die Aussage einer Frau wenig galt. Doch ihre übergroße Freude über die Auferstehung Jesu und ihre Auserwählung gab ihnen den Mut, sofort loszueilen.

Ihr starker Glaube, ihr großer Mut, ihre Entschlossenheit und ihre Bereitschaft, den Verkündigungsauftrag sofort zu erfüllen, wurde nun sogar noch von Jesus selbst durch seine Erscheinung gewürdigt und bestätigt. Er ging ihnen entgegen und sie ihm – eine tiefe Begegnung geschah. Durch das Niederwerfen drückten die Frauen ihre Bereitschaft zu dienen aus, durch das Berühren seiner Füße ihre Liebe und ihre Sehnsucht nach seiner Nähe. Jesus erlaubte diese Intimität, ermutigte sie und beauftragte sie persönlich. So gestärkt und wertgeschätzt konnten sie die Osterbotschaft glaubwürdig verkündigen.

Die Verheißung an die Jünger, dass sie Jesus in Galiläa sehen würden, beinhaltete zwei Aufforderungen an die Männer: Hört auf die Frauen, glaubt dem, was sie euch sagen. Wacht auf aus eurer Lethargie und Depression, steht auf, macht euch auf den Weg. Die Jünger schämten sich wahrscheinlich, dass sie Jesus im Stich gelassen hatten und sahen die Frauen sicher als Konkurrenz.

Jesus wusste um die Schwachheit und Feigheit der Männer. Alle hatten ihn im Stich gelassen: Judas hatte ihn verraten, Petrus ihn dreimal verleugnet, weder unter dem Kreuz noch an seinem Grab waren die Jünger bei ihm gewesen. Deshalb erschien Jesus zuerst den Frauen, die nie von seiner Seite gewichen waren. So konnte er sicher sein, dass sein Auftrag zuverlässig ausgeführt werden würde, hatten sie ihre Liebe und Treue doch durch Taten bewiesen.

Sehr erstaunlich, dass alle vier Evangelientexte über die treuen, mutigen Frauen als erste Zeuginnen und Verkünderinnen der Auferstehung zweitausend Jahre Patriarchat tatsächlich überdauert haben. Sehr viele Zeugnisse über die bedeutende, gleichberechtigte Stellung der Frauen im Leben Jesu und in der Urkirche wurden systematisch verfälscht, getilgt oder die Aufnahme in die Bibel verweigert, obwohl Jesus klar die damalige Unterdrückung von Frauen und anderen Ausgegrenzten abgelehnt hatte. Ein Blick in die Gottesdienste, Gemeindearbeit, Klöster und den diakonischen Bereich zeigt überdeutlich – die große Mehrheit sind Frauen. Welche Kirche hätten wir heute, wenn die urkirchliche Praxis der Lehre Jesu unverfälscht die Jahrhunderte überdauert hätte?

Die Abkehr sehr vieler Menschen von der Amtskirche hat verschiedene Gründe, gleichzeitig sind jedoch immer mehr auf der Suche nach Gott. Jugendliche strömen jährlich zu Tausenden zur ökumenischen Gemeinschaft von Taizé, die keinen Nachwuchsmangel kennt, charismatische Gebetskreise und freie Hauskirchen wachsen. Die Botschaft Jesu hat also nichts von ihrer Faszination und Ausstrahlung verloren.

Jedoch erfüllen die Art der Verkündigung und des gelebten Glaubens, überholte Auffassungen, erstarrte Rituale und lebensferne Sprache nicht mehr die Bedürfnisse der Menschen, denn sie können ihre Gaben nicht frei entfalten. Frauen und Männer ergänzen und brauchen einander. Neue Sichtweisen und Berufungen, eine neue Sprache, Lebendigkeit und Glaubwürdigkeit, ein neues Miteinander könnten durch die volle Gleichberechtigung der Frauen wachsen, doch verzichtet die Kirche auf dieses große dringend gebrauchte Potential.

Bis heute spricht Jesus durch die Heilige Geistkraft. Den Amtsträgern sagt er: Hört den Frauen zu, nehmt sie ernst, respektiert sie, geht mutig neue Wege! Welche Wege dies sind und welches die besonderen weiblichen Gaben, das tun unzählige Frauen und auch viele Männer, darunter langjährige Priester und Bischöfe, auf vielfältige Weise kund. Es fehlt nicht an Ideen, Charismen und Visionen, nur an Mut und Entschlossenheit, sie endlich zu leben. Und den Frauen ruft Jesus zu: Erhebt eure Stimme, schließt euch zusammen, wagt es, anders zu leben. Auf der ganzen Welt fordern immer mehr Frauen das Ende ihrer Unterdrückung. Denn Auferstehung hat auch mit aufstehen zu tun. Wenn Frauen und Männer, gemeinsam und gleichberechtigt, einander, dem Leben und Gott dienen, dann geschieht Auferstehung.

Amen.

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2 Antworten auf Hört auf die Frauen, wacht auf, geht neue Wege! – Hochfest der Auferstehung des Herrn 2017

  1. Annemarie Gindele sagt:

    Liebe Frau Haas,
    herzlichen Dank für Ihre wunderbare Osterbotschaft! Sie schildern die pastorale Situation in vielen Gemeinden, die zu immer größeren Seelsorgeeinheiten zusammengeschlossen werden. Ein Priester ist für viele Gemeinden zuständig. Frauen übernehmen Wortgottesdienste, Andachten, Bibelarbeit und viele andere Dienste. Es ist wirklich höchste Zeit, dass wie eine offizielle Bestätigung in Form der Weihe zur Diakonin bekommen. Eigentlich geben uns die Osterevangelien die Legitimation zur Verkündigung. Das wird mir an jedem Osterfest besonders deutlich.

  2. clara a sancta abraham sagt:

    Der folgende Artikel ermutigt mich, weil er ganz klare Worte theologisch fundiert spricht:
    http://www.katholisch.de/aktuelles/dossiers/frauen-und-kirche/die-frauenfrage-hat-sprengpotential

    Ein starker Anfang ist mit dieser site ja auch schon getan.

    Ich wünsche uns Kraft und Zuversicht, nicht aufzugeben, unser Tun sichtbar zu machen, unsere Kompetenz darzustellen, ergänzend zu wirken..

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