Not aktiv wenden – 4. Sonntag im Jahreskreis A

Aus dem Evangelium nach Matthäus, Kapitel 5
1 Als Jesus die vielen Menschen sah, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich, und seine Jünger und Jüngerinnen traten zu ihm.
2 Dann begann er zu reden und lehrte sie.
3 Er sagte: Selig, die arm sind vor Gott; /
denn ihnen gehört das Himmelreich.
4 Selig die Trauernden; /
denn sie werden getröstet werden.
5 Selig, die keine Gewalt anwenden; /
denn sie werden das Land erben.
6 Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; /
denn sie werden satt werden.
7 Selig die Barmherzigen; /
denn sie werden Erbarmen finden.
8 Selig, die ein reines Herz haben; /
denn sie werden Gott schauen.
9 Selig, die Frieden stiften; /
denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.
10 Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; /
denn ihnen gehört das Himmelreich.
11 Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet.
12 Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein.

Autorin:
Rings-KleerMarita Rings–Kleer, Gemeindereferentin in der Gemeinde St. Josef, Saarbrücken, Bistum Trier

 
Die Predigt:
Not aktiv wenden

Liebe Leserin, lieber Leser,
„Freedom is just another word for nothing left zu lose“, so sang Janis Joplin Anfang 1971 in ihrem wohl bekanntesten Lied „Me and Bobby McGee“. „Freiheit ist ein anderes Wort dafür, nichts zu verlieren zu haben“. In einer Zeit, in der die Freiheit bedeutete, das tun und lassen zu können, was ich gerade will, wurde der Song der jungen Janis Joplin zu einer Hymne der Jugend, als sie selbst schon an den Folgen ihrer eigenen Freiheit gestorben war, an den Folgen ihres ungezügelten Drogenkonsums.

Der Wunsch und auch vielleicht die Sehnsucht nach dem „Nichts mehr zu verlieren zu haben“, nach der ganz großen Freiheit also, klingt bei Menschen, die aus dem Vollen schöpfen, schon etwas seltsam, denn sie haben ja sehr viel zu verlieren. „Ich habe nichts mehr zu verlieren“ klingt bei den Menschen, die uns heute im Evangelium vorgestellt werden, da schon ganz anders. Menschen, die hungern und die ungerecht behandelt werden, die haben tatsächlich nichts mehr zu verlieren. Menschen, die trauern, haben schon alles verloren, was ihnen wichtig war, oder Menschen, die friedlich bleiben und keine Gewalt anwenden, obwohl sie Gewalt erleben, und auch die, die verfolgt werden und beschimpft und verleumdet werden, auch sie haben schon alles verloren, was sie an Würde und Rechten besessen haben.

Und für sie alle gilt: sie haben nicht die Freiheit, zu entscheiden, was sie verlieren, so wie es Janis Joplin kann. Ihnen wurde und wird einfach genommen. Das was für sie notwendig zum Leben ist, was ihr Leben froh macht und was ihrem Leben Würde und Anerkennung gibt, es wird ihnen einfach genommen. Und zurück bleibt keine Freiheit, sondern einfach nur Not, große Not. Und die Reaktion auf diese Not ist auch keine Freude, so wie bei Janis Joplin. Sie freut sich über ihre Freiheit, sie freut sich darüber, tun und lassen zu können, was sie will und sich nicht einschränken zu müssen.

Bei Menschen in Not kommt aber keine Freude auf, wenn sie nichts mehr zu verlieren haben. Ganz im Gegenteil, sie bleiben Menschen, die Leid in einer seiner vielfältigen Form erfahren. Und genau für solche Menschen ist Jesus Mensch geworden, wie wir es in der Weihnachtszeit bekennen und feiern. Jesus ist nicht Mensch geworden, um den Menschen, die auf hohem Niveau leben, einen Sinn in ihrem Leben suchen. Jesus ist Mensch geworden, um all denen, die „mühselig und beladen sind“, eine Hoffnung zu geben, er ist Mensch geworden, um denen, die alles verloren haben, eine neue Perspektive zuzusagen.

Kein Wunder also, dass zur Zeit Jesu vor allem die Menschen zu ihm kamen, die in Not waren, und auch kein Wunder, dass heute vor allem die Menschen an Gott und Jesus Christus glauben, die an und unter den Bedingungen des Lebens leiden. Sie sind es, die wegen ihrer bedürftigen Lebenssituation empfänglicher für die Zusagen Jesu sind, als die Übersättigten. Und so spricht Jesus ihnen ganz konkrete „Seligkeiten“ zu, ganz konkrete Hoffnungen:
denen, die arm sind, sagt er die Fülle zu,
denen, die ungerecht behandelt werden, sagt er Gerechtigkeit zu,
die, denen Gewalt angetan wurde, die verfolgt, beschimpft und verleumdet wurden, sagt er Freude zu.
Auch denen, die barmherzig sind, die Frieden stiften, die also in „seiner Spur“ gehen und das tun, was Jesus tut, auch denen wird Heil zugesagt.

Dabei prangert Jesus nicht, wie so mancher Politiker unserer Tage, das Übel an: Armut, Hunger, Ungerechtigkeit und Gewalt. Er macht nicht nur Worte. Jesus will mehr, er will das Übel und die Not aktiv wenden, und deshalb wendet er sich den Menschen zu. Es geht ihm immer um den Menschen in all seinen Lebensvollzügen und deshalb spricht er dem Menschen Leben in all seinen guten Facetten zu. Und weil Jesus sich als der gezeigt hat, der keine leeren Worte macht, sondern mit seinen Krankenheilungen, seiner Brotvermehrung, seiner Versöhnungsfähigkeit den Menschen ganz konkret und praktisch hilft, kommen sie zu ihm. Denn sie haben nichts zu verlieren, sie können nur gewinnen und das tun sie.

Heute leben Menschen nach wie vor in Armut und Ungerechtigkeit, sie hungern und sie erleiden Gewalt. Und auch heute sind sie auf der Suche nach dem, der ihre Not lindern kann und auch heute kommen sie zu Jesus. Doch Jesus hat heute nicht mehr nur ein Gesicht, er hat viele Gesichter, unsere Gesichter.

Denn wir sind heute diejenigen, die ganz konkret helfen können und auch sollen. Wir sollen nicht vertrösten auf später, sondern jetzt die Beladenen stützen. Wir sind diejenigen, die hier und heute andere selig machen können. Und wir tun es. Viele von uns helfen, wo sie nur können, direkt von Angesicht zu Angesicht oder auch indirekt über die vielen Hilfswerke, die sie weltweit unterstützen. Und die große Hilfswelle, auf die 2015 die vielen Flüchtlinge getroffen sind, ist ein schönes Beispiel dafür. Und damit gehen sie, gehen wir in der Spur Jesu. Wer in Not ist, ist unfrei, wer aber Möglichkeiten zur Hilfe hat, so wie wir, der ist frei zu helfen. Denn auch wir sind von Jesus gemeint, wenn er sagt: Selig die Barmherzigen; sie werden Erbarmen finden. Bleiben wir also auf der Seite Jesu und an der Seite der Mühseligen, denn wir haben nichts zu verlieren!

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Eine Antwort auf Not aktiv wenden – 4. Sonntag im Jahreskreis A

  1. Lydia sagt:

    Schön, klar – vor allem die beiden letzten Sätze haben es mir angtan.Wir haben in der Nachfolge nichts zu verlieren was wertvoll ist, aber viel zu gewinnen was zählt. DANKE

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